Die Qualitäten eines Slytherins

Die weiteren Tage verliefen für Albus sehr aufregend. All die neuen Fächer, all die neuen Eindrücke hielten ihn in Atem. Zauberkunst bei dem alten Professor Flittwick, machte ihm besonders Spaß. Albus war sehr geschickt dabei, Dinge schweben zu lassen. Irgendwie schien ihm dieses Fach sehr zu liegen. Verwandlungen wurde nicht mehr von Professor McGonagall gelehrt, sie hatte den Unterricht abgegeben, als sie Schulleiterin wurde. Professor Terryl musste sich sehr anstrengen, um die Lücke zu füllen, die McGonagall hinterlassen hatte. Nur über eines war Albus etwas betrübt, der Unterricht in Verteidigung gegen die dunklen Künste, begann etwas trocken. Professor Stibbens war der Ansicht, dass seine Zöglinge zuerst die theoretischen Grundlagen beherrschen sollten. Und so saßen Albus und Scorpius, brav an ihren Tischen und wühlten sich durch Berge an Pergament, über die verschiedenen Zauber, über Angriff, Verteidigung und Entwaffnung.

Der Freitag kam so schnell, das Albus sich wunderte, wo all die Zeit geblieben war. Er hatte soeben zwei Stunden in Pflanzenkunde verbracht. Nun bummelte er mit Professor Longbottom über den kleinen Innenhof, der den Zugang zu den Gewächshäusern und den zu dem Raum für den Unterricht in Verwandlung, mit den beiden Hauptflügeln des Schlosses verband. Neville schob sich seine Nickelbrille etwas höher.

„Na, wie war der erste Unterricht bei mir? Kommst du wieder?"

Albus grinste. „Jaah! Es hat Spaß gemacht. Nur die Sumpflilien, buah, die stinken ja fürchterlich." Dabei wedelte er sich mit der Hand vorm Gesicht herum.

„Tja, leider war die Zeit reif fürs Umsetzen. Ich konnte nicht mehr länger damit warten." Er tippte sich auf die Nase. „Stinken mögen sie zwar, aber für einige Zaubertränke sind sie unentbehrlich."

„Das wird Scorpius bestimmt interessieren."

Neville betrachtete den jungen Gryffindor an seiner Seite. „Du magst Malfoy sehr, oder?"

Albus nickte bestimmt. „Ja! Er ist mein bester Freund!"

„Sieht er das genauso?"

„Ich weiß, dass viele mich komisch ansehen, weil ich mit einem Slytherin befreundet bin und dann auch noch mit einem Malfoy. Aber wir haben uns schon im Zug angefreundet und ich sehe es nicht ein, die Freundschaft zu beenden, bloß weil er in einem anderen Haus ist!"

Neville grinste und legte die Hand auf die Schulter des Jungen. „Richtig so! Schließlich ist es deine Sache, mit wem du befreundet bist!"

„Du, Onkel Neville..."

Doch der schlaksige, hochgewachsene Mann schüttelte den Kopf. „Stopp! Hagrid hat mich schon vorgewarnt. Ich werde dir keine Anekdoten aus alten Zeiten erzählen."

Albus schmollte. „Menno!"

Beschwichtigend legte Neville seine Hände auf Albus' Schultern. „Nein, versuch es erst gar nicht. Dein Vater ist der Meinung, dass die alten Geschichten ruhen sollten. Es ist schon mehr als zwanzig Jahre her. Malfoys Dad sieht das wohl genauso, sonst wäre Scorpius bestimmt nicht dein Freund geworden. Also, wenn ich mich nicht irre, hast du gleich Unterricht in Zaubertränke und zum Kerker geht es da lang."

„Ich treffe mich mit Scorpius an der Großen Treppe."

Nachdem Neville sich verabschiedet hatte und Richtung Lehrerzimmer entschwand, wartete Albus auf seinen Freund. Er entdeckte dessen weißblonden Haarschopf zwei Stockwerke tiefer. Scorpius sprach gerade mit Fred jr. und ließ sich scheinbar den Weg irgendwohin erklären. Jedenfalls gestikulierte Fred jr. dementsprechend. Als Scorpius wohl alles richtig wiederholt hatte, ließ der schwarze Junge seine strahlend, weiße Zähne aufblitzen. Der Blondschopf schien sich plötzlich siedendheiß daran zu erinnern, dass er eine Verabredung hatte. Er verabschiedete sich hastig und spurtete die Treppen hoch. Oben angekommen, grinste er Albus an und kam zu ihm.

„Na Albus, wie war Kräuterkunde?"

„Gut! Aber wir mussten Sumpflilien umtopfen und die rochen erbärmlich." Da fiel ihm ein, was Neville eben gesagt hatte. „Scorpius, wusstest du, dass sie für einige Zaubertränke unentbehrlich sind?"

„Ja, die getrockneten Blüten werden für Stärkungstränke verwendet. Die Wurzeln sind wichtig für Zaubertränke, welche die Sinne steigern und die Blütenstempel werden gemörsert und dienen bei einigen Tränken als Bindung von instabilen Flüssigkeiten."

Scorpius sah den, ein wenig niedergeschlagenen Ausdruck in Albus' Gesicht und legte ihm seinen Arm um die Schulter. „He Albus, in Zaubertränke kannst du mir nichts vormachen. Aber dafür bist du besser in Zauberkunst und in ein paar Wochen wirst du mir wahrscheinlich bei Verteidigung gegen die dunklen Künste, die Flüche um die Ohren hauen."

Albus lächelte ein wenig und beide gingen in Richtung Kerker. Sie passierten einen Bogengang im dritten Stock und näherten sich der kleinen Holzbrücke, die neben der Steinbrücke und dem Viadukt, die beiden Hauptkomplexe des Schlosses miteinander verband. Der Gryffindor grinste.

„Wir haben alle restlichen Fächer heute zusammen!"

„Jep! Zaubertränke, Verteidigung gegen die dunklen Künste und Pflege und Aufzucht magischer Geschöpfe. Und wenn wir schon dabei sind..." Scorpius fischte einen Stück Pergament aus der Tasche seiner Robe und hob es hoch. „Ich habe eine formelle Einladung bekommen, für heute Nachmittag zum Tee." Er zog die Augenbrauen zwei-, dreimal nach oben. „Vom Wildhüter!"

Plötzlich blieb Albus, mitten auf der Brücke stehen. Er bebte vor Wut und schaute den Slytherin ärgerlich an.

„WARUM BIST DU SO VERDAMMT ARROGANT?"

Ungerührt zuckte Scorpius mit seinen Schultern. „Weil ich es mir leisten kann! Immerhin habe ich ihm seinen Brief nicht, mit den Rechtschreibefehlern unterstrichen, zurückgeschickt."

Er grinste, doch Albus schaute ihn weiterhin missbilligend an. Scorpius war auf einmal sehr verunsichert. „Was hast du?"

„Wieso bist du so? Hagrid ist so ein lieber Mensch. Er weiß, dass wir befreundet sind und lädt dich extra zum Tee ein. Und du hasst nichts Besseres zu tun, als deine blöden Witze über ihn zu reißen."

Scorpius schmollte. „Ich habe nicht darum gebeten, eingeladen zu werden. Außerdem nörgele gefälligst nicht an meiner Art herum, schließlich wolltest du unbedingt mit mir befreundet sein. Ich habe es dir ja gleich gesagt es klappt nicht mit uns!"

Wütend schnaubte Albus. Er ließ seinen Blick über die Ländereien schweifen und sah dann wieder zu seinem Freund. „Ja, es stimmt! Das hast du mir gesagt und du lässt keine Gelegenheit aus, es mir zu beweisen."

Schnellen Schrittes ging er weiter und ließ Scorpius stehen. Auf der anderen Seite angekommen, öffnete er einen Torflügel und drehte sich zu Scorpius, der weiterhin mitten auf der Brücke stand.

„Vielleicht hast du Recht und wir beenden es einfach!"

Dann ging er weiter, ohne auf eine Antwort zu warten. Scorpius blieb eine Zeit lang wie erstarrt stehen und blickte in die Ferne. Seine Unsicherheit und Angst entluden sich in einem einzigen, wütenden Tritt gegen die Balustrade. Er hüpfte ein wenig auf einem Bein und humpelte dann Albus hinterher.

Während der Zaubertrankstunde redete der Gryffindor kein einziges Wort mit Scorpius, er ignorierte ihn völlig. Als sich der Blonde mit der Schulter an ihn lehnen wollte, rückte Albus seinen Stuhl ein wenig zur Seite. So ging es die ganzen zwei Stunden hindurch. Später bei Verteidigung gegen die dunklen Künste, verhielt sich Albus genauso abweisend, mehr noch, er verbrachte die Stunde zusammen an der Seite von Berthram und Atticus.

Auf dem Weg zu Pflege Magischer Geschöpfe, fing Scorpius Albus ab und hielt ihm am Arm fest. Er druckste herum und in seiner Unsicherheit rührte er den Gryffindor, schließlich straffte er seinen Rücken.

„Willst du... wirklich nicht mehr mein Freund sein?"

Albus schüttelte seinen Kopf. „Ach Quatsch! Es ärgert mich halt, wenn du so gemein bist. Gerade meinen Freunden oder Verwandten gegenüber."

„Ich kann mich ändern!" Das klang so hochnäsig, das der Schwarzhaarige lachen musste.

„Nein, dass musst du nicht! Vielleicht eine Spur weniger Arroganz."

„Mal sehen."

Dafür erntete er einen Knuff in die Seite und beide setzten ihren Weg fort, zu Pflege magischer Geschöpfe. Dort wurde die Klasse schon von einem, ziemlich gut gelaunten Hagrid begrüßt. Nach einer kurzen Ansprache hob er augenzwinkernd einen Karton auf den Tisch, den er vor seiner Hütte aufgestellt hatte.

„Und jetzt, schauen wir mal, mit was für Geschöpfen wir uns an's Thema herantasten. Ey?"

Er hob langsam den Deckel und die Schüler kamen mit weit aufgerissenen Augen, erwartungsvoll näher. So mussten sie ungefähr aussehen, wenn sie an Weihnachten unterm Tannenbaum ihre Geschenke öffneten.

„Und was ist besser dafür geeignet als... tataa, FLUBBERWÜRMER!"

Am späten Nachmittag hatte sich Albus umgezogen, in Kapuzenshirt und Jeans machte er sich auf den Weg nach unten. Als er an einem Treppenabsatz wartete, bis die weiterführenden Stufen wieder zurück schwangen, konnte er Scorpius sehen, der weiter unten in der Eingangshalle, links an der Treppe vorüber ging. Albus musste unweigerlich an heute Vormittag denken, als er den Slytherin zusammen mit Fred jr. gesehen hatte. Was hatte sein Freund vor? Die Neugierde ergriff den kleinen Gryffindor und von einem Fuß auf den anderen trippelnd, wartete er, dass die Treppe endlich wieder den Weg freigab. Im Erdgeschoss angelangt, stand Albus unschlüssig vor einer Tür, die er nicht kannte. Sie verbarg eine Treppenflucht, die in die Katakomben des Schlosses führte. Ein scheuer Blick über seine Schulter zeigte ihm, dass er unbeachtet war, Albus leckte sich über die Lippe und lief los. Es dauerte ein wenig, aber dann hatte er zu dem Blonden aufgeschlossen. Der stand etwas weiter entfernt, in einem steinernen Korridor vor einem großen Gemälde, einem Stillleben, und drehte sich nach links und rechts, um zu sehen, ob er beobachtet wurde. Dann hob Scorpius seinen Arm. Albus lehnte sich hinter einer Säule etwas weiter nach vorn, um besser sehen zu können. Was zum Merlin machte der Slytherin da eigentlich? Mit dem Zeigefinger kitzelte Scorpius eine Birne, die daraufhin kichernd, aus ihrer Schale sprang und sich in eine grüne Türklinke verwandelte. Danach gab das Gemälde einen Zugang frei.

Nachdem sich der Blonde erneut umgesehen hatte, raffte er seine Robe und stieg durch den Zugang. Albus glaubte zu Wissen, dass das Gemälde den Eingang zur Küche verbarg. James hatte zusammen mit Fred jr. und Polly schon einige Exkursionen, in die kulinarischen Hallen von Hogwarts gemacht. Die Neugierde, was Scorpius dort wollte, trieb Albus schier auf die Palme, aber er wollte nicht von dem Slytherin überrascht werden und als Naseweis gelten. Es fiel ihm schwer, aber er ging wieder zurück zum Treppenhaus.

Einige Minuten später stieg Scorpius wieder aus dem Gemälde, gefolgt von zwei Hauselfen, steckte er ein kleines Päckchen in die Tasche seiner Schulrobe. Der eine Elf redete die ganze Zeit auf ihn ein.

„Wir könnten es auch sautieren, braten, räuchern..." Doch der Blonde schüttelte kategorisch seinen Kopf. „Nein, nein, nein, ich benötige es so, wie es ist."

„Aber..."

„Scht, keine Wort mehr!"

Damit ließ er die beiden stehen und ging. Während der eine Hauself mit seinen Schultern zuckte, schüttelte der andere aus Verwunderung seinen Kopf. Diese Gören hatte er noch nie ganz verstanden. Kurze Zeit später trafen Albus und Scorpius in der Eingangshalle aufeinander.

Albus grinste. „Na, wo warst du?"

„Besorgungen erledigen!"

„Aja, dann lass uns losgehen!"

Als sie den Steinkreis erreichten, wies Scorpius in Richtung Hagrids Hütte. „So wie es aussieht, hat er gekocht."

Dicke Rauchschwaden waberten aus dem Kamin und stiegen träge in den Nachmittagshimmel. Die beiden Jungzauberer liefen den Hang hinab und sahen, wie Hagrid das Fenster aufriss, hustete und sich die Augen wischte. Er erblickte die beiden Jungs und winkte ihnen zu. Dann verschwand sein Kopf und Schnapps Kopf erschien am Fenster. Der Hund sah Scorpius und seine Ohren hoben sich und er bellte freudig. Albus grinste seinen Freund an.

„Wie's aussieht wurde hier jemand sehr vermisst und ich bin es nicht!"

Scorpius brummte etwas vor sich hin, dass sich nach ‚abwarten' anhörte und aus der Hütte ertönte plötzlich Krawall. Zwischen Scheppern und Klirren konnte man Hagrids tiefe Stimme hören.

„Dummer Hund! Jetzt warte doch mal! Ich mach dir doch schon die Tür auf!"

Kaum hatte Hagrid die Tür aufgestoßen, da schoss Schnapp schon an ihm vorbei und rannte direkt auf Scorpius zu, der in aller Ruhe ein Päckchen aus seiner Tasche zog und anfing es auszuwickeln. Neugierig beobachtete Albus, wie der Blonde dem Papier ein blutiges Filetstück entnahm und es vor sich hielt. Schnapp bremste ab und setzte sich winselnd vor Scorpius, der ihn streng ansah.

„Ach Albus?"

„Jaah?"

„Hier, fang auf!"

Scorpius wirbelte das Fleisch zu Albus. Konzentriert folgten die wachen Augen des Saurüden dem Filetstück, seine Ohren spitzten sich, doch Scorpius Blick hieß ihm, am Platz zu verweilen. Dann hob der Slytherin einen Finger und grinste.

„Ich an deiner Stelle Albus, würde die Beine in die Hand nehmen. Na los Schnapp, hol es dir!"

Augenblicklich sprintete der Hund los. Albus blickte völlig entgeistert auf das blutige Stück Fleisch in seinen Händen, dann auf Scorpius und wieder auf das Filet. Mit weit, aufgerissenen Augen hob er seinen Kopf, dem auf ihm zurasenden Hund entgegen, dann wirbelte Albus herum und lief mit einem Affenzahn los, den Hang hinauf. Wie ein schwarzer Schatten hetzte der Saurüde hinter ihm her. Unterdessen, mit einem selbstzufriedenen Grinsen, pfiff Scorpius die Hogwarts-Hymne und ging weiter zu Hagrid, der vor der Hütte wartete und ihm verwirrt entgegen sah. Das Papier, in dem das Fleisch eingewickelt war, zerknüllte er und warf es mit elegantem Schwung auf den Komposthaufen beim Kürbisbeet. Seine Hände tauchte der Blonde kurz in die Wassertonne unter dem Regenlauf, wusch sie und trocknete sie an seiner Robe.

„Schönen Dank für die Einladung ‚Herr Professor'! War übrigens ein toller Witz mit den Flubberwürmern heute Nachmittag."

Damit spielte er auf den Scherz an, den Hagrid gemacht hatte. Statt Flubberwürmern, waren Baumwichtel in der Schachtel, die den Unterricht doch noch ganz amüsant gestalteten. Scorpius schüttelte die Hand des verblüfften Hagrids und grinste ihn breit an. Ein Schrei lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf Albus, der gerade geschickt einen Haken schlug, während Schnapp laut kläffend an ihm vorbeirutschte und verzweifelt versuchte, die Kontrolle über seine vier Pfoten zu behalten. Der Schwarzhaarige sprintete den Hang hinunter und lief, laut Verwünschungen ausstoßend an Scorpius und Hagrid vorbei.

„...erdammt, das zahl ich dir Heim, Scorpius Malfoy! Bei Merlin, wie konn..."

Der Rest wurde von Schnapps lautem Gekläffe verschluckt, der dem Gryffindor dicht auf den Fersen war. Dann waren beide hinter der Hütte verschwunden. Hagrid öffnete den Mund, er wies mit seinem Daumen in Richtung Albus, brachte jedoch kein Wort heraus. Sein verwirrter Ausdruck amüsierte Scorpius und er zuckte mit den Schultern. Der Blonde warf ihm einen Seitenblick zu.

„Ich bin gespannt, wann er auf die Idee kommt, das Fleisch wegzuwerfen." Er seufzte theatralisch. „Ach, ich mag den Kleinen, er ist einfach zu drollig!"

In diesem Moment kam Albus mit einem Satz über die Mauer gesprungen, flink trugen ihn seine Beine zwischen den Kürbissen hindurch und er verbarg sich hinter der großen Kürbisspyramide. Dann kam auch schon der Saurüde über die Mauer, tat ein paar Schritte durch das Beet und lief plötzlich winselnd hin und her. Er hatte die Witterung des Gryffindor verloren. Der Geruch des Jungen wurde überlagert, von ein paar toter Frettchen, die an einem Holzgerüst hingen. Damit fütterte Hagrid den Hippogreif Seidenschnabel. Schnapp schnupperte etwas hilflos auf dem Boden herum.

Schnaufend versuchte Albus, von Kürbissen verdeckt, wieder Luft zu bekommen. Er verfluchte leise Scorpius, wagte es aber nicht, sich zu rühren. Unterdessen hatte Schnapp die Jagd aufgegeben, ließ winselnd seine Schlappohren hängen und brummelte vor sich hin. Ein plötzliches „Pscht!" lenkte seine Aufmerksamkeit auf Scorpius, der grinsend auf die kleine Pyramide aus Kürbissen deutete. Sofort stellten sich Schnapps Ohren wieder auf, er hatte den kleinen Wink verstanden und lief bellend auf den Stapel Kürbisse zu. Als er begriff, dass der Saurüde seine Witterung wieder aufgenommen hatte, rollte Albus mit den Augen und flüchtete weiter.

Er rannte im Kreis und kam wieder auf Scorpius zu, den er wütend angiftete. „Jetzt steh hier nicht so blöde rum und halte Maulaffen feil! Hilf mir lieber!"

Mit der ihm eigenen, stoischen Gelassenheit, inspizierte Scorpius seine Fingernägel, während er möglichst beiläufig Albus fragte, warum dieser nicht einfach das Fleisch wegwarf. Abrupt stoppte der Gryffindor. Er kam schlitternd zum Stehen und starrte fassungslos auf das Stück Filet, dass er die ganze Zeit über mit beiden Händen umklammert hielt. Mit einem vorwurfsvollen Blick sah er Scorpius an, bevor ihn irgendwas Schweres in den Rücken traf und zu Boden schleuderte. Ganz vorsichtig entwand Schnapp dem Jungen das Fleisch und schlang es genüsslich hinunter.

„Na? Hast du nun genug mit dem Hund gespielt?"

Wie von der Tarantel gestochen, schoss Albus nach oben und Scorpius musste ziemlich an sich halten, um nicht vor Schreck einen Schritt zurückzuweichen. Die smaragdgrünen Augen seines Gegenübers spießten ihn förmlich auf, doch der Blonde war nicht umsonst ein Malfoy. Er fischte ein paar Grashalme und einen kleinen Zweig aus Albus' wirren Haaren.

„Lass uns reingehen, da oben kommt dein Bruder!"

Albus schloss die Augen, das hatte ihm gerade noch gefehlt. Er konnte schon James feixendes Gesicht vor sich sehen und riss überrascht seine Augen auf, als Scorpius begann, den Dreck von seiner Kleidung zu klopfen.

„Na, bereit für Tee und Kuchen?" James grinste erwartungsvoll über das ganze Gesicht.

„OH MERLIN, DER KUCHEN!" Erschrocken wirbelte Hagrid herum und lief in die Hütte.

Kurz darauf rumpelte und schepperte es, während Hagrid fluchend und grummelnd durch seine Küche rannte. Irgendwie hatte er wohl seinen Kuchen im Ofen total vergessen. Rose, Polly, Fred jr. und Victoire gesellten sich dazu und lugten vorsichtig durch die Tür. James betrachtete skeptisch seinen jüngeren Bruder.

„Sag mal Albus, wie siehst du denn aus?"

Dem Schwarzhaarigen klappte der Mund auf, aber Scorpius kam ihm zuvor. „Wir hatten einen Wettlauf zur Hütte!"

„Hatten wir?" Augenblicklich bekam Albus einen Knuff in die Seite. „Ja-ah, richtig! Hatten wir!"

Verwirrt sah James zwischen den beiden hin und her. „Wer hat gewonnen?"

Scorpius verzog keine Miene. „Albus natürlich!"

Mit einem Schulterzucken wandte sich James ab und folgte den anderen. Nach Albus trat Scorpius ein und tätschelte Schnapps Kopf.

„Braver Hund! Gut gemacht!"

Als der Abend dämmerte, herrschte in Hagrids Heim eine ausgelassene Stimmung. Der Nachmittag war sehr schön geworden. Zwar wollte niemand von dem dunklen Klumpen, den Hagrid aus dem Ofen noch hatte retten können, ein Stück essen, aber der Halbriese wusste sich zu helfen. Kurzer Hand backte er einen gewaltigen Stapel Pfannkuchen, unterstützt von Victoire, die ein paar ziemlich leckere Soßen dazu zauberte. Ein Pot Mirabellenmarmelade, den Madam Rosmerta Hagrid geschenkt hatte, ergänzte die Beilagen. Während James und Fred jr. zulangten, als gäbe es kein Morgen, hielt sich Albus ein wenig zurück. Er schämte sich immer ein wenig, wenn Scorpius ihn damit aufzog, dass er sein Essen in sich reinschlang wie ein Norwegischer Stachelbuckel. Der Blonde dagegen, war immer ein Ausbund an guter Erziehung, Albus konterte zwar jedes Mal, dass sich Scorpius benähme als ob er einen Besenstiel verschluckt hätte, doch der Slytherin ging nie darauf ein und tat die Bemerkung mit einer spöttisch, hochgezogenen Augenbraue ab. Nun saß er hier, neben Albus und betrachtete sich zögerlich, den Pfannkuchen, auf seinem Teller.

„Du musst ihn essen, wenn er noch schön heiß ist!"

„Ich habe so was noch nie gegessen!"

Albus seufzte. „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht!"

„Ha,ha!"

Der Gryffindor schnappte sich den Pot mit der Mirabellenmarmelade und bestrich damit Scorpius Pfannkuchen, rollte ihn zusammen und träufelte ein wenig von Victoires Holundersoße darüber. Dann schob er den Teller wieder zu Scorpius und schaute ihn auffordernd an. Der schnitt sich ein Stück ab und steckte es sich skeptisch in den Mund. Nachdem er ein, zweimal gekaut hatte, schloss Scorpius genießerisch seine Augen, Er musste unumwunden zugeben, dass Hagrids Pfannkuchen phantastisch schmeckten. Albus lächelte, er beobachtete wie sich Scorpius von seinem Pfannkuchen, kleine Happen abschnitt und elegant in den Mund steckte. Wenn etwas von der Marmelade an seinem Mund klebte, wurde es sofort mit der Serviette weggetupft. Albus dachte daran, dass man Zuhause und im Fuchsbau, über den Blonden lachen und Witze über sein affektiertes Gehabe reißen würde. Doch Albus mochte Scorpius' Art, fand seine Manieren angenehm, ganz im Gegensatz zu denen seines Bruders, oder seines Cousins. Die Beiden schmatzten mit vollen Backen und verschmierten Mündern, Messer und Gabel lagen unberührt neben ihren Tellern.

James kam schließlich auf die Idee, zusammen mit Fred jr. und Albus ein Wettessen zu starten, wer die meisten Pfannkuchen verputzen konnte, doch Scorpius lehnte dankend ab, dies war eindeutig unter seiner Würde. Missbilligend betrachtete er die drei und stellte fest, dass sich die Mädchen ebenfalls an dem Wettkampf beteiligten. Entschlossen schob er den Teller von sich weg, zwei Pfannkuchen waren genug.

Ein seltsamer Ton, der von draußen kam, weckte seine Neugierde. Er blickte Hagrid an, dessen Augen zu strahlen anfingen.

„Ah, Schnäbelchen ist zurück! Ich werd ihm mal Hallo sagen"

Doch bis auf den Slytherin achtete niemand auf ihn. Scorpius biss sich auf die Unterlippe, als sein Professor für die Aufzucht und Pflege magischer Geschöpfe die Hütte verließ, beschloss der Blonde ihm zu folgen. Scorpius wollte wissen, was für ein Wesen solche Laute von sich gab.

Er rundete die Hütte und kam an eine eingezäunte Weide. Überrascht bemerkte er ein pferdeähnliches Wesen, das anmutig dastand und sich ihm zuwandte. Scorpius hatte schon viel über Hippogreife gelesen, auch die ein oder andere Zeichnung gesehen, doch die Realität raubte ihm schier den Atem. Der Hippogreif stand vor ihm, die hintere Hälfte glich einem Pferd, die Vordere einem Raubvogel. Der scharfkantige Schnabel glänzte in der untergehenden Sonne, darüber blitzten die funkelnden, wachen Augen, die den Blonden fixierten. Scorpius schluckte, als sein Blick auf die tückischen Krallen der Vorderbeine fiel, die in der Erde scharrten. Argwöhnisch beobachtete Seidenschnabel, wie sich ihm der Junge näherte. Ein ungutes Gefühl machte sich in Scorpius breit, er schaute sich um, doch Hagrid war nirgends zu sehen. Der Hippogreif gab einen ärgerlichen Ton von sich, was den Slytherin veranlasste, stehen zu bleiben. Schüchtern sah er das große Wesen an.

„Na, du wirst mir doch nichts tun?"

Sein Vater hatte Scorpius von seiner ersten Begegnung mit einem Hippogreifen erzählt. Er schien damals um Haaresbreite seinen Arm verloren zu haben. Der Blonde senkte seinen Blick und verneigte sich. Er wartete, doch nichts passierte. Das Gefieder des Wesens glänzte in den letzten Strahlen, der versinkenden Sonne und Scorpius gab die Hoffnung auf, das der Hippogreif ihm erlauben würde sich zu nähern. Doch dann, ganz langsam, neigte Seidenschnabel sein Haupt. Nicht wissend, wie er das Wesen einschätzen sollte näherte sich Scorpius nur sehr zögerlich. Die blassen, eleganten Finger streichelten zaghaft das daunenweiche Gefieder, stets bereit sich beim ersten Anzeichen eines Angriffs zurückzuziehen. Doch die Sorge des Blonden war unbegründet, eine Folge von klackernden, zwitschernden Tönen zeigte ihm an, dass Seidenschnabel gefallen daran fand.

„Das hast du genau richtig gemacht, mein Junge! Fünf Punkte für Slytherin!" Hagrid, gefolgt von Albus, trat neben Scorpius und tätschelte Seidenschnabel die Flanken. „Na? Alter Rabauke, hast du dir deine Hörner abgestoßen, Ey?"

Albus trat ebenfalls zu ihnen und wurde freudig durch einem sanften Stoß mit dem Schnabel begrüßt, der ihn auf seinen Hintern plumpsen ließ. Seidenschnabel neigte seinen Kopf und Albus vergrub sein Gesicht in dem Gefieder.

„Ich hab dich vermisst, Schnäbelchen."

Hagrid hielt dem überraschten Scorpius ein totes Frettchen hin. „Na, Willst du ihn füttern?"

Der Blonde nickte, griff sich mit spitzen Fingern das Tierchen und hielt es zögerlich vor Seidenschnabel. Mit einem plötzlichen Happs, der Scorpius erschrocken nach Luft schnappen ließ, verschlang der Hippogreif das Frettchen in einem Zug und sah dann erwartungsvoll zu Hagrid, der lachte.

„Naja, ich muss schon sagen, du kommst besser mit Schnäbelchen zurecht, als dein Dad."

Überrascht wandte sich Scorpius ihm zu. „Das, das hier, ist der Hipppogreif der meinen Vater angegriffen hat?"

Hagrid nickte. „Ey! Aber Draco war selbst schuld, er hat die Regeln nicht beachtet und Schnäbelchen geärgert."

Scorpius schwieg. Inzwischen hatte er vieles über seinen Vater erfahren und dass meiste davon gefiel ihm nicht. Sein Grübeln wurde unterbrochen, als er Albus neben sich bemerkte.

„Warum hast du meinen Bruder eben mit dem Wettrennen angelogen?"

Die wölfischgrauen Augen funkelten hinterlistig. „Ich wollte dich ärgern, nicht aber vor deinem Bruder demütigen."

Verlegen kratzte sich Albus am Kopf. „Sah bestimmt sehr lustig aus, als Schnapp hinter mir her war?"

„Ein wenig," Scorpius nickte, fasste Albus mit einer Hand um sein Kinn und wischte dem Schwarzhaarigen, mit dem Daumen über die Mundwinkel. „Du hast da Marmelade kleben!" Albus grinste.

„Will einer von euch mal mit Schnäbelchen fliegen?" Enthusiastisch blickte Hagrid von einem zum anderen. Die Beiden schauten ihn etwas überrumpelt an, besonderst Scorpius wirkte ängstlich. „Ich glaube heute nicht."

„Jep! Damit warten wir besser noch, bis ihr etwas älter seid!"

Albus nickte erleichtert, er sah Scorpius und sich schon mit gebrochenen Knochen im Krankenflügel liegen, während Madam Pomfrey um sie herumscharwenzelte und ihnen Gelewachs einflößte.

Scorpius gähnte verhalten und streckte sich. Er neigte sich zu Albus. „Wer hat eigentlich das Wettfressen gewonnen?"

„Keine Ahnung, die sind immer noch dabei. Ich bin ausgestiegen."

Grinsend klopfte ihm der Blonde auf den Bauch. „Ist auch besser so!"

Tbc...