Ferien auf Malfoy Manor
Am Morgen des dreiundzwanzigsten Dezembers glich Hogwarts einem Bienenkorb. Schüler und Lehrer wuselten aufgeregt, in Vorfreude auf das bevorstehende Fest, durch die so hochehrenwerten Hallen der Schule. Die Hauslehrer und einige Vertrauensschüler versuchten entnervt ein wenig Ruhe in den schnatternden Haufen zu bekommen. Im Eingangsbereich stapelten sich das Gepäck und Käfige mit Eulen, bereit für den kurzen Transport nach Hogsmeade verladen zu werden. Florence Peabody, die Schulsprecherin, versuchte ein Überblick über das Chaos zu bekommen. Sie verglich die Namen auf den Taschen und Koffern, mit denen auf ihrer Liste, um zu sehen ob alle, die die Weihnachtsferien zuhause verbringen wollten, ihre Sachen schon gepackt hatten. Natürlich würde es wie jedes Jahr faule Nachzügler geben, die mal wieder bis zum Letzten trödelten. Sie setzte gerade ihre flotte Schreibefeder an, als diese mit einem lauten Wusch explodierte. Die große, stämmige Hufflepuff wurde von einer lilafarbenen Rauchwolke verschluckt und tauchte nach einigen Minuten, hustend und prustend daraus hervor. Filch und Adalbert schauten sie erschrocken an, denn von Kopf bis Fuß war das arme Mädchen in allen Schattierungen der Farbe Lila getaucht. Das Haar bis in die Spitzen strahlte in Pflaumenfarbe und sogar die Haut schimmert in einem ungesunden Malveton. Aus den Augenwinkeln sah sie zwei, kichernde Schüler, hinter einigen Schrankkoffern hervor preschen und in der Großen Halle verschwinden.
„Merlin verdamme dich, James Potter! Und du brauchst da gar nicht so dämlich zu Lachen Fred jr.! Wenn ich euch vermaledeite Brut..."
Der Rest ging in einer eher unschönen Schimpftirade unter. Letztendlich stand sie, die Fäuste ringend mitten in der Eingangshalle. Adalbert klopfte ihr tröstend auf die Schulter, während er Filch skeptisch dabei beäugte, wie der in ein hässliches Taschentuch spuckte und versuchte die Farbe aus Florences Gesicht zu wischen.
Die Große Halle erstrahlte in einer weihnachtlichen Pracht und verbreitete Wärme und Geborgenheit, mit fünf riesigen Weihnachtsbäumen, die an der Kopfseite der Haustische thronten. Weihnachtlich geschmückt, jede Tanne in der Farbe eines Hauses. In ihrer Mitte stach ein weiterer Baum hervor, kunterbunt erstrahlte er, es war der Weihnachtsbaum der Lehrer. Farbige Girlanden zogen sich quer über die Köpfe der Schüler dahin, Schnee rieselte aus dem Dachgestühl und überall schwirrten kleine Engel und Elfen umher um Festtagslaune zu verbreiten. Von überall erklangen Schellen und Glöckchen und einige Gespenster frönten ihrer eigenen, grausig, schönen Version der traditionellen Art der Carol-Singer.
Noch ein wenig seiner wohligen Müdigkeit nachhängend, betrachtete sich Scorpius den grün, silbernen Weihnachtsbaum von Slytherin. Er mochte die Farben seines Hauses und fing an, so richtig herzhaft zu gähnen. Leicht ertappt schlug er sich die Hand vor den Mund und schaute sich um, ob ihn irgendjemand beobachtet hatte. Ärgerlich über sich selbst, schüttelte der Blonde seinen Kopf. Früher wäre ihm so was nie passiert, er musste wirklich aufpassen, damit er sich nicht gehen ließ. Den Schuldigen dafür, konnte Scorpius blind benennen. Albus Potter natürlich, der hatte einen schlechten Einfluss auf ihn. Scorpius nahm sich noch einen Becher heißen Kakaos mit Sahne und stopfte einen Marshmallow hinein. Er hatte heute Morgen wirklich alle Zeit der Welt.
Ein wenig gehässig beobachtete der Slytherin wie James Potter ziemlich fahrig einen Becher Kaffee hinunterstürzte, dann wild mit den Händen wedelte, da er sich natürlich verbrüht hatte und von einem Bein auf das andere stampfte. Der Gryffindor mit den leicht rötlichen Haaren butterte sich eiligst einen Toast, strich etwas Honig darüber und klemmte ihn sich zwischen die Zähne. Dann, einen Becher Kürbissaft in der einen und zwei Scoons in der anderen Hand, rannte er aus der Halle um seine Sachen noch schleunigst gepackt zu bekommen. Natürlich hatte er das wieder vertrödelt. Tja, Weihnachtsferien kommen immer ein wenig überraschend und unerwartet.
Missbilligend schüttelte Scorpius seinen Kopf, wenigstens konnte er Albus davon überzeugen, seine Sachen gestern schon zu packen. Überraschender Weise hatte sich Albus nicht dagegen gesträubt. Scorpius hatte schon mit mehr Widerstand gerechnet, aber der Gryffindor freute sich schon so darauf, das Zuhause des Blonden kennen zu lernen, dass er sich nicht lange bitten ließ. Schmatzend genoss Scorpius einen weiteren Schluck und nickte wohlwollend Zabini zu, der sich verschlafen auf seinen Platz schob. Nicola brummte irgendwas, das sich entfernt nach einem Morgengruß anhörte und bemächtigte sich des Kaffeepotts. Kurz überlegte er gleich aus der Kanne zu trinken, verwarf den Gedanken aber sofort wieder.
„Merlin, du siehst vielleicht verschlafen aus!"
„Mmmpf!"
„Hast du wenigstens schon gepackt?"
„Grmpf!"
„Wenigstens etwas!" Scorpius schaute Zabini aus schmalen Augen an. „Das hieß doch ja, oder?"
Um sich die Antwort zu sparen, streckte Nicola träge einen Daumen in die Höhe und grinste breit in die Richtung, in der er Scorpius vermutete. Aus irgendeinem Grund hatte er Schwierigkeiten seine Augen zu öffnen.
Der Blonde schmunzelte amüsiert und schob seinem Zimmergenossen eine Schüssel mit Rührei rüber. Zabini beugte sich tief in die Schüssel um zu sehen, was drin war. Einen Moment lang dachte Scorpius Zabini würde in die Schüssel fallen, doch der Dunkelhäutige kam wieder zum Vorschein. Er hielt sich erst gar nicht damit auf, die Eier auf seinen Teller zu schaufeln, sondern aß lieber gleich aus der Schüssel. Schmatzend schaute er sich um.
„Potter?"
„Der geht noch seine Eule holen. Er hat schon gefrühstückt, Myriel übrigens auch."
„Boah! Iss doch noch viel zu... früh..."
Skeptisch beobachtete Scorpius, wie Zabinis Augen immer schmaler wurden und der Kopf tiefer sank. Ein angeknabbertes Brötchen rutschte ihm aus den Fingern und mit einem seligen Schnarchen ruhte sein Kopf auf dem Rand der Rühreischüssel. Resignierend rollte Scorpius mit seinen Augen und schlug mit der flachen Hand mehrmals auf den Tisch.
„Ey, Zabini! Holla, aufwachen!"
„Schon gut... isch esch ja schon auf!"
Er stopfte sich einen Löffel Rührei in den Mund und grinste. Scorpius stöhnte, es wurde wirklich langsam Zeit, dass sie aufbrachen.
Draußen, vor der überdachten Holzbrücke sammelten sich einige Zeit später die jungen Magier und Hexen, bereit zur Abfahrt. Aufgeregt schwatzend warteten sie auf die Pferdeschlitten, die sie zum Bahnhof von Hogesmeade bringen würden. Ein paar Schneebälle flogen hin und her und zeugten von der ausgelassenen Stimmung die herrschte. Als dann die ersten Schlitten unter Schellengeläut vorfuhren, ertönten viele bewundernde Rufe. Mit großen Augen verfolgte die Schüler, wie die geschmückten Schlitten mit den hübschen Grauschimmeln in einer Reihe vorfuhren. Ihr Gepäck war schon unterwegs zum Bahnhof, nur noch die Käfige mit den Eulen und die ein oder andere Tasche mussten noch verstaut werden. Wie zwei Leuchttürme in der wogenden See, standen Professor McGonagall und Neville Longbottom inmitten ihrer Schülerschar und sorgten für Ruhe. Die Schulleiterin verabschiedete sich von jedem Einzelnen und wünschte ihnen ein gesegnetes Fest. Hier zwinkerte sie einem zu, da ermahnte sie tadelnd ein Sorgenkind oder klopfte aufmunternd auf die ein oder andere Schulter. Ein wenig Abseits standen drei Slytherins und warteten, dass die Reihe an sie kam, in einen Schlitten zu steigen. Ungeduldig verrenkte Scorpius seinen Kopf und hielt nach Albus Ausschau.
„Wo treibt sich dieser Gryffindor nur jetzt schon wieder rum?" Abwesend streichelte er seine Sperbereule, die anmutig in ihrem Käfig saß, seine Zärtlichkeiten genoss und dabei wohlig mit dem Schnabel klackerte.
Nicola bemerkte Scorpius' Unruhe und seufzte. „Wollte er nicht seine Eule holen?"
„Ich bitte dich, das war vor dreißig Minuten! Inzwischen hätte ich schon zwanzig Eulen holen können."
„Bestimmt hat er irgendwas gefunden und die Zeit darüber vergessen."
„Wenn er den Zug verpasst, ziehe ich ihm die Hammelbeine lang!"
Myriel winkte ihnen zu. „Hier ist unser Schlitten, kommt ihr?"
Scorpius scheuchte Zabini zum Schlitten und verstaute vorsichtig den Käfig mit seiner Eule. Er überprüfte gewissenhaft die Halterung und streichelte ein letztes Mal über das braune Gefieder.
„Na, Antares? Hast du es bequem?"
Die Eule schuhute und Scorpius legte ein Tuch über den Käfig, dass Antares beruhigen sollte und gegen die Kälte Schutz bot. Er warf noch einen schnellen Blick auf Zabinis Raben, einem großen, schwarzen Vogel, der auf einem Auge blind war. Das weiß angelaufene Auge und ein paar abstehenden Federn, gaben dem Vogel einen verwegenen Charakter. Er hielt seinen Kopf schräg, um den Slytherin besser sehen zu können. Zabini liebte diesen Raben, er war zwar als Briefbote nicht zu gebrauchen, aber ansonsten ein freches, gelehriges Kerlchen. Langsam beschlich Scorpius der Gedanke, dass der Rabe sehr genau wusste wie er einen Brief zu transportieren hatte. Doch wollte der Vogel dies nicht tun, weil es wahrscheinlich unter seiner Würde war. Scorpius konnte das gut verstehen und zwinkerte dem Raben zu.
Zur gleichen Zeit kam Albus mit einem leeren Eulenkäfig aus dem Seitenweg gelaufen, der zum Eulenturm führte. Dick eingemummelt in seine Winterrobe, trug er seinen Gryffindor Schaal und eine rot, gelbe Pudelmütze. Tollpatschig schlitterte er über den rutschigen Grund, konnte sich aber auf den Beinen halten. Als er zu den Pferdeschlitten sah, erblickte er Scorpius, der gerade seine Eule im Schlitten unterbrachte. Ein wenig außer Atem betrachtete er sich den Slytherin und hielt einen Moment inne. Der Blonde trug einen langen, smaragdfarbenen Wintermantel, der einen dunkelgrünen Samtkragen hatte. Der eng anliegende Mantel betonte seine schlanke Gestalt und ließ ihn ein wenig größer erscheinen, als er es eh schon war. Auf dem Kopf hatte er eine weiße, mit Pelz gefütterte Winterhaube, die wie ein kugelrunder Helm wirkte und seine platinblonden Haare verbarg. Nur sein blasses Gesicht mit der spitzen Nase lugte hervor. Albus bemerkte wie sich Scorpius' dunkle Augenbrauen zusammenzogen und ihn die wölfischgrauen Augen unangehalten anfunkelten.
„Was stehst du da rum und hältst Maulaffen feil?" Er blickte zum leeren Käfig. „Wo hast du Trudy gelassen?"
Albus blinzelte. „Die habe ich mit einem Brief an meinen Dad vorausgeschickt!"
„Huh? Aber du siehst ihn doch eh heute auf dem Bahnsteig?"
Der Schwarzhaarige presste die Lippen zusammen und Scorpius schüttelte den Kopf. Sie stellten den leeren Käfig zu den anderen und warteten bis Nicola und Myriel vorn im Schlitten Platz nahmen. Verfroren legte Nicola die Decke über seinen und Myriels Schoss und zog sie bis zum Kinn hoch.
„Brrr, ich glaub, bis wir am Bahnhof sind bin ich erfroren!"
„Alter Jammerlappen!" Kichernd streckte ihm Albus die Zunge raus und lachte über Zabinis gespielte Empörung. Er wartete bis Scorpius Platz genommen hatte, als er eine Hand auf seiner Schulter spürte.
„Ich wünsch dir eine schöne Weihnachtszeit Al!" Minerva McGonagall stand hinter ihm und schaute ihn freundlich an. „Wie mir zugetragen wurde, müssen wir dieses Jahr auf dich im Fuchsbau verzichten."
„Ja, Mam!" Albus schniefte und grinste. „Aber ich werde dieses Jahr trotzdem schöne Weihnachten haben!" Er nickte zu Scorpius und Professor McGonagall verdeckte mit der Hand ein Grinsen, indem sie vorgab zu Hüsteln. Sie verabschiedete die drei Slytherins und ging dann zum nächsten Schlitten. Auch Neville winkte ihnen zu.
Scorpius stopfte die Decke unter ihre Beine und achtete darauf, dass sie gut eingemummelt waren. Dann setzten sich der Schlitten rasch in Bewegung. Im weiten Bogen ging es rechts um die Schule herum auf das Tor zu. Die schweren Gittertore standen weit offen und unter den wachen Blicken zweier geflügelter Keilerstatuen passierten sie das Tor. Die aufregende Fahrt nach Hogesmeade ging leider viel zu schnell vorüber. Im Gegensatz zu den eher behäbigen Kutschen, die von Thestralen gezogen wurden, jagten die Grauschimmel geradezu dahin. In wenigen Minuten bogen sie auf die Zufahrt zum Bahnhof ein und schon war die Fahrt vorbei. Während Scorpius und Nicola sich um die Käfige kümmerten, stand Albus mit Myriel vorn bei den Pferden. Mit großen Augen streichelte der Junge eines der kraftvollen Tiere.
„Die finde ich viel schöner als die Thestrale! Die kann man wenigstens sehen."
Murrend trat Scorpius neben ihn. „Sei lieber froh, dass du die nicht sehen kannst!" Er drückte Albus Trudys leeren Käfig in den Arm und schob den Gryffindor gereizt Richtung Bahnsteig. Thestrale waren bei Albus fast schon zur Manie geworden. Jedes Mal, wenn sie im Unterricht bei Hagrid am Futterplatz dieser Tiere vorbei kamen, verrenkte sich der Schwarzhaarige förmlich den Hals um wenigstens eines dieser Viecher zu erspähen, was Scorpius fast regelmäßig in den Wahnsinn trieb. Konnte man sie doch nur sehen, wenn man den Tod gesehen hat.
Keine zehn Minuten später setzte sich der Hogwarts Express in Bewegung und ließ, lang gezogene Dampfschwaden ausstoßend, Hogesmeade hinter sich zurück. Endlich waren sie unterwegs. Scorpius, der aus dem Fenster starrte, kam das erste Mal, seit sie in die Pferdeschlitten gestiegen waren wieder zur Ruhe. In wenigen Stunden würden sie London erreichen und dann müsste er auch nicht mehr lange warten, bis er seine Eltern wieder sah. Die schaukelnden Bewegungen des Wagens lullten ihn ein und der Blonde ließ sich tiefer in den Sitz sinken, die Augen fest geschlossen. Nur unbewusst nahm er die Geräusche um sich war. Zabini, der seinen Raben aus dem Käfig nahm und ihn ausgiebig streichelte und Myriel, die sich angeregt mit Albus unterhielt. Scorpius war froh, dass sie ihn in Ruhe ließen und gab vor, am Schlafen zu sein. Dass er tatsächlich einnickte bekam er gar nicht mit, erst als ihn Albus an der Schulter schüttelte, schreckte er verschämt hoch. Die grinsenden Gesichter seiner Begleiter ignorierte er gekonnt und mit einem selbstgefälligen Gesichtsausdruck, reckte er die Arme und fragte hochnäsig.
„ Oh, sind wir schon da?"
„Na, hast du gut geschlafen?"
„Ich habe nur nachgedacht!"
Albus lachte. „Dafür hast du aber mächtig geschnarcht!"
„Das sagt gerade der Richtige! DU schnarchst doch wie ein Trupp Holzfäller im Wald!"
Einen Moment lang amüsierte sich Myriel über Scorpius, der den Gryffindor mit roten Wangen angiftete. Doch dann, kam ihr etwas in den Sinn, dass der Blonde eben gesagt hatte.
„Woher weißt du eigentlich, dass Albus schnarcht?"
Der Schwarzhaarige biss sich grinsend auf die Unterlippe, da hatte sich Scorpius glatt verplappert. Der wollte zuerst alles abstreiten, doch dann ließ er seine Schultern hängen und brummte.
„Du weißt doch, als Parkinson damit angegeben hat, mich verprügelt zu haben?"
Sie nickte. „Ja, damals dachte ich er erzählt nur Trollmist."
Albus schüttelte den Kopf. „Nein, es stimmte. Ich habe Scorpius damals durch Zufall gefunden und ihn mit in meinen Schlafsaal genommen und ihn mit Roses Hilfe gepflegt."
„Na ja, jedenfalls hatte ich da die Gelegenheit, sein Schnarchkonzert zu genießen! He, was gibt es da blöde zu grinsen?"
Statt einer Antwort, hielt ihm Myriel seinen Mantel hin. Es passte dem Blonden zwar nicht, aber er beschloss zähneknirschend die süffisanten Mienen seiner Begleiter zu übersehen. Rasch sammelte er seine Sachen zusammen und stapfte aus dem Abteil. Draußen auf dem Bahnsteig entstand das übliche Durcheinander. Natürlich wollte jeder so schnell wie möglich zu seiner Familie und so drängten sich die Schüler mit ihrem Gepäck, der wartenden Menge aus Verwandten entgegen. Albus sah sogleich den Rotschimmernden Haarschopf seines Onkels.
„Hey, Onkel Ron!"
„Hallo du Schlawiner, schön dich zu sehen!"
Er hob Albus hoch und herzte ihn. „Gut siehst du aus, Hogwarts scheint dir gut zu tun."
Sie grinsten sich an und Albus entdeckte Hermione. Auch seine Tante Angelina war da, um Fred jr. und Polly abzuholen und weiter hinten stand seine Mutter. Doch seinen Vater konnte er nirgends sehen. Ron bemerkte inzwischen Scorpius und nickte ihm zu.
„Oh, du bist bestimmt Klein Scorpius!"
Der Blonde schaute ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken und hielt ihm seine Hand hin. „Ich bin Scorpius Hyperion Malfoy!" All seine Arroganz und Überheblichkeit legte er in diese fünf Worte.
Etwas überrumpelt schüttelte Ron die ihm dargebotene Hand. Der Kleine war ganz sein Vater. Doch bevor er noch irgendwas sagen konnte bekam er einen Knuff in den Rücken. Hermione warf ihn einen warnenden Blick zu und lächelte dann Scorpius an.
„Lass dich nicht ärgern, Scorpius. Ron ist manchmal wie ein Elefant im Porzellanladen. Ich bin Hermione Weasley!"
Höflich erwiderte der Blonde die Begrüßung, aber Albus sah ihm schon an, dass er lieber gehen würde. Einzig allein die Freude, die Albus verspürte seine Familie wieder zu sehen, ließ Scorpius das Ganze durchstehen. Und dann kam Ginny. Herzlich begrüßte sie ihren Sohn, doch als er ihr Scorpius vorstellte, lächelte sie dem nur schmal zu und begrüßte ihn betont unterkühlt. Albus war über die Art seiner Mutter überrascht. Er hatte sie schon oft wütend, verärgert oder traurig erlebt, aber so abweisend hatte sie noch niemanden sonst behandelt, der ihr vorgestellt wurde. Sie würdigte den Slytherin keines weiteren Blickes und unterhielt sich wieder mit Angelina. Peinlich berührt sah Albus zu Scorpius, doch der zuckte nur mit den Schultern. Schließlich sprach Albus seine Mutter wieder an.
„Ma, wo ist eigentlich Dad?"
Missbilligend verzog sie ihren Mund. „Dein Vater kommt nicht! Er muss ja ausgerechnet heute Überstunden schieben." Ihrer Stimme konnte man anhören, dass sie dass fürchterlich wurmte. „Aber du brauchst dir ja keine Sorgen zu machen. Du willst ja Weihnachten auch nicht mit mir feiern!"
„Ginny!" Erschrocken schaute Angelina ihre Schwägerin an. „Das kannst ihm du doch nicht sagen!"
„Warum nicht, er stellt mich ja auch vor vollendete Tatsachen!"
Albus war erstaunt. Er wusste, dass es seiner Mutter nicht gefallen würde, wenn er Weihnachten nicht mit der Familie verbrachte, aber damit hatte er nicht gerechnet.
„Vielleicht nimmst du deinen Vater gleich mit, dann bin ich am Fest ganz allein!"
„Jetzt übertreibst du aber!" Angelina schüttelte den Kopf. „Was soll dass eigentlich? Fred ist doch auch nicht da. Er muss auch arbeiten..."
„Mom!" Albus hatte keine Lust mehr auf dieses Theater. „Ich geh dann mal, kommst du noch mit zu Scorpius' Familie?"
„Tut mir Leid, Al! Aber darauf kann ich gerne verzichten! Ich wünsch dir noch ein schönes Fest!"
Sie wandte sich ab und ging zu James. Hermione, die innerlich am Kochen war, riss sich zusammen und legte Albus ihre Hand auf die Schulter. „Komm schon Al, ich begleite euch."
Traurig nickte der Schwarzhaarige, nahm seine Tasche und den Käfig und folgte seiner Tante. Scorpius an seiner Seite, lehnte sich leicht an ihn und lächelte seinem Freund aufmunternd zu. Albus seufzte und brachte tapfer ein Lächeln zustande.
„Das lief ja besser als erwartet!"
„So sehe ich das auch." Scorpius grinste, doch innerlich ärgerte ihn das Verhalten von Albus' Mutter.
Hermione sah die Beiden an. „Nimm es ihr nicht krumm, Al. Sie hatte eine schwere Woche und du weißt ja, wie sehr sie sich gewünscht hat, dass du Weihnachten Zuhause feierst."
„Ach, wir feiern doch jedes Jahr zusammen. Ich wollte Weihnachten halt gern bei Scorpius verbringen!"
„Ich weiß!" Sie warf einen Seitenblick auf den Slytherin. „Und Scorpius, freust du dich schon auf Zuhause?"
„Jaah, sehr! Ich habe Malfoy Manor arg vermisst! Kennen Sie es zufällig, Mrs. Weasley?"
Hermione hielt kurz inne, es schien als ob ein Schatten über ihr Gesicht huschte. Doch sie hatte sich schnell wieder im Griff. „Ja, ich war einmal dort! Aber da war schlechtes Wetter!"
Irritiert blickte Scorpius sie an. Er konnte ja nicht wissen, dass damals, als Hermione zusammen mit Harry und Ron gegen Voldemort kämpfte, die Drei gefangen und nach Malfoy Manor verschleppt wurden. Hermione wurde damals von Bellatrix Lestrange mit dem Cruciatus Fluch gefoltert. Sie lächelte ihm zu. „Soweit ich es damals gesehen habe, war es ein beeindruckendes Anwesen."
Plötzlich blieb Scorpius stehen. Vor ihnen stand Draco Malfoy und sah sie abwartend an. Albus schluckte, die Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn, war ebenso frappierend wie bei ihm und Harry. Der blonde Magier vor ihm war eine sehr elegante Erscheinung. Er trug einen langen, schwarzen Wintermantel, dessen Kragen hochgeschlagen war. Seine braunen Handschuhe trug er in der linken Hand, die andere reichte er schwungvoll Hermione.
„Hermione Granger. Pardon, Weasley natürlich. Es ist lange her!"
Sie schüttelte seine Hand. „Hallo Draco, wie geht es dir?"
„Gut! Und wie ist dein Befinden?"
„Bestens!" Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. „Du hast einen sehr wohlerzogenen Sohn!"
„Überrascht?"
Leicht zuckte Hermione mit den Schultern. „Du wirst gut auf unseren Al Acht geben?"
„Tante Herm!" Albus schaute sie groß an. Er war schon elf Jahre alt und konnte gut auf sich alleine acht geben. Wieso mussten einen eigentlich immer große Brüder und Erwachsene, derart in Verlegenheit bringen.
„Natürlich, wie auf meinen eigenen Sohn!"
Sie schaute ihm fest in die Augen und lächelte dann wieder. „Dann wünsch ich dir ein schönes Weihnachten und richte deiner Frau ebenfalls meine Grüße aus."
„Gern und du natürlich deinem Mann, die meinigen!"
Sie nickten einander zu und Hermione beugte sich zu Albus. „So mein Kleiner, dann mach es gut und gib deiner Tante einen Kuss!"
Albus küsste sie kurz auf die Wange und dann verabschiedete sich Hermione von allen. Sie kehrte zu den anderen zurück und Albus starrte nun Draco Malfoy an, der auf ihn hinab sah. Er musterte den Jungen ohne sich auch nur die geringste Regung anmerken zu lassen. Albus begann zu schwitzen und wand sich unter dem festen Blick der grauen Augen, die denen Scorpius' so sehr glichen.
„Ich war schon sehr gespannt auf dich, Albus Potter. Es freut mich dich als unseren Gast auf Malfoy Manor begrüßen zu dürfen. Sei herzlich willkommen!"
Er reichte dem Jungen seine Hand und wölbte eine Augenbraue über den Händedruck, den Albus fest erwiderte. Seine Augen wanderten zu Scorpius und Albus konnte so etwas wie Stolz darin erkennen. Scorpius lächelte und reichte seinem Vater die Hand.
„Hallo, Vater!"
„Sohn!"
Doch anstatt die Hand wieder loszulassen, zog Draco seinen Sohn zu sich. Er herzte ihn und berührte sanft seine Wange. Schließlich trat er einen Schritt zurück und sah die Beiden nach einander an.
„Habt ihr euer Gepäck?"
Sie nickten und Draco deutete ihnen an ihm zu folgen. Albus warf noch einen letzten Blick zurück auf seine Familie, bevor er mit den Malfoys durch die Barriere schritt und Gleis Neun dreiviertel hinter sich ließ.
Der kleinen Gruppe schenkte so gut wie niemand Beachtung, während sie die Bahnhofshallen von Kings Cross durchquerte. Nur Scorpius' Sperbereule zog ein, zwei Blicke auf sich. Doch auf dem Bahnhofsvorplatz bildete sich eine kleine Menschentraube um eine beeindruckende, dunkle Limousine. Der schwarzsilberne Maybach sorgte für einiges Aufsehen. Dessen schien sich Draco Malfoy sehr wohl bewusst zu sein. Muggles und Magier standen um das Gefährt und gerieten regelrecht ins Schwärmen. Scorpius sah zu seinem Vater, der neben ihm trat und eine Hand auf seine Schulter legte.
„Ich nehme an, wir werden heute nicht disapperieren?"
„Nun ich dachte, wir schinden heute bei deinen Mitschüler ein wenig Eindruck!"
Schelmisch zwinkerte er den beiden Jungs zu und ließ mit einer eleganten Bewegung seiner Hand den Kofferraumdeckel aufklappen. Scorpius wölbte eine Augenbraue.
„Magie?"
Draco ließ spielerisch ein kleines schwarzes Gerät an einer silbernen Kette baumeln. „Fernbedienung!"
Nachdem ihr Gepäck verstaut war, ließ Draco die beiden Jungmagier im Font des Wagens einsteigen. Sie setzten sich einander gegenüber, Albus mit dem Rücken zu Fahrtrichtung, so dass Scorpius neben seinem Vater sitzen konnte. Der stellte den Käfig mit Antares neben sich und beobachtete Albus. Mit großen Augen schaute sich der Schwarzhaarige neugierig um. Wenn er je etwas beschreiben müsste, was Luxus und Eleganz verkörperte, so war es das Wageninnere. Alles war mit feinstem, weißem Leder ausgeschlagen und als Albus genauer hinsah, konnte er das goldene Wappen der Familie Malfoy erkennen, mit dem die Kopfstützen bestickt waren. Edelstes Holz und Goldverzierungen schimmerten im fahlen Licht der Wintersonne, ohne jedoch aufdringlich oder überborden zu wirken.
„Das sieht sehr edel aus, Mister Malfoy!"
„Gefällt es dir, Albus?"
Nach kurzem Zögern nickte der Schwarzhaarige und man konnte es ihm ansehen, dass er es ehrlich meinte. Mit leisem Surren glitt die Trennscheibe zum Fahrer runter. Jetzt konnte Albus sehen, dass kein Chauffeur auf dem Fahrersitz saß, wie es von außen betrachtet den Anschein hatte, sondern ein Hauself. Der Sitz und die Pedale waren magisch seiner geringen Körpergröße angepasst und zu seiner Überraschung bemerkte Albus, dass das kleine Wesen eine dunkelgrüne Uniform trug. Der Gryffindor presste seine Lippen zusammen um sich das Grinsen zu verkneifen, denn die ein wenig zu groß geratene Mütze, wurde von den großen fledermausartigen Ohren des Elfen gehalten. Draco unterdessen, wartete bis sich sein Blick mit dem des Hauselfen im Rückspiegel kreuzte.
„Nach Malfoy Manor, Puck!"
„Sehr wohl, Master Malfoy!"
Während sich die Scheibe wieder langsam nach oben schob, setzte sich der Wagen in Bewegung und glitt majestätisch davon. Leicht verlegen stellte Albus fest, dass ihn Draco Malfoy weiterhin intensiv musterte. Sie saßen sich direkt gegenüber und unter dem stechenden Blick der silbergrauen Augen fühlte sich Albus zusehends unwohler. Dann setzte der Trotz bei ihm ein und er starrte zurück. Doch sich ein Blickduell mit seinem Bruder oder mit Scorpius zu liefern, war eine Sache, aber Draco Malfoy war ein völlig anderes Kalieber. Ziemlich schnell war Albus klar, dass er hier nicht gewinnen konnte, darum ging er dazu über, Draco und Scorpius miteinander zu vergleichen. Diese extreme Ähnlichkeit amüsierte den Jungen. Dieselben wolfsgrauen Augen, ähnliche Gesichtszüge, bei denen natürlich die spitze Nase und pointierte Kinnpartie einem sofort auffielen. Getrennt wurden die Beiden durch Scorpius' kindlichere Züge. Er sah wirklich wie das jüngere Selbst seines Vaters aus.
In Albus' grünen Augen blitzte plötzlich ein kleiner, gehässiger Funke auf. Dem Gryffindor kam gerade ein Gedanke, während er die anderen Beiden miteinander verglich. Draco hatte altersbedingt, einen hohen Haaransatz, der seine Geheimratsecken sehr deutlich hervortreten ließ. Er versuchte dies durch seine kinnlangen Haare, ein wenig zu kaschieren. Albus grinste, sollte Scorpius ihn wieder einmal zu arg drangsalieren, würde er es ihm mit ein paar gezielten Spitzen über die trüben Zukunftsaussichten, seiner ach so geliebten, platinblonden Haarsträhnen heimzahlen.
Gut, er würde es zwar nicht überleben, aber immerhin.
In diesem Moment blinzelte ihm Scorpius voller Freundschaft zu und Albus begann sich augenblicklich seiner Gedanken zu schämen.
Draco unterdessen nahm das Gespräch wieder auf. „Wirst du denn deine Familie nicht vermissen, Albus?"
„Doch schon, aber ich freu mich sehr darauf Weihnachten mit Scorpius und Ihnen zu verbringen." Er zog kurz seine Unterlippe zwischen die Zähne. „Ich hätte wirklich gerne Dad heute gesehen. Er fehlt mir!"
Fasziniert sah Draco diesen traurigen Blick in Albus' Augen. „Ich bin sicher, dein Vater wäre heute gern zum Bahnhof gekommen. Aber zurzeit ist im Ministerium der Teufel los."
Interessiert fragte Albus nach. „Ist was passiert?"
„Nein, nein, keine Bange. Es gab nur ein wenig... Durcheinander." Der Blick der grauen Augen wanderte nach draußen. Doch so richtig nahm der blonde Mann das Treiben auf Londons Straßen nicht wahr. „Marfalda Hopkerk ist in den Ruhestand gegangen, ebenso Bernie Pillsworth, der für die Koordination internationaler Beziehungen verantwortlich war. Na ja, der alte Pillsworth hatte vergessen, dass er im Januar einen weltweiten Auroren Kongress in London zu organisieren hatte, der von deinem Vater geleitet wird. Und da Marfalda, die sonst immer das Chaos im Ministerium im Griff hatte, nicht mehr da ist, stehen sich nun über fünfzig Auroren aus aller Herren Länder, im Ministerium die Füße platt. Einen Monat zu früh." Er sah wieder zu dem Gryffindor. „Dein Vater hat nun alle Hände voll zu tun, sie über die Feiertage unterzubringen und für ihre Betreuung zu sorgen."
„Arbeiten Sie auch fürs Ministerium, Mr. Malfoy?"
Leicht schüttelte Draco den Kopf. „Nein, ich bin im Vorstand von Gringotts! Ich leite und koordiniere die Bankgeschäfte mit anderen Ländern und den Muggles."
„Albus machte große Augen. „Oh, da kommen Sie wohl viel rum?"
Skeptisch verzog Draco seinen Mund. „Ab und an ja. Doch dies ist kein Urlaub, meistens muss ich mich mit langwierigen Verhandlungen und jeder Menge Papierkram herumplagen." Er sah Albus grinsendes Gesicht und zog die Augenbrauen zusammen. „Was?"
„Das sagt mein Dad auch immer in letzter Zeit, wenn er über seine Arbeit spricht. Er und Onkel Ron sind dann jedes Mal am schimpfen."
Dracos Mundwinkel zuckten arhythmisch, doch er konnte sich ein Lachen gerade noch verkneifen.
„Nun ja, ich bin überzeugt, nach all den Abenteuer die Harry Potter erlebt hat, kommt er sich heutzutage wohl eher als ein besserer Verwaltungsangestellter vor."
Mit der Zeit ließ der Maybach die Stadt hinter sich und bog auf einen Schnellstraßenzubringer ein. Als die Limousine in eine enge Kurve fuhr und für den nachfolgenden Verkehr nicht mehr zu sehen war, beschleunigte der Wagen plötzlich so stark, dass er verschwand. Albus bemerkte die Veränderung und sah fasziniert, wie Fahrzeuge, Bäume und Gebäude zur Seite sprangen, um dem mit einer aberwitzigen Geschwindigkeit dahinjagenden Maybach den Weg freizumachen.
„Oh man, das ist ja wie im Knight Bus!"
„Beide funktionieren nach demselben Prinzip!"
„Das ist absolut geil, Mr. Malfoy!"
Seufzend hob Draco eine Augenbraue und nickte nach vorn. „Und schon sind wir Zuhause!"
Scorpius, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte, fragte sich ziemlich nervös, wie Albus Malfoy Manor finden würde. Er beobachtete sehr genau jede Regung in der Mimik des Gryffindor.
Sie passierten ein großes schmiedeeisernes Tor und folgten einer lang gezogenen, von Pappeln bewachsenen Allee. Steinmauern und gewaltige, mit Schnee bedeckten Hecken und Bäumen, schützten das Anwesen vor neugierigen Blicken. Als dann der gewaltige Gebäudekomplex im Tudorstil vor ihnen auftauchte, war Albus schier begeistert. Er lehnte sich zur Seite und drückte sich an der Scheibe die Nase platt.
„Coool!"
Beinahe ehrfürchtig kam ihm das Wort über die Lippen und die beiden Malfoys grinsten sich an. „Gefällt es dir, Albus?"
Der Schwarzhaarige nickte stumm, doch der Ausdruck in seinen Augen sprach Bände. Bewundernd betrachtete er das einschüchternde Landhaus, das gespickt mit Zinnen, Türmchen und Kaminen, umgeben von einer weißen, funkelnden Schneelandschaft wie ein Chateau wirkte. Albus erkannte, dass sich unter dem Schnee Springbrunnen, Heckenlabyrinthen, ja eine ganze Parklandschaft verbarg. Sehnsüchtig fragte er sich, wie es hier wohl im Frühling oder Sommer aussehen würde. Es muss ein grandioser Anblick sein und langsam begriff der Gryffindor, warum Scorpius immer so sehr von seinem Zuhause ins Schwärmen geriet. Der Maybach kam vor dem großen Eingang zu stehen und sofort kamen eilfertige Hauselfen in Livree herbei geeilt, und kümmerten sich um das Gepäck der Jungs.
Albus merkte, wie ihn Scorpius am Ärmel zog und ihn unsicher ansah. „Und?"
Viel zu beeindruckt um zu antworten, presste Albus seine Lippen zusammen. Er war nicht imstande ein Wort hervorzubringen und breitete seine Arme aus. Man konnte ihm förmlich ansehen, dass er nach Worten suchte, die seine Gefühle beschreiben konnten.
„Mmmmmmmmmmh, geil?"
Scorpius lachte und gab Albus einen sanften Klaps auf den Hinterkopf. Er griff sich die Hand des Gryffindors und zog ihn ins Innere des Hauses. Stolpernd und kichernd stürmten sie in die Eingangshalle und standen plötzlich vor Mrs. Malfoy, die sie schmunzelnd ansah. Sie trug ein taubenblaues Kleid, eine lange Perlenkette und ihre violetten Augen funkelten übermütig, als sie ihren Sohn begrüßte.
„Willkommen Zuhause, mein Schatz! Du kannst dir gar nicht vorstellen wie sehr du mir gefehlt hast!"
Scorpius lächelte ihr schmal zu und versuchte seine Verlegenheit vor Albus zu verbergen. „Ich freu mich auch wieder Daheim zu sein, Mutter!" Er schmiegte sich kurz an sie und erlaubte ihr, ihn auf die Stirn zu küssen.
Dann kam die Reihe an Albus, der Mrs. Malfoy Unverholen anstarrte. Er schluckte und wurde auf der Stelle von ihrem einnehmenden Wesen verzaubert. Er hatte noch nie eine hübschere Frau gesehen. Das galt auch für seine Mutter. Ginny hatte zwar ihre Reize, aber Mrs. Malfoy strahlte eine Eleganz und Anmut aus, die sie ungemein schön wirken ließ. Ihr Blick ruhte auf Albus, der seine Mütze abzog und ihr die Hand gab.
„Und du musst bestimmt der berühmte Albus Severus Potter sein. Herzlich Willkommen auf Malfoy Manor. Ich hoffe du wirst dich bei uns, wie zuhause fühlen!"
Albus machte riesige Augen. „Äh, berühmt?"
Seine Verlegenheit rührte sie und seine roten Ohren brachten Astoria zum Lächeln. „Das muss dir nicht peinlich sein, Albus. Scorpius hat mir schon in duzenden Briefen über dich berichtet. Deshalb habe ich auch das Gefühl dich bestens zu kennen."
„So hat er das!" Verblüfft sah er zu Scorpius, der seine Mutter mit einem äußerst vorwurfsvollen Blick bedachte.
„Mutter!" Verschämt wandte sich der Blonde an Albus. „Du musst nicht alles glauben, dass sie erzählt!"
Eine ihrer Augenbraue wölbte sich. „Ach, soll ich deine Briefe holen gehen?"
„MOM!" Im Augenblick fühlte sich Scorpius, als würde ihm jemand glühende Kohlen in die Kleidung stopfen. Er wand sich beschämt unter den Blicken seiner Eltern und seines besten Freundes. Sein Vater schien ihm auch nicht großartig helfen zu wollen. Draco stand ein wenig abseits und betrachtete sich das Geschehen sehr interessiert. Schließlich schnappte sich Scorpius Albus Hand und zog ihn Richtung Treppe.
„Komm ich zeig dir mein Zimmer!"
Während er ziemlich bestimmt mitgeschleift wurde, entschuldigte sich Albus und dankte Mrs. Malfoy für ihre Gastlichkeit, bevor er endgültig im nächsten Stockwerk verschwand. Die blonde Hexe begann zu Lachen, als sie den Beiden hinterher sah.
Draco trat neben sie. „Na, was hältst du von ihm?"
„Albus ist wirklich herzallerliebst!" Sie sah ihren Mann an. „Aber wer zum Merlin ist der blonde Junge?"
„Tja, ich musste auch erst zweimal hinsehen!"
„Weißt du, ich habe Scorpius selten so gelöst gesehen!" Sie tippte mit dem Zeigefinger gegen seine Nase. „Normalerweise gibt er sich steif wie ein Stockfisch und imitiert dich!"
Ein sarkastisches Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Danke sehr, meine Liebe!"
Forschend sah Astoria in seine grauen Augen. „Und? Hast du ihn gesehen?"
Draco schüttelte seinen Kopf. „Nein, im Ministerium ist heute viel los und er kam nicht zum Bahnhof. Ist vielleicht auch besser so. Was hätten wir uns schon zu sagen?"
Sie blickte bedauernd die Treppe hoch. „Armer Junge, da hat er ja seinen Vater gar nicht gesehen!"
Draco nickte seufzend. „Ich war im ersten Augenblick wie versteinert, als ich Scorpius und ihn zusammen sah. Man hätte es für eine Momentaufnahme aus unserer Schulzeit halten können, wenn Potter und ich je befreundet gewesen wären."
„Höre ich da so etwas wie Bedauern aus deiner Stimme?" Ihre schmale Hand streichelte zärtlich durch seine silbernen Haarsträhnen, was Draco mit einem Knurren quittierte.
Zwei Stockwerke höher sah ein sehr aufgeregter Scorpius zu, wie Albus durch sein Zimmer stiefelte. Er wusste zwar nicht warum, aber aus irgendeinem Grund war es ihm sehr wichtig, dass Albus seine Räumlichkeiten mochte. Diese waren zugegebener Maßen sehr beeindruckend. Wenn man durch die Tür trat, blickte man direkt auf zwei riesige Fenster, die dem Raum ein helles, freundliches Wesen verliehen. Auf der linken Seite, befand sich ein schönes Himmelbett, mit blassblauen, goldbestickten Vorhängen. In einem Kamin brannte ein gemütliches Feuer, dass Behaglichkeit verbreitete, wozu auch die beiden unförmigen Sitzsäcke beitrugen, die einen geradezu einluden, sich hinein zu lümmeln und den tanzenden Flammen zu zuschauen. Es gab eine kleine Sitzgruppe, eine Art Leseecke, mit einem großen Ohrensessel und einen Erker, in dem man an einem kleinen Esstisch seine Speisen einnehmen konnte. Scorpius setzte sich langsam auf das Bett und stellte seine Füße auf die kleine Truhe, die vor dem Fußende seines Bettes stand. Während er sich seines Wintermantels entledigte, beobachtete er Albus sehr genau. Der Gryffindor begutachtete mittlerweile Scorpius' Schreibtisch, der vor den großen Fenstern stand, durch die Albus einen wunderschönen Blick auf die Ländereien hatte. Der Schreibtisch war akkurat aufgeräumt, ordentlich nebeneinander lagen Schreibfedern, Lineale, Stechzirkel und ein Vergrößerungsglas. Es gab ein Mikroskop, ein Gestell mit leeren Reagenzgläsern und einige Bücher über die Kunst des Brauens von Zaubertränken. Doch besonderes Interesse weckte ein großes Tintenfass, in der Form eines schlafenden Drachens. Albus musste breit Grinsen, als er sah, wohin man bei dem Drachen die Schreibfeder stecken musste. Unschlüssig blickte er sich um.
„Hast du kein Spielzeug?"
„Ich bin doch keine Fünf mehr!"
„Ja schon, aber was ist mit Spielen, oder Karten, vielleicht Koboldstein?" Albus sah eine Tür und lief hin. „Aha! Hier haben wir..." Er öffnete einen Türflügel und riss die Augen auf. „...einen SCHRANK?"
Es handelte sich eher um ein Ankleidezimmer. Voll gespickt mit Mäntel, Roben, Jacken von erlesener Qualität. Hemden, Pullover und Sachen, die Albus seinen Lebtag noch nicht gesehen hatte.
„Hilfe! Du hast ja mehr Sachen zum Anziehen als ich, meine Geschwister und Cousins zusammen!" Inzwischen war er ins Zimmer hineingegangen und dumpf ertönte seine Stimme. „Himmel! Da sind ja zwei Schränke voller Schuhe!"
Scorpius rollte mit den Augen. „Komm da wieder raus!" Etwas leiser fügte er noch hinzu. „Bevor du mir noch verloren gehst."
Albus kam wieder zum Vorschein und schloss die Tür. „Du hast tatsächlich keine Spielsachen!"
„Auf dem Speicher, in Kisten verpackt! Wie gesagt ich bin kein Kind mehr und mit wem sollte ich spielen?"
Schulterzuckend bummelte Albus weiter zu der kleinen Leseecke. Sein Blick schweifte über die vielen Buchrücken, die in drei hohen Regalen standen.
„Woah, hast du die alle gelesen?"
Der Schwarzhaarige schob sich seine Brille ein wenig höher auf die Nase und beugte sich nach vorn, um die Titel besser lesen zu können.
„Aah! Kitschkram!" Er nahm ein in Leder gebundenes Büchlein. „Das ist doch wieder alles Kitschzeugs, oder?"
Scorpius verzog missbilligend den Mund. „Ich denke, wir hatten bereits ausgiebig geklärt, dass du und ich, literarisch gesehen, in zwei verschiedenen Liegen spielen!" Er betrachtete seine Fingernägel. „Aber es gibt auch einige Abenteuergeschichten und Bände über Quidditch."
Der Gryffindor nickte und wollte gerade weitergehen, als ihm mitten in einem Stapel Fachzeitschriften über Zaubertränke, etwas Buntes auffiel.
„Holla, was'n das?!" Albus begann zu grinsen wie ein Honigkuchenpferd und hielt triumphierend zwei Magazine hoch. „Der Quibbolino! Das Magazin für angehende Magier und Hexen!" Er hüpfte zum Bett und ließ sich neben Scorpius nieder, der sein knallrotes Gesicht in seinen Händen zu verbergen suchte. Da der Slytherin immer noch seine weiße Winterhaube trug, wirkte das Ganze noch weitaus lustiger.
„Bitte nicht!"
„Lass uns mal sehen, was für den versierten, angehenden Jungmagier heutzutage hipp ist."
„Leg es bitte weg!"
„Nö! Du hast sonst nur Fachzeitschriften für Zaubertränke und Quidditch. Ich will sehen was so interessant an diesen beiden Zeitschriften ist, dass du sie dir gekauft hast."
Fassungslos starrte Scorpius seinen Freund an. Grinsend schaute Albus zurück und streifte mit einer Hand die Haube von Scorpius' Kopf. Dann fing er an, vergnügt in einem der Jugendmagazine zu blättern.
„So, dann wollen wir mal schauen!" Mit hochgezogen Augenbrauen warf er dem Blonden, einen vielsagenden Blick zu. „Aha! Modische Styling Tipps für die richtige Kombination aus Robe, Liedschatten und Zauberstab." Doch dann schüttelte Albus den Kopf und ignorierte weiterhin den schmollenden Jungen neben sich. „Nö, das iss es nicht! Tipps für Klamotten brauchst du nicht." Albus wies mit einem Nicken in Richtung des Ankleidezimmers. „Im Gegenteil, die könntest du selber geben." Er schaute wieder zu Scorpius. „Und Liedschatten benutzt du nicht! Oder etwa doch?"
Der empörte Blick den er von dem Slytherin erntete, brachte ihn zum Kichern und so ging es weiter Seite für Seite. Nachdem er beide Zeitschriften durch hatte, ließ Albus die Schultern hängen.
„OK, ich geb's auf, was ist daran so interessant?"
„Gar nichts, gib sie mir wieder her!"
Er grabschte nach den Heften, doch Albus war schneller und zog sie weg. „Nein, nein! Warum hast du sie dir gekauft?"
Statt zu antworten, verschränkte der Blonde die Arme vor der Brust und beschloss Albus schmollend zu ignorieren. Doch so rasch ließ sich der Gryffindor nicht den Schneid abkaufen. Erneut durchblätterte er die beiden Quibbolinos und dann entdeckte Albus, was er suchte. Oder besser gesagt, entdeckte Albus was fehlte.
„Gotcha! Hier fehlen die Poster!" Er hielt Scorpius das aufgeschlagene Heft hin. „Wo ist das Poster von Witches Abroad?"
Ertappt ließ Scorpius den Kopf hängen und deutete über das Kopfende des Bettes. „Dort an der Wand, zwischen den Bettpfosten. Aber nur ich kann es sehen!"
„So, du stehst also auf Hard Rock!"
Der Blonde nickte und nahm Albus die Zeitschriften aus der Hand. „Jah! Witches Abroad sind meine Lieblingsband! Wenn du möchtest leg ich sie auf."
„Gern, lass hören!"
Albus wartete und Scorpius ging zu einem Sideboard. Er entnahm ihm ein kleines, verziertes Holzkästchen, das große Ähnlichkeit mit einer Spieluhr aufwies und klappte den Deckel nach oben. Geschickt legte der Blonde einen kleinen Würfel in die dafür vorgesehene Halterung und kurze Zeit später erklang die Musik.
Albus sprang von Bett und nickte mit seinem Kopf im Takt. „Geil, das ist ja ne Live Aufnahme!"
„Ein Konzertmitschnitt von dem letztjährigen Open Air Festival auf dem Drachenfelsen in Cornwall!"
„Warst du da?"
„Leider nicht. Vater meinte ich sei noch zu jung!"
So unscheinbar die kleine Spieluhr auch aussah, vom Klang und der Lautstärke her, konnte man glauben direkt beim Event dabei zu sein.
Albus begann zu tanzen. Als er sah, dass Scorpius unschlüssig an der Seite stand, lächelte er ihm auffordernd zu und hielt ihm seine Hand hin. Zögernd begann sich Scorpius zu bewegen und tat es schließlich Albus gleich. Sie hatten ihren Spaß und Scorpius bemerkte erfreut, dass Albus mitsang.
„Heh, du kennst ja den Text!"
„Jap! Du auch?"
Natürlich kannte der Blonde den Text. Während beide lauthals mitgrölten, spielte Albus Luftgitarre und Scorpius hämmerte auf einem imaginären Schlagzeug herum. Nach einiger Zeit ließen sie sich erschöpft auf Scorpius' Bett fallen. Schnaufend grinsten sie sich an.
„Ich hätte nie gedacht, dass du auf diese Musik stehst, Albus!"
„So? Was dachtest du denn?"
„Na Pop, oder Folk!"
Albus schüttelte seinen Kopf. „Oy und das von dir, der nur Kitsch liest!"
Er bekam eine Kopfnuss und Scorpius näselte arrogant. „Das ist Literatur, verstehst du? Poesie!"
Einen Moment schwieg der Schwarzhaarige, bevor er zögernd nachhakte. „Apropos Poesie, Scorpius. Du bist doch Fan der Arsenals Harpies und unserer Quidditch Nationalmannschaft?"
„Jaah?" Vorsichtig setzte sich der Slytherin auf und musterte misstrauisch den Gryffindor neben ihm. Dessen selbstzufriedenen Gesichtsausdruck mochte er überhaupt nicht.
„Was machst du dann mit einem lebensgroßen Starschnitt von Isaac Scaufield, dem Topsucher der Welsh Berzerkers?"
Auf Scorpius' Wangen legte sich ein leuchtendes Rot, er deutete seitlich an die Wand. Albus sah, dass er irgendwie die Lippen bewegte, doch er konnte nicht das Geringste hören. Mit seiner Hand am Ohr neigte sich der Schwarzhaarige ihm zu. „Äh, was? Ich habe dich nicht verstanden."
Verschämt auf seine Schuhe blickend nuschelte Scorpius. „Ich finde ihn cool!"
„Aaaah! Und damit keiner sieht, welche Musik du hörst, oder auf wen du stehst, hast du einen Zauber auf die Poster legen lassen!"
„Ja genau! Und wenn du weiterhin so dämlich grinst, haue ich dir eins auf deine vorwitzige Nase, Rudolph!"
Respektvoll rutschte Albus ein wenig zurück. Zuzutrauen wäre es dem Blonden und der Gryffindor wollte heute Abend beim Essen bestimmt nicht am Tisch sitzen mit einer leuchtend, roten Nase, wie das berühmte Rentier.
„Weißt du Scorpius, ich finde es toll, dass du nicht ganz so steif und arrogant bist, wie du dich gibst!"
Hinterhältig grinste der Slytherin. „So, findest du?"
„Jap!"
„Na warte!"
Beide tobten durchs Zimmer und versuchten sich gegenseitig in den Schwitzkasten zu nehmen. Dabei war Scorpius durch seine Größe leicht im Vorteil, doch Albus machte diesen Nachteil durch seine Quirligkeit mehr als wett. Beiden stürzten auf einen der Sitzsäcke, die vor dem Kamin lagen. Sie waren eins der wenigen modernen Attribute in Scorpius Raum. Für Albus waren sie einfach saumäßig bequem und er lümmelte noch tiefer in das weiche Leder. Scorpius schüttelte neben ihm den Kopf, Albus war schon eine Marke. Der Slytherin rang in seinem Innern kurz mit sich selbst, doch dann zog er umso entschlossener seinen Zauberstab und flüsterte eine magische Formel. Zuerst geschah nichts, dann hob Albus verwirrt seinen Kopf und sah sich um.
„Was..."
An den Wänden traten verschiedene Poster hervor, und in Front von Scorpius Schreibtisch hing zwischen den beiden großen Fenstern eine Kinderzeichnung, die Gellert Grindelwald darstellte. Einen dunklen Magier, der von Albus Dumbledore besiegt wurde. Albus grinste, wie es aussah, hatte Scorpius so viel Vertrauen zu ihm gefasst, dass er den Zauber, der nur den Blonden die Poster sehen ließ, auf Albus erweitert hatte.
Es ertönte ein zögerliches Klopfen und dann traten zwei Hauselfen ein. „Mistress Malfoy ist der Überzeugung, dass die jungen Gentlemen bestimmt hungrig sind."
Sie deckten den kleinen Esstisch ein, der seinen Platz im Erker links neben der Leseecke hatte. Bei dem Anblick all der Leckereien, feinstem Teegebäck, Scoones und Gurkensandwichs, lief dem schwarzhaarigen Gryffindor das Wasser im Munde zusammen. Hinzu kam das köstliche Aroma des Tees und der Magen des armen Albus begann laut zu knurren.
„Hungrig?" Scorpius grinste ihn an.
Albus kam nur sehr mühsam aus dem Sitzsack hoch und setzte sich leicht verlegen auf einen Stuhl. „Jaah! Seit dem Frühstück hab ich nichts mehr zwischen die Kiemen bekommen."
Der Blonde nickte, während er seinem Freund Tee eingoss. „Hast du denn im Zug nichts gegessen?"
„Ich war zu aufgeregt! Was ist mit dir, du hast ja geschlafen, hast du keinen Hunger?"
„Ein wenig, aber lang ruhig zu!"
Das ließ sich der Schwarzhaarige nicht zweimal sagen, mit riesigen Augen schnappte er sich die Schalen mit Pastetchen und Sandwichs. Plötzlich kam ihm jedoch der Gedanke, dass er ziemlich verfressen wirken musste und schaute peinlich berührt drein. Dies amüsierte Scorpius und er zwinkerte ihm zu.
„Bitte Albus, bedien dich. Bei dir wundere ich mich eh, dass du nicht zunimmst."
Albus war Scorpius sehr dankbar für seinen lockeren Umgang mit seinen Essgewohnheiten. Zuhause wurde er immer damit aufgezogen. James machte sich jedes Mal darüber lustig. Ausgerechnet sein Bruder, der sich selbst benahm wie ein Ferkel am Trog. Seine Mutter sah ihn dann immer kopfschüttelnd an und selbst Lily, seine kleine Schwester, die ihn geradezu vergötterte, fing seit neustem an, missbilligend ihre Nase zu rümpfen. Nur sein Vater sagte nichts dazu. Harry imitierte zu Ginnys Leidwesen seinen jüngsten Sohn und beide grinsten sich dann jedes Mal mit vollen Backen an, wie zwei Lausejungs. Scorpius hingegen war ganz anders. Zögerlich knabberte er an seiner Pastete, oder nippte an seinem Tee. Als sich ihre Blicke trafen, konnte der Blonde an Albus' Grinsen erkennen, was dieser gerade dachte.
„Bevor du wieder moserst, was für ein Snob ich bin, möchte ich nur darauf hinweisen, dass ich einfach nur eine gute Erziehung genossen habe!"
Albus ignorierte den kleinen Seitenhieb auf seine Kinderstube. Er stützte sein Kinn in die Hände und säuselte dem Slytherin zu. „Ich würde nie von dir denke, dass du ein Snob bist, Scorpius! Ich kenne niemanden der so niedlich an seiner Pastete mümmelt wie du!"
Entsetzt verschluckte sich der Blonde und musste kräftig mit Tee nachspülen, um nicht zu ersticken. Das brachte Albus wiederum so zum Lachen, dass ihm der Tee aus der Nase sprudelte. Mit hochrotem Wangen sahen sie sich an und Scorpius war sehr froh darüber, dass er Albus zu Weihnachten eingeladen hatte und der Schwarzhaarige war mehr als froh darüber, zugesagt zu haben und dass es seinem Vater gelungen war, seine Mutter zu überreden, ihr Einverständnis dazu zu geben.
Der Nachmittag verging ziemlich schnell und ehe man es sich versah, war es an der Zeit für das Dinner. Überrascht sah Albus, dass man sich in Malfoy Manor zum Essen umzog. Er hatte sich in seine besten Sachen geworfen und hoffte wenigstens ein bisschen Eindruck auf Scorpius' Eltern zu machen. Ein abschließender Blick in den Spiegel seines Zimmers, zeigte ihm, dass ihm das weiße Hemd, der anthrazitfarbene Westover und seine Gryffindor Krawatte sehr gut standen. Er warf noch einen kritischen Blick auf seine Schuhe und stippte einen Fussel von seiner schwarzen Hose. Dann verließ er zufrieden sein Zimmer.
Das Dinner wurde in einem gemütlichen Esszimmer serviert, in dessen Kamin ein munteres Feuer prasselte. Draco hielt sich mit der Konversation ein wenig zurück, doch Astoria überschüttete Albus geradezu mit Fragen über ihn, seiner Familie und Hogwarts. Selbst ein zürnender Blick ihres Sohnes konnte sie nicht stoppen. Brav antwortete der Schwarzhaarige auf ihre Fragen und erst als Scorpius seinen Vater flehend anstarrte, sprang Draco dem Gryffindor bei. Ein etwas gestelztes Hüsteln seinerseits ließ Mrs. Malfoy ein Einsehen haben.
Später am Abend hatte sich die Familie in einen Salon zurückgezogen. Mrs. Malfoy saß bei einer kleinen Tasse Mokka, in einem bequemen Lehnstuhl und blätterte in einem ledergebundenem Büchlein. Nun wusste Albus auch, von wem Scorpius seine Leidenschaft für literarische Bücher hatte. Draco seinerseits fand sich unverhofft bei einer Partie Schnapp explodiert wieder, nachdem Albus ihn in seiner ungestümen Art, dazu aufgefordert hatte. Entgegen seinem Naturell ließ er die beiden Jungens gewinnen und hatte seinen Spaß an der Freude der beiden. Laut lachte der weißblonde Magier auf und räusperte sich verlegen, als er sah, dass ihm seine Frau über den Rand ihres Buches hinweg belustigte Blicke zuwarf.
Als es schließlich an der Zeit war, dass die Kinder ins Bett gingen, zog sich Draco in sein Arbeitszimmer zurück. Die Tür blieb wie immer offen, während er an seinem Schreibtisch saß. Schnell überflogen die wolfsgrauen Augen die Korrespondenz und er legte die Briefe, die er am nächsten Tag beantworten würde, in eine Schale. Der Rest verschwand in einem Papierkorb. Draco goss sich einen Sherry ein und mit geschlossenen Augen, das Glas in der Hand leicht schwenkend, ließ der Blonde seine Gedanken treiben. Seltsamer Weise hatte es ihm einen kleinen Stich versetzt, als feststand, dass Harry nicht zum Bahnhof nach Kings Cross kommen würde. Zwanzig Jahre waren halt doch eine lange Zeit und im Sommer hatte Draco es nicht fertig gebracht Harry anzusprechen. Nicht mit dem halben Wieselrudel um sich herum. Sanft rann der Sherry seine Kehle hinab und wärmte Draco von innen. Ein leises Geräusch weckte seine Aufmerksamkeit und ließ ihn die Augen öffnen. Albus stand ein wenig unschlüssig in der Tür, er hatte an den Türrahmen geklopft. Amüsiert musterte Draco den Kleinen und konnte sich gerade noch ein breites Grinsen verkneifen. Der Gryffindor steckte in einem etwas zu großen Schlafanzug. Zinnoberrot, übersät mit Goldenen Schnatzen sah er einfach zu drollig aus.
„Was kann ich für dich tun, Albus?"
„Nun... ich... mir ist gerade eingefallen... Gehen wir morgen eigentlich noch einkaufen, Mister Malfoy?" Er leckte sich über die trockene Unterlippe. „Ich hatte noch keine Gelegenheit ein Geschenk für Scoop zu besorgen."
Eine von Dracos Augenbrauen wölbte sich elegant und Albus ahnte, von wem sich sein Freund diese Angewohnheit abgeschaut hatte.
„Scoop?"
„Das ist mein Spitzname für Scorpius."
„Ich kann mir kaum vorstellen, dass ihm das gefällt."
„Tut es auch nicht!"
Nun musste Draco wirklich lachen. „Wir werden morgen Vormittag nach London fahren."
Albus wirkte erleichtert, doch plötzlich fiel ihm ein, dass er gar kein Geld dabei hatte. „Ähem, könnten sie mir etwas Geld leihen, Mr. Malfoy, Sir? Dad gibt es ihnen bestimmt wieder!"
Draco zog einen kleinen Beutel aus der Tasche seiner Hausjobbe. „Keine Bange, dein Vater hat mir heute seine Eule geschickt, die offen gesagt einer der hässlichsten Vögel ist, die ich je gesehen habe. Hier ist Geld für deine Auslagen!"
Harry hatte an alles gedacht und Albus war sehr erleichtert, wollte er doch unbedingt Scorpius etwas Besonderes schenken. Er wünschte Draco artig eine gute Nacht und tapste müde zu seinem Zimmer, dass Mrs. Malfoy gegenüber Scorpius Zimmer eingerichtet hatte.
Nachdenklich wog Draco den Beutel in seiner Hand. Im Geiste ging er nochmals die Zeilen des Briefes durch, den Harry dem Geld beigefügt hatte. Der Gryffindor hatte sich besonders herzlich bei Draco bedankt, dass dieser Albus bei sich aufnehmen wollte. Er drückte sein Bedauern aus, dass er nicht am Bahnhof sein würde und erklärte die Gründe. Ein wenig war Draco erstaunt, dass Harry nicht weiter darauf einging, dass sich ihre Söhne angefreundet hatten. Irgendwie schien es Harry zu gefallen, im Gegensatz zu seiner Familie. Draco wusste, dass Ginny dieser Freundschaft nicht wohlwollend gegenüber stand. Er seufzte, Astoria hatte Recht, irgendwie tat diese Freundschaft Scorpius gut. Selten zuvor hatte Draco seinen Sohn so enthusiastisch erlebt. Scorpius war im Umgang mit anderen Kindern immer sehr reserviert, er ließ niemand an sich heran. Draco wusste nur zu gut, dass er und seine Vorgeschichte Schuld an der gesellschaftlichen Isolation seiner Familien waren. Der blonde Slytherin musste viele Demütigungen und Schmähungen in den letzten zwanzig Jahren ertragen. Und am schlimmsten dabei war diese scheinheilige Brut von Magiern, die bei der Machtergreifung Voldemorts, ach so willfährig waren und sich aus Angst um ihr jämmerliches Leben an der Übernahme des Ministeriums beteiligten. Das ganze Pack sollte sich gefälligst zum Teufel scheren. Das einzige was Draco bereute, war dass seine Familie darunter zu leiden hatte, insbesondere sein Sohn. Er nahm einen weiteren Schluck. Nur zu gern hätte er Harry im September auf dem Bahnsteig angesprochen. Nach all den Jahren sah der Gryffindor immer noch gut aus.
Albus fand diese Nacht kaum Schlaf. Er vermisste seinen Vater und wälzte sich unruhig in seinem Bett hin und her. Die ungewohnte Umgebung tat das ihrige dazu. Der Wind heulte schaurig um das alte Gemäuer und in seinem Inneren gab es die unheimlichsten Töne von sich. Mitten in der Nacht lag er da, wach und mit einem heftigen Anflug von Heimweh fühlte sich Albus sehr einsam.
Diese Probleme hatte Scorpius, der in seinem eigenen Zimmer schlief nicht. Er liebte das alte Haus, mit seinen knarzenden Geräuschen im Gebälk. Es hatte etwas von einem alten Segelschiff. Von einem dringenden Bedürfnis geweckt, öffnete Scorpius widerstrebend die Augen. Murrend lag er eine Zeit lang einfach so da, bevor er grummelnd in seine Pantoffeln schlüpfte und träge ins Bad schlurfte. Kurze Zeit später kam er erleichtert wieder heraus und wollte nichts lieber, als zurück in sein mollig, warmes Bett. Mit einer Hand auf der Türklinke hielt er in der Bewegung inne. Sein Blick wanderte zur Tür von Albus' Schlafraum und er fragte sich wie es wohl seinem Freund erging. Und so beschloss er nach Albus zu sehen. Zaghaft öffnete Scorpius die Tür und lugte ins Dunkel. Kein Geräusch war zu hören und so näherte er sich dem Bett und war sehr überrascht es leer vorzufinden. Wo war der Gryffindor? Nachdenklich runzelte Scorpius die Stirn und sah sich um. Da entdeckte er den großen Ohrensessel vor dem Fenster. Dies war ungewöhnlich, denn normalerweise stand das Möbel vor dem Kamin. Bemüht leise zu sein, schlich sich der Blonde von hinten an den Sessel und spähte über die hohe Lehne. Da lag Albus, zusammengekauert, sein Kissen an sich gedrückt, mit dem Kopf auf der Armlehne. Seine Augen, die so grün wie das Meer waren, betrachteten verträumt den Mond. Plötzlich blickten sie Scorpius direkt an. Der Blonde lächelte und wuschelte durch Albus' störrisches, rabenschwarzes Haar.
„Na, kannst du nicht schlafen?" Albus schüttelte den Kopf und Scorpius wurde ernst. „Hast du Heimweh?"
„Ja, ein bisschen. Ich vermisse meinen Dad und das Haus macht so komische Geräusche."
„Ich weiß! Es kann hier schon ein wenig Furcht einflössend sein, aber wenn man hier länger wohnt und sich daran gewöhnt hat, dann wiegt es einen in den Schlaf. Weißt du, Albus, es ist halt ein altes Haus und da arbeitet es stark im Gebälk."
Verstehend nickte Albus und Scorpius musterte ihn abwartend. „Möchtest du bei mir schlafen?"
„In deinem Bett?"
Scorpius wölbte eine Augenbraue. „Natürlich! Dachtest du auf dem Boden?"
„Gern!"
Sein Kissen immer noch umklammernd, schlüpfte Albus in seine Hausschlappen und folgte dem Blonden in dessen Zimmer. Er schob Scorpius' Kissen ein wenig zur Seite, legte seines daneben und krabbelte umständlich unter die Decke. Scorpius wartete etwas, bis Albus lag und löschte das Licht. Schnell schlüpfte er zu Albus unter die Decke und wandte sich ihm zu. Albus' Augen funkelten in dem fahlen Licht das der Mond durch die Fenster warf.
„Hast du Platz genug?"
„Soll dass ein Witz sein? Dein Bett ist gut doppelt so breit wie meins!"
„Möchtest du, dass ich die Vorhänge schließe?"
„Es wäre schön, wenn sie offen blieben. Ich mag das Mondlicht."
Scorpius nickte und mummelte sich tiefer in sein Federbett. Der Schwarzhaarige rutschte näher an ihn heran, schob einen Arm unter den Slytherin und barg sein Gesicht an dessen Schulter. Scorpius schaute etwas verdutzt in die Dunkelheit, während Albus neben ihm hin und her rutschte, bis er bequem lag. Albus schnupperte ein wenig und nuschelte.
„Hm, du duftest gut!"
Dann herrschte Ruhe. Zuerst wartete er noch eine Weile, doch dann legte der Blonde vorsichtig seine Arme um Albus, der leise anfing zu Schnarchen. Scorpius musste einfach grinsen, das Geräusch erinnerte an eine schnurrende Katze. Sanft streichelte Scorpius die schwarzen Haarsträhnen.
„Aber wehe du sabberst im Schlaf!"
Nach einiger Zeit schloss er müde seine Augen. Es war ungewohnt für Scorpius, das Bett nicht allein für sich zu haben und einen fremden, warmen Körper neben sich zu spüren. Doch es war ein angenehmes Gefühl und das leise, regelmäßige Schnarchen lullte ihn ein, bis der Blonde allmählich ins Reich der Träume hinwegdämmerte.
Tbc...
