Gespenster der Vergangenheit

Die kommenden Tage vergingen wie im Fluge und Sylvester war schneller vorüber, als es Albus sich träumen ließ. Er schwelgte noch in Erinnerungen an das wundervolle Feuerwerk, dass Draco den Abend zuvor gezaubert hatte. Noch Stunden später, als sie schon längst Bett lagen, schwärmten die beiden Jungen von all den Farben, Motiven und Explosionen.

Ein wenig müde saß er auf Scorpius' Bett und blätterte im Quibbolino, dem Magazin für junge Magier und Hexen. Doch zum Lesen hatte er keine Lust. Albus verspürte eine Traurigkeit die ihn schon den ganzen Morgen über plagte. Er war sich bewusst darüber, dass heute sein letzter Tag auf Malfoy Manor angebrochen war und dies machte ihn traurig. Albus freute sich schon darüber, wieder zurück nach Hogwarts zu kommen und seine Familie und Freunde am Bahnhof wieder zu sehen. Doch dies bedeutete auch, dass er Scorpius nicht mehr allein für sich haben würde und das machte ihm mehr zu schaffen als er es für möglich gehalten hatte. Seufzend legte er das Magazin zur Seite und warf noch mal einen letzten Blick auf ihre Koffer, die für die Abreise schon gepackt waren. Mrs. Malfoy steckte den Kopf zur Tür herein.

„Na Albus, keine Lust auf Frühstück?"

„Nein!"

Ein Lächeln legte sich auf ihr Gesicht und sie setzte sich zu Albus aufs Bett. Sie nahm seine Hand in die ihre. „Was ist los Al? Hast du etwas?"

Der Junge starrte auf seine Schuhspitzen, während er ganz leise sprach. „Irgendwie ticke ich falsch!" Er wartete ob Mrs. Malfoy noch etwas sagte, doch sie schwieg und so fuhr er fort. „Ich freue mich schon irgendwie wieder nach Hogwarts zu kommen, meine Familie am Bahnhof wieder zusehen und meine Freunde. Trotzdem fühl ich mich traurig!" Er sah sie direkt an. „Es hat mir hier sehr viel Spaß gemacht und ich werde sie vermissen, Mrs. Malfoy! Und auch Mr. Malfoy!"

„Aw, das ist lieb von dir, Al! Ich werde dich auch sehr vermissen!"

Scheu lächelte er sich an. „Na ja, wenn wir erst wieder in Hogwarts sind, wird Scoop nicht mehr so viel Zeit mit mir verbringen. Wir sind in verschiedenen Häusern, dann haben wir auch nicht jeden Unterricht zusammen..."

Er schwieg und spürte, wie Mrs. Malfoy seine Hand sanft drückte. „Was ich bis jetzt mitbekommen habe, verbringt ihr doch viel Zeit miteinander, oder? Sieh es mal von der Seite, Al. Wenn ihr euch nicht den ganzen Tag über seht, dann werden die gemeinsamen Momente umso wertvoller." Sie sah seinen Gesichtsausdruck und lächelte leise. „Ach Al, ich kann mir vorstellen, dass es für einen quirligen Jungen wie du es bist, äußerst schwer ist Geduld zu haben, aber du bist Scorpius' Freund, sein bester Freund und wenn es nach Scorpius geht sein einziger Freund! Wie du siehst bist du für ihn der wichtigste Mensch, außer Draco und mir..." Sie wuschelte durch seine Haare. „Das sollte es dir leichter machen!" Sie erhob sich und hielt ihm die Hand hin. „Na komm, leiste uns beim Frühstück Gesellschaft!"

Albus nickte und folgte ihr zum Salon.

Am frühen Nachmittag waren alle bereit für die Fahrt nach Kings Cross. Das Gepäck der Jungs war schon in den Maybach verladen und Albus hatte gerade die Käfige mit Trudy und Antares in den Font des Wagens gestellt. Das kraftvolle Aufbrummen eines Motors ließ ihn sich umdrehen und er staunte nicht schlecht, als ein silberner Sportwagen vorfuhr. Mit riesigen Augen starrte Albus den Mercedes an, der neben dem Maybach hielt. Die Fahrertür schwang schräg nach oben hin auf und gab den Blick auf Draco Malfoy frei, der liebevoll über das edle Lenkrad streichelte und Albus dann angrinste.

„Na Albus, gefällt dir der Wagen?"

„Wouw! Das ist ein Traum! Was ist das für einer?"

Elegant entstieg Draco dem Wagen und sah auf ihn hinab. „Ein Mercedes-Benz SLR McLaren 722 Edition!"

Vorwitzig steckte Albus den Kopf in das Innere des Wagens und staunte. Während das Äußere pure Kraft und Schnelligkeit ausstrahlte, vereinte die Innenausstattung Sportlichkeit und Eleganz.

„Fahren sie den oft, Mr. Malfoy?"

Draco lachte. „Nein, der Wagen ist eher mein Spielzeug! Tja, wie du siehst haben auch Männer ihre Spielsachen."

Albus grinste, nach einem letzten Blick ins Wageninnere schaute er nochmals zu Draco. „Schade, dass sie nicht mit zum Bahnhof kommen. Scorpius wird bestimmt sehr traurig sein!"

„Es lässt sich leider nicht ändern. Scorpius versteht das, er ist ein Malfoy!"

In Albus' Gesicht standen all seine Emotionen geschrieben und Draco konnte sehen, dass der Junge eine andere Meinung darüber hatte. Albus' Sorge galt Scorpius und wie er seinen Vater am Bahnhof vermissen würde. Natürlich wusste der Gryffindor, dass sein Freund sich eher die Zunge abbeißen würde, als dies zuzugeben. Draco musste lächeln, es rührte ihn irgendwie, dass dieser Junge sich so sehr um seinen Sohn sorgte. Langsam ging er vor Albus in die Hocke und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Sieh mal Albus, ich gehöre zum Vorstand von Gringotts und ich muss heute arbeiten. Mir geht es irgendwie so, wie es deinem Vater letzte Woche erging. Ich habe meinen Sohn sehr lieb und dass weiß Scorpius auch!"

Albus nickte. „Es ist trotzdem schade!"

„Das finde ich auch. Was ist mit dir, freust du dich denn schon auf Hogwarts?"

„Irgendwie schon, aber ich werde Malfoy Manor vermissen!"

Draco grinste, dass er diese Worte mal aus dem Munde eines Potters zu hören bekäme, hätte er sich wahrlich nicht gedacht. Mit Skepsis betrachtete er die Tatsache, dass er sich hier so um den Finger wickeln ließ, aber diesem Jungen konnte man einfach nicht böse sein, Malfoy hin oder her.

„Es war schön dich hier zu haben und du bist jeder Zeit hier willkommen Albus!"

„D-danke, Mr. Malfoy!"

Verlegen schaute Albus den Magier an und Draco nickte ihm zu. „Was hast du sonst noch auf dem Herzen?" Er konnte sehen, dass der Junge mit sich rang und etwas sanfter machte er ihm Mut. „Na los Albus, raus damit! Ich werde dich schon nicht auffressen!"

„Mr. Malfoy, warum haben Sie und mein Vater sich nicht verstanden?"

„Ah, das ist eine diffizile Frage, mein Lieber! Hat dir dein Vater dazu nichts gesagt?"

„Nicht viel, er meint es hätte sich halt so ergeben."

Draco nickte bedächtig. „Hm, ich würde sagen, es lag an einer Mischung aus Ignoranz, Arroganz und verletztem Stolz!" Albus öffnete den Mund, doch Draco schüttelte den Kopf. „Ein andermal Albus, wenn dein Vater damit einverstanden ist." Draco erhob sich und schaute zum Eingang seines Hauses, aus dem gerade Scorpius und Astoria traten. Er legte die Hand auf Albus' Schulter und drückte sie aufmunternd. „Also, ich wünsche dir eine schöne Zeit in Hogwarts."

Damit trat er zu Scorpius, der ihm entgegensah und seine Hand hinhielt. „Vater, es wird Zeit sich zu verabschieden!"

„Steif wie ein Stockfisch, was?" Kurz blitzte so etwas wie Empörung in den grauen Augen des Jungen auf, doch er verzog keine Miene. Schließlich nahm Draco die Hand seines Sohnes. „Dann komm gut nach Hogwarts und hab eine schöne Zeit!"

„Nun, ich dachte ich nutze sie zum Lernen!"

Draco lachte. „Das ist mein Sohn!" Er wusste dass Scorpius es hasste wie die Pest, aber trotzdem wuschelte er ihm durch die sorgsam frisierten Haare. „Sei bloß nicht zu vorlaut! Ich sage dir jetzt eins, die Zeit in Hogwarts gehört zu den prägensten Jahren eines Magiers und diese sieben Jahre sind verflucht kurz! Lass sie nicht einfach so verstreichen!"

„Wolltest du nicht lieber nach Durmstrang, Vater?"

„Es hat schon seine Gründe, warum ich dir nicht viel aus der Zeit erzähle!" Scherzte Draco gespielt pikiert. Er genoss es Scorpius kichern zu sehen und wurde dann wieder etwas ernster. „Ich muss jetzt los..." Er umarmte seinen Sohn und gab ihm einen Kuss aufs Haar. „Mach mich stolz!"

Scorpius nickte und sah zu dem Sportwagen. „Willst du Eindruck schinden?"

„Nein, dass hab ich nicht nötig! Es macht einfach Spaß ihn zu fahren und es gibt ein paar Leute im Vorstand, deren Gesichter sehen zum Schießen aus wenn sie vor Neid beinahe platzen!"

Ein letztes Mal umarmten sie sich und dann verabschiedete sich Draco von seiner Frau. Liebevoll küsste er sie auf die Wange und stieg in den Mercedes. Sie sahen ihm nach, bis der Wagen außer Sichtweite war, dann forderte Mrs. Malfoy die Jungs zum Einsteigen auf.

Auf dem Bahnsteig zu Gleis neun dreiviertel herrschte wieder einmal das übliche Treiben. Schüler eilten in Gruppen umher, suchten bekannte Gesichter und verabschiedeten sich von ihren Verwandten und Freunden. Eingehüllt in die umherwabernden Dampfschwaden stand der Hogwarts-Express, die majestätische rotschwarze Lock an seiner Spitze. Mrs. Malfoy gab gerade Anweisungen an einen Gepäckträger, der sich um die schweren Truhen der Jungs kümmerte, als Albus plötzlich seinen Namen hörte. Er sah sich um und entdeckte seine Mutter, die zusammen mit James und Lily etwas abseits. Er konnte auch Fred jr., Polly und Tante Angelina sehen und als er sich etwas auf die Zehenspitzen stellte bemerkte er die buschigen Haare Tante Hermiones, die sich mit Onkel Ron unterhielt. Albus wartete einen Moment, aber Ginny machte keine Anstallten zu ihm zu kommen. Es sah eher so aus, als erwartete sie, dass er zu ihr kam. Der Schwarzhaarige empfand dies als sehr unhöflich und wusste nicht recht, was er tun sollte. Unsicher warf er Mrs. Malfoy einen Blick zu, die ihn aufmunternd ansah.

„Geh schon Albus, deine Mutter erwartet dich!"

Man konnte ihr nicht ansehen, ob sie über Ginnys Verhalten enttäuscht, oder verletzt war. Sie nahm Albus in den Arm, der sich bei ihr verabschiedete und sich nochmals aufs herzlichste für ihre Gastfreundschaft bedankte. Scorpius konnte sehen, dass Albus der Meinung war, dass seine Mutter das ebenfalls tun sollte und wie sehr er sich über ihr Verhalten schämte.

„Na los Albus, ich kümmere mich um deine Tasche und Trudy!"

„Ehrlich?"

„Jetzt mach schon!"

Albus nickte, winkte noch mal Mrs. Malfoy zu und lief dann zu seiner Familie. Der Empfang war mehr als herzlich, Ginny drückte ihn fest an sich und streichelte ihm liebevoll durch seine störrischen Haare.

„Na, wie geht es meinem Küken? Alles in Ordnung?"

Er nickte knapp und ließ sich einen Kuss auf die Stirn drücken. Er sah zu Ron hoch, der zu ihnen trat und ihn angrinste. „Na Champ, hast du den Malfoykerker überlebt?"

„Ron!" Hermione stupste ihren Gatten an, der sich köstlich darüber amüsierte, als Albus empört aufbegehrte, dass es in Malfoy Manor keinen Kerker gab.

„Oy, da täusch dich mal nicht! Deine Tante Herm, Harry und ich hatten das zweifelhafte Vergnügen einmal dort ‚Gast' gewesen zu sein!"

In Albus' Inneren rumorte es. Wie ein bockiges Kind starrte er Ron und seine Mutter an. „Scorpius' Eltern waren sehr nett zu mir!"

Ginny schnaufte. „Das wäre auch noch schöner, nach allem was dein Vater für Malfoy getan hat!"

„Und wieso bist du eigentlich nicht zu uns gekommen, Mutter?"

Sie zuckte mit den Schultern. „Sie hätte ja auch zu mir kommen können!"

Albus stand kurz vorm platzen. „Das war sehr unhöflich, Mutter!"

Mit einem Male färbten sich Ginnys Wangen knallrot. „So redest du nicht mit deiner Mutter, Albus Severus Potter!"

„Vater findet das bestimmt auch nicht gut!"

Jetzt war es an Ginny ungehalten zu werden. Ihre Augen funkelten und ihre von Sommersprossen umrahmten Nasenflügel bebten regelrecht. „Wie du siehst ist dein Vater mal wieder nicht da!"

Sie starrten sich an. Irgendwie schien alles aus dem Ruder zu laufen. Plötzlich fing auch noch Lily an zu weinen, weil sie sich ignoriert fühlte und Albus mit Mutter stritt. Ginny mäkelte an seinem Verhalten rum und der Gryffindor fühlte sich genötigt, seinen Standpunkt klar und deutlich zu wiederholen. Schließlich stritten sich auch noch Ginny, Hermione und Ron untereinander. James, der absolut keine Lust hatte in den allgemeinen Sog des Trubels hinein zu geraten, trat zusammen mit Fred jr. und Polly den Rückzug an. Sie gesellten sich zu Angelina und Bill, die Fleur dabei halfen, Victoires Sachen in den Zug zu verladen. Ein wenig irritiert wies Bill zu der lärmenden Gruppe.

„Äh, was...?"

James seufzte. „Al hat Weihnachten bei Malfoy verbracht und Mutter ist sauer, weil sie mal wieder vor vollendete Tatsachen gestellt wurde. Na ja, Paps ist nicht da und Onkel Ron hat nicht umsonst, nie einen Preis für Diplomatie gewonnen."

Bill winkte grinsend ab. „Typisch Ginny, hat ein Temperament wie ein Norwegischer Stachelbuckel!"

George, der sich kurz zuvor mit dem kleinen Hugo auf dem Arm zu ihnen gesellt hatte räusperte sich skeptisch. „Chrm, vielleicht sollte sich unser Schwesterlein mal fragen, warum der liebe Harry so oft überstunden macht!"

Angelina stieß ihn unsanft in die Rippen und schüttelte den Kopf, aber James beruhigte sie schnell. „Keine Angst, Tante Lina! Ich hab schon bemerkt, dass sich Paps und Ma in letzter Zeit oft streiten."

„Du weißt, dass zurzeit im Ministerium viel los ist..." Sie zuckte mit den Schultern. „Die Aurorenkonferenz, da ist Harry halt sehr eingespannt."

„Schon, aber Vater ist der Chef der Auroren, da kann er auch einen Assistenten mit den Problemen betrauen. Wenn er will!"

„Du weißt doch wie dein Vater ist, James! Er würde von niemanden etwas verlangen, dass er nicht selbst auch bereit ist zu tun! Als Chef opfert er lieber seine Freizeit, als es einem Untergebenen aufzubürden!"

Widerwillig seufzte James auf. Angelina hatte ja Recht, Harry Potter war nun mal so! Deswegen kam es schon öfters Zuhause zum Streit. Angelina sah das ebenso, besonders seit der Zeit, als Ginny Kinder bekam und ihre Karriere als Sucher bei dem Quidditch-Team der Holyhead Harpies aufgab, zugunsten einer Teilzeitstelle beim Daily Prophet als Sportreporterin. Ginny wollte für ihre Kinder da sein und sah sich des Öfteren von Harry zurückgesetzt und ungerecht behandelt. Tröstend nahm George seinen Neffen beiseite.

„Lass dir gesagt sein, es ist nicht immer leicht mit Ginny. Ich bin ihr Bruder und kenne sie, seit sie auf der Welt ist. Ginny hat immer gerne Oberwasser, aber Harry ist nun mal nicht der Typ, der sich unterordnet." Er drückte James' Schulter. „In jeder guten Ehe fliegen mal die Fetzen, mach dir da mal keinen Kopf drum!"

Unterdessen verbarg Albus seine Enttäuschung darüber, dass sein Vater wieder nicht zum Bahnhof kam, so gut er konnte. Er hatte keine Lust mehr, sich mit seiner Mutter zu streiten und kümmerte sich um seine kleine Schwester. Nachdem er Lily wieder beruhigt hatte, entschuldigte er sich bei ihr für den ganzen Ärger. Als es der Anstand einigermaßen zuließ, verabschiedete sich Albus bei seiner Familie und stieg in den Zug. Ohne nach links und rechts zu schauen stapfte er durch die Gänge, bis er Scorpius gefunden hatte. Der bemerkte schon als Albus ins Abteil trat, den abrupten Stimmungswandel des Gryffindor.

„Wer ist dir denn über sie Leber gelaufen?"

Albus zog seine Winterjacke aus und ließ sich neben dem Blonden in den Sitz fallen. „Meine Mutter!" Er verschränkte die Arme vor der Brust und schob die Unterlippe vor. „Ich fand es ziemlich unhöflich von ihr, wie sie sich deiner Mutter gegenüber verhalten hat und dass nachdem ich so freundlich von euch aufgenommen wurde!"

Ungerührt zuckte Scorpius mit den Schultern. „Das ist für uns nichts Neues! Es ist zwar mit der Zeit ein wenig besser geworden, doch viele verhalten sich nach wie vor abweisend meiner Familie gegenüber!"

„Und ich dachte Onkel Ron ist cool, dabei benimmt er sich voll blöd!"

Der Schwarzhaarige war wütend und es hielt ihn nicht länger auf seinen Sitz. Brummend lief er hin und her, sah unschlüssig zu Scorpius und dann wieder aus dem Fenster.

„Und Dad war wieder nicht da!"

Der Pfiff der Dampflok ertönte und das Stimmengewirr auf dem Bahnsteig schwoll an. Die grünen Augen des Gryffindor schweiften über die in Dampfschwaden gehüllte Menge, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Wieder ließ die Lok ihr schrilles Pfeifen ertönen, dann hörte man das knappe, scharfe Zuschlagen der Türen und mit der Zeit setzte sich der Zug ganz langsam in Bewegung. Albus atmete tief durch und betrachtete die vorbeiziehenden Häuser Londons. Er hörte wie die Abteiltür geöffnet wurde und drehte sich um.

„Na Al, ich hoffe du hast mich nicht allzu sehr vermisst!"

„Dad!"

Mit riesigen Augen starrte der Junge seinen Vater an, der das Abteil betrat. Freudig lief Albus auf Harry zu und sprang ihm mit einem Satz um den Hals, dass dieser nach hinten stolperte und mit seinem Sohn auf den Knien auf die Sitzbank fiel.

„Paps! Ich war so enttäuscht!"

„Tut mir Leid, Al! Ich konnte mich einfach nicht früher loseisen, aber dafür fahre ich mit euch bis nach Hogsmeade!"

„Was? Ehrlich?"

Harry nickte lachend, dann schaute er zu Scorpius und zwinkerte ihm zu. „Hi, du musst bestimmt Scorpius sein!"

Der Blonde reichte ihm die Hand. „Ja, das stimmt, ich bin Scorpius Hyperion Malfoy! Angenehm sie kennen zu lernen, Mr. Potter!"

Beide Potters grinsten und Harry schüttelte Scorpius die Hand. „Formvollendet wie es sich gehört! Hast du ein schönes Weihnachtsfest gehabt und..." Er zog die Augenbrauen zwei-, dreimal nach oben. „...ich hoffe, Albus hat dich nicht allzu sehr geärgert?"

„Pa-a!"

Albus sah ihn empört an, doch der Slytherin winkte lässig ab. „Nicht mehr als sonst auch!"

„Scorpius!"

Alle drei begannen zu lachen und Scorpius war erstaunt wie jung Harry wirkte, mit seiner schalkhaften Art und seinem spitzbübischen Lächeln. Dabei war er doch im selben Alter wie sein Vater. Aber Harry Potter war so völlig anders, als ihn sich der Junge vorgestellt hatte. Groß, hager und in eine kleidsame, burgunderrote Lederrobe gewandet, strahlte der Auror eine Kraft und Agilität aus, die einem Respekt abnötigte. Gleichzeitig lag eine tiefe Ruhe und Ausgeglichenheit in seinem Wesen, die seiner Erscheinung einen sanften Zug verliehen. Doch am faszinierendsten waren für Scorpius Harrys Augen, die hinter der Brille mit den runden Gläsern in einem strahlenden Grün funkelten. Sie musterten den blonden Jungen sehr genau und es entging ihnen nicht die kleinste Gefühlsregung. Kurz blitzte die sagenumwobene, Narbe auf, nur mäßig von einigen der wirren Haarsträhnen verdeckt. Jetzt, da ihm Albus und sein Vater gegenüber saßen, konnte Scorpius auch die erstaunliche Ähnlichkeit der beiden sehen, die durch das jungenhafte Wesen des Älteren noch unterstrichen wurde. Dieselben Augen, dieselben Gesichtszüge, dasselbe kohlrabenschwarzen Haar, das an Harrys Schläfen von einigen grauen Strähnen durchzogen war. Irgendwie konnte sich der Slytherin nicht helfen, aber er mochte Harry Potter.

„Ich möchte mich für die Weihnachtsgeschenke herzlich bedanken, Mr. Potter!"

„Gern geschehen, ich hoffe du kannst die Schulsachen gut gebrauchen."

„In der Tat! Obwohl..." Der Junge kramte in der Tasche seines Mantels, holte ein rotes Samtetui hervor und ließ es aufschnappen. Darin lag ein unscheinbarer goldener Ball, dem plötzlich Flügel wuchsen. Der kleine Goldene Schnatz sirrte flink in die Luft und wurde sicher von Scorpius gefangen. „...woher wussten Sie, dass ich gerne Sucher sein würde?"

Harry lächelte. „Ich kenne deinen Vater! Außerdem hat Al mir ein paar Sachen über dich geschrieben."

„Aja!" Scorpius musterte Albus, der ertappt mit den Augen rollte.

Dann begann Albus von Malfoy Manor zu erzählen, wie er von den Malfoys mit so viel Herzlichkeit aufgenommen wurde. Er schwärmte von dem leckeren Essen, dem Ausflug nach London und seinen Geschenken. Stolz präsentierte er Harry seinen Pullover den Mrs. Malfoy ihm geschenkt hatte. Doch mit einem Mal wurde Albus rot und er sah seinen Vater betreten an. Siedendheiß fiel ihm ein, dass er vor lauter Vorfreude auf Scorpius' Familie völlig vergessen hatte, seiner eigenen etwas zu schenken.

„Ich habe völlig die Geschenke für dich, Ma, Lily und James vergessen!"

Er druckste verlegen rum und Harry legte ihm beruhigend den Arm um die Schultern. „Dafür habe ich aber daran gedacht und für jeden eine Kleinigkeit von dir unter den Baum gelegt." Harry musste sehr an sich halten, um nicht laut aufzulachen da Albus ihn mit riesigen Kulleraugen ansah. „Bevor ich es vergesse, Ma bedankt sich für das tolle Parfum und das Selbstreinigende Topfset, James ärgert sich über den bunten Schal und Lily ist total glücklich mit ihrem Knuddeltroll!"

Albus war sprachlos und wusste nicht wie ihm geschah. Sein Vater hatte sich um alles gekümmert und auch Geschenke besorgt, die zu ihm passen würden. Kleinlaut begann er zu nuscheln.

„Danke, Dad! Dabei hast du soviel um die Ohren! Und ausgerechnet für dich hab ich nichts!"

„Ach Al, ich freu mich darüber, dass ich du mich vermisst hast!"

Albus herzte seinen Vater und zeigte ihm dann noch die Quidditch-Handschuhe, die er von Draco Malfoy geschenkt bekommen hatte. Harry streifte mit den Fingerspitzen über das eingestickte Monogram und pfiff anerkennend.

„Tja, Malfoy war Sucher mit Leib und Seele!"

„War mein Vater ein guter Sucher?"

Harry sah in die wolfsgrauen Augen, die ihn forschend musterten. Es hätten genauso gut die Augen seines ehemaligen Widersachers sein können.

„Ja, er war einer der besten Sucher gegen die ich angetreten bin!"

Zwar nickte der Blonde, schien aber nicht so ganz überzeugt. „Aber gegen Sie, hatte er nie eine Chance."

Harry lächelte. „Dein Vater war zu sehr darauf versessen mich zu schlagen, so dass er das Spiel öfters aus den Augen verlor. Aber wenn Draco gegen Ravenclaw oder Hufflepuff spielte, war es eine Freude ihm dabei zuzusehen!"

Der Junge lächelte glücklich und Harry bemerkte, dass er eben wie selbstverständlich Dracos Vornamen benutzt hatte. Aus den Augenwinkeln nahm er eine Bewegung war und sah, dass der Gang vor ihrem Abteil mit Schülern übersät war, die sich an der Tür die Nase platt drückten. Selbst nach all den Jahren hasste Harry dieses angestarrt werden und rutschte unbehaglich auf seinem Platz herum. Doch plötzlich sprang Scorpius auf, ging zum Gang und zog einfach die Vorhänge zu. Gerade als er sich umgedreht hatte, wurde die Tür geöffnet. Scorpius hörte ein „Sorry Folk, aber wir gehören zur Familie!" und James, Fred jr., Rosie und Victoire drängten sich ins Abteil, gefolgt von Zabini und Bulstrode. Skeptisch hob Scorpius eine Augenbraue und starrte die Beiden an.

„Ihr gehört zur Familie?"

Nicola grinste wie ein Schaaf und legte ihm den Arm um die Schultern. „Irgendwie schon!"

„Aha!"

Nur mäßig amüsiert verdrehte Scorpius die Augen und setzte sich zurück auf seinen Platz am Fenster. Er fühlte sich nicht wohl, denn es waren ihm eindeutig zu viele Menschen anwesend. Es war laut und er wünschte sich, er wäre allein. Hatte diese ganze Bagage den kein eigenes Abteil? Sie quetschten sich auf die verbleibenden Sitzplätze und Albus setzte sich wie selbstverständlich auf Scorpius' Schoß. Genervt sah der dem Schwarzhaarigen auf den Hinterkopf und raunte ihm zu.

„Ich hoffe du sitzt bequem?"

„Ja, ja, alles Bestens!"

Scorpius schnaufte, so viel zur Ironie. Unterdessen wandte sich James an seinen Vater. „Du wurdest schon vermisst!"

Harry kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Ich weiß! Es tut mir leid, ich habe es nicht früher geschafft!"

„Mom meint, dass du es übertreibst! Schließlich seien die Zeiten der Todesser vorbei."

„Ja schon, Todesser gibt es nicht mehr James, aber genügend Einfaltspinsel die mit unsachgemäß angewandter Magie Muggles verschrecken. Ich muss mich heutzutage zwar nicht mehr mit Schwarzmagiern herumschlagen, dafür aber mit dem ganzen Papierkram und der bleibt beim Chef hängen. Also an mir!"

„Tja, viel Glück, Mutter sieht das anders!"

Harry machte dicke Backen und seufzte. „Na, da kann ich mich ja auf einiges gefasst machen, wenn ich nach Hause komme."

„Oh nö! Ma hatte eben auf'n Bahnsteig schon mächtig Dampf abgelassen, als sie sich mit Al gezofft hatte!"

Fragend runzelte Harry die Stirn und James erzählte wie Ginny Mrs. Malfoy geschnitten hatte und sich dann mit Albus, Ron und Hermione darüber stritt. Harry seufzte, Ginny übertrieb mal wieder ihre Abneigung gegen die Malfoys. Sanft zupfte Rosie Harry am Ärmel.

„Du Onkel Harry, kommst du mit ins Schloss?"

„Nein, ich werfe einen kurzen Blick in die ‚Drei Besen' und besuche dann Aberforth."

„Schade!"

Natürlich empfand Albus die Fahrt nach Hogwarts als viel zu kurz. Während Scorpius, Myriel und Nicola im Pferdeschlitten auf ihn warteten, verabschiedete er sich etwas abseits von seinem Vater. Er hielt ihn fest umarmt und begann zu nuscheln.

„Es tut mir leid, dass ich mit Mom gestritten habe!"

„Du hast keine Schuld, Al! Mom hätte sich anders verhalten sollen und ich hätte einfach mit zum Bahnhof kommen müssen. Du wolltest nur deinem Freund beistehen!" Er hob Albus' Kinn etwas nach oben und schaute auf ihn hinab. „Na, alles wieder gut?"

Albus nickte schniefend und lächelte. „Jaah, Paps!" Er holte tief Luft. „Würdest du dich bei Mr. und Mrs. Malfoy bedanken? Das gehört sich doch so, oder?"

Harry verwuschelte ihm die Haare. „Mal sehen, ich werde nachher noch mit deiner Mutter darüber reden!"

Ein letztes Mal drückten sie sich und dann half er Albus beim Einsteigen. Mit hell ertönendem Glöckchenschellen setzte sich der Pferdeschlitten in Bewegung und Harry schaute ihnen nach, bis er den Schlitten in dem Schneetreiben aus den Augen verlor. Er schüttelte sich etwas und schlug dann den Weg zu dem ‚Die Drei Besen' ein.

Später am Abend, Malfoy Manor lag düster und einsam abseits der unscheinbaren Straße die zu einer kleinen Ortschaft in der Nähe führte. Die nur mäßig beleuchtete Einfahrt wurde von einem mächtigen Eisentor versperrt. Das Anwesen selbst wurde von riesigen Eichenbäumen hinter einer hohen Hecke verborgen. Es hatte etwas morbides an sich, wie die Äste und Zweige, nun da sie im Winter ihrer Blätter beraubt, sich verzweifelt wie dürre, langgliedrige Finger dem Nachthimmel entgegenstreckten. Harry trat in den düsteren Lichtschein einer Laterne und ließ seinen Blick über das eiserne Tor schweifen. Gut zwanzig Jahre lag es zurück, dass er das letzte Mal hier gewesen war. Beißende Kälte fuhr ihm in die Glieder und ließ ihn fluchen. Er hätte besser seinen dicken, gefütterten Reiseumhang genommen. Stattdessen hatte er in seinem Ärger, nach dem Streit mit Ginny nach dem nächstbesten Umhang gegriffen, der ihm in die Finger kam. Nun stand er hier, fror und klapperte mit seinen Zähnen, unschlüssig darüber ob er anläuten sollte oder besser die Gespenster der Vergangenheit ruhen ließ. Ein ironisches Lächeln umspielte seine Lippen, Harry Potter hatte Bedenken sich seinen Dämonen zu stellen. Mit einem Schnauben wusch er seine kindischen Zweifel zur Seite und betätigte die Glocke.

Geraume Zeit passierte nichts und Harry dachte er müsse wieder unverrichteter Dinge nach Hause gehen. Er bemerkte wie er anfing nervös mit seinem Fuß auf den Boden zu tapsen. Seufzend dachte er daran, wie er vorhin aus Hogsmeade zurück in den Grimmauld Place apparierte. Ginny hatte ihn schon erwartet um ihn mit bitteren Vorwürfen zu überhäufen. Diesmal jedoch ließ er sich das nicht von ihr bieten und stellte sie, wegen ihres Verhaltens am Bahnhof zur Rede. Das brachte die Rothaarige dann so richtig in Rage. Ein Wort gab das nächste und schließlich wollte sie zu ihrer Mutter in den Fuchsbau. Doch Harry wehrte ab, sie solle ruhig hier bleiben, er würde die Nacht über zu Ron und Hermione gehen. Doch dann hatte er den Entschluss gefasst, Malfoy zu besuchen, um sich für seine Gastfreundlichkeit Albus gegenüber zu bedanken.

„Ja?"

Eine piepsende, schrille Stimme riss Harry aus seinen Gedanken und ließ ihn überrumpelt stottern.

„Äh, nun ja, also... ich bin Harry! Harry Potter und möchte mit Mal... ähem, Draco Malfoy sprechen!"

Darauf hin herrschte Stille. Harry starrte den Lautsprecher an und wartete. Die Kälte ließ ihn erneut mit den Zähnen klappern. Allmählich wurde das Ganze lächerlich. Wenn Malfoy keine Lust hatte ihn zu sehen, solle er das gefälligst sagen, statt ihn hier wie einen dummen Jungen in der Kälte stehen zu lassen. Bibbernd schlang er seine Arme um sich. So langsam fing die Kälte an, ihm in die Knochen zu fahren. Verärgert trat Harry gegen das Tor und wandte sich ab. Nachdem er einige Schritte durch den Schnee gestapft war, sprang das Tor mit einem lauten Klonk auf. Ergeben seufzend ließ Harry die Schultern hängen, machte kehrt und sprintete zurück. Die piepsende Stimme des Hauselfen meldete sich wieder.

„Bitte kommen Sie herein! Immer der Auffahrt entlang!"

Harry brummte ein halbherziges Danke und lief weiter die von Pappeln gesäumte Allee hinauf. Als er eine kleine Anhöhe erreicht hatte, lag Malfoy Manor direkt vor ihm. Der Tudorbau umrahmt von der düsteren, nächtlichen Schneelandschaft übte dennoch einen Reiz auf ihn aus. Einige Fenster waren erleuchtet und boten eine Illusion von Wärme. Mit großen Schritten lief er hinab zum Herrenhaus und noch bevor seine Hand den Klingelzug greifen konnte, schwang ein Türflügel auf. Unsicher klopfte er den Schnee von seinen Schuhen. Jetzt, da er auf der Türschwelle zu Malfoys Heim stand, kamen ihm Zweifel über den Sinn seines Tun. Nervös schluckte er den Klos in seiner Kehle hinunter und trat ein. Ein Hauself verneigte sich vor ihm.

„Seien Sie willkommen, Harry Potter Sir!"

Überrascht bemerkte Harry, dass der Elf kein Geschirrtuch, oder sonst eines der üblichen Fetzen trug, sondern eine flaschengrüne Livree mit silbernen Knöpfen und Tressen. Er nickte dem kleinen Wesen zu, das zur großen Treppe wies, die von der Eingangshalle in die oberen Etagen führte. Mrs. Malfoy stand am Fuße der Treppe und sah ihm erwartungsvoll entgegen. Er bewunderte ihr kurz geschnittenes, flachsblondes Haar und verglich sie unbewusst mit Ginny. Sie hatte seine Größe und ihre violetten Augen huschten forschend über sein Gesicht, blieben kurz an der Narbe auf seiner Stirn hängen. Hier war es wieder, das unangenehme Gefühl, dass sich seiner bemächtigte, wenn man seine blitzförmige Narbe anstarrte. Unsicher schaute er zur Seite und haderte damit, dass er trotz der Zeit sich einfach nicht daran gewöhnen konnte. Manchmal fragte er sich, ob die ehemaligen Todesser nicht besser dran waren, die zwar ebenfalls durch das dunkle Mal gezeichnet waren, es aber besser verbergen konnten. Mrs. Malfoy bemerkte, dass ihr Starren ihm missfiel und hielt sich bedauernd die Hand vor den Mund.

„Oh, entschuldigen Sie bitte, Mr. Potter! Ich vergesse meine Manieren, seien Sie recht herzlich willkommen!"

„Schon gut, langsam müsste ich es ja eigentlich gewohnt sein immerzu gemustert zu werden!"

Sie lächelte charmant als er einen Handkuss andeutete und wies mit einer eleganten Geste die Treppe hoch. „Mein Mann erwartet Sie oben in seinem Arbeitszimmer, bitte folgen Sie mir!"

Sie ging voran und Harry stieg hinter ihr die Stufen hoch. Die Höflichkeit hätte es geboten, dass er die Stille überbrückte, indem er einige Worte über das Haus, das Wetter oder sonst ein unverfängliches Thema verlor, doch es fiel ihm nichts ein über das er hätte sprechen wollen. Er bewunderte ihre Anmut, mit der sie die Treppe hochstieg und stellte fest, dass Draco seinen Geschmack in Bezug auf Frauen seit Hogwarts erheblich verbessert hatte. Im Gegensatz zu Pansy Parkinson war Astoria Malfoy hübsch und hatte ein elegantes Wesen. Plötzlich musste er sich auf die Zunge beißen, um ein Lachen zu unterdrücken. Jetzt zu sagen, dass sie bei weitem besser aussah als Pansy Parkinson wäre wohl doch ein eher zweifelhaftes Kompliment. Harry räusperte sich und beschloss stattdessen, sich bei ihr für die Herzlichkeit zu bedanken, mit der sie Albus aufgenommen hatte.

„Ich wollte mich bei Ihnen für die Gastfreundschaft bedanken, mit der Albus hier aufgenommen wurde! Ich hoffe er hat sich anständig benommen!"

„Oh ja, Albus ist sehr wohlerzogen und herzallerliebst!"

Harry grinste. „Er ist eher wie ein Wirbelwind, würde ich sagen. Ich bin mit den Kindern zusammen nach Hogsmeade gefahren und Albus hat die ganze Fahrt über von Malfoy Manor geschwärmt und wie sehr es ihm hier gefallen hat!"

„Das ist lieb von ihm! Er ist hier immer willkommen!"

„Danke! Er hängt sehr an Scorpius da wird er sicher gerne wieder herkommen."

„Die Beiden sind wirklich zu süß!" Sie erreichten Dracos Arbeitszimmer und Astoria hielt Harry die Tür auf. „Ich bin wirklich sehr froh, dass Sie es doch noch geschafft haben Al zu treffen, er hat sie schrecklich vermisst. Gehen Sie ruhig hinein, Draco erwartet Sie hier!"

Harry schluckte. Überrascht stellte er fest, dass er seltsamer Weise aufgeregt darüber war, Draco Malfoy wieder zusehen. Die letzten Worte hatten sie vor zwanzig Jahren gewechselt und es waren keine netten, obwohl Harry Dracos Leben mindestens zweimal gerettet hatte. Nur als er letzten Sommer den Blonden auf dem Bahnsteig entdeckte und sich ihre Blicke trafen, nickten sie einander zu und Harry konnte so etwas wie Respekt in Dracos Miene erkennen. Er bedankte sich bei Mrs. Malfoy, atmete tief durch und betrat den Raum. Astoria blieb zurück und schloss die Tür.

Augenblicklich hatte Harry alles um sich herum vergessen, Draco stand ihm gegenüber vor einem großen Fenster und sah ihn abwartend an. Aufgeregt musterte Harry den Blonden, der sich scheinbar nur kaum verändert hatte. Dieselben platinblonden Haaren die ihm bis zum Kinn reichten und deren Strähnen im frech ins Gesicht fielen. Wenn auch der Haaransatz erheblich höher war, als noch zu Schulzeiten. Auch das fein geschnittene Gesicht mit der leicht spitzen Nase und dem spitzen Kinn schien der Zeit getrotzt zu haben. Doch am prägnantesten waren Dracos Augen. Diese grauen Augen. Diese gottverdammten wölfischgrauen Augen, die so überheblich, ja so verletzend schauen konnten. Harry erinnerte sich noch sehr gut an ihren Ausdruck. In ihnen lagen all der Neid, die Missgunst und Verachtung die Draco ihm damals entgegenbrachte. Nun hielten sie Harry in ihrem Bann und ließen ihn sich plötzlich so schutzlos fühlen. Draco, der sich bis eben leicht gegen das Fenster gelehnt hatte, stieß sich ab und kam langsam auf Harry zu. Der musste sich plötzlich ein Grinsen verkneifen, da sich ihm der Vergleich zu einem Kaninchen, das vor einer Schlange saß, aufdrängte. Langsam wurde es absurd.

„Potter, wieso bin ich nicht wirklich überrascht, dich heute hier zu sehen?"

Er blieb dicht vor dem Schwarzhaarigen stehen und musterte ihn neugierig. Harry kannte diesen Blick und widerstand dem Drang ihm auszuweichen. Er zwang sich dazu tief in Dracos Augen zu schauen und mit einem Mal sah er es. Es lag tief in diesen grauen Seen, dieses kleine, herausfordernde Funkeln, dass er zuletzt in ihrer gemeinsamen Zeit in Hogwarts gesehen hatte. Plötzlich fing er an zu grinsen.

„Keine Ahnung, sag du es mir, Malfoy!"

Der ehemalige Gryffindor wusste nicht welcher Teufel ihn ritt Malfoy herauszufordern, doch in seinem Bauch begann es zu Kribbeln und er spürte, dass es seinem Gegenüber ebenso erging. Für den Bruchteil einer Sekunde entgleisten Draco die Gesichtszüge und er grinste angriffslustig. Doch dann hatte er sich wieder im Griff.

„Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit!"

„Jaah! Aber an dir scheinen sie spurlos vorüber gegangen zu sein, Malfoy! Ich gebe es zwar nicht gern zu, aber ich bin neidisch!"

Dies entlockte dem Blonden ein belustigtes Schnauben. Er blickte Harry ins Gesicht und wölbte skeptisch eine Augenbraue.

„So siehst du aus, Potter! Hör auf mir zweifelhafte Komplimente zu machen!" Ein wenig unschlüssig stand Draco da, dann ging er zu einem Schrank, dem er eine Karaffe und zwei schwere Gläser entnahm.

„Wir sind beide... reifer geworden. Möchtest du einen Drink?"

Harry begegnete dem abwartenden Blick und schüttelte seinen Kopf. „Nein, so lange wollte ich nicht bleiben."

Ein Ausdruck des Bedauerns legte sich auf Dracos Gesicht und Harry bereute seine Worte. Er wusste nicht, wie er Malfoy einschätzen sollte. Harry hatte eher damit gerechnet, dass es der Blonde vorziehen würde wenn er schnell wieder verschwand.

„Ach was soll's, ich würde sehr gern was mit dir trinken!"

Er beobachtete wie Malfoy die beiden Whiskygläser füllte und nahm das seine entgegen. Draco ließ sich auf dem Sofa nieder und deutete mit der Hand auf einen der beiden freien Sessel gegenüber. Doch Harry setzte sich direkt neben den Slytherin der skeptisch seine Augenbrauen nach oben zog, so wie es aussah hatte Potter seinen eigenen Kopf. Der fläzte sich lässig in das lindgrüne Polster und schnüffelte an der bernsteinfarbenen Flüssigkeit, die träge in seinem Glas schwappte.

„Woah, der hat es in sich!" Er stieß sein Glas klirrend gegen Dracos. „Auf...?"

Amüsiert sah Malfoy, dass Harrys Wangen sich leicht verfärbten, während er mit offenem Mund nach dem passenden Wort suchte. Interessiert fragte der Blonde nach. „Ja, auf was eigentlich?"

Das sanfte Rot auf Harrys Wangen wurde dunkler und reichte ihm bis zu den Ohren. Vielleicht sollte er besser darüber nachdenken, bevor er wieder einmal einfach darauf losplapperte. Was hatten sie denn schon gemeinsam, auf dass es sich zu trinken lohnte? Sie standen auf verschiedenen Seiten, waren früher verfeindet und hatten außer einem stillschweigenden Einverständnis nie wirklich Frieden geschlossen.

„Auf unsere Familien!" Kam ihm Draco entgegen und Harry nickte.

„Auf unsere Familien!"

Der Feuerwhisky brannte in Harrys Kehle und er musste sich abwenden um zu husten. Elegant schlug Draco die Beine übereinander und blickte an die gegenüber liegende Wand.

„Du hast einen aufgeweckten Jungen, Potter!"

Harry nickte. „Jaah, er ist wirklich etwas Besonderes! Versteh mich nicht falsch, ich liebe alle meine Kinder abgöttisch, aber an Al hängt mein Herz ganz besonders! Vielleicht weil er mir so ähnelt und ich vieles von mir in ihm wieder erkenne. Ich bin hier um mich zu bedanken, dass du ihn an Weihnachten aufgenommen hast und hoffe, er hat dir nicht allzu viele Ungelegenheiten bereitet."

„Schon in Ordnung! Albus ist sehr liebenswürdig und meine Frau hat einen Narren an ihm gefressen!" Er sah Harry direkt an. „Ich habe Scorpius selten so fröhlich gesehen."

„Ich habe Scorpius heute getroffen, er ist dir wie aus dem Gesicht geschnitten!"

„Dein Sohn dir auch! Als ich ihn das erste Mal am Bahnhof gesehen habe, dachte ich, ich hätte ein Déjà vue."

„Ja, aber ich glaube es nervt ihn, wenn die Leute ihn darauf ansprechen. Aber Scorpius hat großen Eindruck auf Al gemacht und ich bin froh, dass du nichts gegen ihre Freundschaft einzuwenden hast."

„Sie scheinen es irgendwie besser hinzu bekommen als wir."

„Ja!"

Beide schwiegen.

Während sie auf der Couch saßen und jeder seinen Gedanken nachging, prasselte ein munteres Feuer im Kamin. Das Knacken eines Holzscheites, der auseinander fiel, riss Harry aus seinen Gedanken. Aus den Augenwinkeln betrachtete er Dracos Profil. Seine Augen sogen jede noch so kleine Regung des Blonden auf, der gerade einen Schluck Whisky nahm. Harry sah wie Dracos Adamsapfel sich beim Schlucken bewegte und seine Zungenspitze sanft über die Unterlippe streifte um ein paar Tropfen Feuerwhisky abzulecken. Unverwandt blickte Draco ihn an und Harry merkte wie seine Wangen glühten. Es war schon seltsam hier zu sitzen und den ehemaligen Slytherin anzustarren. Doch am meisten irritierte ihn dieses Gefühl in seinem Bauch, dass er nicht zuzuordnen wusste. Warum freute er sich auf eine so kindliche Weise, wie sich der Andere die Lippen leckte und wieso wurde ihm beim Blick in diese sturmgrauen Augen auf einmal so schwummrig. Dieses Gefühl hatte er schon seit etlichen Jahren nicht mehr verspürt und...

...er genoss es.

Harry räusperte sich, wenn Malfoy nur nicht so überheblich grinsen würde. Er nahm noch einen Schluck Feuerwhisky und schaute dann wieder zu Draco.

„Deine Frau ist wirklich sehr hübsch!"

„Hast du da etwas anderes erwartet?"

Kurz blickte Harry zur Decke, als ob er nachdenken müsste. „Nein, eigentlich nicht! Obwohl ich befürchtet hatte, du würdest bei Parkinson landen."

Erschrocken beugte er sich zur Seite um Draco, der von einem heftigen Hustenanfall geschüttelt wurde, auf den Rücken zu klopfen. Mit rotem Kopf und Tränen in den Augen starrte ihn der Blonde an.

„PANSY? Oy Potter, das war fies!" Da Harry begann zu lachen knuffte Malfoy ihm in die Seite, konnte sich aber ebenfalls ein Lachen kaum verkneifen, während er schnarrte. „Pansy Parkinson? Du bist so ein Idiot!"

„Ich bitte dich, wer ließ sich denn immer den Kopf von ihr streicheln?" Er neigte sich Dracos Ohr zu und flüsterte. „Draci!"

Draco kniff die Lippen zusammen und stand plötzlich auf. Im ersten Augenblick dachte Harry er wäre zu weit gegangen. Doch ein Augenzwinkern des Blonden, während er sich noch Whisky nachschenkte, zeigte Harry, dass Draco es ihm nicht übel nahm dass er ihn triezte. Harry schüttelte leicht den Kopf, als Malfoy die Karaffe hob und ihn fragend ansah. Der Blonde zuckte mit den Schultern und trat an das große Fenster heran. Harry hielt sich lieber mit Alkohol zurück, besonders wenn es sich dabei um Feuerwhisky handelte, ein übles Getränk. Nicht dass er noch anfing mit Malfoy zusammen, Arm in Arm die Hogwartshymne zu trällern. Doch der Blonde schien irgendwie abwesend, der unbeschwerte Moment, den sie hatten, war verflogen und Harry fühlte, dass er besser gehen sollte.

Draco betrachtete sein Spiegelbild im Fenster, er nahm einen tiefen Schluck und sah aus den Augenwinkeln, wie Harry sich erhob um zu gehen.

„Es tut mir Leid!"

Irritiert schaute Harry ihn an, was meinte Malfoy? Ihre Blicke trafen sich in der Reflexion der Fensterscheibe. Teuflisch grüne Smaragde versanken in den sturmgrauen Seen.

„Zweimal hast du mir das Leben gerettet und ich habe mich bis heute noch nicht einmal bei dir bedankt."

Harry zuckte mit den Schultern. „Ich hätte dich niemals deinem Schicksal überlassen können!"

„Sankt Potter! Hah! Der Schutzpatron der Notleidenden, der kleinen Kätzchen und eines feigen Todessers!"

Harry kniff die Lippen zusammen und drehte sich abrupt um. Er mochte Malfoys zynischen Ton nicht. Alte Erinnerungen schwebten herauf und hinterließen in seinem Mund einen bitteren Geschmack. Der Blonde hatte jede Regung des Gryffindors in der Spiegelung des Fensters beobachtet. Langsam schloss er seine Augen.

„Danke!"

Ganz leise kam ihm das Wort über seine Lippen. So leise, dass Harry im ersten Moment dachte er hätte es sich eingebildet. Aber nein, Malfoy hatte es tatsächlich zu ihm gesagt. Er lächelte und flüsterte sanft über seine Schulter.

„Gern geschehen!"

Erleichtert schloss Draco seine Augen. Er hörte wie Harry hinter ihm die Tür öffnete, aber noch eine Weile stehen blieb.

„Ich habe mich wirklich sehr gefreut, dich wieder zusehen,... Draco!"

„Jaah, ich fand es auch sehr schön,... Harry!"

Dann war der Schwarzhaarige fort. Seine Schritte verklangen im Flur, während Malfoy in die dunkle Nacht hinaus spähte, ohne wirklich etwas zu sehen. Er legte seine Stirn gegen das kühlende Glas und seufzte. Kurze Zeit später spürte Draco die sanfte Berührung einer Hand auf seiner Schulter und hob den Blick. Seine Frau stand hinter ihm.

„Und, wie geht es dir?"

Draco drehte sich um und lächelte sie an. „Alles in Ordnung! Du hattest Recht, es war schön ihn wieder zu sehen!" Zärtlich schlang er seine Arme um ihre Taille und zog sie in eine innige Umarmung. „Ich bin froh, dass du darauf bestanden hast ihn zu empfangen!"

Leidenschaftlich küsste er sie. Astoria erwiderte den Kuss, lehnte sich dann ein wenig zurück und sah ihm in seine Augen. Ein Lächeln tänzelte um ihre Lippen. „Und ich bin froh, dass er deine Augen wieder zum Funkeln gebracht hatte. Dieses freche Glitzern darin hatte ich schon anfangen zu vermissen!"

Sie ließ ihr helles Lachen erklingen, als sie sah, wie er ärgerlich seine Augenbraue zusammenzog und protestieren wollte. Doch sie verschloss ihm den Mund mit einem stürmischen Kuss. „Freches Biest!" Murmelte er an ihren Lippen und drängte sich fordernd an ihren gertenschlanken Leib. Draco seufzte. Astoria hatte Recht. Er spürte schon seit längerem, dass ihm etwas in seinem Leben fehlte, das sie ihm nicht geben und das er nicht benennen konnte. Doch Astoria versuchte es mit aller Macht die ihr zur Verfügung stand und deshalb liebte er sie umso mehr. Er zog sie spielerisch zur Tür und grinste frech.

„Tja, es ist spät, die Kinder sind aus dem Haus und wenn ich mich noch recht erinnere gibt es da oben ein warmes, bequemes Bett!"

„So, so, warm und bequem?"

„Hmmh! Warm und bequem! Mit zwei ineinander verschlungenen Leibern, erregt und verschwitzt..."

Sie küsste ihn und kreischte auf, als er sie plötzlich auf seine starken Armen hob und übermütig mit ihr hin und her schwang. Haltsuchend schlang sie ihre Arme um seinen Hals und gurrte ihm ins Ohr.

„Alter Frechdachs!"

Gespielt pikiert maulte er auf. „Alt? Ich glaube ich höre nicht richtig!"

„Aw, da bin ich wohl auf eine Achillesferse getroffen!"

„Warte nur, du freches Stück!"

„Ich liebe dich, Draco!"

„Ich liebe dich auch, Astoria!"

Sie grinsten sich an und Draco stieg mit ihr die Treppe hoch um zu ihrem Schlafzimmer zu gehen. Unterdessen tauchten zwei Hauselfen auf und begannen damit das Arbeitszimmer aufzuräumen. Kurz hielten sie inne, als sie die beiden Malfoys lachen und scherzen hörten und fuhren dann mit ihrem Tun fort. Das Feuer im Kamin brannte runter und der stürmische Wind draußen trieb die Schneeflocken gegen das dunkle Glas der Fensterscheiben. Von außen lag Malfoy Manor düster da und die letzten Lichter verloschen. Nur der Mond, der einsam am Himmel stand spendete ein wenig Licht, doch es reichte kaum die Finsternis dieser Winternacht zu erhellen.

Tbc...