Schlechte Träume, böse Vorahnung
Scorpius schlug die Augen auf. Schwer atmend lag er da und spürte, wie sein Puls raste. Irgendwas stimmte nicht, war anders als sonst. Wieso hörte er nichts? Wobei nichts, nicht ganz stimmte. Aber wenn er sonst des Nächtens erwachte, konnte er seine Zimmernachbarn Schnarchen hören, das Quietschen und Knarzen ihrer Betten, wenn sie sich darin umwälzten. Doch nun herrschte absolute Stille, bis auf ein wiederkehrendes Geräusch, welches sich wie ein tropfender Wasserhahn anhörte. Platsch. Dann Stille. Dann wieder ein Platschen und dann erneut Stille. Der Blonde zog die Stirn kraus, wieso konnte er Sterne sehen? Warum war die Nacht dunkelviolett statt schwarz? Seine wölfischgrauen Seelenspiegel schimmerten hell im Dunkeln, ebenso wie seine Haut und die platinblonden Haare. Langsam hob Scorpius einen Arm. Er hielt sich seine Hand vors Gesicht und betrachtete verträumt das schimmernde Weiß seiner Haut, dass sich stark von der schwarzen Seide seines Pyjamas abhob. Wie von selbst spreizten sich seine Finger und in der Lücke zwischen Mittel- und Ringfinger konnte er das Sternbild des Skorpion sehen, mit Antares seinem hellsten Stern. Sein Sternzeichen. Die blassblauen Lippen des Jungen öffneten sich und er stieß einen bewundernden Laut hervor. Er wandte seinen Kopf zur Seite. Überrascht sah Scorpius, dass er auf einem See trieb. Das tropfende Geräusch erklärte sich daher, dass Wassertropfen von der Oberfläche des Sees aus nach oben stürzten. Es sah aus wie Regen, nur dass dieser Regen sich in den Himmel ergoss. Der blonde Junge glotzte seine Spiegelung im Wasser an, die plötzlich entsetzt den Mund aufriss und schrie. Der Schrei glich eher dem Geräusch, von zerspringendem Glas. Noch im selben Moment versank Scorpius in den Fluten. Mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund sank er immer tiefer. Der Mond, die verblassenden Gestirne verschwanden in der Dunkelheit und mit kindlichem Staunen folgte Scorpius' Blick den Luftblasen, die aus seinem Mund strömten und der Wasseroberfläche entgegenstrebten.
‚Ob ich jetzt sterbe?'
Ein wenig wunderte sich Scorpius wie nüchtern er diesen Gedanken betrachtete, in regelrecht analysierte, bis ihm bewusst wurde, dass sein Leib nicht weiter in die Tiefe gezogen wurde. Überhaupt spürte er kein Nass, er war vollkommen trocken. Gleißendes Licht, wie von einem Blitz verursacht, erleuchtete die hohen Fenster von außen... Fenster? Wo kamen die her? Zögernd sah er sich um und stellte fest, dass er auf soliden Steinboden kauerte, in einem der unzähligen Gänge Hogwarts. Scorpius erhob sich und schlug die Arme um sich, da er fror. Es war kalt. Wieder grellte ein Blitz auf, jedoch ohne von einem Donnern verfolgt zu werden. Das einzige Geräusch, das an Scorpius' Ohr drang war ein kindliches Wimmern. Er folgte dieser Wehklage, die ihn die Unendlichkeit der steinernen Gänge entlang lockte. Nach schier endloser Zeit stellte er fest, dass das Wimmern nicht mehr allein war. Er konnte jetzt verschiedene Stimmen ausmachen. Weiter vorn, um die nächste Biegung musste die Quelle des Geräuschs sein. Vorsichtig schlich er sich näher heran und suchte Schutz hinter einer Ritterrüstung. Als Scorpius seine Finger auf das dunkle, kalte Metall des Harnischs legte, stellte er fest, dass sein ganzer Körper wie Espenlaub zitterte. Scorpius spähte zaghaft um die Rüstung und der Schreck raubte ihm fast den Atem. Eine Gruppe vermummter Gestalten stand um eine Person, die auf dem Boden krauchte und quälten sie entsetzlich. Dumpfe Stimmen beschwörten den Cruciatus Fluch und ließen den nackten, geschundenen Körper zu ihren Füßen sich winden und zucken wie ein Fisch auf dem Trockenen.
Entsetzt erkannte Scorpius wer die Person war, die ohne Gnade gepeinigt wurde. Der blonde Slytherin schlug sich die Hand vor den Mund und wich zurück. Diese Augen, diese smaragdgrünen Augen die ihn hilfesuchend anstarrten, waren die von Albus. Der Gryffindor wand sich vor schmerzen gekrümmt. Den Mund zu einem stummen Schrei grotesk weit aufgerissen, streckte Albus seine Hand nach dem Blonden aus. Er musste ihm helfen! Er durfte nicht zögern und doch griff nackte, schiere Angst nach dem bibbernden Jungen, der versteckt hinter einer Rüstung kauerte. Sein Innerstes war wie Eis und kalter Schweiß nässte seinen Pyjamas. Scorpius fühlte sich schlecht, zitternd versuchte er sich zu beruhigen und unterdrückte den Wunsch, sich zu übergeben.
Die vermummten Gestalten hielten in ihrem grausigen Tun inne. Albus' geschundener Körper sackte zusammen, mit letzter Kraft hob der Schwarzhaarige seinen Kopf und sah Scorpius direkt in die Augen. Abermals öffnete sich sein Mund in stummer Wehklage, dann drang doch ein Wimmern an das Ohr des Blonden.
„Bitte Scorpius, hilf mir!"
Jede Faser in Scorpius' Körper drängte darauf, seinem Freund beizustehen, ihm zu helfen. Doch die Angst hatte ihn fest in ihrem eisigen Griff. Er rührte sich nicht. Scorpius kamen die Tränen, was war er doch für ein erbärmlicher Wicht. Er konnte sich nicht bewegen. Er kauerte einfach im Zwielicht und weinte. Scorpius war schon immer ängstlich gewesen, die Furcht sein ständiger Begleiter. Mit den Jahren hatte er gelernt diesen Makel unter einer Maske aus Arroganz und Überheblichkeit zu verbergen, doch wie er sich in einer richtigen Gefahr verhalten würde, konnte Scorpius nicht sagen...
Bis heute.
Er schämte sich über diese Erkenntnis und schloss verzweifelt die Augen. Als er sie wieder öffnete bemerkte Scorpius, dass der Anführer von Albus' Peinigern ihn musterte. Langsam schlug dieser die Kapuze zurück und offenbarte sein Antlitz. Entsetzt stieß Scorpius einen Schrei aus, Dennis Parkinson stand selbstgefällig da und grinste ihn an. Mit einer herrischen Geste deutete Parkinson auf einen der Vermummten und während dieser langsam seinen Zauberstab hob, ließ Dennis Scorpius nicht aus den Augen. Grinsend sah er Scorpius zusammenzucken, als ein grüner Strahl die Spitze des Stabes verließ und Albus in ein smaragdfarbenes Licht tauchte. Ein letztes Mal bäumte sich sein Körper auf, dann blieb Albus reglos liegen. Die glasigen Augen starrten Scorpius in stummer Anklage entgegen, der Mund weit aufgerissen. Sein letztes Wort hallte nach.
„Warum?"
Die Gestalten, die um den kleinen, zierlichen Körper herum standen, lösten sich auf, wie Nebelschwaden in der Morgensonne. Zurück blieb nur ein verstörter, blonder Junge, der fassungslos auf den Torso seines Freundes starrte, den er so schmählich im Stich gelassen hatte. Nicht einen Finger hatte er gerührt, nicht einen. Feige war er! Feige!
Die Wände rasten förmlich an ihm vorbei, als Scorpius begann wegzulaufen. Er stolperte durch schier endlose Gänge, verfolgt von Albus' Wimmern, dass in seinem Kopf nachhallte.
„Warum? Scorpius, warum?"
Eine Sackgasse setzte seiner Flucht ein Ende und Scorpius wollte wieder zurücklaufen, doch ein gewaltiger Abgrund hinderte ihn daran. Der steinerne Weg war verschwunden, nur die düstere, unergründliche Tiefe zog an Scorpius' Gliedern. Er schlang seine Arme um sich und begann zu Wimmern. Ein leises, verzweifeltes Mantra, das er wieder und wieder wisperte.
„Bitte Albus, es tut mir leid! Bitte Albus, vergib mir!"
Immer und immer wieder, bis er aufgab und seufzend seine Augen schloss. Sein Leib kippte nach vorn und fiel in den dunklen alles verzehrenden Schlund, der selbst das Licht verschlang. Während Scorpius in die Unendlichkeit fiel, bahnte sich in seinem Innern die Verzweiflung ihren Weg mit einem markerschütternden Schrei.
Gepeinigt schreckte Scorpius hoch. Hände griffen nach ihm, rüttelten ihn, bis er begriff, dass er aus einem Albtraum erwachte. Schweißgebadet riss Scorpius seine Augen auf und schlug um sich. Starke Hände packten ihn, drückten ihn unsanft in die Kissen.
„He, Scorpius! Komm zu dir! Ich bin's Nicola!" Panisch starrten die grauen Augen den dunkelhäutigen Slytherin an, der versuchte Scorpius zu beruhigen. „Ich bin es, Zabini, erinnerst du dich an mich?"
Scorpius' Stimme brach und er nickte hektisch. „Jaah!"
Langsam kam sein Puls wieder Ruhe. Nun lugte auch Nigel Prewett, sein anderer Mitbewohner über Zabinis Schulter. „Geht es ihm gut?"
„Ja, er fängt sich wieder! Er hatte wohl einen Nachtmahr"
Ängstlich sah sich Scorpius um, die Vertrautheit seines Bettes, seines Schlafsaales gab ihm langsam wieder Sicherheit. Er spürte wie ihm Zabini beruhigend über den Rücken strich und plötzlich bemerkte er fassungslos noch etwas anderes. Er hatte sich eingenässt. Schamesröte brannte auf seinen Wangen und er stieß Nicola weg.
„Lass mich, mir geht es gut!"
„Das seh ich aber anders!"
„Verdammt Zabini, lass mir meine Ruhe!"
Hektisch sprang er aus dem Bett, griff sich seinen Zauberstab und stürmte ins Bad. Das durfte doch nicht wahr sein, dies war ihm nicht mehr passiert, seit er ein Kleinkind war. Nachdem er sich das Gesicht mit kaltem Wasser benässt hatte, ging es ihm wieder ein wenig besser. Schamhaft bereinigte er mit einem geflüsterten Zauber das Malheur in seiner Pyjamahose. Das war ihm wirklich peinlich. So peinlich, dass er kaum seinen eigenen Blick im Spiegel ertrug. Scorpius kehrte wieder zurück und bemerkte, wie Zabini in der Zwischenzeit sein Bett gesäubert und getrocknet hatte. Unschlüssig stand er da, dann ging er direkt auf Nicola zu.
„Das bleibt unter uns, Zabini! Nur ein Wort zu jemand anderem, nur ein Wort und du bist tot!"
Nigel schluckte, doch Zabini blieb gelassen und wölbte abwartend eine Augenbraue. „OK, kein Wort, Scorpius! Was ist, wollen wir gleich frühstücken gehen?" Er sah zu Nigel und wieder zurück zu Scorpius. „Ich meine, nun sind wir eh schon wach!"
Scorpius nickte und als Nicola an ihm vorbei zu seinem Bett ging flüsterte der Blonde ihm zu. „Danke, Nicola!"
Kurze Zeit später tapste ein herzhaft gähnender Albus Potter die Treppen zur Großen Halle hinunter. Unten im Erdgeschoss blieb er am Treppenabsatz stehen und streckte sich genüsslich. Schmatzend schaute er sich um und fragte sich wohl schon zum hundertsten Mal, warum der Unterricht bloß so früh beginnen musste. Welcher Depp hatte das festgelegt? Mann könnte doch genauso gut nachmittags mit dem Unterricht anfangen. Es kann doch nicht sein, dass er der einzige war, der morgens nicht aus den Federn kam. Er sah Scorpius zusammen mit Nicola und Nigel aus dem Zugang zum Slytherin Kerker treten und winkte ihnen zu. Der platinblonde Slytherin kam geradewegs auf ihn zu, starrte ihn mit großen Augen an und mit einem verzweifelten Seufzen warf er sich ihm um den Hals. Grinsend erwiderte Albus die Umarmung und lachte.
„Heh, da scheint mich jemand vermisst zu haben!"
Doch statt einer Antwort presste ihn Scorpius nur noch fester an sich. Langsam begann sich in dem Gryffindor die Sorge zu rühren. Er tätschelte etwas irritiert den Rücken seines Freundes und sah sich verlegen um.
„Äh, Scorpius? Die Leute gucken schon komisch!"
„Mir egal!"
„Ehrlich?"
„Jaah!"
„Seit wann?"
„Klappe!"
Unsicher sah der Schwarzhaarige zu Zabini, der grinsend die Worte ‚Albtraum' formte und Albus verstand so langsam, was in seinen Freund gefahren war. Er herzte den Blonden und sah ihn fragend an.
„Frühstück?"
Scorpius nickte und so begaben sie sich in die Große Halle.
Für Dennis Parkinson war Hogwarts eine einzige Endtäuschung. Im ersten Schuljahr befand er sich noch nicht in der Position, andere zu drangsalieren und an die Schwächeren aus seinem Jahrgang kam er nicht heran. Sylvana Nott und Michael Bosworth, die beiden Vertrauensschüler der Slytherin passten auf wie die Schießhunde. Die Beiden ähnelten in dieser Beziehung Glucken, die eifersüchtig über ihre Kücken wachten. Und überhaupt nahm man ihn in Slytherin nicht ernst. Er hatte schon oft versucht, die alte Feindschaft zwischen Slytherin und Gryffindor wiederzubeleben. Doch keiner achtete auf ihn, noch nicht einmal Francis Urquhart ließ sich dazu herab. Nur seine kleine Gruppe von Freunden stand zu ihm. Dieses Gefühl der Hilflosigkeit wurmte ihn. Nicht zuletzt, da es Malfoy scheinbar ohne sein zutun so leicht fiel, respektiert zu werden oder Freunde zu finden. Und das, obwohl der Blonde so reserviert war. Dies steigerte Parkinsons Hass auf den Jungen, den er eh nicht leiden konnte, schon lange bevor er nach Hogwarts kam. Pansy Parkinson, seine Mutter, hatte es nie überwunden das Draco Malfoy sie nicht geheiratet hatte. Weder die Flucht in den Alkohol, noch all die vielen Männerbekanntschaften seiner Mutter, halfen ihr ihren Kummer zu vergessen.
Für Dennis war das Leben bis jetzt sehr unerfreulich. Er litt unter den Depressionen seiner Mutter und ihrer Erziehung, die zum großen Teil darin bestand ihren Hass an ihn weiterzugeben. Hinzu kam, das Pansy ihren Sohn in bester Reinblütertradition erzog. Die Verachtung Muggles und Halbblütern gegenüber, der Hang zur Schwarzen Magie, all die Arroganz und Ignoranz, die in der Vergangenheit dazu führten, dass ein Magier wie Voldemort die Macht an sich reißen konnte um die Welt in ein Chaos zu stürzen, wurden dem Jungen Tag für Tag eingetrichtert. Mit der Zeit sammelte sich um Pansy eine kleine Schar Gleichgesinnter Mütter, die sehr darauf achteten, dass ihre Kinder sich nur miteinander abgaben. Zu seinem Leidwesen musste Dennis erkennen, dass ihre exklusive Gruppe sehr isoliert war in Hogwarts. Die Zeiten hatten sich geändert und das galt auch für die Ansichten vieler reinblütigen Magier und Hexen. Selbst enge Freunde seiner Mutter wie Millicent Bulstrode oder Blaise Zabini fingen an sie zu meiden und zogen sich schließlich ganz zurück. Pansy Parkinson hatte nie begriffen, wie sehr sich die Zeiten nach Harry Potters Sieg über Lord Voldemort geändert hatten. Der Leidtragende ihrer Dummheit war ihr Sohn.
Mit Wut im Bauch saß Parkinson in der Großen Halle und stopfte sein Frühstück in sich rein. Weiter oben am Slytherin Tisch entdeckte er ein weiteres seiner Übel. Albus Severus Potter! Mit viel Elan zerschnitt Parkinson seinen Frühstücksspeck und stellte sich dabei vor, es würde sich um den Körper von Albus Potter handeln. Es war einfach unerträglich, wie es sich der Gryffindor heraus nahm in Slytherin ein und aus zu gehen wie es ihm gefiel. Selbst als sich Parkinson darüber beschwert hatte, dass der Gryffindor öfters am Slytherin Tisch saß, stieß er nur auf Unverständnis. Er konnte zwar durchsetzen, dass Potter eine Zeitlang nicht bei ihnen sitzen durfte, doch inzwischen kümmerte sich niemand mehr darum, wenn er es doch wieder tat, so wie an diesem Morgen. Selbst Professor Briddles hatte nur abgewunken, als Dennis sich erneut bei ihr beschwerte. Mit der Zeit fasste der Slytherin einen Entschluss. Er musste unbedingt alles daran setzen Potter eins auszuwischen, damit würde er auch Malfoy treffen. So versank Dennis Parkinson den Rest des Tages in tiefes Grübeln. Er wollte Potter wehtun, ihm Schmerzen zufügen koste es was es wolle. An diesem Morgen wurde die Saat gelegt für eine Idee, die es galt zu hegen bis ein brauchbarer Plan daraus wurde.
Tbc...
