Der Quaffel ist rot

Der Frühling schlich sich langsam nach Hogwarts. Noch war es zwar zu kühl, um ohne Schal und Handschuhe nach draußen zu gehen. Doch der Schnee lag nur noch in wenigen, windgeschützten Kuhlen und Ecken, ansonsten hatte die Sonne den Rest schmelzen lassen. An diesem Samstagmorgen lümmelten sich die meisten Schüler noch träge in ihren Betten. Nur wenige Frühaufsteher saßen bereits zu dieser morgendlichen Stunde in der Großen Halle beim Frühstück. Weiter unten im Kerker des Schlosses, befand sich der Unterrichtsraum für die Lehrstunden in Zaubertränke. Eine kleine Gruppe Schüler aller vier Häuser arbeitete unter der Aufsicht Sylvana Notts an der Zubereitung verschiedenster Tränke. Professor Briddles war dabei den Vorrat der Schule an Tränken, Heil- und Gegenmitteln aufzustocken. Sie nutzte die Gelegenheit Schülern die Möglichkeit zu geben, ihre Note in Zaubertränke zu verbessern. Dies wurde vorzugsweise von Schülern aus dem fünften und siebten Jahrgängen genutzt, die im Sommer ihre Prüfungen für ZAG und UTZ ablegen würden. Umso überraschter waren einige einen Slytherin aus dem ersten Jahr in ihrer Gruppe zu sehen.

Geschickt ließ Scorpius feinstes Pulver aus einem Mörser in den Kessel vor ihm rieseln. Flink griff er sich ein Rührholz und begann damit den Trank herumzurühren. Zweimal im Uhrzeigersinn, einmal dagegen und wiederum im Uhrzeigersinn, doch diesmal fünf Umdrehungen. Sylvana Nott stand neben ihm und wartete bis die Flüssigkeit im Kessel eine Reaktion zeigte. Zuversichtlich sah sie, wie Scorpius den Brenner abstellte, nachdem der Trank durchsichtig wurde. Abermals rührte der Blonde die farblose Flüssigkeit nach vorgegebenem Ritual und nickte zufrieden, als er eine gelbe Färbung annahm. Sylvana blickte in den Kessel, roch an dem Inhalt und machte einen Haken auf ihrer Liste.

„In Ordnung Scorpius, du kannst ihn abkühlen lassen und dann abfüllen!" Sie hüpfte auf Scorpius' Tisch und ließ ihre langen Beine baumeln. „Das ist ziemlich deprimierend, weißt du?"

Ihre Augen folgten dem Blonden, der ein Gestell mit Phiolen nahm und langsam begann den Trank umzufüllen.

„Was meinst du?"

Sie nahm ihm die erste Phiole, die er verschlossen hatte aus der Hand und hielt ihm diese vor die spitze Nase. „Das hier! Die meisten in diesem Raum schaffen die Tränke gerade so mit Ach und Krach. Du bist kaum ein halbes Jahr hier und schüttelst so was aus dem Handgelenk!"

Scorpius lächelte. „Ich bin halt ein Naturtalent! Ich hatte schon immer ein Händchen dafür!"

„Du hast schon früh damit angefangen, oder?"

„Hmmh! Mein Vater hat mir vieles über Zaubertränke beigebracht. Ich durfte ihm schon mit fünf Jahren beim Brauen zusehen!"

Sie grinste. „Scirmes da drüben ist schon völlig verzweifelt, der hat den Stärkungstrank verhauen und dabei hat er diesen Sommer immerhin Zwischenprüfung!"

„Wie hast du denn letztes Jahr abgeschlossen?"

„Ohne Gleichen!"

Sie konnte den Stolz in ihrer Stimme nicht ganz verbergen und Scorpius nickte anerkennend. Weiterhin füllte er die gelbe Flüssigkeit in die kleinen Phiolen um, während ihn Sylvana nicht aus den Augen ließ.

„Wie macht sich Potter in Zaubertränke?"

„Nicht schlecht! Er lernt schnell und wenn ich ihm erst beigebracht habe ordentlicher mit den Zutaten umzugehen, sollte er locker mit denen da mithalten können." Er wies nickend auf ein paar Schüler, die mit hochkonzentriertem Gesicht dabei waren, ihre Tränke zu brauen.

„Du verbringst viel Zeit mit Potter!"

Nachdenklich hielt Scorpius einen Augenblick lang inne, dann nickte er. „Es macht Spaß meine Zeit mit ihm zu verbringen. Wir sind Freunde!"

„Du könntest Freundschaften pflegen, die für dich vorteilhafter wären, oder dir gar von Nutzen sein könnten!"

Er zuckte mit den Schultern und ließ den leeren Kessel mittels Wingardium Leviosa zum Spülbecken schweben. Die Phiolen mit dem Stärkungstrank wurden in das kleine Holzgestell gesteckt und er reichte dies an Sylvana.

„Auf diese Art Freunde kann ich verzichten! Ich mochte sie früher nicht und ich kann sie heute noch viel weniger ausstehen!"

„Was ist mit Zabini und Bulstrode?"

„Das sind meine Hauskammeraden, aber Albus ist mein Freund!"

Mit dem Gestell in den Händen hopste sie vom Tisch. „Albus ist nett, aber pass auf Parkinson auf. Ich weiß zwar nicht was er gegen dich hat, aber er ist gefährlich!"

„Ich werde schon mit ihm fertig!"

„Glaub bloß nicht, ich hätte von Parkinsons Aktion im November im Nachhinein nichts mitbekommen. Du hättest gleich zu mir kommen sollen!"

Entschlossen schüttelte Scorpius seinen Kopf. „Das ist allein meine Sache! Ich..."

Sie beugte sich plötzlich nach vorn, bis sich ihre Nasen fast berührten. „Das ist MEINE Sache, mein Lieber! Ich bin Vertrauensschülerin und es liegt in meinem Verantwortungsbereich! Klar?"

„Ja!" Kleinlaut hauchte er die Antwort und merkte wie seine Wangen zu brennen begannen. Dies war allein seine Angelegenheit, aber Scorpius musste ihr zugestehen, dass sie als Vertrauensschülerin eine Verpflichtung hatte, sich um dererlei Dinge zu kümmern. Sylvana sah ihn streng an.

„Sollte ich je davon hören, dass er wieder irgendwas versucht und du kommst nicht zu mir, dann kannst du dich wieder auf zwei Wochen Strafarbeit gefasst machen!" Sie sah wie er bereitwillig nickte und fügte noch mit einem gemeinen Grinsen hinzu. „Aber diesmal werde ich darauf achten, dass du wirklich bei Filch deine Strafe ableistest und nicht bei Adalbert!"

Scorpius nickte hektisch und säuberte murrend seine Gerätschaften. Nach einem vorsichtigen Blick auf Sylvana zog er sich das nächste Rezept bei.

Am Nachmittag betrat eine kleine Gruppe Slytherin durch das Hauptportal die Schule und lief durch die gewaltige Eingangshalle. Sie verschwanden durch den kleinen Durchgang, der gegenüber der Großen Halle lag. Über eine enge Wendeltreppe aus Stein gelangten sie nach unten in einen staubigen, mit klapprigen Rüstungen gesäumten Gang. Als der Erste seinen Fuß auf die unterste Stufe gesetzt hatte, leuchteten die Wandfackeln auf und erhellten den Korridor mit seinen zerschlissenen Steinplatten, die mit Rissen und Sprüngen überzogen waren. Dicke Spinnweben und allerlei Staub zeugten davon, dass es kein angenehmer Ort war. Aber es war der schnellste Weg zwischen den Kerkern und der Großen Halle. Doch der Durchgang konnte nur von den Slytherin genutzt werden, da er sich als Sackgasse entpuppte, an deren Ende das Gemälde einer Slytherinhexe über den Zutritt wachte und nur Schüler, die das Passwort kannten durchließ. Sie trug Elisabethanische Tracht und die übertrieben große, weiße Halskrause ließ ihren sauertöpfischen Gesichtsausdruck noch boshafter erscheinen.

„Das Passwort!"

Ein Mädchen trat nach vorn und rezitierte. „Schlangennest und Drachenhort, Vipernstätte und dunkle Feste, Slytherins, das sind die Besten!"

„Genauso ist es!" Zufrieden nickte die Hexe in dem Gemälde und gab den Zugang frei.

Einer nach dem anderen schlüpften die Slytherins durch die Pforte, als plötzlich die kleine Hexe, die als letztes hindurch ging, erschrocken aufjapste.

„Was hast du Lissy?"

„Da muss einer der Geister mit durchgeschlüpft sein!"

„Was meinst du?"

Lissy sah sich empört um. „Ich merkte einen Lufthauch und irgendetwas hat meinen Arm gestreift. Außerdem zischte jemand so was wie ‚So seht ihr aus, ihr bescheuerten Pappnasen!'"

Sie schauten sich neugierig um, konnten jedoch nichts Ungewöhnliches entdecken. „Hm, da hat bestimmt Peeves seine Hände im Spiel. Lasst uns weitergehen!"

Sie bummelten schwatzend weiter in ihren Gemeinschaftsraum. So mit sich beschäftigt, dass keiner von ihnen bemerkte, dass sich die Tür zu den Schlafräumen der Jungs wie von allein öffnete und sich wieder schloss. Niemand war rein-, oder hinausgegangen. Im Gang dahinter öffnete sich die Tür zu Scorpius Schlafsaal, auch hier hatte es den Anschein, dass sie dies von ganz alleine tat. Der Schlafraum war soweit verlassen und wurde nur von zwei Laternen mäßig beleuchtet. Plötzlich erschien wie aus dem Nichts zuerst der Kopf, dann der Rest von Albus Potter. Er faltete den Umhang der ihn verbarg zusammen, legte ihn vorsichtig beiseite und trat an eines der Betten heran. Die Vorhänge waren fest zugezogen und Albus blieb unschlüssig davor stehen. Zögerlich klopfte er an einen der Bettpfosten.

„Scorpius, bist du wach?"

„Geh weg!"

„Nein!"

Ein Grummeln ertönte und Scorpius' Kopf erschien zwischen den Bettvorhängen. Streitlustig funkelte er den Gryffindor an.

„Was machst du hier? Wie kommst du eigentlich hier..." Er dachte kurz nach und nickte. „Oh ja, dein Umhang!"

Albus rollte mit den Augen. „Wo warst du den ganzen Tag über? Ich habe mir schon Sorgen gemacht!"

Der Blonde schnaubte. „Toll, ich werde doch auch mal Zeit für mich haben dürfen!"

„Schon, aber du sagst sonst vorher immer bescheid, wenn du allein sein möchtest!"

„Ooh, jetzt muss ich mich wohl jedes Mal bei dir abmelden, was?"

„Soll ich wieder gehen?"

„Jaah!"

Mit einem scharfen Geräusch zog Scorpius die Vorhänge zu und ließ sich wieder in die Kissen fallen. Trotzig starrte Albus eine Zeit lang auf die geschlossenen Bettvorhänge, dann setzte er sich auf Scorpius' Truhe am Fußende des Himmelbettes. Dumpf ertönte dessen Stimme hinter den Vorhängen.

„Bist du noch da?"

„Allerdings!"

„Du hast nicht vor zu gehen, oder?"

„Nein!"

„Das dachte ich mir!"

Grinsend sprang Albus auf die Beine, streifte seine Schuhe ab und grabbelte in Scorpius' Bett. Er setzte sich ans Fußende, gegen einen der Pfosten gelehnt und schlug seine Beine unter. Der Blonde lag einfach nur da, mit geschlossenen Augen und schien keine große Lust zu verspüren, sich mit Albus zu unterhalten. Der bemerkte ein Buch, das neben Scorpius lag und lächelte. Es war eines der Bücher, die er dem Slytherin zu Weihnachten geschenkt hatte. Albus hangelte nach dem Buch und begann darin zu blättern. Nach einiger Zeit runzelte Scorpius seine Stirn. Es war ziemlich ungewöhnlich, dass Albus so still war. Vorsichtig öffnete er ein Auge und fand den Schwarzhaarigen in das Buch vertieft vor.

Ohne von den Zeilen aufzusehen fragte Albus. „Na, ausgeschlafen?"

„Ich habe geruht!" Scorpius verschränkte die Arme hinterm Kopf und wölbte spöttisch eine Augenbraue. „Ich denke du liest solchen Kitsch nicht?"

„Das ist kein Kitsch! Schau, hier geht es um eine Schlacht!"

Scorpius grinste. „Dieser Muggle ist ein begnadeter Schriftsteller! Das ist wirklich ein schönes Geschenk, das du mir gemacht hast!"

Albus lachte. „Ich habe den Tipp von Tante Hermione!" Er tippte sich an Nase. „Sie meinte, es könnte dir gefallen, da du ja auch Eylau gerne liest." Mit einem Knall ließ er das Buch zuschnappen und setzte sich neben seinen Freund. „Wo warst du? Und warum bist du so nörgelig?"

„Ich bin nicht nörgelig! Aber ich werde es gleich!"

„Du hast das Frühstück verpasst!"

„Ich war schon um sieben Uhr frühstücken!"

Albus' Augen schienen ihm förmlich aus dem Schädel springen zu wollen. „WAS? Aber heute ist Samstag!"

Seine Stimme überschlug sich fast und Scorpius musste über Albus' betroffenem Gesichtsausdruck lachen.

„Ich habe heute Vormittag am Zaubertränkeseminar teilgenommen."

„Ä-Aber das ist doch für den fünften und siebten Jahrgang!"

Scorpius schloss seine Augen und schwieg. Als sich Albus wieder beruhigt hatte hob der Blonde eine Hand und hielt eine Phiole zwischen Daumen und Zeigefinger.

„Ich habe einen neuen Trank gelernt. Das hier ist der Stärkungstrank!"

Die Flüssigkeit in der Phiole leuchtete gelblich im dämmrigen Zwielicht der geschlossenen Bettvorhänge.

„War der denn nicht schwer?"

„Schon, aber wenn man erst mit den Grundlagen vertraut ist, kann man auch Tränke nur nach Rezept brauen, ohne sich vorher an ihnen versucht zu haben." Er grinste breit. „Ungefähr so wie auf einem Besen zu fliegen!"

„Zeigst du mir wie man den zubereitet?"

„Klar!"

Albus nahm ihm vorsichtig das Behältnis aus der Hand und betrachtete sich den Trank näher. „Die Farbe ist sehr schön!" Dann gab er die Phiole wieder zurück und sah Scorpius zu, wie er die Phiole sicher verstaute. „Noch nicht mal sechs Monate und dann haben wir endlich Quidditch!"

„Noch sind wir im ersten Jahr, da wirst du dich wohl noch ein wenig gedulden müssen!"

„Was hältst du von einer Quidditchpartie?"

„Jetzt?"

Verschlagen sah ihn Albus an und zog die Augenbrauen zwei, drei Mal nach oben.

„Oh, du meinst gar nicht dein Spiel!"

„Wir haben den Umhang. Wir schleichen zum Stadion und versuchen irgendwie Reinzukommen!"

Scorpius zählte grinsend seine Finger ab. „Einruch, Diebstahl, Regelverstoß... also ehrlich, Albus Severus Potter, ich dachte immer du wärst ein anständiger Junge!"

Albus biss sich auf die Unterlippe. „Na komm schon, lass mich dich ein wenig aufmunternd!"

Er blinzelte dem Blonden zu und lachte herzhaft, als Scorpius seine Schultern mit einer Leidensmine hängen ließ.

Im vorderen Innenhof der Schule hielten sich nur wenige Schüler auf. In der einen Ecke auf einer Bank saßen Nicola und Myriel und genossen den warmen Sonnenschein. Der dunkelhäutige Junge war gerade dabei eine Wildpastete zu verdrücken und wie seine Begleiterin an seinem feisten Grinsen sah, tat Nicola dies mit sichtlichem Genuss.

„Sag mal, wir hatten doch gerade erst Mittag!"

„Daf mafft nift, ef fmeckt herrlich!"

Kopfschüttelnd vertiefte sich Myriel wieder in ihre Zeitschrift. Sie las gerade einen Artikel des Quibbolinos, der von jungen Hexen handelte, die eine Rockband gründen wollten. Auch Nicola warf einen Blick ins Magazin für junge Magier und Hexen. Links neben sich hatte er noch zwei Pastetchen liegen. Plötzlich nur noch eins, dann keins mehr. Gedankenverloren tastete er nach den nicht vorhandenen Fleischtörtchen und sah sich verwirrt um.

„He, wo sind meine Pastetchen? Hast du etwa..."

Myriel tippte sich empört an die Stirn. „Du hast doch'n Sprung in der Schüssel! Wahrscheinlich hast du sie selber gegessen und es noch nicht mal bemerkt!"

Damit zog sie ihm eins mit der Zeitschrift über, sprang auf und stapfte in Richtung Eingangsportal. Völlig verdattert stand der arme Zabini auf uns sah sich um, ob er die Pasteten nicht doch aus Versehen von der Bank gestoßen hatte. Er kratzte sich am Hinterkopf. Das konnte doch nicht wahr sein, so verfressen war er schließlich auch nicht, dass er nicht mehr mitbekommen würde, wenn er sich was in den Mund stopfte.

Das Quidditch-Feld lag friedlich da, nur die Wimpel der Tribünen flappten träge im Wind. Bei der Tür, die zu den Umkleideräumen und dem Materiallager führte, tauchten plötzlich zwei Jungs auf. Der Kleinere mit dem wirren Haar kaute mit vollen Backen und schien sich sauwohl zu fühlen, während er mit dem Zauberstab vor dem Türschloss herumfuchtelte. Der Größere der beiden wippte ungeduldig mit den Schuhspitzen und sah dem Treiben des anderen missbilligend zu.

„Du hattest doch Frühstück und Mittagessen, Albus! Also ehrlich, wenn ich es nicht selbst sehen würde..."

Er brach ab und sah, wie Albus mit vollem Mund versuchte, einen Zauber zu nuscheln. Wütend schob Scorpius den Gryffindor zur Seite, zog seinen eigenen Zauberstab und richtete ihn auf das Türschloss.

„Merlin, geh zur Seite! Nachher jagst du noch das ganze Stadion in die Luft. Alohomora!"

Die Tür sprang knarrend auf und sie schlüpften schnell hinein. Einige Zeit später traten sie wieder ins Freie. Jeder hatte einen der Schulbesen in der Hand und Scorpius hielt den Quaffel.

„Wir müssen aufpassen! Ich habe zwar einen Sperrzauber über den Eingang gelegt, aber jeder Lehrer könnte den mit Leichtigkeit bannen."

Albus nickte zustimmend. „Keine Sorge, zur Not heißt das zwei Wochen Strafarbeit mit Filch."

Der Slytherin schaute düster drein. „Ich glaube diesmal werden sie uns tatsächlich an den Daumen aufhängen!"

Er schwang sich auf den Besen, während Albus zu ihm geflogen kam. Der Schwarzhaarige stopfte den Tarnumhang in die Seitentasche von Scorpius' Robe.

„Was zum... Was machst du da?"

„Falls doch jemand kommt, wirf dir einfach den Umhang über!"

„Und was ist mit dir?"

Scorpius war verwirrt, doch Albus wiegelte ab. „Es war meine Idee und wenn sie uns erwischen, sollst du nicht darunter leiden."

„Du glaubst doch nicht, dass ich dich das allein ausbaden lasse! Für was hältst du mich eigentlich?"

Mit einem süffisanten Grinsen lehnte sich Albus leicht nach vorn. „Für einen typischen Slytherin, oder etwa nicht?"

Aus schmalen Augen starrte ihn der Blonde an. Albus' feixender Gesichtsausdruck ärgerte ihn mächtig. Plötzlich warf er dem Gryffindor den Quaffel an den Kopf, fing ihn wieder auf und flog zu einem der Torringe. Wütend rieb sich Albus die schmerzende Stelle an seiner Stirn.

„He! Was sollte das?"

Der Quaffel wurde elegant durch den Torring gestoßen und Scorpius näselte gehässig. „Typisch Slytherin, was jammerst du eigentlich hier rum?" Ein gemeines Grinsen umspielte seinen Mund. „Bevor ich es vergesse, Eins zu Null für Malfoy!"

Albus zog eine Schnute. Er konnte es nicht glauben, doch Scorpius genoss es seiner fiesen Ader freien Lauf zu lassen. Aber er würde es diesem verwöhnten Dreikäsehoch schon noch zeigen. Im weiten Bogen zischte er auf seinem Besen zu den Torstangen, nur knapp über dem Rasen. Albus langt nach unten, schnappte sich den Quaffel im Vorüberflug vom Boden und zog den Besen senkrecht nach oben. Der Blonde war unterdessen in seine Ausgangsposition zurückgeflogen und erwartete Kreise ziehend auf Albus' Angriff. Da musste er nicht lange warten. Der Gryffindor war sauer, mächtig sauer sogar. Die smaragdfarbenen Augen blitzten regelrecht hinter der Fliegerbrille auf, während Albus mit dem Quaffel unterm Arm auf die Torringe zujagte. Er lehnte sich nach vorn um noch schneller zu werden und taxierte den Slytherin. Scorpius stieß wie ein Raubvogel hinab und versuchte Albus den Weg zu verlegen. Doch der kippte zur Seite und ging in eine Rolle über. Er passierte den überraschten Blonden und flog nun direkt auf den obersten der drei Torringe zu. Scorpius biss die Zähne zusammen, Albus hatte ihn zwar überrumpelt aber noch lange nicht den Schneid abgekauft. Er riss seinen Besen herum und folgte Albus dichtauf. Der wandte sich kurz um, sah, dass der Slytherin zu ihm aufschloss und schleuderte den Quaffel so fest er konnte auf den Torring. Das Herz blieb Scorpius beinahe stehen, um so erleichtert war er, als der rote Ball gegen den Torring schlug und wie ein Stein nach unten fiel. Augenblicklich richtete sich der Blonde auf, spreizte seine Beine, um den Besen zu stoppen und ließ sich hinabstürzen. In seinem Bauch begann es zu kribbeln. Dieses prickelnde Gefühl zog sich nach oben und weitete sich aus. Grinsend jauchzte Scorpius auf, fast hatte er den fallenden Quaffel erreicht. Er streckte den Arm aus, bereit zum zugreifen. Plötzlich huschte Albus wie ein dunkler Schatten an ihm vorbei. Trotz der schmalen Lücke zwischen der Torstange und dem Slytherin wagte Albus den Sturzflug. Kräftig packten seine Finger das rote Leder. Kaum dass er den Quaffel wieder sicher im Griff hatte, wendete er in einem kurzen Bogen nach oben, so dicht über dem Boden, dass er Staub aufwirbelte. Im letzten Moment schaffte es auch Scorpius abzudrehen, allerdings so knapp, dass ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Erleichtert atmete er durch und schloss zu Albus auf, der ihm entgegengrinste, als beide parallel nebeneinander her flogen. Demonstrativ winkte Albus mit dem Ball, klemmte ihn fest unter seinen Arm und versuchte Geschwindigkeit aufzunehmen. Abermals sank Scorpius herab, rollte unter dem Besen des Gryffindor hindurch auf die andere Seite und griff erneut nach dem Quaffel. Doch Albus war auf dieses Manöver vorbereitet und gab Scorpius' Besen einen kleinen Tritt, der diesen aus der Bahn warf. Entsetzt klammerte sich der Blonde an sein Fluggerät wie ein verschrecktes Äffchen und versuchte es wieder unter Kontrolle zu bringen. Mit vorgeschobener Unterlippe starrte er Albus schmollend entgegen. Der schwebte in aller Seelenruhe vor einem der drei Torringe und warf den Quaffel provozierend von einer Hand zur anderen. Dann streckte er seinen Arm mit dem er den Ball hielt, durch den Ring, schaute zu Scorpius und ließ seine weißen Zähnen aufblitzen. Wütend zog der Slytherin seine Augenbrauen zusammen und musste hilflos zusehen, wie der Schwarzhaarige den Quaffel einfach fallen ließ. Damit herrschte Gleichstand.

Im Laufe des Nachmittags erkannte Scorpius, dass Albus ein Naturtalent auf dem Besen war. Genauso wie dessen Vater. Er wusste zwar nicht viel über Harry Potter, aber Harrys Leidenschaft fürs Fliegen war legendär. Albus schien diese Begeisterung und auch das Talent seines Vaters geerbt zu haben. Scorpius war Dankbar dafür, dass sein Freund ein lausiger Jäger war, sonst hätte er nicht nur mit einem Tor Unterschied verloren. Er verschloss gerade die Tür zum Trakt mit den Umkleideräumen und beide bummelten über den Rasen in Richtung Ausgang. Ein Seitenblick auf den Kleineren, zeigte Scorpius, dass Albus trotz seines Sieges schlechte Laune hatte. Der Gryffindor hatte seine Unterlippe zwischen die Zähne gezogen und grummelte vor sich hin.

„Was haderst du? Du hast doch gewonnen!"

„Jaah, schon!" Antwortete Albus gedehnt. „Aber nur mit Ach und Krach. Und der Kick gegen meinen Steigbügel, den fand ich ziemlich fies von dir!"

„Ach heul doch!"

Jetzt war Scorpius eingeschnappt. Er hatte das letzte Tor verhindert, in dem er Albus während des Fluges mit aller Kraft gegen den Steigbügel seines Besens trat. Der kippte zur Seite, geriet ins Trudeln und Albus musste den Quaffel loslassen, um einen Sturz abzufangen. Dies war ein völlig legitimer Spielzug, nicht gerade Gentlemanlike, aber wirkungsvoll!

„Wenn du es nicht mit einem Slytherin aufnehmen kannst, such dir doch fürs nächste Mal einen stupiden Hufflepuff!"

„Hufflepuffs sind nicht blöd!"

„Na, du musst es ja wissen!"

Albus knuffte ihn in die Seite. „Ich weiß nur, dass du alle anderen als blöde ansiehst, wenn dir irgendwas nicht passt! Manchmal wundere ich mich, dass du nicht an deiner Arroganz erstickst!"

Scorpius blieb abrupt stehen und beugte sich zischend zu Albus. „Das ist wie bei Schlangen! Die sterben ja schließlich auch nicht an ihrem eigenen Gift, wenn sie sich versehendlich auf die Zunge beißen!"

Albus wackelte mit seinem Kopf. „Jede Viper ist im Vergleich mit dir geradezu handzahm!"

„Ach, ist das so?"

„Jaah, das ist so!"

Wütend ballte der Slytherin seine Fäuste, bis die Knöchel knackten. Nur mit Mühe konnte er seinen Wunsch unterdrücken, diese struppige, kleine Nervensäge zu erwürgen.

„Du bist einfach nur ein schlechter Verlierer, Scoop!"

Sicherheitshalber trat Albus einen Schritt zurück, falls er flüchten musste. Scorpius sah aus, als ob er gleich platzen würde. „Ich... ICH? DU! Du bist viel schlimmer! Du bist nämlich ein schlechter Gewinner!" Er lachte bitter auf. „Nein, Mister Potter Junior kann sich nicht einfach nur freuen gewonnen zu haben. Oh nein, bei Leibe nicht! Du jammerst, du lamentierst, Merlin Albus, du bist eine Drama Queen!"

Beide standen sich Nase an Nase gegenüber und starrten sich an. Plötzlich verpasste der Blonde dem anderen eine Kopfnuss.

„AUTSCH! Wofür war das jetzt?"

„Du sollst mich nicht Scoop nennen! Ich hasse diese Kurzform! Scorpius ist ein wundervoller Name und ich will, dass man mich auch so ruft!"

Mit einem Schulterzucken wandte sich der Gryffindor ab und stapfte in Richtung Ausgang. „Und mich nennt er 'ne Drama Queen!"

Am Tor angekommen, wartete Albus darauf, dass Scorpius zu ihm aufschloss. Der zischte „Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen!" und Albus legte den Tarnumhang um sie beide. Zähneknirschend überlegte er, wie sich der Blonde wohl ärgern lassen würde und mit einem Mal grinste Albus schief. Während er den Umhang schloss fragte der Schwarzhaarige möglichst beiläufig. „Sag mal Scorpius, hast du zugenommen? Irgendwie habe ich das Gefühl, der Umhang ging früher leichter zu, wenn wir beide darunter standen."

Ganz dicht an seinem Ohr spürte er Scorpius Atem. „Glaub mir, noch so eine dämliche Bemerkung und ich werde keine Schwierigkeiten haben den Umhang zu schließen, da ich garantiert allein darunter stehen werde!"

„Ich habe nichts gesagt!"

Nachdem sie draußen waren, verschloss Albus den Eingang mit seinem Zauberstab. Beide drehten sich um und starrten völlig entgeistert, Filch ins schlecht gelaunte Antlitz. Der Alte schaute sich misstrauisch um und Albus wich einen Schritt zurück. Dabei stolperte er über Scorpius' Füße und beide fielen auf ihre Hintern. Schmerzvoll verzog der Blonde dabei das Gesicht. Albus, auf Scorpius' Schoß sitzend, sah sich hektisch um, ob ja nichts von ihren Füßen unter dem Tarnumhang hervor schaute. Erst jetzt merkten sie, dass Filch die ganze Zeit vor sich hin grummelte.

„Dumme Gören... dumme Professoren! Einen durch die Gegend jagen, Pah! Ja, ja, der alte Filch macht das! Der alte Filch wird es schon richten! Der alte Filch kann ruhig zum Stadion gehen und schauen, was da los ist! Es sollen sich Schüler dort rum treiben. Hmpf!" Er wurde von einem Hustenanfall geschüttelt, gerade in dem Moment in dem Albus über Scorpius stolperte. Aber außer einer kleinen Staubwolke, die von den beiden aufgewirbelt wurde, bekam Filch nichts mit.

„Peeves, bist du das etwa?" Doch er erhielt keine Antwort. „Dämlicher Poltergeist! Rausschmeißen sollte man ihn! Aber nein, nein, verdammter Dumbledore, verdammte McGonagall! Umbridge und Snape, hach jaah, das waren Schulmeister... hrchrmachm!"

Zuerst dachte Scorpius, dass Filch von einem Hustenkrampf geschüttelt wurde. Doch er musste feststellen, dass der alte Mann mit den braunen Zahnstümpfen, einfach nur gehässig lachte. Misstrauisch beäugte der Hausmeister das Eingangstor des Quidditch Stadions und trat einen Schritt nach vorn. Scorpius umklammerte Albus auf seinem Schoß und zog ihn dichter an sich heran. Sie spreizten ihre Beine etwas weiter, da Filch einen weiteren Schritt nach vorn tat und anfing an der Tür zu rütteln.

„Saubande! In den alten Tagen hätte ich sie an den Daumen aufgehängt. Chrchmh! Snape hatte dafür gesorgt, dass man denen Zucht und Ordnung einbläute! Verdammte Saubande, verdammte! Meiner armen Mrs. Norris Konservenbüchsen an den Schwanz zu binden. Kinder... Pah! Am Mittwoch waren sie in die verbotene Abteilung der Bibliothek eingebrochen und gestern haben'se Sachen aus dem Lehrraum für Mugglekunde geklaut. Nichtsnutze allesamt! Und die alte Frau ist auch kein Schlag besser!" Er spuckte aus und hätte Albus' Fuß, der unter dem Tarnumhang verborgen war um ein Haar getroffen. „Argus, mein Bester, schauen Sie doch in der Bibliothek nach dem rechten..." äffte er McGonagall nach. „Ach Argus, seien Sie doch so gut und kümmern sich um die Sache, die im Klassenraum für Mugglekunde passiert ist... Argus, man glaubt Schüler im Quidditch Stadion gesehen zu haben, seien sie so nett und schauen da mal nach. Natürlich..." Er deutete unbeholfen einen Hofknicks an. „...ich hab ja sonst nichts zu tun!"

„Oy Argus, alles OK?"

Hagrid kam des Weges vorbei in Gesellschaft von Schnapp und winkte ihm zu. Filch erwiderte den Gruß und nickte. „Ja-ja, alles bestens. Irgendein Depp hat falschen Alarm gegeben. Dachte wohl, Schüler feiern da drinn'ne Party! Hah!"

Schnapp, der seinem Herrchen zu Filch gefolgt war, wurde plötzlich unruhig. Er konnte deutlich Scorpius' Witterung wahrnehmen, doch der Junge war nirgends zu sehen. Unruhig winselnd streifte er Hagrid um die Beine und stellte die Ohren auf. Sein Instinkt sagte ihm, dass der Junge nicht da war, doch seine Sinne zeigten ihm, dass Scorpius direkt vor ihm sein musste. Die Ohren wie zwei Segel aufgerichtet fing er laut an zu bellen. Scorpius' Augen weiteten sich. Dass durfte doch nicht wahr sein, jetzt wurden sie am Ende noch von dem blöden Hund enttarnt. Wie von selbst fixierten seine Augen den Saurüden und er versuchte ihn mit Blicken und Mimik zu beschwichtigen. Plötzlich fing Albus in seinen Armen an, heftig zu zittern, da er zu allem Überfluss von einem Kicheranfall geschüttelt wurde. Damit hätte er dem Blonden fast einen Herzinfarkt beigebracht. Aber er konnte nicht mehr an sich halten, als er sah, wie der Slytherin verzweifelt versuchte dem Hund Zeichen zu geben. Obwohl er doch unter dem Tarnumhang nicht zu sehen war. Leise giggelte Albus vor sich hin und Scorpius begann ihn zu schütteln.

Übellaunig starrte Filch den großen Hund an. „Sag mal, Hagrid, was hat denn die Töle?"

„Hmm, keine Ahnung! Vielleicht ein Kaninchen, oder er wittert Mrs. Norris an deinen Sachen!" Er zog den Hund am Halsband etwas zur Seite. „Na komm Schnapp, lass gut sein! Ey Argus, warum kommst du nicht mit? Ich setz uns'n Pott Tee auf!"

Filchs wässrige Augen leuchteten auf, während er ein verunglücktes Grinsen zustande brachte. „Wenn du in meinen Tee noch einen kleinen Schuss von deinem köstlichen Brandwein reintust, kommen wir ins Geschäft!"

Hagrid lachte und nickte Filch auffordernd zu, der sich ihm, nach einem letzten prüfenden Blick auf den Stadioneingang, anschloss.

Als die beiden Männer und der Hund außer Sichtweite waren, riss Scorpius den Tarnumhang zur Seite und warf Albus einen giftigen Seitenblick zu. Der Schwarzhaarige saß lachend am Boden und fing mit den Beinen zu strampeln an.

„Ha, ha! Wirklich sehr witzig, Albus! Die hätten uns fast erwischt!"

„Huahahahahaha!" Albus hielt sich den Bauch und konnte nur noch stammeln. „Ich... kann... nichts... dafür... Pfff!" Er seufzte und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Aber wie du Schnapp versucht hast zu hypnotisieren... Man, der konnte dich doch gar nicht sehen!"

„Aber wittern!" Schmollend kickte der Blonde einen Stein zur Seite und wandte sich ab.

Albus sprang auf die Füße und lief hinter Scorpius her. Während sie schweigend zurück zum Schloss gingen, verstaute Albus den Tarnumhang in seiner Robe. Er sah zu Scorpius, doch der ignorierte ihn.

„Scoop?"

„Hmpf!"

„Machst du jetzt wieder Witze, wenn ich vorschlage, etwas Essen zu gehen?"

„Nein! Ich bin selbst ein wenig hungrig. Ich habe seit dem Frühstück nichts mehr gegessen."

„Fein, dann lass uns in die Große Halle gehen!"

„Eins noch!"

Albus blieb stehen und sah Scorpius erwartungsvoll an. „Ja? AUA!"

Der hatte ihm einen saftigen Tritt gegen das Schienbein verpasst und sah zu, wie Albus vor ihm herum hopste. „Nenn mich nicht Scoop!"

„In Ordnung, Scoop!"

Tbc...