Es hatte eine Weile gedauert, bis Giles Buffy abgewimmelt hatte. Noch während er das dachte, schüttelte er über sich selbst den Kopf. Auch wenn er nicht mehr ihr offizieller Wächter war, so sollte es doch immer noch seine oberste Priorität sein, ihr beizustehen.

Im Moment konnte er sich jedoch nicht helfen: Er nahm es ihr übel, dass sie in die Magic Box geplatzt war, ausgerechnet in dem Augenblick, in dem er Willow endlich geküsst hatte. Willow war natürlich prompt geflüchtet. Er hatte ihr nicht folgen können, da Buffy ihm die Informationen, die sie von Spike erhalten hatte, mitteilen wollte.

Es war Giles unglaublich schwer gefallen, sich auf das zu konzentrieren, was Buffy ihm erzählte, denn er verlor sich immer wieder in den Erinnerungen an diesen Kuss. An Willows weiche Haut, an ihre Hand in seinem Nacken, an ihren Geruch …

Schließlich war auch Buffy aufgefallen, wie unkonzentriert er gewesen war und hatte gefragt: „Giles, alles in Ordnung mit Ihnen?"

„Ähm … sicher. Wieso fragst du?"

„Sie sind so abwesend. Also noch abwesender als sonst manchmal."

„Oh, ähm, nun … ich denke, ich bin einfach nur müde. Es ist ja auch schon spät." Ihm selbst erschien diese Ausrede ziemlich schwach, aber Buffy hatte nur genickt und war mit dem Versprechen ihn am morgigen Tag aufzusuchen verschwunden.

Und nun saß er in seinem Appartement und dachte einmal mehr an einen gewissen Rotschopf. Somit war das eigentlich kein unübliches Ende für einen Tag. Und doch, dieses Mal war es anders. Er musste sich selbst nicht mehr davon abhalten, auf diese Weise an Willow zu denken.

Bisher hatte er sich selbst immer vorgeworfen, dass es falsch war so an Willow zu denken, denn schließlich waren sie Freunde und man träumte nicht davon, wie man Freunde küsste, ihnen langsam die Kleidung von der Haut streichelte und … nun ja, sich näher kam, als es für Freunde üblich war.

Es war falsch gewesen, weil er mehr als doppelt so alt war, wie sie. Und nicht zuletzt war es schmerzhaft gewesen, weil er immer geglaubt hatte, sie niemals haben zu können. Weil sie ihn nicht wollte. Weil sie lesbisch war und Tara hatte.

Doch heute war es anders: Sie hatten sich geküsst. Eigentlich müsste er unglaublich glücklich sein, aber das war er nicht. Er ahnte ungefähr, wie es nun in Willow aussehen musste. Sie würde verwirrt und voller Zweifel sein. Sie würde Schuldgefühle Tara gegenüber empfinden. Sie würde sich ausmalen, wie Xander und Buffy reagieren würden, wenn sie von dem Kuss erfahren würden. Sie würde sich vorbeten, dass sie lesbisch war.

Aber das Schlimmste war, dass sie vermutlich darüber nachdenken würde, wie sie ihm in Zukunft am besten aus dem Weg gehen könnte. Wenn es nur um sie beide gehen würde, dann könnte er sich damit vielleicht arrangieren. Aber es ging eben nicht nur um sie beide. Es ging um Buffy, es ging um Sunnydale und letztendlich – auch wenn es vielleicht pathetisch klang – ging es um das Wohl der ganzen Welt. Sie waren nun einmal am stärksten, wenn Eintracht in der Gruppe herrschte. Und genau deshalb würde er Willow dazu zwingen müssen, sich mit ihm auseinander zu setzen.

Natürlich war diese Tat auch nicht völlig uneigennützig. Er war sich beinahe vollkommen sicher, dass sie mehr als freundschaftliche Gefühle für ihn hegte, denn sonst hätte sie gewiss nicht zugelassen, dass er sie küsste.

Er würde den Teufel tun und diese Chance ungenutzt verstreichen lassen! Viel zu lange schon hatte er die Gefühle für sie tief in sich vergraben. Viel zu oft hatte er sich all die Argumente vorgebetet, die dafür sprachen, die Finger von ihr zu lassen.

Ja, es war an der Zeit Gewissheit zu erlangen. Wenn sie ihm glaubhaft machen würde, dass sie nicht mehr als freundschaftliche Gefühle für ihn hegte und sie den Kuss nur aus einer Laune heraus zugelassen hatte, dann würde er es akzeptieren. Dann würde er seine Liebe zu ihr in sein tiefstes Innerstes verbannen und versuchen ihr wieder nur ein Freund zu sein.

Aber wenn sie es nicht könnte, dann … Nun, dann würden sie wohl unbekanntes Territorium betreten.

Bevor er das jedoch herausfinden konnte, musste er Willow dazu bringen, sich mit ihm auseinander zu setzen. Und so wie er sie kannte, würde das nicht einfach werden, denn vermutlich würde sie ihr Möglichstes tun, um ihm aus dem Weg zu gehen. Er würde verdammt hartnäckig sein müssen …