Kapitel 1: nächtlicher Ausflug

Renesmee PoV:

Müde blinzelte ich und öffnete die Augen. Verwirrung durchflutete mich. Wo war ich hier? Ich stemmte mich hoch. Dunkelheit erfüllte den Raum, wo ich war und doch konnte ich alles sehen. Gut, ich konnte nicht so gut sehen wie am Tage, aber ich konnte dennoch gut genug sehen, um feststellen zu können, wo ich war. Die Strukturen meines neuen Zimmers waren mir noch nicht allzu vertraut. Ich streckte mich kurz und gähnte. Dann schlug ich die Bettdecke zurück und tapste durch mein Reich.

Da wir nur auf der Durchreise waren, war es nicht besonders schön eingerichtet, aber es reichte aus um darin zu schlafen. Ein flauschiger Teppich bedeckte den Fußboden. Mein Kleiderschrank war groß und stand links neben mir. Mein Bett stand unter meinem Fensterbrett, sodass man hinaus gucken und dabei im Bett sitzen konnte. Meine Hand legte sich um den Türgriff. Kurz zuckte ich wegen der Kälte des Metalls zusammen. Vorsichtig öffnete ich die Tür meines Zimmers und steckte den Kopf langsam durch den Türschlitz. Stille erfüllte den Flur. Nichts und niemand rührte sich. Ein breites Grinsen schlich sich auf meine Lippen. Gut, dass die Scharniere meiner Tür frisch geölt worden waren, als wir hier ankamen. Ich schob sie weiter auf und versuchte mich schnell daran zu erinnern, wo ich hintreten konnte, ohne, dass der Boden mich verriet.

Prüfend machte ich einen Schritt nach vorn. Nichts. Totale Stille. Ich lächelte wieder. Glücksgefühle durchfluteten mich. Schnell trugen mich meine Schritte in einem tänzelnden Gang den Flur hinab. Zwei Schritte rechts, drei links, zwei vor, dann wieder nach Rechts und dann nach Vorn. Dann war ich bei der Treppe angelangt. Ich sog die Luft des Hauses geräuschlos, tief in meine Lungen. Dann berührte ich die linke Seite der ersten Stufe. Kein Geräusch erklang, als ich mich mit meinem gesamten Gewicht darauf stellte.

Nun begann ich in einem wirren Durcheinander und stetigem hin und her die Treppe hinabzugehen ohne auch nur das leiseste Geräusch zu verursachen. Nach wenigen Sekunden hatte ich die Treppe geschafft. Nur unter Anstrengung konnte ich ein Kichern unterdrücken. Ich wusste, dass ich sofort wieder zurück in mein Zimmer geschickt werden würde, sobald mich einer unserer Familie dabei erwischte, wie ich hier rumsprang und nicht brav in meinem warmen Bett schlief. Mein Blick flog durch die Eingangshalle des Hauses. Niemand war zu sehen. Absolute Stille erfüllte das Haus. Ich grinste breit. Mondlicht erhellte den Eingangsbereich nur schwach. Wunderschön fielen die Lichtstrahlen durch die alten, ungeputzten Fensterscheiben. Ich lief schneller, tanzte über die kalten Fliesen. Der Stoff meines weißen Nachthemdes schmiegte sich dabei eng an meinen Körper. Meine Füße trugen mich schnell hinüber zur Haustür. Kurz stoppte ich, zögerte. Ich legte meine Hände an das warme Holz und ließ meinen Blick prüfend durch den Flur hinter mir gleiten. Niemand war zu sehen und es war auch nichts zu hören. Meine Hand umschloss den Türgriff. Das kühle Metall liebkoste meine Haut. Ich drückte die Klinke sanft hinunter. Kein Ton erklang. Ich hielt den Atem an. Mein Herz pumpte mein Blut schneller als sonst durch meine Venen, denn immerhin war ich gerannt. Dennoch war ich nicht im Geringsten außer Atem. Dank meiner Vampirgene hatte ich eine unglaubliche Ausdauer. Langsam schob ich die Tür auf. Wieder erklang kein Geräusch. Anscheinend war diese Tür erst heute geölt worden. Ich lächelte und dann trat ich hinaus ins Freie.

Ich stand auf einer Veranda. Sie bestand aus Holz, genau wie der Rest des Hauses auch. Mein Blick glitt über die prachtvolle Landschaft, die sich mir bot. Das Mondlicht erhellte alles vor mir. Die Bäume und Büsche warfen schwache Schatten. Ich wusste, dass am Tage alles wieder ganz anders aussehen würde als jetzt. Im Moment ließ das Mondlicht die Umgebung sehr viel kälter erscheinen.
Ich schritt vorsichtig über das alte Holz. Doch auch dieses gab nicht ein Geräusch von sich. Dann trat ich in das gleißende Licht des Mondes. Wind kam auf und spielte mit meinen offenen Haaren und meinem Nachthemd. Zufrieden zog ich die kühle Nachtluft in meine Lungen, dabei hatte ich die Augen geschlossen. Ein Lächeln umspielte meine Lippen und vorsichtig öffnete ich meine Augen wieder. Dann ließ ich mich nach vorn fallen und rannte los. Es war gut, dass ich mir genau diese Uhrzeit dafür ausgesucht hatte, denn jetzt konnte ich nicht Gefahr laufen, dass mich jemand sah. Alle schliefen.
Sanft streichelte die Kühle des Windes meine Haut. Ich genoss diese Art von Freiheit. Schnell wie der Blitz sprang ich von Baum zu Baum. Mein Herz raste vor Freude und leichter Anstrengung.
~*~

„Wie konntest du nur?"
Ich sah auf. Meine Mum sah mich empört an und Verwirrung durchflutete mich. Kurz packte mich ein Hauch von schlechtem Gewissen, doch dann verflog er auch sofort wieder. Ich tat unschuldig, was ich ja auch war und legte den Kopf schräg.
„Wovon redest du Mommy?"
Sie verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. Dann seufzte sie tief und setzte sich zu mir an den Küchentisch.
„Du warst gestern Nacht draußen", meinte sie. Ich zog beide Brauen hoch. Forschend sah sie mich an, ich seufzte und nickte dann leicht.
„Ja … ok … ich war draußen … aber das … na ja … das"
„Das hätte schlimm enden können! Ich will nicht, dass du so etwas noch einmal machst! Haben wir uns da verstanden?", fragte sie und eine ungewohnte Strenge erfüllte ihre Stimme. Ich runzelte die Stirn.
„Aber … es ist mir nichts passiert! Ich war friedlich und bin nur ein bisschen gejoggt", widersprach ich. Sie schnaubte.
„Das nennst du gejoggt? Renesmee Carlie Cullen! Du bist durch den Wald gerannt!", rief meine Mutter aus. Ich schluckte nervös. Es war nicht im Geringsten zu übersehen, dass sie stinksauer war. Dennoch hatte ich ja nichts Schlimmes getan. Ich hatte nur einen Spaziergang gemacht und war nicht entdeckt worden. Nichts war passiert, also wieso regte sie sich dann gerade so auf?
Plötzlich kam mein Vater in den Raum. Hoffnung erfüllte mich kurz, doch dann sah ich sein Gesicht. Er war auch sauer. Eine Welle der Hilflosigkeit schwappte über mich hinweg und vernebelte kurz meine Sinne.
Mein Vater, Edward Anthony Cullen legte seine Hände auf die schmalen Schultern meiner Mom und küsste sie sanft in den Nacken. Sie entspannte sich sofort etwas.
„Schatz … es ist nichts passiert und Renesmee wird es nie wieder tun, hab ich nicht Recht Renesmee?", fragte er mich. Kälte schwang in seiner Stimme mit und ein Stich durchfuhr mein Herz. Der Befehl darin war nicht zu überhören. Ich schluckte merklich. Sicher … meine Eltern machten sich Sorgen um mich. Das konnte ich mehr als gut verstehen. Dennoch … sollte ich wirklich meine Freiheit aufgeben? Vor Nervosität biss ich mir auf die Unterlippe, dann nickte ich. Meine Augen brannten leicht, doch ich wollte mir nicht diese Blöße geben. Ich wollte meinen Eltern zeigen, dass ich stark war und ich würde sie nicht enttäuschen, denn das tat mir mehr weh als der Verlust meiner Freiheit.
Ich wollte nicht die enttäuschten Blicke meiner Eltern sehen, wenn ich etwas angestellte hatte, was ich nicht sollte, nur weil ich frei sein wollte.
„Gut … das hätten wir dann geklärt. Im Übrigen werden wir heute Abend weiterreisen", meinte mein Vater.
„Haben sie uns denn gefunden?", fragte meine Mutter mit leiser Stimme. Selbst mit meinen guten Ohren musste ich sehr genau hinhören. Ich hob den Kopf und sah meine Eltern fragend an. Sie hatten die Arme umeinander geschlungen und sahen sich beide tief in die Augen. Mein Vater schüttelte den Kopf.
„Nein … noch haben sie keine Spur von uns … wobei sich SEINE Entscheidung nicht geändert hat", meinte Dad. Ich legte den Kopf schräg. Wovon bitte sprachen sie da gerade? Das Ganze verwirrte mich zusehends. Ich verstand kein einziges Wort. Vermutlich sollte ich das auch nicht.
Da kam der Rest der Familie herein.
„Nun … die Schule hat uns angenommen", meinte Carlisle. Meine Eltern zuckten zusammen. Etwas, was wirklich sehr ungewöhnlich für die Beiden war. Sonst waren sie nicht so. Etwas bedrückte sie, das sah man deutlich, doch ich konnte nicht sagen, was. Besorgt musterte ich meine Eltern. Ein leichter Hauch von Angst umhüllte meine Sinne, doch dann verschwand er plötzlich. Mein Blick flog hinüber zu meinem Onkel Jasper. Er zwinkerte mir kurz zu, doch ich schenkte ihm nur einen finsteren Blick. Ich wollte nicht, dass er mir meine Sorgen oder Ängste nahm. Dann kam ich mir immer so gefühlskalt vor.
Fragend zog er eine Braue hoch. Ich wackelte mit den Augenbrauen, er seufzte tonlos, nickte leicht und dann gab er mir meine Gefühle wieder frei. Ein breites Grinsen hatte sich auf meine Züge gelegt.
„Also gut … packen wir unsere Sachen", meinte Alice und strahlte. Doch irgendwie sah es nicht echt aus. Selbst ich konnte sehen, dass meine fröhliche Tante sich Sorgen machte. Ehrlich gesagt sahen sie alle sehr besorgt aus. Ich schluckte. Hatte das etwa vielleicht mit meinem nächtlichen Ausflug zu tun? Schmerz durchzog mein Herz und schnürte mich die Kehle zu, als ich daran dachte, dass ich ihnen Sorgen bereitete. Das wollte ich definitiv nicht. Ich schluckte wieder, dann biss ich mir auf die Unterlippe. Meine Augen flogen über die Gesichter meiner Liebsten, meiner Familie. Alle sahen besorgt aus und kurz überlegte ich, ob ich vielleicht etwas dagegen tun sollte. Vielleicht sollte ich nachfragen? Doch ich war mir nicht sicher, ob sie mir antworten würden.

Krähen flatterten aufgeschreckt davon, als die Autos anhielten. Ich blickte etwas verunsichert nach draußen. Dunkle Wolken hatten sich über dem Himmel ausgebreitet und verhüllten das Antlitz der Sonne. Meine Eltern stiegen aus und öffneten mir die Wagentür. Ich stieg aus und ließ meinen Blick über die Gebäude gleiten. Sie sahen alle ziemlich gleich aus. Alle Gebäude um uns herum waren aus schwarzem Stein erbaut worden. Überall hatte man hohe, schmale Fenster eingebaut und schlanke Türmchen schmückten die Dächer. Gargoyles hockten auf Dachvorsprüngen und glichen mit ihren Fratzen albtraumhaften Dämonen. Ich schluckte eingeschüchtert von dem Anblick. Dieser Ort gefiel mir nicht. Gut, es gab auch Bäume auf dem Gelände, das ich vor mir sah, aber dennoch wirkte alles ziemlich düster. Carlisle und Esme gingen allen voran während meine Eltern neben mir liefen. Rosalie, Emmett, Alice und Jasper hinter uns. Ich fand es merkwürdig, dass ich in der Mitte lief. Etwas stimmte nicht, denn ich hatte das Gefühl, dass sie mich gerade beschützten. Und dann sah ich etwas aus dem Augenwinkel. Hatte mir der Gargoyle gerade zugezwinkert?