2. Das Reservat

Lily wechselte ihr Gewicht von einem auf den anderen Fuß. Sie war zu früh. Man hatte ihr gesagt, sie würde am Rand des Reservats abgeholt werden. Nervös begann sie, auf ihrer Unterlippe zu kauen.

Sie kam sich etwas seltsam vor, ohne ersichtlichen Grund mitten auf einer Wiese zu stehen. Vor ihr befand sich die unsichtbare Barriere des Reservats. Sie wusste, dass alles, was sie zu sehen glaubte auch eine Illusion kreiert durch diese Barriere sein konnte.

Alles, was sie in ihrem 18-jährigen Leben bisher begonnen hatte, hatte sie mit mindestens einem ihrer vielen Verwandten begonnen. Dieses Mal war sie alleine. Und sie musste sich daran erinnern, dass sie genau deswegen ein Praktikum gesucht hatte.

Lily liebte ihre Familie über alles, aber es war schwierig etwas einfach einmal alleine zu tun. Ihre Mutter hatte fünf Brüder und Lily war Onkel Charly dankbar, dass er nie Kinder in die Welt gesetzt hatte. Eigentlich hatte er auch keine Frau. Dafür hatte er Lily mehr als einmal mit in das rumänische Drachengebiet genommen, dass er mittlerweile leitete.

Seitdem wollte Lily mit magischen Geschöpfen arbeiten. Wieso sie sich von ihrer Tante hatte überreden lassen, bei den Werwölfen zu arbeiten, konnte sie sich nicht mehr erklären.

Zumindest war sie weit weg von ihrer Familie und begann etwas eigenes. Naja, mehr oder weniger. Außerdem würde ihr Name hier nicht große Bewunderung hervorrufen. Die Wölfe lebten in einer anderen Welt.

Die Barriere vor ihr schimmerte auf. Die Luft schien zu flimmern und dann stand ein Bär von einem Mann vor ihr. Er hatte einen finsteren Gesichtsausdruck, lange dunkelblonde Haare und eine Aura, die ihn sofort als den Alpha-Wolf erkennen ließ.

Misstrauisch musterte er sie, dann seufzte er. „Sie schicken jedes Mal kleinere Mädchen her!" Er nickte ihr zu. „Ich bin Brian. Ich bin der Anführer der Werwölfe in diesem Gebiet."

Lily schüttelte seine Hand. „Lily. Und ich denke, ich bin kein kleines Mädchen mehr!" Brian musterte sie, zog die Augenbrauen hoch und zuckte dann mit den Schultern. „Wenn du meinst!"

Er drehte sich um und hielt ihr die Hand hin. Lily würde nur mit einem Wolf in das Reservat gelangen – und auch hinaus. Sie schluckte. Aber sie war nicht umsonst die Tochter ihrer Eltern! Sie griff nach seiner Hand und gemeinsam traten sie durch die Barriere.

Die Barriere fühlte sich wie eine Wand aus kaltem Wasser an. Nach einem Schritt ließ Brian sie los. Vor ihr erstreckten sich sanfte grüne Hügel. Ein Fluss zog durch die Landschaft. Ein größeres Waldgebiet breitete sich über die Hügel. „Ich hoffe, du bist gut zu Fuß!"

Damit lief Brian schon los. Lily musste fast rennen, um mit ihm Schritt zu halten, aber das schien den Mann nicht zu stören. Lily hatte gelesen, dass das Leben unter den Wölfen nicht von Rücksicht auf Schwächere geprägt war. Und sie waren immer misstrauisch gegenüber Fremden.

Sie betraten den Wald, aber das schien Brian nicht zu bremsen. Lily hätte schwören können, dass er sogar schneller wurde. Aber das lag vielleicht auch daran, dass sie langsamer wurde.

Nach gefühlten Stunden, in denen sie mehr stolpernd als laufend, versuchte mit Brian Schritt zu halten, traten sie auf eine Lichtung. Holzhütten waren über die Lichtung verstreut. Zuerst erschien kein Sinn hinter der Anordnung zu stehen, dann erkannte Lily aber, dass sich alle Häuser um ein großes längeres Gebäude in der Mitte gruppierten.

Die kleine Ansiedlung schien vollkommen verlassen. Das wunderte Lily. Sie hatte vom Ministerium Unterlagen über das Reservat erhalten. Hier lebten fast vierzig Erwachsene und fünfzehn Kinder. Neugierig sah sie sich um. Zwischen den Hütten gab es ausgetretene Wege. Alles schien ordentlich und sauber.

Brian lief zu dem großen Gebäude und blieb vor der Tür stehen. Als sie zu ihm aufgeschlossen hatte, öffnete er die Tür und trat vor ihr ein. Als sie hinter ihm durch die Tür lief, war sie froh, dass er ihr nicht höflich den Vortritt gelassen hatte. Das Gebäude bestand scheinbar nur aus einem Raum und er war berstend voll mit Menschen. Das gesamte Rudel war versammelt.

Dicht gedrängt saßen Erwachsene und Kinder auf langen Holzbänken. Es war erschreckend still. Keiner sagte etwas, keiner schien überhaupt zu atmen. Aber alle starrten sie an. Brian lief durch die Menge, die sich schweigend vor ihm teilte. Lily konnte erkennen, dass er zu einem Podium auf der Längsseite des Gebäudes zulief, auf dem ein Stuhl stand. Vor dem Stuhl drehte er sich zu der Menge um. „Brüder und Schwestern, heißt Lily Willkommen. Sie ist die neue Ministeriumspraktikantin."

Lily war am Eingang stehen geblieben und trat nun doch einen Schritt weiter in den Raum. Alle Augen waren nun wieder auf sie gerichtet. Keines davon schien besonders freundlich zu sein. Das Ministerium hatte wohl eine sehr optimistische Sicht der Dinge, wenn es um die Wölfe hier ging. Geschult durch jahrelange öffentliche Auftritte mit ihren Eltern, strahlte sie über das ganze Gesicht.

Sie hörte ein Schnauben hinter sich. Eine ältere Frau trat an sie heran. Dicht vor ihr blieb sie stehen. „Dein falsches Lächeln kannst du vergessen. Wir riechen, wie nervös du bist! Und das mit gutem Grund, Lily!" Sie sprach ihren Namen langsam, fast drohend aus. Als würde sie ihr damit sagen wollen, dass sie ihn sich für später merken würde.

Lily wurde wütend, aber bevor sie antworten konnte, donnerte Brian hinter ihr: „Tasha, halt' dich zurück!" Die Frau warf einen hämischen Blick über Lilys Schulter zu ihrem Leitwolf, dann bleckte sie die Lippen, trat aber den Rückzug an.

Tasha? War das die Alpha-Wölfin aus der Kriegszeit, von der ihre Tante ihr erzählt hatte? Aber sie schien viel zu alt zu sein.

„Lily, komm' her. Ich möchte, dass du einige Brüder und Schwestern kennenlernst." Lily trat durch die Menge, die sich vor Brian geteilt und nicht wieder geschlossen hatte.

Er deutete auf ein Fell, das neben seinem Stuhl lag. Sie zog es so zurecht, dass sie sich auf den Rand des Podiums setzen konnte und sich nicht neben ihn knien musste. Trotzdem kam sich vor wie eine Konkubine aus einer anderen Zeit. Sie fragte sich, wie weit Brian gehen konnte oder wollte.

„Das hier ist Elsa, meine Gefährtin." Eine Frau, die hinter dem Stuhl gestanden hatte, trat nun hervor und blickte stolz auf sie hinab. Sie hatte lange blonde Haare und einen unfreundlichen Gesichtsausdruck. Mehr konnte Lily nicht erkennen, bevor sie wieder hinter den Stuhl trat.

„Alfred und Tasha." Die ältere Frau, die sie angefaucht hatte und ein älterer Mann traten an das Podest. „Sie sind die ältesten Wölfe im Rudel. Ihre Weisheit und Erfahrung werden von uns allen hoch geschätzt." Die zwei neigten kurz die Köpfe zur Seite, sodass man ihre Kehle sehen konnte, dann traten sie wieder in die Menge.

„Luka!" Ein junger Mann, etwas älter als Lily trat hervor. „Luka ist der Hüter unserer Geschichte und Traditionen. Er wird dich lehren, wie man sich bei uns benimmt. Und es ist seine Aufgabe dich aus Ärger heraus zu halten." Brians Stimme ließ nicht daran zweifeln, dass er sicher war, dass sie trotzdem in Ärger geraten würde.

Neugierig sah sie den jungen Mann an. Er hatte dunkelbraune Haare und blaue Augen. Er war wie alle männlichen Wölfe: groß, kräftig, schlank, mit einer sehr männlichen Ausstrahlung trotz seines Alters. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, als sich ihre Blicke trafen. Seine Augenfarbe schien kurz dunkler zu werden, dann lächelte er sie an. Lily hatte das Gefühl ihr Herz würde kurz aussetzen.

Brian riss sie aus ihrer Trance. „Du hast drei Tage Zeit dich einzugewöhnen, danach fängt der Unterricht an." Brian sah kurz über die Menge. Unausgesprochene Befehle schienen zwischen ihm und seinem Rudel ausgetauscht zu werden.

Lily fragte sich nicht zum ersten Mal, ob sie sich nicht doch übernommen hatte. Die Menschen hier waren ihr merkwürdig fremd. Obwohl sie die gleiche Sprache hatten, kam sich Lily vor als sei sie in einem fremden Land ... oder einer weit entfernten Zeit.

„Lasst uns Essen!" Der Befehl Brians brachte Leben in die Menschen. Weitere Bänke und Tische schienen aus hinteren Ecken herbeigebracht zu werden, während andere Wölfe durch eine Tür, gegenüber der Eingangstür verschwanden um kurz darauf mit Schüsseln und Tellern voller Speisen zurückzukehren.

Ein Teller wurde ihr in die Hand gedrückt. Elsa kniete nun gegen das andere Stuhlbein ihres Gefährten. Brian hatte sich zu ihr hinabgebeugt und sie schienen sich flüsternd zu unterhalten. Generell schienen sich hier alle viel leiser zu unterhalten als Lily das gewohnt war.

Eine junge Frau stand vor ihr und reichte ihr Brot und ein Stück Fleisch. Luka war plötzlich neben ihr. „Möchtest du Gemüse? Wir haben auch Kartoffeln." Sie sah sich um und überlegte, wie sie überhaupt essen sollte. Man hatte ihr kein Besteck gegeben. „Äh, nein. Das muss nicht sein, aber gibt es vielleicht eine Gabel und Messer?" Sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Sie sollte hier und jetzt aufhören sich Gedanken darüber zu machen, das Luka attraktiv war. Sie musste mit ihm arbeiten!

Luka grinste. Nahm ihr das Brot aus der Hand und teilte es so, dass das Fleisch hineinpasste, dann drückte er ihr das Sandwich in die Hand. Lily nahm das Brot und schaute es zweifelnd an. Da würde sie sich den Kiefer ausrenken. Zaghaft begann sie, an den Rändern zu knabbern. Über den Rand des Brotes hinweg beobachtete sie die Wölfe.

An langen Bänken aßen alle miteinander. Sie reichten Schüsseln und Brot herum. Die meisten schienen guter Laune zu sein, lachten und schienen miteinander zu scherzen. Es sah aus, wie das Sonntagsessen bei den Großeltern Weasley – nur gesitteter.

Brian ignorierte sie während des Essens. Immer wieder kam einer der Rudelmitglieder zu ihm und berichtete ihm von diesem oder jenem. Manchmal musste er Entscheidungen fällen, manchmal wurden nur Alltagsdinge erzählt. Brian schien alles gleich zu interessieren.

Nachdem sie das Sandwich aufgegessen hatte, stand Luka wieder bei ihr. „Ich zeige dir deine Unterkunft, wenn du möchtest." Dankbar nickte sie. Schweigend lief sie hinter ihm her aus dem Gebäude.

Die frische Luft tat gut nach der stickigen Halle. Sie lief neben Luka her und schaute sich neugierig um. „Bist du schon einmal einem Werwolf begegnet?" Lukas Frage schreckte sie aus ihren Gedanken.

„Nein, aber mein Onkel ist von einem Werwolf angegriffen worden, allerdings nicht bei Vollmond. Und seither hat er Narben und einige wölfische Eigenschaften – zumindest sagt meine Großmutter das. Ich kenne ihn nur, wie er jetzt ist. Und mein ..." Lily überlegte kurz. „mein Ziehbruder ist der Sohn von einem Werwolf, aber auch er verwandelt sich nicht. Er mag nur gerne rohes Fleisch und ist um Vollmond herum gereizt."

Luka blieb stehen und starrte sie erstaunt an. „Du bist die Nichte von William Weasley?" Verblüfft war es nun an Lily Luka anzusehen. „Woher kennst du meinen Onkel?" Luka lächelte. „Ich bin der Hüter der Geschichte meines Volkes. Es kommt nicht häufig vor, das ein Werwolf jemanden angreift, wenn er nicht verwandelt ist … und das Opfer den Angriff überlebt hat. Eigentlich kam es nur einmal vor: Fenrir Greyback hat William Weasley angegriffen, in der Nacht in der Dumbledore starb."

Lily nickte. Luka kratzte sich am Kopf. „Und dein Ziehbruder ist der Sohn eines Werwolfes? Das kann eigentlich nur der Sohn von Remus Lupin sein."

Lily nickte wieder. Luka sah sie taxierend an. „Ich versuche seit Jahren Teddy Lupin dazu zu bewegen uns Unterlagen seines Vaters zu geben, damit wir unsere Geschichtsschreibung verbessern können. Die Zeit von Fenrir ist an manchen Stellen sehr detailliert beschrieben, aber was Lupin gemacht hat, ist ein dunkler Fleck. Das würde ich gerne ändern."

Lily sah in Gedanken zum Waldrand. „Teddy hat nur wenige Dinge von seinem Vater. Ich glaube das meiste hat er von einem Tagebuch seiner Mutter erfahren. Remus war ein sehr zurückhaltender Mann, nach allem, was ich erzählt bekommen habe. Vielleicht können dir meine Großeltern da mehr helfen."

„Ich hatte immer gedacht, das seien Ausreden, damit Lupin nicht in Kontakt mit uns kommen muss." Luka sah zur Seite. Lily blitzte den Wolf grimmig an. „Teddy schämt sich nicht für seinen Vater! Er hat genug Mist erlebt, als Sohn eines Werwolfes. Er würde nie lügen, nur um keinen Kontakt mit dir zu haben!"

Luka sah sie neugierig an. Dann lächelte er. „Ich denke, deine Zeit hier wird sicher interessant. Du kannst unserer Gemeinschaft sicher mehr hinzufügen als die letzten Ministeriumspraktikanten." Damit setzte er sich wieder in Bewegung.

Vor einer der Hütten blieb er stehen. „Du bist in der Hütte der ledigen Frauen untergebracht. Im Moment leben hier fünf Frauen. Meine Mutter eingeschlossen." mit einem herausfordernden Grinsen setzte er hinzu. „Tasha ist meine Mutter."

Der Tag war voller Überraschungen!

Lily überlegte nicht lange, sonder platze heraus: „Wieso mag sie mich nicht? Ich habe ihr doch nichts getan?"

Luka sah zum Waldrand hin. „Sie ist schon lange ein Werwolf und sie hat vieles erlebt. Sie hat ihre Gründe misstrauisch zu sein."

Dann schaute er sie neugierig an. „Wieso bist du hier?"

Verlegen schaute Lily sich die Blumen an, die neben der Hütte wuchsen. „Das würde ich lieber nicht erklären."

Er lachte freudlos. „Du wolltest nicht her, aber weil es keinen anderen Praktikumsplatz gab und du für deine Ausbildung als was-auch-immer einen benötigt hast, bist du hier gelandet."

Lily wurde rot. „Ich wollte in das Drachengebiet, in dem mein Onkel arbeitet. Weil das aber nur alle zwei Jahre jemanden aufnimmt und ich nicht nur über Verbindungen an die Stelle kommen wollte …Außerdem hat meine Tante mich gebeten, herzukommen. Sie traut dem Ministerium nicht."

Luka schaute auf. „Sie behandeln uns zu gut?" Lily schüttelte den Kopf. „Nein! Tante Hermine glaubt, dass hier nicht alles so ist, wie es sein sollte. Sie würde gerne mehr tun, aber … Schau, Luka, ich …Ich weiß, dass ihr keine ‚magischen Geschöpfe' seit wie Drachen oder Einhörner. Keiner sollte euch in diese Kategorie stecken. Aber …"

Luka sah sie kalt an. „Ach nein, kleine Lily, möchtest du die Welt ändern? Wo fängt man denn an? Sind Zentauren nicht auch ‚Menschen' oder etwa Elfen? Vielleicht möchten wir ja gar nicht in DIESE Kategorie fallen? Wir sind, was wir sind!"

Wütend ballte Lily die Fäuste. „Ihr seid doch normale Menschen! Nur weil ihr 3 Nächte im Monat nicht ihr selbst seit …Ihr seid gleichwertig!"

Ein ironisches Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Sind wir das? Gleichwertig? Mit wem? Mit Zauberern und Hexen? Mit Vampiren und Zentauren? Wo gehören wir hin?"

Wieso wollte er sie nicht verstehen? Aber er fuhr unbeirrt fort. „Du stellst uns hin, wie Menschen mit einer Krankheit, die nur alle 28 Tage ausbricht. Das stimmt aber nicht. Wir sind keine gezähmten Schoßhündchen! Wir sind gefährlich! Wir haben aus gutem Grund andere Regeln! Wir sind an jedem Tag im Jahr anders als ihr. Wir riechen besser, hören besser, sehen besser – wir sind schneller und stärker. Sag' mir noch einmal, wir seien gleichwertig!"

Mit aufgerissenen Augen sah sie ihn an. „Du denkst ihr seid die bessere Lebensform! Ihr wollt gar nicht friedlich mit uns leben?"

Er sah sie traurig an. „Nein, Lily, IHR wollt das nicht! Ihr habt Angst vor uns, und solange das so ist, werden wir immer in eine andere Kategorie gesteckt werden!"

Lily war verwirrt und wütend. Er hatte ihre die Worte im Mund verdreht. Wütend starrte sie ihn an. Sie konnte sehen, wie er sich straffte, tief Luft holte und ein Lächeln aufsetzte.

„Es tut mir leid. Das war unangebracht. Du solltest dir jetzt deine neue Unterkunft anschauen. Wenn du fertig bist, dann findest du mich dort drüben bei der Hütte mit der Holzbank."

Er deutete in die besagte Richtung. Die Hütte war gute 300 Meter von ihrer entfernt. Sie nickte und trat an die Tür. „Zeigst du mir nicht drinnen alles?" Luka schüttelte den Kopf. „Ich darf nicht in die Hütte der ledigen Frauen."

Heute würde sie nichts mehr erstaunen. Sie nickte nur und öffnete die Tür. „Bis später!" Sie hörte nur ein Brummen als Antwort.

In der Hütte war es dunkel. Lily blieb an der Tür stehen, bis sich ihre Augen an das Zwielicht angepasst hatten. Die Hütte schien nur aus einem Raum zu bestehen. Die Hälfte des Raumes wurde von einer Art Lagerstatt eingenommen. Auf dem Boden lagen Unmengen an Decken und Kissen.

An den Wänden standen hölzerne Truhen. Die andere Hälfte des Zimmers schien eine Art Werkstatt zu sein. Unschlüssig blieb Lily an der Tür stehen. Wo sollte sie ihre Sachen abstellen?

Die Tür öffnete sich hinter ihr. „Beweg' dich Mädchen!"

Natürlich war Tasha die erste, die auftauchte. Sie trat zur Seite und schon rauschte die ältere Frau an ihr vorbei. „Entschuldigen Sie?"

Tasha lachte kalt. „Mädchen, hier siezt sich keiner!" Lily schluckte. Sie hatte selten jemand so Unhöfliches erlebt. Sie holte Luft. „Kannst du mir zeigen, wo ich meine Sachen unterbringen kann? Und wo ich schlafen soll?"

Tasha sah sie mit einem ironischen Grinsen an. „Wenn du eine Truhe hast, stell sie an die Wand. Wenn nicht, stell deinen Koffer oder was immer du hast, an die Wand. Wir haben keine Schränke. Und jede von uns sucht sich abends eine Stelle und macht es sich gemütlich zum Schlafen."

Lily nickte. Sie zog ihre Schuhe aus und lief über die Decken und Kissen an eine leere Stelle an der Wand. Sie holte ihre Truhe aus ihrer Tasche und vergrößerte sie wieder. Sie hatte ihr Kissen und ihre Decken von zu Hause mitgenommen. Sie holte sie heraus und warf sie zu den anderen auf dem Boden.

Die ganze Zeit hatte Tasha sie nicht aus den Augen gelassen. Lily zog ihre Robe aus und holte T-Shirt und Jeans aus der Truhe. „Was für eine Werkstatt habt ihr hier im Haus?" fragte sie, um das drückende Schweigen zu beenden.

„Wir machen Tongeschirr und verkaufen es auf Künstlermärkten. Wir leben von dem ganzen Kunsthandwerkskram: Schmuck, Schnitzarbeiten und so was. Die Menschen stehen da drauf."

Fertig angezogen lief Lily zu dem Tisch hin und besah sich einen Tonkrug. In dem schlechten Licht konnte sie nur undeutlich die Bemalung ausmachen. Er schien aber außerordentlich detailliert bemalt zu sein.

„Das macht ihr mit den Händen?" Tasha lachte dieses Mal herzhaft. „Kindchen, nicht jeder kann mit Holzstöckchen Wunder vollbringen!" Lily musste grinsen. „Ich soll Luka treffen, damit er mir den Rest zeigen kann."

Tashas Miene verfinsterte sich wieder. Sie sah aus als wollte sie noch etwas sagen, nickte dann aber nur.

Lily lief hinaus. Sie sah Luka schon vor der Hütte auf der Bank sitzen. Als er sie sah, kam er ihr entgegen. „Bereit für den Rest der Tour?" Lily nickte.

„Dann zeige ich dir erst einmal den Unterrichtsraum."

Sie setzten sich in Bewegung. „Ich habe in den Unterlagen vom Ministerium gelesen, das hier vierzig Erwachsene und 15 Kinder leben. Woher kommen alle?"

Luka schien sich über die Frage zu freuen. „Als das Ministerium das Reservat gründete, konnte man sich dafür melden. Letztendlich wurden aber alle Wölfe, die gemeldet waren dazu aufgefordert hierher zu ziehen." Lily sah ihn fragend an. „Zwangsumsiedlung?" Luka lachte. „Naja, offiziell war es eine Aufforderung, aber letztendlich folgten alle der Aufforderung. Oder sie verließen das Land. Aber meine Mutter meinte, dass das Leben hier wirklich viel besser ist als das meiste, was sie bisher erlebt hat. Wir können hier nach unseren Regeln und Notwendigkeiten leben. Das ist in dieser Form sonst nicht möglich."

Lily spürte den Anfang von Kopfschmerzen. Sie hatte nicht gedacht, dass sie mit so viel ideologischen und moralischen Fragen konfrontiert würde – erst recht nicht am ersten Tag.

„Von den 40 Erwachsenen sind fünf Männer und drei Frauen Zauberer und Hexen. Wir sind hier acht geborene Wölfe im Erwachsenenalter und außer einem sind alle Kinder geborene Wölfe. Der Rest sind Menschen, die gebissen wurden oder ihre Lebensgefährten."

Seine Miene wurde traurig. „Wir haben nur noch 14 Kinder. Letzten Monat starb unsere kleine Auru. Sie wurde nur drei Jahre."

Trauer überkam Lily. Kinder sollten nicht sterben. „War sie krank?" Luka sah sie seltsam an. „Nein, sie war ein Wolf. Nur die Stärksten unter den Kindern überleben die ersten Jahre der Transformation. Es ist ..." Er seufzte. Sie konnte sehen, wie schwer es ihm fiel, darüber zu sprechen.

„Kann man nichts machen? Wolfsbann-Trank?" Luka schüttelte den Kopf. „Nein, der Trank hält die Umwandlung nicht auf – er nimmt dem Wolf nur die Kontrolle. Die Kinder würden etwas benötigen das entweder die Transformation leichter macht oder ganz aufhält, bis sie älter und kräftiger sind."

Lily fand das alles unendlich traurig. Kinder starben heutzutage nicht mehr an Krankheiten oder so etwas. Das waren Dinge aus dem Mittelalter. Aber das Lager hier schien ja auch aus dem letzten Jahrtausend zu stammen.

„Das Rudel trauert noch. Wir haben eine starke Bindung untereinander, und wenn ein Mitglied des Rudels stirbt, trifft das alle sehr hart. Nissa, Aurus Mutter ist nach dem Tod der Kleinen in den Wald gegangen und lebt nun dort allein. Wir machen uns große Sorgen um sie."

Lily sah besorgt auf den Wald. Die arme Frau lebte nun ganz allein und trauerte um ihre kleine Tochter? Das war alles so unendlich traurig. „Und der Vater?" Luka fuhr sich besorgt durch das Haar. „Jussuf geht regelmäßig zu ihr. Aber er sagt, sie ist noch nicht bereit zurückzukehren. Sie hatte schon ein Baby verloren. Brian hat ihr bis zum Winteranfang gegeben, dann muss sie zurückkommen."

Etwas empört fragte Lily: „Er gibt ihr ein Ultimatum, wann sie fertig sein soll mit trauern?" Luka sah sie merkwürdig an. „Nein, natürlich nicht! Aber sie kann nicht länger als Winteranfang alleine im Wald leben!"

Lily kam sich albern vor. Nur weil Brians Art ihr nicht gefiel, hieß das nicht, dass er ein unsensibler Macho war. Sie seufzte. „Ich muss wohl lernen, Dinge etwas weniger voreingenommen zu sehen." Luka nickte. „Das würde sicher helfen!"

„Darf ich etwas Persönliches fragen?" Lily war gerade ein Gedanke gekommen. Luka nickte. „Wenn du der Sohn von Tasha bist und Tasha in meiner Hütte lebt ... wo ist dann dein Vater?" Luka lachte. „Mein Vater lebt irgendwo da draußen in der Welt und weiß bis heute nicht, dass er mich vor über 20 Jahren gezeugt hat."

Lily wusste nicht, was sie daraus machen sollte. „Aber Jussuf liebt seine Frau?" Luka musterte sie. Mittlerweile waren sie vor einer größeren Hütte stehen geblieben. „Natürlich!" Lily legte den Kopf zur Seite. Sie sah, wie Lukas Blick zu ihrer Kehle glitt. Ihr Herz schlug wieder schneller. Unbewusst glitt ihre Hand zu ihrem Hals und bedeckte die Stelle, auf die Luka starrte.

Luka blickte wieder in ihr Gesicht. Lily riss sich aus ihren Gedanken über seine Augen und fragte, was sie zuvor hatte wissen wollen. „Sehen Wölfe Beziehungen und Ehen eher locker?"

Luka sah fast gekränkt aus. „Nein! Aber ab einem bestimmten Alter, wenn eine Frau ein Kind möchte, dann ist es sicher verzeihlich, wenn sie sich locker verhält!" Seine Stimme war harsch und Lily zuckte ein wenig zurück.

Dann setzte er etwas freundlicher hinzu. „Ein Wolf hat eine starke Bindung an seinen Gefährten. Der Gefährte ist der perfekte Partner. Meine Mutter hatte ihren Gefährten gefunden, aber die Zeiten damals waren anders und so verschwand er wieder aus ihrem Leben. Als er wieder auftauchte, war es für die zwei zu spät. Und da meine Mutter aber gerne ein Kind haben wollte ..."

Lily war betroffen. So viele dramatische Geschichten auf einmal! „Das klingt traurig!" Luka lächelte sie an. „Meine Mutter ist eine starke Frau! Sie hatte ein aufregendes, gutes Leben und hat es immer noch! Wie oft ergeht es Nicht-Wölfen so, dass sie den möglichst besten Partner nicht bekommen. Manchmal ist der andere schon liiert oder zu jung oder zu alt oder man muss sich aus irgendeinem Grund trennen. Das passiert andauernd!"

Luka sah sie wieder merkwürdig an und sein Blick glitt zu ihrem Hals. Dann lächelte er wieder. „Zumindest kann man immer das Beste aus seinem Leben machen!" damit drehte er sich um und öffnete die Tür zu der Hütte.