3. Angespannt

Lily wachte am nächsten Morgen spät auf. Die Frauen, die in der Nacht neben ihr geschlafen hatten, waren nicht mehr in der Hütte. Sie konnte nur den Umriss einer Person an einer der Werkbänke sehen.

„Gut geschlafen?" Tashas raue Stimme klang schon wieder angriffslustig. Lily war kein Morgenmensch und hatte in der Nacht auch nicht gut geschlafen. „Hast du jemals gute Laune?" Ein trockenes Lachen antwortete. „Wenn das verdammte Ministerium uns endlich in Ruhe lässt!"

Lily schüttelte den Kopf und rappelte sich vom Boden auf. Wenn sie jetzt jeden Tag mit diesen politischen Sprüchen konfrontiert wurde, würde sie spätestens in zwei Tagen schreiend auf jemanden losgehen.

„Kann ich hier irgendwo duschen?" Tasha deutete stumm auf eine Tür, die Lily bisher nicht gesehen hatte. Sie führte in ein kleines Badezimmer mit Dusche, einem Waschbecken und Toilette.

Nachdem sie geduscht hatte, fühlte sie sich schon besser. Auf der Suche nach ihrer Zahnbürste fand sie den Trank, den ihr der unausstehliche Ministeriumsbeamte gegeben hatte. „Die Wölfe riechen ihre Stimmungen. Wenn sie ein wenig Privatsphäre wollen, dann nehmen sie den Trank jeden Morgen. Dann riechen sie neutral wie Kernseife."

Sie maß ohne weiter zu überlegen einen Teelöffel ab und nahm den Trank zu sich. Sie fühlte sich nicht anders. Vielleicht funktionierte er ja gar nicht. Schnell putzte sie die Zähne und zog sich an.

Neugierig trat sie danach aus der Hütte. Luka saß in einiger Entfernung mit einem kleinen Jungen auf dem Boden. Die zwei schienen an Ästen zu schnitzen. Als er sie sah, runzelte er die Stirn, dann lächelte er, stand auf und kam ihr entgegen.

Kurz vor ihr blieb er stehen und runzelte wieder die Stirn. Finster blickte er sie an. „Du hast also den Trank genommen, wie alle anderen vor dir. Schade, ich dachte, du seist anders."

Es funktionierte also doch. „Das Ministerium hat mir angeraten, ihn zu nehmen." Er hob die Augenbraue an. „Und wieso? Was, Lily, hast du zu verheimlichen?"

Sie hatte den Trank genommen, ohne lange darüber nachzudenken. Aber das hätte sie nie zugegeben. „Ich? Nichts! Aber so haben wir eine gleichberechtigte Ausgangssituation. Ich kann euch schließlich auch nicht riechen."

Er bleckte die Zähne. „Gleichberechtigt? Kannst du meinen Herzschlag hören? Siehst du die feinen Äderchen in meiner Haut, wie sie sich zusammenziehen? Dann Hexe, sind wir gleichberechtigt. Der Trank ist nur eine Beleidigung!"

Der Tag fing gar nicht gut an! „Verdammt noch mal! Wird alles, was ich mache und sage auf die Goldwaage gelegt und gegen mich verwendet? Bin ich hier auf der Anklagebank? Wieso eigentlich? Was habe ICH euch getan? Ich, Lily Potter – was?"

Sie war immer lauter geworden und sie konnte auch ohne Wolfssinne sehr gut erkennen, das Luka es nicht schätzte, wenn man die Stimme gegen ihn erhob.

„Du, Hexe bist das Gesicht der Gesellschaft, die uns nicht will, denn nur ein toter Werwolf ist ein guter Werwolf. Nicht wahr?"

Lily versuchte ihn niederzustarren. „Wann warst du denn in dieser feindseligen Gesellschaft, dass du das so genau weißt? Wann warst du das letzte Mal außerhalb des Reservats? Versucht doch erst einmal zu leben und euch nicht hinter der Barriere zu verstecken!"

Sie wusste, sie war zu weit gegangen, als sie sein Knurren hörte. Aber das war ihr egal. Mit Tränen der Wut in den Augen wandte Lily sich ab und stapfte zu ihrer Hütte. Sollten doch alle Wölfe zur Hölle gehen! Sie wollte doch nur ihrer Tante einen Gefallen tun und jetzt hatte sie den Ärger am Hals!

Wütend öffnete sie die Tür, die mit einem lauten Knall gegen die Wand krachte.

„Geht das auch etwas leiser?" Tashas scharfe Stimme kam von den Werkbänken. Lily holte tief Atem und schloss die Tür betont leise. „Entschuldigung!" presste sie durch ihre Zähne hervor.

Leises Lachen war die Antwort. „Das klingt aber nicht wie eine Entschuldigung. Ist dir etwas über die Leber gelaufen, kleine Hexe?"

Lily schloss die Augen. Sie war normalerweise die ausgeglichenste in ihrer Familie. Sowohl ihr Vater als auch ihre Mutter hatten manchmal ein aufbrausendes Temperament – von ihren Brüdern ganz zu schweigen. Bis Lily einmal wütend wurde, musste man sie schon sehr reizen.

„Ich wäre dir dankbar, wenn du mir keine lächerlichen Namen geben würdest!" Wieder das Lachen. „Ach? Was passt dir denn an Hexe nicht? Du bist doch eine, oder? Und groß bist du nun wirklich nicht."

Lilys Augen hatten sich an das Dämmerlicht gewöhnt und sie sah nun, das Tasha an einer Vase arbeitete.

„Ach, so geht das. Man benennt andere nach den Offensichtlichkeiten? Dann bist du die alte verbitterte Wölfin?"

Als der Satz heraus war, wurde Lily klar, dass sie zu weit gegangen war. Sie war immer noch in einem Wolfslager. Auch wenn Tasha alt war, konnte sie Lily wahrscheinlich immer noch mit Leichtigkeit das Genick brechen. Und keiner würde sie daran hindern.

Tasha lachte wieder. Dieses Mal aber nicht das kalte, bittere Lachen, sondern es war warm und herzhaft. Sie stellte die Vase ab und wischte sich die Lachtränen von den Wangen.

Lily starrte sie ungläubig an. Nun hatte die Alte wohl vollends den Verstand verloren.

Tasha sah ihr die Verwirrung an. Mit einem Ton der Anerkennung erklärte sie: „Hexenmädchen, bei uns Wölfen musst du deine Grenzen abstecken. Wenn du auf dir herumtrampeln lässt, wirst du immer das schwächste Mitglied im Rudel sein. Wenn du dich wehrst, wirst du Respekt erlangen."

Lily nickte, dann lief sie zu ihrem Lager und vergrub sich in den Decken. Sie wollte nach Hause, in eine Welt, die sie verstand. Sie wollte nicht dauernd darüber nachdenken müssen, wie sie sich am besten verhielt. Das hier war alles so fremd!

Gegen Mittag kroch Lily wieder aus ihrer Decke und begann den Tag ein zweites Mal. Nachdem sie ein wenig im Selbstmitleid gebadet hatte und auch ein wenig Schlaf gefunden hatte, fühlte sie sich wesentlich besser. Zumindest bereit den Wölfen wieder unter die Augen zu treten.

Mit festen Schritten stiefelte sie über die Wege zu der Hütte, vor der Luka am Tag zuvor auf der Bank gesessen hatte. Sie traf einige Bewohner des Dorfes, die sie höflich grüßten. Vor der Hütte blieb sie stehen. „Luka?" Sie war sich nicht sicher, ob sie die Hütte betreten durfte.

Zögernd klopfte sie an. Aus dem Innern hörte sie einige dumpfe Geräusche, dann wurde die Tür einen Spalt geöffnet. Aus dem zwielichtigen Inneren sahen sie zwei goldfarbenen Augen an. „Ja?" Die Stimme einer Frau – einer verwirrten Frau. Erstaunt fragte sich Lily, warum sie davon ausgegangen war, dass Luka ungebunden war. Schließlich hatte er gestern doch gesagt, er hätte seine Gefährtin noch nicht verloren.

„Ähm, ich bin Lily, die neue Praktikantin. Ich suche Luka." Die Tür wurde ganz geöffnet. „Komm' rein, aber sei leise. Die Kleine schläft." Lily folgte der Frau und versuchte so wenig Lärm wie möglich zu machen. Im Inneren war es nicht so dunkel wie in ihrer eigenen Hütte. Ein Tisch und Stühle, ein Herd – es sah aus wie in einem normalen Wohnhaus. Nun ja, einem normalen Wohnhaus aus dem 17. Jahrhundert.

Die Frau drehte sich zu ihr um. „Ich bin Annie. Luka kommt sicher später noch mal vorbei. Er hilft mir mit der Kleinen ein wenig. Mein Mann ist bis zum nächsten Vollmond auf Montage." Lily sah sie verwirrt an. „Montage?" Annie lachte sie an. „Er ist Elektriker und jetzt ist er auf einer großen Baustelle und verlegt dort Kabel. Das dauert zwei Wochen und dann kommt er zurück. Da kann er ganz gut Geld verdienen. Und das können wir jetzt gut gebrauchen!"

Sie deutete Lily an, ihr zu einem Deckenbündel in der Schlafecke zu folgen. Stolz lächelte Annie auf das Deckenbündel. Als Lily näher trat, sah sie ein winziges Baby. Es hatte die Fäuste geballt und schlief ganz selig mit offenem Mündchen.

Lilys Herz quoll sofort über. Die Kleine war ein richtiger Engel! "Wie alt ist sie denn?" flüsterte sie Annie zu. Ein strahlendes Lächeln breitete sich auf Annies Gesicht aus. „9 Tage."

Am liebsten hätte Lily das Baby angefasst, aber dann wäre es sicher aufgewacht. „Wie heißt sie denn?" Aus den Augenwinkeln sah sie, wie sich Annies Gesicht verdunkelte. Das Strahlen erlosch und an seiner Stelle stand nun Resignation.

„Sie hat noch keinen. Wie geben den Kleinen erst nach dem ersten Vollmond einen Namen." Erschrocken sah Lily die andere Frau an. „Aber das ..." Annie schüttelte leicht den Kopf. „Es ist leichter, wenn sie es nicht überleben, dann hat man sich noch nicht so an sie gebunden ..."

Lily sah schockiert auf das schlafende Baby. Der ganze Gedankengang war ihr fremd. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie mehr um den kleinen Engel trauern würde, wenn er einen Namen hätte.

„Annie?" Lily hörte Luka an der Eingangstür. Die trübe Stimmung war gebrochen. Annie begann zu lächeln. Sie lief zum Tisch im Küchenbereich der Hütte und Lily folgte ihr langsam.

„Lasst uns einen Tee trinken, bevor die Kleine wieder wach wird." erklärte sie und begann auch schon in den Schränken zu wühlen.

Luka nickte Lily zu. Dann lief er zu dem Baby. Lily beobachtete, wie er langsam die Decke zurückschlug und sein Gesicht begann zu glühen. Wenn sie es nicht besser gewusst hätte, hätte sie ihn für den Vater gehalten.

Als er sich wieder zu ihr drehte, veränderte sich sein Gesichtsausdruck schlagartig. Er hatte ihren Streit weder vergeben noch vergessen. Sie sah, wie er tief einatmete und sein Gesichtsausdruck sich etwas entspannte.

Er zog eine Augenbraue hoch und musterte sie. „Hast du dich entschlossen, gegen die Ministeriumsregeln zu verstoßen?"

Lily spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. Der Trank hielt nur einige Stunden und musste regelmäßig eingenommen werden. Als sie aufgewacht war, hatte sie nicht lange überlegt und die Flasche in den Müll geworfen. Sie wich seinem Blick aus. „Hat ja sowieso keinen Sinn."

Annie drehte sich um. „Du hättest ihr das aber auch netter sagen können, Luka!" Erstaunt sah Lily zu Annie, die nun die Arme in die Seiten gestemmt hatte. Annie sah die Bewegung und zuckte mit den Schultern.

„Im Reservat bekommt man alles mit. Und ihr zwei ward so laut, dass man euch noch mitten im Wald hat streiten hören." Lily ließ sich deprimiert in einen Stuhl sinken. Schüchtern schaute sie zu Annie hoch, die immer noch Luka anblitzte.

„Kein Privatleben?" Annie ließ ihre Arme sinken und sah zu ihr. Dann schüttelte sie den Kopf. „Vielleicht solltest du mit Richard sprechen. Er ist einer der wenigen Nicht-Wölfe hier. Er ist mit Emily verheiratet und erst vor vier Jahren mit ihr hergekommen. Vielleicht kann er dir helfen. Dir ein paar Tipps geben. Schließlich ist es nicht einfach, wenn alle anderen immer alles mitbekommen, aber man selber nicht."

Annie drehte sich zur Arbeitsplatte. Lily konnte es sich nicht verkneifen, Luka einen 'Hab-ich-doch-gesagt'-Blick zu zuwerfen. Dieser verdrehte nur die Augen.

Als Annie mit dem Tee und einigen Keksen an den Tisch trat, räusperte er sich. „Ich muss dir noch den Steinkreis zeigen." Fragend sah Lily von der Tasse auf, die Annie ihr gerade reichte.

Aber Annie beantwortete die Frage. „Dort sind unsere Menschen an den Vollmondnächten in Sicherheit. Dort oder in unserer Bannhütte."

Luka nahm seine Tasse entgegen und führte weiter aus. „Der Steinkreis ist mehr für Notfälle. Wenn etwas Wichtiges passiert ist. Oder man aus irgendeinem Grund bei Mondaufgang nicht in der sicheren Hütte ist. Die Wölfe sind während der drei Nächte und der zwei Tage im Wald. Das Dorf gehört dann ganz unseren Menschen. Aber wenn es etwas Wichtiges gibt, dann kann man uns im Steinkreis erreichen. Es ist ein alter Schutzzauber gegen alles Böse und wir können dort nur in menschlicher Form hinein. Nie als Wolf!"

Lily rieb sich über die Stirn. „Wie gefährlich ist es denn an den Vollmondnächten?" Sie wich beiden Blicken aus und sah in ihre Teetasse.

Annie antwortete ernst. „Sehr gefährlich! Wir haben keinen Wolfsbann-Trank und wir würden über jedes menschliche Wesen herfallen, das uns unter die Zähne kommt."

Luka bewegte seine Beine unter dem Tisch und stieß leicht gegen ihr Knie. Erschrocken sah sie auf. Das Gespräch machte ihr mehr Angst, als sie zugeben wollte. „Aber wenn du entweder in der Hütte oder dem Steinkreis bist, kann nichts passieren!" seine Stimme klang sicher. Und seine Augen sahen ernst aus.

Der Moment wurde durch das Weinen des Babys unterbrochen. Annie stand schnell auf und lief hinüber. Schweigend tranken Lily und Luka den Tee.

Die Worte der beiden Wölfe ließen sie nicht los. Die letzten Tage waren angefüllt von traurigen Geschichten, unangenehmen Wahrheiten und einer Menge Frustration. Lily spürte wieder, wie Kopfschmerzen sich ankündigten.

„Ist das alles sehr schwer für dich?" Lily sah erstaunt zu Luka. Machte er sich wirklich Gedanken über sie? Sie überlegte kurz. Aber wahrscheinlich würde er es bemerken, wenn sie log. An ihrem Puls, ihren Blutgefäßen oder dem Geruch. Wie merkwürdig!

„Ja. Alles ist hier anders und das Leben hier … es ist viel schwieriger und härter als alles, was ich je gemacht habe." Sie seufzte.

Luka sah sie neugierig an. „Du bist die Tochter von Harry Potter. Da könnte ich mir vorstellen, dass dein Leben auch anders ist, als das anderer Zauberer."

Lily lächelte verkniffen. „Das kann man wohl sagen. Jeder erwartet irgendetwas von einem und man ist permanent in der Zeitung. Egal, was man macht, man steht dauernd unter der Beoachtung der Öffentlichkeit."

Sie hatte sich noch nie mit jemandem außerhalb ihrer Familie über diese Dinge unterhalten. Luka begann zu lachen. Gekränkt sah sie ihn an.

„Naja, dann ist das hier ja eigentlich nichts Neues für dich!" erklärte er seinen Heiterkeitsausbruch. Sie sah ihn kurz an.

Nein, auf eine gewisse Art, war es nicht anders, aber … „Da draußen kann ich lügen und keiner sieht meine wahren Gefühle. Das kann ich hier nicht."

Sofort wurde Luka still. Ernst nickte er. „Das hatte ich nicht bedacht. Wir Wölfe lügen nicht oft. Es hat ja keinen Sinn, wenn alle es sowieso bemerken. Außer, man ist außerordentlich gut darin. Aber in der Welt da draußen macht man das wohl häufig."

Jetzt musste Lily lachen. „Andauernd. Man lügt, um andere nicht zu verletzen, man lügt, um sich selbst zu schützen. Und das sind noch die 'guten' Lügen. Die Liste ist endlos. Ich habe einmal gehört, Lügen seien der Kleister, der die Gesellschaft zusammenhält."

Luka schüttelte verständnislos den Kopf. „Das ist Blödsinn. Wir sind ehrlich zueinander und halten wahrscheinlich viel besser zusammen!" Lily legte den Kopf zur Seite und überlegte. Dabei fiel ihr wieder auf, wie Luka ihren Hals anstarrte.

„Wieso machst du das?" Er riss seinen Blick von ihrem Hals los. Erstaunt stellte sie fest, wie er dunkelrot anlief. Sie hörte Annie aus dem hinteren Teil des Hauses kichern. Dann trat sie zu ihnen an den Tisch und setzte sich mit dem Baby auf dem Arm zu ihnen.

Immer noch kichernd sah sie Luka auffordernd an. „Nun erkläre es ihr schon."

Lily konnte sehen, wie Luka sich innerlich wand. Ohne sie anzusehen, erklärte er: „Wenn du den Kopf zur Seite legst, ist das eine Unterwerfungsgeste." Lily sah ihn verwirrt an. Wenn das die Antwort war, warum wurde er dann so rot.

Annie kicherte lauter. Lily wandte sich zu ihr. „Und wieso wird er deswegen rot?" Annie lachte nun laut. „Weil er dir nur die Hälfte erzählt hat. Es ist auch eine Geste, die ein weiblicher Wolf macht, wenn sie dem männlichen Wolf …"

Lily hob abwehrend die Hände. „Ich kann mir den Rest denken!" Entsetzt sah sie Luka an. Der immer noch rotgesichtig, verlegen auf die Tischplatte starrte. „Dir ist aber klar, dass das nur eine dumme Angewohnheit von mir ist, wenn ich nachdenke? Ich hatte keine Ahnung, dass es hier eine Bedeutung hat."

Nun hob Luka abwehrend die Hände. „Natürlich weiß ich das!"

Annie kicherte immer noch und Luka warf ihr einen wütenden Blick zu. Er stand auf und erklärte: „Ich werde hier ja nicht weiter gebraucht!" damit stapfte er zur Tür.

Als die Tür ins Schloss fiel, lachte Annie wieder lauter. „Du hast ihm geradezu eine Peepshow geliefert. Kein Wunder, dass er so wütend wurde. Seine Hormone sind geradezu Amok gelaufen!"

Lily spürte, wie sie rot wurde. „Aber das wollte ich doch nicht!" Annie strich sich Tränen von den Wangen. „Das ist ja das Beste an der Sache!"

ooo

Den Rest des Nachmittages verbrachte Lily bei Annie. Elsa war noch gekommen, um nach dem Baby zu sehen. Annie hatte ihr versucht, ein wenig über die Bindungen in der Gruppe zu erzählen.

Die Kinder waren für die Wölfe das Wichtigste. Da so wenige die ersten Jahre überlebten, wurden sie von allen verwöhnt. Allerdings verstand man hier etwas anderes unter Verwöhnen, wie dort, wo Lily herkam. Geld war knapp unter den Wölfen. Die Kinder durften herumtoben, soviel sie wollten. Sie mussten sich nicht an die strikten Hierarchien im Rudel halten. Sie durften in alle Häuser und schlafen, wo sie wollten.

Die Erwachsenen hatten strikte Regeln. Wer sich nicht daran hielt, wurde bestraft. Annie und Elsa versuchten, Lily einige der Regeln zu erklären.

Elsa sah sie streng an, als sie ihr die Grundregeln erklärte: „Alles gehört allen. Wir haben keine Besitztümer, außer unseren Kleidern und einigen Kleinigkeiten. Geld gehört uns allen. Wir bauen Gemüse und Obst an und jagen. Alles, was wir sonst an Essen benötigen, wird gemeinsam gekauft. Das heißt, dass alle ihren Anteil an Geld abgeben. Die Häuser bauen wir gemeinsam. Auch das Material wird aus der Gemeinschaftskasse genommen.

Die Häuser der Paare sind tabu. Außer, man wird eingeladen. Das Haus der ledigen Männer ist für ungebundene Frauen ebenfalls tabu! Und umgekehrt."

Sie überlegte kurz. Lily sah, wie Elsa und Annie einen Blick austauschten. Dann räusperte Elsa sich und fuhr fort. „Wenn sich einer der jungen Männer etwas zu aufdringlich zeigt, dann sage mir Bescheid und ich kümmere mich darum."

Lily sah sie nervös an. „Ich kann mir schon alleine helfen." Elsa musterte sie kurz. „Da draußen vielleicht. Hier gelten etwas primitivere Regeln. Wir haben zwar gestern schon mit den Männern gesprochen, aber manchmal gehen die Hormone mit den Jungen durch. Vor allem, wenn du die falschen Signale gibst."

Lily senkte den Blick. „Annie hat es mir schon erklärt. Ich werde darauf achten, meinen Hals nicht mehr zu zeigen."

Elsa nickte wieder. „Das ist ein Anfang. Aber du wirst andere Dinge nicht in den Griff bekommen. Luka wird sich um dich kümmern. Er weiß, dass er auf die anderen aufpassen soll. Wir würden es trotzdem bevorzugen, wenn du nachts nicht alleine durch das Dorf gehst. Zumindest am Anfang nicht. In einigen Wochen haben sich alle an dich gewöhnt und dann wird alles wieder einfacher."

Lily kam sich vor, als würde sie durch bloßes Einatmen schon Probleme auslösen. Annie klopfte ihr auf die Schulter. „Das wird schon!"

Lily sah sie fragend an. „Wie merkst du, was ich gerade denke?" Annie lachte. „Ich kann riechen, wie du dich fühlst und mit ein wenig Menschenkenntnis, weiß man dann, was der andere denkt. Daran wirst du dich auch gewöhnen müssen. Wir sind uns alle sehr nah, weil wir immer wissen, wie der andere sich fühlt."

„Du wirst lernen müssen, unsere Körpersprache zu lesen." Warf nun Elsa ein. „Das erleichtert dir das Leben hier ungemein. Richard kann dir da bestimmt helfen."

Lily nickte. Sie hoffte, Richard wäre wirklich ein solcher Ausbund an Informationen, wie alle sagten.

Elsa sah kurz aus dem Fenster. „Kommt, das Essen wird bald fertig sein." Damit stand sie auf und lief zur Tür, Annie und Lily im Gefolge.