4. Territorium
Luka wartete vor der großen Halle auf Lily. „Bleib bei mir." Sagte er zu ihr, als er neben ihr durch die Tür trat. Sie blickte kurz zu ihm. „Wehrst du gerade die anderen Männer ab?"
Luka schien das unangenehm zu sein. „Elsa hat es dir erzählt?" Lily nickte. Er zuckte die Schultern und griff nach ihrem Ellbogen, um sie zu einem Platz am äußeren Rand einer der Bänke zu lenken.
Lily setzte sich an den Rand. Sie beobachtete, wie Luka sich auf die Innenseite der Bank setzte. Er machte sich breiter als er war und schaute grimmig um sich. Lily versuchte unauffällig die Menschen im Umkreis zu sehen, gegen wen er hier gerade sein Territorium verteidigte. Aber sie konnte niemand Bedrohlichen erkennen.
Dann fiel ihr etwas auf. War sie nun sein Territorium? Der Gedanke gefiel ihr nicht. Etwas gereizt wandte sie sich an Luka.
„Sag' mal, was passiert denn, wenn du nicht mein Bodyguard spielst? Werde ich von dem stärksten der ungebundenen Männer in die nächste Höhle gezerrt?" Luka sah nun grimmig zu ihr.
„Das Problem ist nicht, dass dich irgendeiner in eine Höhle zerrt. Das Problem ist, dass die Männer erst herausfinden müssen, wer der Stärkste ist. Und das gäbe eine Menge Ärger, auf den wir alle verzichten können. Es wäre also nett, wenn du dich an mich gewöhnen würdest. Und ja, ich merke, dass der Gedanke dir nicht behagt."
Lily seufzte. Sie hatte noch nie das Gefühl gehabt, nur eine Belastung zu sein. Aber hier schien ihre pure Anwesenheit eine Menge Probleme zu verursachen. Und sie war nicht einmal freiwillig hier – jedenfalls nicht wirklich.
Der Saal füllte sich und einige Frauen trugen die Speisen auf. Luka begann, beim Essen zu erklären. „Alle haben hier eine Aufgabe für die Gemeinschaft. Die Frauen, die das Essen kochen und auftragen, die Männer, die jagen. Du, wenn du hier lehrst."
Der Gedanke gefiel Lily. Dann wäre sie nicht mehr nur eine Belastung. Sie würde etwas Sinnvolles tun. Als sie sich entspannter hinsetze, fragte sie sich, ob Luka es gesagt hatte, damit sie sich besser fühlte.
Sie wurde aus ihm nicht schlau. Manchmal war er nett, aber die meiste Zeit schien er sich absichtlich mit ihr zu streiten. Gedankenverloren kaute sie auf ihrem Essen.
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Am nächsten Morgen wartete Luka schon auf sie, als Lily aus der Hütte trat. Nachdem sie sich begrüßt hatten, bat Lily ihn, noch einmal zur Schule zu gehen.
Als sie eintraten, saßen einige Jugendliche auf den Tischen in einem kleinen Kreis. Als sie die zwei Erwachsenen eintreten sahen, sahen sie unsicher von einem zum anderen.
„Lily, das sind Andrew, Linda, Martin, Eve und Carla – sie sind die älteren Kinder, die im nächsten Ort zur Schule gehen. Ihnen muss man nur manchmal unter die Arme greifen."
Lily konnte sehen, dass es Eve und Andrew gar nicht, gefiel, als Kinder bezeichnet zu werden. Sie lächelte und hoffte, es würde nicht all zu nervös aussehen. Dann fiel ihr wieder ein, dass es egal war, wie ihr Lächeln aussah, weil die Kinder wohl riechen konnten, wie nervös sie war.
„Hallo, ich bin Lily. Ich wollte heute schon einmal hier vorbei schauen, um zu sehen, wo ihr im Schulstoff gerade seid." Das große Mädchen, das Luka als Eve vorgestellt hatte, stand auf und lief zum Lehrerpult. Sie holte eine blaue Kladde aus einer Schublade.
Als sie das Buch Lily reichte, erklärte sie: „Hier steht drin, wo wir alle stehen." Lily nickte ihr zu und öffnete das Buch. Die Seiten waren mit einer winzigen Schrift übersät. Sie ging zum Lehrerpult, zog den Stuhl vor und ließ sich nieder.
Sie blickte noch einmal kurz zu Luka. „Ich bleibe erst einmal hier und arbeite mich hier durch. Wenn ich fertig bin, suche ich nach dir oder vielleicht kann ja auch Eve mir das eine oder andere zeigen."
Luka nickte ihr zu und Lily hatte das Gefühl, das es fast anerkennend war. Sie schob die verwirrenden Gedanken über Luka zur Seite und konzentrierte sich wieder auf das Buch vor ihr.
Wenn sie etwas nicht verstand, fragte sie die Jugendlichen. Die hatten sich mittlerweile an die Tische gesetzt und lasen oder schrieben in Hefte.
Lily musste gestehen, dass ihre eigene Schulbildung ihr hier nicht viel weiterhelfen würde. Der Unterricht hier bestand aus Literatur, Mathematik, Biologie, Chemie und was nicht noch. Wieso bestand das Ministerium darauf, jemanden mit einer magischen Ausbildung hier als Lehrer einzusetzen? Wieso holte man nicht jemanden, der eine Muggelbildung hatte? Vor allem, da keines der Kinder magische Fähigkeiten hatte.
Als sie durch das Buch durch war, stand sie auf. „Wir sehen uns morgen wieder. Dann fängt der Unterricht an." Sie hörte sich wesentlich sicherer an, als sie sich fühlte.
Nachdem sie die Schule verlassen hatte, begab sie sich auf die Suche nach Luka. Sie fand ihn hinter der großen Halle beim Holzhacken. Kurz ließ sie sich durch den Anblick ablenken.
Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Lily blieb stehen. Sie musste ihre Körperreaktionen besser kontrollieren lernen. Sie konnte nicht mit Herzklopfen vor einem Werwolf stehen, der es hören konnte. Schon gar nicht, wenn der Mann sich scheinbar nicht einigen konnte, ob er sie mochte oder verabscheute.
Sie holte tief Luft und trat dann an ihn heran. „Luka kann ich kurz mit dir sprechen?" Er ließ die Axt auf den Block nierdersaußen. Sie blieb fest stecken und er drehte sich zu ihr um.
Lily setzte sich auf einen Holzklotz und sah auffordernd zu ihm auf. Er nahm sich einen weiteren Holzklotz und setze sich ihr gegenüber. „Was gibt es?"
„Ich kann die Kinder nicht unterrichten." Sie sah sofort, dass das der falsche Anfang war. Zornig blitzten seine Augen auf. Sie hielt die Hände abwehrend hoch. „Lass' mich ausreden! Ich kann nicht unterrichten, weil ich von den Fächern keine Ahnung habe! Ich kann vielleicht mit den Kindern Bücher lesen und sie Aufsätze schreiben lassen. Vielleicht, aber wirklich nur vielleicht schaffe ich Mathematik. Aber ich habe keine Ahnung von Biologie, Chemie oder Physik. Ganz zu schweigen von Muggelgeschichte oder irgendwelchen fremden Sprachen!"
Luka sah sie einen Moment an, dann lächelte er humorlos. „Du bist die Erste, die darin jemals ein Problem sah." Lily sah ihn entsetzt an. „Aber wie haben die anderen denn diese Sachen unterrichtet?"
Luka sah sie nun mit einem entschlossenen Ernst an. „Gar nicht. Zum einen musst du nur die jüngeren Kinder bis zehn, elf Jahre wirklich unterrichten. Die Großen brauchen nur Hilfe bei den Hausaufgaben. Die gehen in der Stadt zur Schule. Und daher haben meist die Großen die Kleinen unterrichtet oder Brian, Elsa oder ich haben uns abends darum gekümmert. Das ist generell ganz gut gelaufen."
Lily sah ihn ungläubig an. „Das kann doch nicht sein! Wie kann man so was denn über Jahre vertuschen?" Luka sah sie merkwürdig an. „Ich hatte versucht, es dir zu erklären: Wir sind denen egal! Ob unsere Kinder lesen können, interessiert niemanden in deinem Ministerium!"
Lily setzte sich gerade hin. „Das ist nicht MEIN Ministerium!" Dann ließ sie die Schultern sinken. „Können wir uns bitte nicht streiten? Ich habe das Gefühl, wir machen nichts anderes und drehen uns immer wieder im Kreis. Aber das hilft mir nicht weiter mit meinem Problem!"
Luka nickte. „Wenn du wirklich unterrichten möchtest, kann ich dir Bücher geben. Und wenn du etwas nicht verstehst, kann ich dir helfen." Erleichtert sah Lily zu Luka auf. „Das klingt doch ganz nach einem Plan!"
Luka stand auf. „Bleib' hier, ich hole die Bücher." Erleichterung durchzog Lily. Natürlich würde es trotzdem schwierig werden. Sie hatte immer noch keine Ahnung von den Fächern, aber wenn sie eine Vorlage hatte, könnte sie sich sicher einigermaßen daran entlang hangeln. Und die Kleinen würden ja keine Atomphysik lernen müssen – hoffte Lily zumindest.
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Lily hatte den ganzen Tag über den Büchern gesessen. Nachdem Luka fertig mit dem Holzhacken war, hatte er einige Brote und eine Flasche mit selbst gemachtem Apfelsaft geholt und sie hatten es sich unter einigen Bäumen bequem gemacht.
Lily hatte, während sie sich durch die Bücher arbeitete, Fragen aufgeschrieben, die sie nun Luka stellte. Sie hatte festgestellt, dass sie die meisten Bücher auf der Literaturliste, die Luka ihr gegeben hatte kannte. Biologie schien wieder Erwarten auch kein Problem. Ganz anders die anderen Naturwissenschaften. Und an politische Bildung und Muggelgeschichte hatte sie sich noch nicht herangetraut.
Verzweifelt sah sie auf ihre Liste, als Luka ihr erklärte, was eine Hypotenuse war. „Lily, für die Kleinen musst du nicht so viel wissen!"
Sie sah zu ihm auf und hob eines der Bücher hoch. „Aber alles, was da drin steht, widerspricht allem was ich je gelernt habe!" Luka legte den Kopf zur Seite, um sehen zu können, was sie in der Hand hielt.
„Physik? Ihr lernt das anders? Aber die newtonschen Gesetze müssen doch auch für euch gelten." Lily schüttelte den Kopf. „Wir können Dinge verschwinden lassen. Geräusche können ebenfalls verschwinden und nicht jeder Körper hat innen die gleichen Dimensionen, wie außen. Das Haus meiner Großeltern zum Beispiel."
Luka sah sie interessiert an. Lily hob ein zweites Buch auf. „Und dieses Atommodell? Das ist doch Blödsinn! Neutronen und Protonen und Kerne!"
Luka beugte sich vor. „Könnt ihr alle Dinge erklären, mit euren Wissenschaften? Gibt es keine Rätsel mehr?"
Lily überlegte kurz. „Doch, natürlich können wir nicht alles erklären. Soweit ich weiß, hat die Theorie der magischen Materie einige Lücken. Aber trotzem!"
Luka sah nachdenklich in den Wald hinein. „Vielleicht würde man eine richtige Erklärung erhalten, wenn man beide Theorien verbindet? Magische Materie mit Materie und Antimaterie zusammen ergeben vielleicht die Lösung, warum Dinge verschwinden können. Klingt aber sowieso eher als würde der Raum gekrümmt werden. Vielleicht gilt Newton ja doch – nur auf einer erweiterten Ebene?"
Er sah sie mit glänzenden Augen an. „Das muss es sein! Aber wer glaubt einem so was schon? Die Wissenschaftler glauben nicht an Magie und würden einen auf den Mond schießen, wenn man mit so was kommt. Und eure Forscher? Die denken Muggel sind rückständig."
Lily sah ihn unverwandt an. „Das mag ja alles sein, aber ich habe sowieso nur die Hälfte verstanden und außerdem hilft es mir bei meinem ersten Tag morgen nicht weiter!"
Er zuckte lachend mit den Schultern. „Ich habe gerade DAS Mysterium schlechthin gelöst und sowohl Zauberern wie Muggeln wird es so ergehen wie dir. Wie deprimierend!"
Lily fand, er sah gar nicht deprimiert aus. Viel mehr als würde er sich über sie lustig machen.
Zufrieden vor sich hingrinsend lehnte Luka sich an den Baumstamm, an dem er saß, streckte die Beine aus und schloss die Augen.
Neidisch betrachtete Lily seine entspannte Haltung. Seit sie im Reservat angekommen war, hatte sie nicht eine entspannte Sekunde gehabt. Auch jetzt war sie nervös. Ihr war mulmig, wegen der Kinder. Dazu kam, dass ihr permanent bewusst war, wie schnell ihr Herz schlug. Sie versuchte mit ihrem puren Willen, ihren Geruch neutral zu halten. Was an sich schon vollkommen unsinnig war.
„Entspann dich, Lily!" das war der Beweis: Luka musste nicht einmal die Augen öffnen, um ihre angespannte Stimmung zu bemerken.
Lily seufzte. „Es hilft nicht gerade zu entspannen, wenn jeder im Umkreis von hundert Metern meine innersten Gefühle erkennen kann – ohne mich überhaupt ansehen zu müssen. Und ich kann es nicht verhindern!"
Sein Grinsen wurde breiter und er öffnete seine Augen zu schmalen Schlitzen. „Man braucht keine Wolfssinne, um deine Anspannung zu bemerken. Du bist so angespannt, dass die Luft um dich herum geradezu vibriert."
Lily spürte, wie sie wütend wurde. Schon wieder! „Wieso sollte ich in deiner Nähe auch entspannt sein? Wir streiten uns alle paar Minuten und ich kann nicht mal absehen, welche Bemerkung von mir dich wieder auf die Palme bringt!"
Er sah sie ernst an. Das Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, wie eine unsichtbare Wand. Nervös begann Lily, mit der Liste der Fragen in ihrer Hand zu spielen.
Dann begann er zu lachen. „Du hast recht. Es tut mir leid. Ich versuche mich zu bessern!" Seine Stimme klang aufrichtig.
Lily schaute auf ihre Liste und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Das war endlich ein Durchbruch. Vielleicht würde die Zeit hier doch noch erträglich.
Ohne auf seine Worte einzugehen, begann sie weitere Fragen zu stellen.
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Nach dem Mittagessen hatten sie zu einem Feld am Waldrand gewechselt, auf dem Kartoffeln angebaut wurden. Dort hatte Luka etwas mit den Pflanzen gemacht und Lily hatte sich wieder auf die Bücher konzentriert. Irgendwann waren andere Leute dazu gekommen.
Lily hatten sie nicht groß beachtet, was ihr ganz lieb war. Irgendwann hatte sie gemerkt, dass ihr Blick immer häufiger von den Büchern abglitt und sie die Menschen auf dem Feld beobachtete. Sie schienen weniger zu arbeiten, als sich zu unterhalten.
Luka war nicht der Älteste, aber die anderen verhielten sich eindeutig so, als sei er der Anführer in der kleinen Gruppe. Lily überlegte kurz, woran das wohl lag, gab es aber bald auf. Dazu wusste sie viel zu wenig über die Wölfe.
Die Menschen gingen freundschaftlich und locker miteinander um. Sie hatte bisher auch noch keine Spannungen erlebt. Zumindest keine, die sie nicht ausgelöst hätte. Das widersprach allem, was sie vom Ministerium gehört hatte. Dort hatte man sie gewarnt, dass die Wölfe aggressiv und spontan gewalttätig waren. Sie hatten ihr eine 20-seitige Broschüre gegeben, in der das Verhalten in solchen Situationen erklärt wurde.
Seufzend lehnte Lily sich an einen Baum. Das Ministerium hatte keine Ahnung über Werwölfe oder das Reservat. Und das schien auch keinen zu stören.
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Beim Abendessen saßen sie am gleichen Platz wie am Abend zuvor. Luka hatte sich wieder breitgemacht und versprühte eine innige Grimmigkeit. Während Lily sich ihrem Essen widmete, glitt Eve in die Bank ihnen gegenüber.
Über ihren Löffel hinweg beobachtete Lily, wie das Mädchen sich lächelnd vorbeugte. „Luka kannst du mir nachher bei den Hausaufgaben helfen?" Lily sah aus den Augenwinkeln, dass Luka nicht einmal den Blick gehoben hatte. Nun legte Eve ihre Hand auf seine, die auf dem Tisch lag.
Luka konnte sie nun nicht weiter ignorieren. Und natürlich fiel sein Blick zuerst in ihr Dekolleté, so wie es auch geplant war. Lily verkniff sich ein Grinsen. Das hier verstand sie zur Abwechslung einmal sehr gut.
Gespannt wartete sie auf Lukas Reaktion. Dieser zog seine Hand unter Eves hervor und griff damit nach einem Stück Brot. Er lächelte Eve höflich an. „Heute nicht. Vielleicht kann Steve dir helfen?" Eve biss sich auf die Unterlippe, nickte und stand mit hängendem Kopf auf. Wortlos setzte sie sich an einen Tisch neben Andrew.
Als Lily ihr mit den Augen folgte, wanderte ihr Blick über die versammelte Gemeinde. „Nicht gerade viel Auswahl für ein junges Mädchen." sprach sie dann das aus, was ihr durch den Kopf ging.
Luka sah von seinem Teller kurz auf. „Nein." war seine einsilbige Antwort. Lily musterte Luka kurz, dann sagte sie: „Für einen jungen Mann aber auch nicht."
Sie sah, wie seine ruhige Haltung für einen Augenblick ins Schwanken geriet. Nur ganz kurz, aber sie hatte es gesehen. Also konnten die Wölfe doch eine augenscheinliche Fassade aufbauen? Oder war das nur für sie? Das war alles so verwirrend.
„Nur weil es die naheliegendste Lösung ist, heißt das noch lange nicht, dass es auch die Beste wäre. Weder für sie, noch für mich." Seine Stimme hatte wieder die unpersönliche Kälte angenommen.
Lily schob das Essen auf ihrem Teller herum. „Tut mir leid. Das geht mich nichts an." Sie hörte ihn lustlos Lachen. „Mach' dir mal keine Gedanken, Lily. Es gibt Wetten, wie lange ich durchhalte." Er klang etwas verbittert.
Lily grinste. „Wer nimmt denn die Wetten an?" Luka warf ihr einen ungläubigen Blick zu. Lily zuckte mit den Achseln. „Was? Ich bin gut in solchen Wetten. Ich habe einen Haufen Geld mit meiner Cousine Rose verdient." Luka schüttelte den Kopf.
„Elsa hat das Wettbüro." Kam die Antwort von Annie, die sich nun ihnen gegenüber auf die Bank setzte. „Aber seit du hier aufgetaucht bist, haben fast alle ihre Wetten erneuert." Annie grinste über das ganze Gesicht.
Lily spürte, wie sie rot wurde. Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Wegen dem Missverständnis mit meiner Körperhaltung? Da werden alle noch mal ändern müssen!"
Annie nahm sich ein Stück Brot und warf Luka einen seltsamen Blick zu. Luka konzentrierte sich nur auf sein Essen. „Scheint unserem Luka hier ja mächtig unangenehm zu sein, das ganze Thema!"
Annie zwinkerte Lily zu, wechselte dann aber das Thema und fragte nach ihren Schulvorbereitungen.
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„Bist du fertig, Lily?" Luka sah fragend von ihrem Teller in ihr Gesicht. Lily nickte. „Ich möchte dir Richard vorstellen." fuhr er fort.
Lily sprang sofort auf. Nun würde sich herausstellen, ob der Mann wirklich so viel helfen konnte, wie alle behaupteten.
Luka stand langsamer auf. Er fasste sie am Ellbogen und führte sie vor sich durch den mit Bänken vollgestellten Raum. Lily sah, wie einige der jüngeren Männer sie beäugten. Sie fragte sich, ob das ganze Aufsehen nicht nur deshalb war, weil sie neu war. Wann kam hier schon einmal ein junges Mädchen vorbei, das keiner kannte. Das wäre in jeder anderen Gemeinschaft genauso.
Sie hörte allerdings auch hinter sich ein Geräusch, das sich nach einem leisen Knurren anhörte und das war nun wieder nichts, was in anderen Gemeinschaften passieren würde.
An einem Tisch mit mehreren Paaren hielt Luka an. „Entschuldigt bitte! Ich möchte euch Lily vorstellen und Richard bitten, dass er ihr vielleicht mit der einen oder anderen Frage hilft, damit ihr das Einleben leichter fällt."
Die älteren Wölfe am Tisch hatten sich alle zu ihnen umgewandt. Nun sahen sie erstaunt von Luka zu Lily. Ein älterer Mann mit Halbglatze und leuchtenden Knopfaugen nickte. „Ich helfe Lily gerne!" Der Mann stand auf und führte Lily am Ellbogen, wie zuvor Luka an einen leeren Tisch.
Als sie sich setzen, lächelte Richard sie aufmunternd an. „Wieso führen mich alle am Arm?" Eigentlich war das nicht das Dringlichste, aber es war Lily etwas auf die Nerven gegangen. Richard grinste breit. „Nun, das wird sich bald ändern. Vieles bei den Wölfen geht einfach nur um das Abstecken von Territorium. Meist ist das ganz harmlos. Und wenn sich ein größerer Streit vermeiden lassen kann, indem man dich am Arm führt ..."
Lily nickte. „Gut. Wie hält man das aus, wenn alle alles über einen selber wissen, aber man selber eben nicht alles am Geruch, Herzschlag oder was auch immer erkennen kann?" Richard lachte schallend.
„Ach, Kindchen. Das ist gar nicht so schwer. Schau, hier gibt sich keiner Mühe seine Gefühle hinter einer falschen Körperhaltung oder einer Lüge zu verbergen. Daher muss man nur etwas genauer hinsehen, dann bemerkt man fast genauso viel, wie alle anderen!"
Lily rieb sich die Nase. Das klang logisch. Sie war bisher zu sehr mit sich beschäftigt gewesen, um wirklich auf ihre Umgebung zu achten. Heute auf dem Feld war ihr aber auch schon aufgefallen, wie simpel hier die Dinge manchmal schienen.
Richard sah sich im Raum um, dann deutete er mit dem Kopf in eine Richtung. „Sie dir die zwei an und sag' mir, was du denkst." Lily folgte seiner Blickrichtung.
Zwei Männer im Alter ihres Vaters saßen schweigend an einem Tisch. Sie schienen sich nichts zu sagen zu haben. Lily überlegte kurz. „Sie scheinen Freunde zu sein, sonst würden sie nicht beieinandersitzen. Aber vielleicht hatten sie Streit."
Richard sah sie fragend an. „Was noch?" Lily blickte wieder zu den Männern. Einer der beiden bewegte sich und der andere setzte sich ebenfalls anders hin. Lily erinnerte das an ihren Vater und Onkel Ron. Die zwei bewegten sich in einem Raum, als würden sie sich permanent gegenseitig den Rücken frei halten. Das kam natürlich durch ihre jahrelange Zusammenarbeit als Auroren. Vielleicht war es bei den zwei Männern ähnlich?
„Sie sind schon lange befreundet. Helfen sich gegenseitig. Jagen gemeinsam?" Richard nickte zustimmend. „Das war sehr gut! Steve und Alex sind seit Kindheit an beste Freunde und sie jagen immer zusammen. Du wirst das hier schon schaffen. Sobald du alle kennst und die Geschichten dahinter, fällt es einem gar nicht mehr so schwer."
Seine Miene wurde ernst. „Du bist die erste vom Ministerium, die sich überhaupt die Mühe macht, sich hier einzuleben. Der letzte Typ ist nach einer Woche nicht mehr aufgetaucht."
Lily sah ihn entsetzt an. Ärgerlich sagte sie: „Ich kann mir gar nicht vorstellen, wieso das all die Jahre unbemerkt geblieben ist! Das kann doch alles nicht wahr sein! Einige meiner Familienmitglieder arbeiten im Ministerium und die wären entsetzt, wenn sie das hier wüssten. Ich verstehe das wirklich nicht!"
Richard sah sie merkwürdig an, dann lächelte er. „Weißt du, scheinbar interessiert sich keiner in deiner Welt für die Werwölfe. Und ehrlich gesagt, wenn ich mir alte Geschichten anhöre, dann ist das auch besser so. Denn als man sich für sie interessierte, wurden Gesetze erlassen, die ein Leben als Werwolf unmöglich machten."
Lily nickte gedankenverloren. Sie hatte genug Geschichten über Remus Lupin gehört. „Trotzdem! Man könnte zumindest einen gescheiten Lehrer und gesundheitliche Versorgung gewährleisten!"
Richard zuckte mit den Achseln. „Weißt du, manchmal muss man nehmen, was einem das Leben auftischt. Es lohnt sich nicht, von den Sternen zu träumen. Es ändert ja doch nichts und die Enttäuschung ist am Ende groß!"
Lily war mit dieser Einstellung nicht einverstanden. Sie war im Glauben erzogen worden, dass alles möglich war, wenn man es nur fest genug wollte und daran arbeitete.
Aber sie konnte Richard verstehen. Das Leben hatte ihm eine Werwölfin als Partnerin geschenkt und nun musste er mit den Problemen, die das mit sich brachte, klarkommen. Ob sie schon vor der Verwandlung seiner Frau verheiratet waren? Oder hatte er sich bereits in eine Werwölfin verliebt? Wie dem auch sei, er hatte sich davon nicht abschrecken lassen und war bei ihr geblieben. Das musste man ihm hoch anrechnen. Erst recht als Muggel, der sicher an Dinge wie Magie und Werwölfe nicht geglaubt hatte.
Richard setzte sich ruckartig auf. „Lily, meine Beth will jetzt nach Hause. Wenn du noch Fragen hast, kannst du gerne morgen vorbei schauen. Wir wohnen am anderen Ende des Dorfes in der Hütte mit den zwei Rosenbüschen davor. Du bist immer willkommen!" Mit diesen Worten stand er auf.
„Vielen Dank, Richard! Ich komme sicher die Tage noch einmal vorbei!" Lily stand ebenfalls auf und plötzlich stand, wie aus dem Nichts Luka wieder neben ihr.
Richard nickte ihr und Luka zu, wünschte eine 'Gute Nacht!' und lief dann zur Tür, wo bereits eine Frau auf ihn wartete. Sie lächelte Lily kurz zu, bevor sie mit Richard das Haupthaus verließ.
Schicksalsergeben sah Lily Luka an. „Du bringst mich zu meiner Hütte?" Luka grinste spöttisch. „Stets zu diensten, gnädige Frau!"
Gemeinsam verließen sie die Hütte. Draußen war es noch angenehm warm und sie konnte viel Rudelmitglieder vor ihren Hütten sitzen und reden sehen.
„Hat Richard dir helfen können?" Luka lief langsam neben ihr. Sie spürte manchmal seinem Arm an ihrem vorbei streichen. Sie versuchte, das Gefühl zu ignorieren.
„Ja, sehr sogar. Vielleicht nicht mit Informationen an sich, aber ich habe nun das Gefühl, dass ein Leben hier nicht so kompliziert ist, wie ich mir das vorgestellt habe. Es scheint machbar."
Luka blieb stehen. Um nicht unhöflich zu sein, blieb Lily ebenfalls stehen und drehte sich zu ihm. „Machbar? Mit uns zu leben? Ist die Vorstellung so schrecklich?" Er klang merkwürdig, vielleicht ein wenig traurig.
Lily zuckte mit den Schultern. „Nicht schrecklich, wie schrecklich. Aber schwierig. Ich komme mir unterlegen vor. Ich habe das Gefühl alle wissen, was ich denke oder fühle und das macht mich unsicher."
Luka sah sie einen Moment schweigend an. „In eurer Welt da draußen wird viel vorgetäuscht und gelogen."
Lily seufzte. „Das klingt, als wenn das alles schlecht ist. Ich weiß nicht ... hier gibt es eine eindeutige Hierarchie. Das ist draußen nicht anders. Nur den Weg in der Hierarchie nach oben, der wird bei uns anders umkämpft. Man darf nicht schwach aussehen."
Luka sah an ihr vorbei in den Wald. Dann schien er einen Entschluss getroffen zu haben. Er sah Lily in die Augen und erklärte ernst. „Wir können deinen Herzschlag hören, aber warum er sich beschleunigt, ist manchmal schwer zu sagen. Angst, Aufregung oder Wut kann man eindeutig Gerüchen zuordnen. Aber jeder Mensch hat eine Mischung aus Gerüchen um sich herum, eine Mischung aus vielen Emotionen und Pheromonen. Oft ist das nicht leicht zu interpretieren. Man kann raten oder aus der Situation seine Schlüsse ziehen, aber auch wir sind uns oft nicht sicher. Vor allem, wenn du mit deiner Körpersprache lügst."
Lily bekam große Augen. Sie war ihm unendlich dankbar für diese Information. Spontan griff sie nach seiner Hand. „Vielen Dank!" Luka blickte auf ihre Hand in seiner, sah dann auf und lächelte. „Ich glaube, ich möchte, dass du dich hier gut einlebst."
Einen kurzen Moment sahen sie sich nur schweigend an. Dann setzte Luka ihren Weg fort. Er ließ aber Lilys Hand nicht wieder los.
„Morgen zeige ich dir den Steinkreis. Das ist wichtig für die Vollmondnächte. Und ich erkläre dir auch all die anderen Regeln für diese drei Nächte."
Lily nickte stumm. Sie wunderte sich, dass es sie nicht verlegen machte, mit Luka, den sie erst seit zwei Tagen kannte, Händchen haltend durch das Dorf zu laufen.
Vor ihrer Hütte blieben sie stehen. Luka schwang ihre Hände locker. „Bis morgen!" sagte er und ließ sie dann los. Lächelnd trat sie zur Tür. „Bis morgen!"
Als sie eintrat, hörte sie ein Schnauben. Sie hatte fast Tasha vergessen. Aber nur fast. Auffordernd sah sie die alte Wölfin an. Diese saß am Tisch vor einer Petroleumlampe und hatte einen Krug in der Hand.
„Kleine Affäre mit einem Wolf? Hat man dir erzählt, was für interessante Liebhaber die abgeben?" Lily spürte, wie sie rot wurde.
„Ich bin kein Typ für Affären – egal, wie interessant der Liebhaber verspricht zu sein!" Tasha war voll von Vorurteilen gegen sie. Aber eigentlich konnte sie ihr das nicht verdenken. Und außerdem war sie Lukas Mutter.
„Mädchen, mach', was du für richtig hältst, aber lass deine Finger von Luka, wenn du es nicht ernst meinst!" Tasha funkelte sie kalt an.
Ergeben nickte Lily. Wortlos lief sie zu ihrer Schlafstatt und hoffte, Tasha würde den Wink verstehen. Und tatsächlich blieb die Alte stumm.
