Kurze Anmerkung zu Lukas Stellung im Rudel, weil es hierzu Fragen gab:
Ich habe als Vorbild mein - nicht gerade großes - Wissen über Rudel allgemein benutzt. In einem Rudel gibt es immer eine Rangordnung, nur die kleinsten sind alle in einer Ebene, bzw. haben nur untereinander eine Rangordnung. Da Luka der 'Hüter der Geschichte' ist, hat er eine relativ hohe Stellung, trotz seines geringen Alters. In einigen rudelbildenden Tierarten hat die Rangordnung nichts mit dem Alter zu tun, oft mehr mit Kraft oder Erfahrung (Schimpansen haben da recht eigene Formen). Daher steht er über den 'jungen Wilden'.
Ich hoffe, das klärt einige Fragen. Und nun: viel Spaß!
5. Vollmond
Es war der erste Vollmond im Reservat seit Lily angekommen war. Die letzten zwei Wochen waren ruhig verlaufen. Der Unterricht war gar nicht so schlecht gelaufen. Die kleinen Kinder mochten sie und bis auf Eve, die sich bockig gab, hatte sie auch wenig Probleme mit den älteren.
Luka war jede freie Minute um sie herum gewesen, wie ein Schatten. Aber seit sie sich nicht mehr so oft stritten, war das gar nicht unangenehm. Im Gegenteil, Lily merkte, dass sie anfing, sich ernsthaft in den gut aussehenden Werwolf zu verlieben. Ihr war noch nicht ganz klar, ob das etwas Gutes war oder nicht.
Vor einer guten halben Stunde hatte Luka sie zum 'Sicheren Haus' gebracht. Das Haus war schwer mit Zaubern belegt, die ähnlich wie die Zauber um das Reservat wirkten. Konnte man das Reservat nur mit einem Wolf betreten, konnte man das Haus nur als Nicht-Wolf betreten.
Die nächsten drei Nächte würde sie hier verbringen. Luka hatte ihr noch einmal eindringlich erklärt, dass sie unter gar keinen Umständen das Haus verlassen durfte solange es dunkel war, bzw. der Mond schien. Dann hatte er sie kurz an sich gedrückt und hatte sie durch die Tür geschoben. „Genieße die Zeit ohne mich!" hatte er ihr noch nachgerufen.
Die Wölfe würden auch am Tage nicht in das Dorf zurückkehren. Sie hatten irgendwo in den Wäldern einen Platz, an dem sie sich tagsüber pflegen konnten.
Richard hatte ihr zugenickt, als sie eintrat und Andrew hatte ihr mit einem Buch zugewinkt. Die beiden wirkten locker. In einem Bettchen konnte Lily Annies Baby liegen sehen. Lily wusste, dass es noch zwei weitere Frauen gab, die nicht unter der Lykanthropie litten. Diese waren heute zu ihren Familien aufgebrochen. Lily hätte auch nach Hause gehen können, hatte sich aber dagegen entschieden. Sie wollte zumindest einmal sehen, wie das hier war. Beim nächsten Mal würde sie dann ihre Familie besuchen.
Lily lief zu dem Bettchen und zog sich einen Stuhl daneben. Behutsam strich sie dem Baby über die Stirn. Erst dachte Lily, sie hätte die Kleine geweckt, als diese begann zu strampeln. Das Baby wand sich und schrie. Lily konnte sehen, wie die Muskeln sich unter der Haut bewegten. Sie erstarrte in Panik. Hinter ihr hörte sie jemanden erschrocken Luft holen.
„Es hat Lykanthropie!" Lily drehte sich um. Vor ihr stand Andrew.
„Was müssen wir tun?" Verzweifelt suchte Lily mit den Augen den Raum ab. Es musste doch eine Lösung geben, wie sie das kleine Baby von den Schmerzen befreien konnten.
„Wir können nichts tun. Entweder wird es sich verwandeln oder sterben." Richard war neben sie getreten und sah mit einer Mischung aus Trauer und Schrecken auf das Baby. Auch Andrews Augen starrten gebannt auf das Baby.
Lily konnte es nicht glauben. „Was soll das heißen?" Andrew bewegte sich rückwärts von dem Bettchen weg. Richard antwortete mit leiser Stimme: „Die Neugeborenen sterben meistens bei der ersten Verwandlung. Nur die Starken überleben. Es kann keiner dem Baby helfen."
Lily sah hektisch aus dem Fenster. Es war noch hell und der Mond würde erst in vielleicht zwanzig Minuten aufgehen. Aus irgendeinem Grund hatte die Verwandlung bei dem Baby früher angefangen. Sie schnappte sich das schreiende Baby und rannte hinaus. Richard rief ihr hinterher, aber sie lief einfach weiter.
Luka hatte ihr von dem Platz im Wald erzählt, der sicher war. Als sie endlich in dem uralten Steinkreis angekommen war, blieb sie einen Augenblick schwer atmend stehen. Dann holte sie tief Luft und schrie aus Leibeskräften.
Luka erschien binnen weniger Sekunde, aber es kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Mit einem Auge beobachtete sie das Baby mit dem anderen versuchte sie den Himmel nach dem aufgehenden Mond abzusuchen.
„Was machst du hier?" Lily hielt Luka das Baby entgegen. „Es will sich wandeln und Richard sagt, es wird sterben und …" Jetzt erst merkte sie, dass sie weinte. Lukas Augen brannten intensiver als sonst. Nervös blieb er am Rand des Steinkreises stehen.
„Ich kann dem Kind nicht helfen. Keiner von uns kann das. Es muss da alleine durch." Wütend sah sie ihn an. „Das kann nicht dein Ernst sein! Irgendjemand muss ihm doch helfen können! Wir können es doch nicht sterben lassen!" Ihre Gedanken rasten in atemberaubender Geschwindigkeit durch ihren Kopf. „Ein Heiler! Bring' mich hinter die Barriere!" Er sah sie misstrauisch an. „Was willst du da?"
„Schnell, Luka – wir haben nicht mehr viel Zeit!" Sie lief schon los. Das Baby immer noch an sich gepresst. Luka lief hinter ihr her. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er zusammenzuckte. Nein, bloß nicht jetzt!
Sie versuchte, schneller zu laufen. Endlich hatten sie die Barriere erreicht. Er nahm ihre Hand und schob sie hindurch. Die Hand auf ihrem Arm krampfte sich zusammen und sie hatte das Gefühl ihr Knochen würde brechen, dann war seine Hand verschwunden.
Sie drehte sich kurz um, aber die Barriere hatte sich wieder geschlossen und sie sah nur eine friedliche Landschaft. Mit einem plopp apparierte sie in die Notaufnahme von St. Mungos.
Kaum hörte sie die hektischen Geräusche der Notaufnahme, rief sie schon los. „Ich brauche einen Heiler! Schnell! Das Baby stirbt!" Eine ältere Frau kam mit souveränen Schritten auf sie zu.
„Nanana, so dramatisch wird es schon nicht sein. Lassen Sie mich einmal sehen!" Lily streckte die Arme aus, sodass die Frau die Decke zurückschlagen konnte. Die Hände der Kleinen hatten sich mittlerweile in Klauen verwandelt. Mit denen sie nun nach der Frau schlug. Diese schrie entsetzt auf. „Das Kind hat Lykanthropie!"
Die Frau trat einen Schritt zurück. Alle Geräusche in der Notaufnahme verstummten. Lily kam es so vor als wären alle Augen auf sie gerichtet. Verzweifelt ging sie einen Schritt auf die Frau zu. „Tun Sie doch was! Das Kind ist zu klein um sich zu wandeln! Es wird sterben!"
Die Frau machte einen weiteren Schritt nach hinten. „Das ist hier die Notaufnahme für Zauberer und Hexen – nicht für magische Geschöpfe!"
Lily sah sie entsetzt an. Dann baute sie sich zu ihrer vollen Größe auf. „Mein Name ist Lily Potter und ich möchte sofort Heilerin Molly Weasley sehen. Und wenn sie sich nicht sofort in Bewegung setzen, dann wird sich mein Vater, Harry Potter persönlich mit ihrem Vorgesetzten auseinandersetzen!"
Lily hatte noch nie ihren Namen für irgendetwas eingesetzt, aber nun war sie froh es getan zu haben. Binnen weniger Sekunden stand ihre Cousine vor ihr. „Lily, was ist denn? Heilerin McArthur hat mich fast hergeprügelt!"
Die blonde Frau trat an Molly heran. „Schaffen sie das Ding aus meiner Notaufnahme! Ich will keine Zweifel an der Hygiene im Krankenhaus aufkommen lassen!"
Molly sah erstaunt zu der Frau und dann zu Lily. Diese hielt ihr das schreiende Baby entgegen. „Sie meint das Baby." Molly nahm das Baby auf den Arm. Mit einem Blick erfasste sie die Situation. „Oh, Lily. Ist es aus dem Reservat? Wir müssen versuchen, die Verwandlung zu stoppen. Es ist ja noch so klein! Komm' mit! Ich muss mit dem Zaubertränkemeister sprechen."
Etwas von Wolfsbann und Silencing von Genen vor sich hin brummend schritt Molly schnell durch die Halle in Richtung Aufzüge. Ein Aufzug hielt sofort als Molly ihren Zauberstab schwenkte. Nachdem sie eingetreten waren, rief sie „Zaubertrankabteilung" und der Aufzug setzte sich in Bewegung.
Lily war erleichtert, dass sich nun endlich jemand um die Kleine kümmerte. Das Baby hatte mittlerweile eine bläuliche Hautfarbe. Molly drückte es ihr in den Arm. „Du musst sie halten!" Dann begann sie einige komplizierte Bewegungen mit dem Zauberstab zu machen und die Hautfarbe wurde etwas besser.
„Ich muss sie sofort an einen Blickster anschließen. Wir müssen sehen, wie es um die Organe steht. Lily, weißt du, wann der Mond aufgeht?" Lily versuchte, auf ihre Uhr zu schauen. Unter der Decke lugte eine Ecke heraus. „Vor vier Minuten!"
Die Türen des Aufzugs öffneten sich auf einen leeren Flur. Molly rannte vor ihr her in einen kleinen Raum, der vollgestopft war mir Geräten. Molly zerrte an einem der Apparate, und als er endlich frei beweglich war, hielt sie eine Art Lupe über den Körper des Babys.
Lily sah nur kurz einen Haufen zitternder Organe, bevor sie ihren Blick abwandte. Der Anblick hatte ihren Magen unangenehm verkrampfen lassen.
„Gaylord!" Molly rief über ihre Schulter in den Gang hinein. Kurz darauf trat aus einem der Räume ein riesiger glatzköpfiger Mann in dunkelblauer Robe. „Molly, was ist das denn für eine Hektik hier?"
„Ein Baby mit Lykanthropie, das sich verwandelt. Aber es wird nicht überleben, wenn es sich jetzt verwandelt. Es ist noch zu schwach. Meinst du Wolfsbann ..."
Der Mann stand nun neben Molly und schaute auf das Baby hinab. „Nein, Wolfsbann nicht. Aber ..." Und damit rannte er schon wieder in den Raum zurück. Molly sah zu Lily. „Ich werde die Kleine in eine Zeitblase versetzen. Das machen wir manchmal mit Schwerverletzten. Die Zeit in der Blase wird langsamer vergehen. Ich weiß nicht, ob das etwas helfen wird, wegen des Mondes, aber einen Versuch ist es wert. Du musst sie dafür aber hinlegen."
Lily sah sich suchend um. Aber Molly war schon wieder halb in dem Abstellraum verschwunden und zerrte einen Glaskasten auf Rollen heraus. „Leg sie da hinein. Das haben wir aus einem Muggel-Krankenhaus. Das ist für Babys."
Lily legte die Kleine ab und Molly begann sofort, einen Zauber zu wirken. Eine Art Luftblase erschien um das Baby und es schien sich extrem langsam zu bewegen.
Besorgt sah Lily auf die Kleine. „Hat sie jetzt nicht viel länger Schmerzen?" Molly lächelte sie beruhigend an. „Nicht, wenn wir sie so stabilisieren können." Sie hörten Schritte und Gaylord stand kurz darauf mit einer kleinen Phiole neben ihnen.
„Mönchswurz, Hirtentäschel und Wolfswurz. Das sollte die Krämpfe dämpfen und die Verwandlung eindämmen." Molly nickte und begann eine kurze Diskussion über die zu verabreichende Menge.
Lily merkte, wie die Worte an ihr vorüberzogen ohne, dass sie sie verstand. Plötzlich fühlte sie sich unendlich müde. Sie trat einen Schritt zurück, lehnte sich an die Wand des Flures und nach einigen Sekunden glitt sie daran hinunter, bis sie auf dem Boden saß.
Die Ereignisse der vergangenen Minuten zogen an ihr vorbei und sie merkte, wie ihr Tränen die Wangen hinabliefen. Diese schreckliche Frau in der Notaufnahme! Aber Luka war auch nicht besser gewesen! Er hätte das Baby auch sterben lassen. Das Baby, das noch keinen Namen hatte. Jetzt verstand Lily auch warum.
Annie, die ihrer kleinen Tochter erst dann einen Namen geben wollte, wenn sie sicher war, dass die Kleine überleben würde. Wie mochte es der Wölfin nun gehen? Wie schwer musste ihr der Abschied gefallen sein? Wusste Annie in ihrer Wolfsform von ihrem Baby?
Das war für Lily alles eine schreckliche Vorstellung. Sie ließ ihren Kopf auf die Arme sinken, die sie auf den Knien aufgestützt hatte. Sie hoffte inständig, Molly und der Zaubertränkemeister konnten die Kleine retten. Dann konnte man ihr einen Namen geben!
Nach gefühlten Stunden, die sicher nur Minuten waren, spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Müde sah sie auf. Molly lächelte sie an. „Wir haben die Kleine soweit stabilisiert. Aber wir werden sie die nächsten Tage noch hier behalten. Und dann müssen wir uns etwas Längerfristiges einfallen lassen. Aber im Moment ist alles in Ordnung!"
Erleichtert stand Lily auf und sah zu dem Glaskasten. Die Kleine schien friedlich zu schlafen. So schien so winzig in dem großen Kasten. Die Blase umgab sie immer noch und sie hatte auch immer noch Wolfstatzen, aber sie schlief nun friedlich.
„Lily geh' Heim und schlaf' dich aus." Lily schüttelte den Kopf. „Nein, ich bleibe hier. Sie kennt hier doch keinen! Sie soll nicht mit fremden Gerüchen um sich aufwachen." Molly nickte verstehend. „Gut, dann lass uns ein Plätzchen für den kleinen Schatz suchen!"
ooo
Drei Tage später stand Lily an der Barriere mit dem Baby im Arm. Annie hatte sich sicher schon Sorgen gemacht. Lily hoffte, dass ihre Eule zu Luka durchgedrungen war. Nervös wippte sie das Bündel in ihren Armen auf und ab.
Plötzlich stand Luka vor ihr. „Lily!"
Erschrocken schnappte sie nach Luft. „Kannst du nicht lauter sein!" Luka antwortete nicht. Er starrte wir gebannt auf das Bündel in ihren Armen. Luka trat an sie heran und zog die Decke zur Seite.
Sein Gesicht wurde von Ehrfurcht überzogen. „Sie lebt?" er sah zu Lily auf. „Du hast sie heilen können?" Lily schüttelte den Kopf. „Nein, aber meine Cousine und ihr Kollege haben eine Möglichkeit gefunden, die Verwandlung so lange aufzuschieben, bis sie alt und stark genug dafür ist."
Lily hatte in der Eule nur geschrieben, dass man sie und das Baby abholen sollte. Natürlich meinte sie ein lebendiges Baby. Jetzt wurde ihr klar, dass ihre Nachricht nicht eindeutig genug gewesen war.
Luka sah sie nun genauso ehrfürchtig an, wie zuvor das Baby. Sie sah Tränen in seinen Augen. Dann wich alle Luft aus ihren Lungen, als er sie samt Baby fest an sich drückte.
„Du hast keine Ahnung, was das für uns bedeutet!" sagte er, als er sie losließ. Wieder sah er auf das Baby in ihren Armen. Die Kleine wimmerte erschrocken. Lily lächelte. „Doch Luka, ich weiß nach den letzten Tagen genau, was das für euch bedeutet."
Sein Blick wanderte zu ihren Augen. Seine Hand strich ihr über die Wange. „Du hast ein unglaublich großes Herz, Lily Potter!" Sie grinste ihn an. „Ein Wolfsherz?"
Ihm schien noch nicht nach Späßen zumute. Er nickte ernst. „Ein Wolfsherz!"
Einen kurzen Moment sahen sie sich nur stumm an, dann begann das Baby, nun ernsthaft zu weinen. Lily sah hinab. „Ich glaube, sie bekommt langsam wieder Hunger. Und ich denke, Annie will bestimmt wissen, wie es der Kleinen geht!"
Luka nickte und zog sie durch die Barriere. So schnell Lily konnte, liefen sie zum Dorf. Es war ruhig und keiner war auf den Wegen. „Sie sind alle in der großen Halle, um die Trauerfeier zu beginnen, wenn das Baby kommt." Lily biss sich auf die Lippe. „Tut mir leid, ich hätte deutlicher sein sollen, dass die Kleine gesund ist."
Luka zuckte mit den Achseln. „Wir hätten vielleicht mehr Vertrauen in dich haben sollen!" Bevor sie die Hütte betreten konnten, begann das Baby nun aus vollem Hals zu brüllen. Eindeutig Hunger, erkannte Lily. Die Tür wurde aufgerissen und Annie stürmte heraus. Sie stürzte sich auf Lily, die ihr das Baby entgegen hielt.
Annie drückte die Kleine an sich und sank dann weinend auf den Treppenstufen zur großen Halle zusammen.
Hinter Annie drängten sich die Dorfbewohner aus der Halle. Luka zog Annie hoch und ein wenig von der Hütte weg, damit niemand über sie stolperte. Brian und Elsa verschafften sich Platz und traten auf Lily zu.
Brian sah sie merkwürdig an. „Das Baby lebt?" Lily nickte glücklich. „Ich habe es zu meiner Cousine gebracht. Sie ist Heilerin. Ich habe nicht verstanden, was genau sie gemacht hat. Aber sie hat gesagt, sie kann die Verwandlung so lange unterdrücken, bis die Kleine alt genug ist. Es geht wohl nicht für immer, weil das wohl ihre Lebenszeit verkürzen würde, aber Molly meinte, bis sie fünf oder sechs Jahre als ist, würde es gehen." Lily sah fragend zu Brian, dann zu Elsa.
„Das reicht doch, oder? Ich meine, wenn sie sich nie verwandelt und damit Kraftreserven aufbaut, dann müsste sie es mit sechs doch schaffen?"
Elsa sah sie mit Tränen in den Augen an. Dann nickte sie. „Ja ..." Und dann begann sie zu weinen. Entsetzt stellte Lily fest, dass viele der Wölfe weinten.
Brian schaute sie noch einen Moment prüfend an. „Ich möchte mit deiner Cousine sprechen." Lily nickte. „Natürlich! Sie will morgen kommen. Die Kleine muss noch einmal untersucht werden."
Brian hatte große Augen. „Sie will herkommen? Zu uns?" Verwirrt sah Lily ihn an und nickte. „Wenn ihr einverstanden seid." Sie sah, wie Brian schluckte. Dann wandte er sich zu Annie und ihrem Baby.
Plötzlich war Luka wieder bei ihr und zog sie am Arm ein Stück aus der Menge. Verwirrt sah Lily ihn an. „Wieso weinen denn alle? Ich habe nichts Falsches gemacht!" Trotzig reckte sie ihr Kinn hoch.
Luka lachte. „Nein, du hast nichts falsch gemacht. Kannst du dir vorstellen, wie viel Kinder gestorben sind? Fast jeder Zweite hier hat ein Kind verloren. Elsa hatte drei Babys, die alle starben bevor sie ein halbes Jahr alt waren. Du hast uns etwas Unbezahlbares geschenkt!"
Er legte ihr den Arm um die Schultern und zog sie an sich. Im Gegensatz zum ersten Mal, als er sie umarmt hatte, hatte sie nun kein Baby mehr im Arm. Sie spürte sein Herz unter ihrer Hand schlagen. Als sie ihr Gesicht hob, um ihm ins Gesicht zu sehen, lächelte er sie glücklich an. Lily stellte fest, dass sie so denn Rest des Tages stehen bleiben könnte.
Eine Hand legte sich auf Lukas Schulter. Annies Mann Eric stand neben ihnen. „Lass' mich Lily danken!" Luka ließ sie los und trat einen Schritt zur Seite. Und schon lag sie an einer neuen Männerbrust. Eric weinte und brachte nicht viele Worte zustande.
Dann war Annie da und umarmte sie mit einem Arm, weil sie ihr Baby nicht loslassen wollte. Sie lachte und weinte. „Wie heißt deine Cousine?" Scheinbar hatte die Geschichte mittlerweile die Runde gemacht. „Molly Weasley."
Lachend strich Annie der Kleinen über die Stirn. „Dann wirst du nun Lily Molly heißen!" Sprachlos sah Lily von der überschäumenden Annie zu dem Baby und zurück. „Ernsthaft?" Annie lachte sie an. „Ernsthaft!"
Danach wurde Lily herumgereicht. Jeder wollte sie umarmen und sich bedanken. Als es langsam dunkel wurde, verlagerte sich das Treffen zu einem Platz am Rand des Waldes. Dort wurde ein großes Lagerfeuer entzündet und es wurde Fleisch am offen Feuer gegrillt. Jemand brachte einen CD-Spieler und irgendwann begannen die jüngeren Dorfbewohner zu tanzen.
Alle zeigten Lily ihre Gefühle durch kleine Gesten. Immer wieder strichen Leute ihr im Vorbeigehen über ihre Schulter, ihren Kopf oder ihre Arme.
Lily saß mitten unter den Wölfen und hatte zum ersten Mal das Gefühl dazuzugehören. Luka hatte sich am Lagerfeuer auch wieder als ihr persönlicher Schatten eingefunden. Nach dem Essen hatte er irgendwann ihre Hand genommen und seither nicht mehr los gelassen.
Lily beobachtete, wie alle sich immer wieder in den Armen lagen oder sich küssten. Das Glück machte alle überschwänglich. Daher versuchte sie sich nicht zu viel dabei zu denken, wenn Luka ihr mit dem Daumen über den Handrücken strich oder ihr den Arm um die Schultern legte.
Sie tanzten mit den anderen. Einige Male sah oder hörte sie, wie Luka einem der anderen Männer Warnungen gab. Aber das war immer so gewesen. Es hatte nie etwas bedeutet. Lily hatte Luka in den letzten Tagen vermisst.
Sie hatte sich so an seine Anwesenheit gewöhnt, dass es eine Selbstverständlichkeit war. Als er nicht da war, war ihr aufgefallen, dass es nach ihrer Zeit im Reservat für immer so sein würde. Der Gedanke hatte sie mehr als nur ein bisschen gestört. Daher hatte sie ihn verdrängt. Schließlich hatte sie noch 11 Monate im Reservat.
Als die Feier ruhiger wurde, fand Lily sich neben Luka auf einem umgefallenen Baumstamm. Ihre Schultern berührten sich. „Erzählst du es mir?" Lukas Stimme war fast nicht zu hören.
Lily sah erstaunt zu ihm. „Was soll ich erzählen?" Lukas Augen flackerten im Licht des Feuers. „Was passiert ist, seit ich dich durch die Barriere gebracht habe."
Lily zuckte mit den Schultern. „Eigentlich nicht viel. Ich bin dann zum Krankenhaus appariert. Zuerst hat so eine dumme Zicke das Baby nicht behandeln wollen. Aber dann habe ich ein wenig mit meinem Vater gedroht und man hat Molly geholt. Ab da hat Molly eigentlich alles gemacht."
„Du hast also das Baby im Krankenhaus gelassen und bist nach Hause gegangen, bis alles erledigt war?" Lukas Stimme klang neutral. Aber Lily war entsetzt, dass er das für möglich hielt.
„Natürlich nicht! Ich bin bei der Kleinen geblieben. Molly hat uns ein Zimmer gegeben, in dem ich auch schlafen konnte. Was denkst du denn? Ich lasse doch die Kleine nicht ganz alleine ohne jemanden, den sie kennt! Schlimm genug, dass Annie nicht da sein konnte!"
Luka lachte und legte ihr den Arm um die Schultern. „Nein, natürlich habe ich nicht gedacht, dass du Klein-Lily alleine lässt. Aber ich wollte die ganze Geschichte hören!"
Lily war immer noch ein bisschen wütend. Sie versuchte mehr Raum zwischen sich und Luka zu schaffen, aber er hielt sie mit dem Arm um ihre Schulter fest. So drehte sie nur wütend den Kopf ab und starrte ins Feuer.
„Ich dachte, die Kleine stirbt. Es war schrecklich. Molly hat dann eine Zeitblase um sie gelegt. Aber eigentlich war sich keiner sicher, ob das funktioniert. Aber es hat funktioniert, und nachdem die Kleine noch Beruhigungsmittel bekommen hatte, schlief sie den Rest der Nacht ganz friedlich in ihrer kleinen Zeitblase.
Ich konnte nicht schlafen, weil ich Angst hatte, dass die Verwandlung doch noch weiter gehen würde. Ihre Händchen waren winzige Tatzen und ihre Ohren hatten schon Spitzen, aber alles andere war noch menschlich.
Molly kam einmal die Stunde, um den Zustand der Kleinen zu überprüfen. Dazwischen hat sie mit ihrem Kollegen, Gaylord, an einer Lösung für das Problem gearbeitet. Am nächsten Morgen wurde die Zeitblase entfernt. Das war noch einmal ein kritischer Punkt.
Ich habe mich dann den ganzen Tag um das Baby gekümmert. Bis zum Abend konnten wir ja auch nichts machen. Molly hat sich hingelegt. Sie hatte etwas mit Gaylord entworfen. Nachmittags begann sie dann mit der Behandlung. Es war ein Trank und einige aufwendige Zauber. Sie haben irgendwie das Werwolfgen geblockt.
Dann standen wir zu dritt um das Bettchen und starrten auf die Monduhr. Als die Verwandlung eigentlich einsetzen sollte, wachte die Kleine nicht einmal auf. Sie schlief einfach weiter. Ich war so erleichtert!
Aber Molly blieb kritisch. Noch war nichts sicher. Wir müssten die ganze Nacht abwarten und sehen, was passierte. Vielleicht würde die Blockade schwächer. Und dann müsste man natürlich sehen, wie es dem Baby am nächsten Tag ging.
Sie wachte dann mitten in der Nacht auf, aber nur weil sie Hunger hatte. Ich gab ihr die Flasche und sie schlief wieder ein.
Nach Monduntergang am frühen Morgen untersuchte Molly sie. Es schien wirklich funktioniert zu haben."
Sie drehte sich wieder zu Luka. „Der nächste Tag und die nächste Nacht verliefen nach dem gleichen Muster. Ich war kurz mit der Kleinen bei meinen Eltern, um zu duschen und mich umzuziehen. Meine Mutter hat in dieser Zeit auf sie aufgepasst."
Lukas Augen sahen sanft aus. Lily spürte, wie er mit seiner freien Hand über ihre Wange strich. „Du musst müde sein!"
„Das kommt sicher morgen. Noch schwimme ich auf dem ganzen Adrenalin." sie sah weiterhin in seine Augen und ihr Herz schlug bis in ihren Hals. Würde er sie küssen? Sie wollte, dass er sie küsste.
Aber er lächelte nur und zog ihren Kopf an seine Schulter. Sie kuschelte sich an seine Seite. Das war zwar kein Kuss aber fühlte sich trotzdem gut an. Leise hörte sie ihn vor sich hinflüstern: „Wolfsherz!".
Anmerkung: Silencing von Genen ist eine reine Muggel-Idee. Leider ist man noch lange nicht so weit, dass man Gene, die Krankheiten auslösen einfach ‚stumm schalten' kann – aber die Forschungsrichtung ist im Moment sehr populär.
