6. Alltag

Die nächsten Monate vergingen wie im Flug. Molly machte es sich zur Gewohnheit immer mittwochs ins Reservat zu kommen. Zuerst untersuchte sie nur Klein-Lily, aber nach und nach, schaute sie sich auch die anderen Kinder an.

Brian und Elsa hatten sich mehrmals mit Molly unterhalten, und nachdem Klein-Lily nach drei Monaten Behandlung keinerlei Nebenwirkungen zeigt, wurde die Behandlung auch auf die anderen Kinder unter sechs Jahren ausgeweitet.

„Wo ist denn dein Schatten?" Molly saß mit Lily auf einer Bank vor dem Schulgebäude. Sie hatten die Schule an den Mittwochen zur Krankenstation umgebaut. Der Wald war herbstlich gefärbt, das Wetter aber noch mild.

Lily spürte, wie ihre Wangen warm wurden. „Luka hat gemeint, es ist nicht mehr nötig, das er immer da ist." Sie spürte Mollys neugierigen Blick auf sich. Daher erklärte sie weiter. „Die anderen Wölfe haben mich nun als Mitglied der Gemeinschaft akzeptiert und werden meine Wahl akzeptieren, falls ich eine treffen sollte."

„Und, wir wissen alle, welche Wahl du getroffen hast!" Molly grinste sie frech an. Lily spürte, wie ihr ganzes Gesicht glühte. Molly kicherte. „Merlin, ihr zwei seid wirklich niedlich. Es ist so offensichtlich, wie verknallt ihr seid!"

Lily war sich da nicht so sicher. „Ich weiß nicht. Ich meine, es ist alles so verwirrend. Zum einen ist er so oft um mich. Und er hält meine Hand oder legt den Arm um mich oder so. Aber es ist immer harmlos. Ich könnte seine Schwester sein."

Molly tätschelte Lilys Schulter. „Schätzchen, wenn er dich für seine Schwester hält, dann bin ich ein Hippogreif!" Lily wollte ihr ja glauben, aber wieso machte Luka dann nicht den nächsten Schritt?

„Es gab unendlich viele Möglichkeiten unsere platonische Freundschaft zu vertiefen und er hat nie etwas gemacht." erklärte sie Molly.

„Vielleicht möchte er dich nicht bedrängen, oder so. Wieso machst du nicht den ersten Schritt?" Bei Molly klang das logisch und einfach. Lily starrte deprimiert auf den Waldboden. Sie hatte keine Lust über das Thema zu sprechen.

„Ist Tante Hermine in voller Fahrt?" Molly lachte. „Oh, ja! Sie treibt Geld auf und gleichzeitig hat sie Gesetzesänderungen eingereicht. Außerdem hat sie beantragt, die Abteilung zur Aufsicht der magischen Geschöpfe zu überprüfen und neu zu besetzen. Ich habe sie seit Jahren nicht mehr so in Fahrt gesehen. Und Onkel Ron weiß nicht, ob er sie anhimmeln oder verteufeln soll!"

Lily wusste genau, was Molly meinte. Sobald Hermine in Aktion war, sah Ron frisch verliebt aus. Da Hermine dann aber nach einiger Zeit alle mit Aufgaben betraute und stundenlange Reden hielt, verwandelte sich der Blick des Öfteren in etwas, das Mordlüsternheit nahe kam. Obwohl vielleicht auch nur Lüsternheit? Lily schüttelte sich innerlich bei dem Gedanken.

„Unsere Familie ist nicht normal! Alle möglichen Freunde von mir sind Scheidungskinder. In unserer Familie sind alle auch noch nach 40 Jahren Ehe verliebt, wie am ersten Tag!" Lily schüttelte den Kopf.

„Ach, komm' schon Lily! Das ist niedlich und außerdem: Wer will schon geschiedene Eltern. Außerdem haben wir unsere eigenen Katastrophen gehabt. Meine Eltern haben fast ein Jahr getrennt gelebt und Onkel George und Tante Angie waren auch schon nah an einer Trennung."

Lily nickte. „Und vergiss Onkel Bill und Tante Fleur nicht. Fleur war zwei Wochen bei uns und Mama ist vollkommen ausgeflippt. Sie war kurz davor, Fleur nach Frankreich zu hexen. Ich bin mir ganz sicher, dass sie damals Papa mehr als einmal zu Bill geschickt hat, damit er Fleur zurückholt!"

Molly nickte. „Aber Fleur ist auch so eine Drama-Queen!"

Sie unterhielten sich noch eine Weile über die Familie, bevor Molly dann aufbrach.

Lily musste noch einige Aufgaben korrigieren und am Nachmittag kamen auch die größeren Kinder mit ihren Hausaufgaben. Bisher war sie ihnen aber keine große Hilfe gewesen. Sie hatte immer nur in Büchern nachschauen können und mit ihnen gemeinsam die Antworten gesucht.

„Lily, hast du einen Moment Zeit?" Eve stand verlegen vor Lilys Pult. Sie war einige der wenigen, die immer einen gewissen Abstand zu Lily gewahrt hatten.

Lily legte den Stift zur Seite und sah Eve auffordernd an. „Wie kann ich dir helfen?" Eves Wangen wurden rot und sie sah schnell zu den anderen Kindern. „Vielleicht können wir wohin gehen, wo wir alleine sind?"

Dass Lily erstaunt war, war gelinde ausgedrückt. Aber auch ein wenige misstrauisch. Zögernd stand sie auf. „Gut. Lass' uns einen Spaziergang machen." Eve nickte und gemeinsam liefen sie hinaus. Lily schlug den Weg zum Steinkreis ein.

Sie konnte spüren, wie nervös Eve war. Daher ließ sie ihr Zeit. Erst als sie fast den Steinkreis erreicht hatten, begann Eve zu sprechen. „Hm, ich wollte dich fragen … weil du doch auch ein Mädchen bist … Also ..."

Lily deutete auf einen umgefallenen Baumstamm. „Wollen wir uns nicht lieber setzen?" Eve nickte. Schweigend saßen sie einige Zeit auf dem Baum. Als Lily klar wurde, dass Eve von alleine nicht erneut beginnen würde, begann sie sanft zu fragen: „Um was geht es denn?"

Eve starrte vor sich auf den Boden. Ihr Gesicht versteckte sie hinter ihren langen Haaren. Nervös rieb sie sich die Finger. „Einen Jungen." antwortete sie leise.

Lily konnte sich ein Grinsen gerade verkneifen. „Aus der Schule?" hakte sie nach. Eve nickte. „Magst du ihn?" Wieder ein Nicken.

„Und mag er dich?" Das konnte noch lange so weiter gehen. Lily hatte gehofft, Eve würde langsam von sich aus erzählen.

Eve zuckte mit den Schultern, dann blickte sie zu ihr. „Das ist es ja! Manchmal denke ich ja, manchmal denke ich nein. Er sendet so verdammt widersprüchliche Signale!" Frustriert zupfte sie an einem Faden an ihrem Ärmel.

„Ich dachte, du kannst mir helfen, weil du dich mit den Nicht-Wölfen auskennst." Lily seufzte. „Weißt du, Jungs sind generell verwirrend. Aber wenn du mir alles erzählst, kann ich vielleicht helfen."

Eve erzählte ihr dann von dem Jungen in ihrer Schule, der offensichtlich nett, aber genauso offensichtlich schüchtern war. Und um das zu verstecken, hatte er einige wirklich dumme Sachen gesagt.

„Vielleicht solltest du ihm einfach sagen, dass dich die dummen Sprüche nicht beeindrucken und das du ihn, wenn er nicht auf cool macht eigentlich ganz nett findest." Eve sah sie erstaunt an. „Aber ist es ihm denn nicht klar, dass ich ihn mag? Meine Signale sind nicht so durcheinander!"

Lily überlegte. „Naja, aber er ist kein Wolf. Er liest deine Signale vielleicht anders, als ein Wolf das täte." Eve lehnte ihr Kinn auf ihre Hand, mit dem Ellbogen auf ihrem Knie. „Das ist alles so verwirrend!"

Lachend nickte Lily. „Ganz sicher!" Eve sah sie an und lachte auch. „Du bist eigentlich wirklich nett. Kein Wunder, dass Luka dich mag!"

Lily wurde rot. Sollte sie ernsthaft mit dem Mädchen über Luka sprechen? Auf der anderen Seite war sie nicht wirklich ihre Lehrerin. Dafür half sie ihr zu wenig. „Siehst du, und da habe ich das gleiche Problem wie du. Für mich gibt er verwirrende Signale."

Eve schüttelte verständnislos den Kopf. „Lukas Signale sind mehr als eindeutig! Er mag dich! Sehr sogar!" Lily sah sie verwundert an. Eve schien sich sehr sicher zu sein. Lily zuckte die Schultern und wechselte das Thema. „Wenn du mit dem Jungen gesprochen hast, erzähl mir, wie es gelaufen ist."

Eve nickte. Gemeinsam standen sie auf und liefen wieder in Richtung Dorf. Dabei unterhielten sie sich über einige Pflichten, die sie noch erledigen mussten.

Am Abend reinigte Lily einige Töpfe. Das heißt, sie ließ sie sich selber reinigen, während sie mit Annie ein Schwätzchen hielt. Fasziniert starrte Annie auf die Schwämme, die die Töpfe attackierten.

„Das ist wirklich praktisch! Ich wünschte, ich könnte das auch!" Lily lachte. „Im Moment komme ich mir mehr vor, als würde ich schummeln." Annie grinste. „Kannst es ja mit der Hand machen!" Lily schüttelte den Kopf: „Nein, so schlimm ist es noch nicht!"

Dann wurde sie ernst. „Kann ich dich mal was fragen?" Annie zog die Brauen hoch. „Du kannst mich alles Fragen, das weißt du doch!"

Verlegen spielte Lily mit einem Krümmel, der auf dem Tisch lag. „Ich habe heute mit Eve gesprochen. Und dabei sind wir auf Luka zu sprechen gekommen. Eve meint, er mag mich."

Annie lachte. „Ja, das ist ganz eindeutig!" Lily sah auf und kaute auf ihrer Unterlippe. „Ich finde das gar nicht eindeutig!" Annie sah sie nun ernst an. „Und wieso nicht?"

Lily schaute wieder auf den Krümmel. „Er ist immer lieb und besorgt, aber ... er hat nicht einmal versucht mich zu küssen ..." Sie hörte selber, wie kleinlaut sie klang.

Annie griff über den Tisch und legte ihre Hand auf Lilys. Diese sah auf. „Es ist nicht einfach für ihn. Zum einen gibst du SEHR verwirrende Signale aus. Aber ich denke, das liegt daran, dass du so verunsichert bist. Aber zum anderen ist er ein Wolf und für uns ist es immer schwer einen Partner zu haben, der kein Wolf ist."

Lilys Magen landete in ihren Knien. Sie war also zu schwierig und deswegen hielt er sich zurück. Annie schüttelte den Kopf. „Keine falschen Schlüsse ziehen, Lily!" Sie hatte scheinbar Lilys Stimmung gespürt.

„Wieso ist es schwer einen Partner zu haben, der kein Wolf ist?" Annie sah sie erstaunt an. „Ist das nicht offensichtlich? In deiner Welt weiß man zumindest, dass wir existieren. Aber wir sind weniger Wert als Kanalratten. Wer will schon mit so jemandem eine Bindung eingehen?"

Bei diesen Worten fühlte Lily sich schon besser. „Er denkt, ich will ihn nicht, weil er ein Wolf ist?" Annie ließ ihre Hand los. „Nicht nur. Das ist sicher einer der Gründe. Zusammen mit deinen Signalen ergibt das sogar Sinn. Aber es ist auch für uns Wölfe nicht so einfach eine Bindung zu haben und sie zu lösen."

Fragend sah Lily sie an. Annie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Das ist schwer zu erklären. Wenn wir eine Bindung eingehen, dann ist sie tief. Man kann sich nicht so einfach wieder trennen. Ich meine, es ist nicht unmöglich, aber es ist schmerzhafter, als für euch oder Muggel. Und Luka will da nicht etwas anfangen, was nachher zu nichts führt. Da ist es besser er bleibt dein Freund und hat ein wenig Sehnsucht, als nachher mit gebrochenem Herzen hier zu leiden, während du schon wo anders bist."

Wütend stand Lily auf. „Und warum denkt er, es würde so enden?" Annie sah sie ernst an. „Weil es besser ist, sich damit zu beschäftigen, als mit einer rosaroten Brille durch das Leben zu laufen. Lily, was passiert, wenn dein Praktikum hier beendet ist? Was machst du dann?"

Lily zuckte mit den Achseln. „Weiß ich noch nicht. Ich wollte zu dem Drachenreservat oder eventuell auch gleich studieren." Annie nickte. „Und wo ist da Platz für Luka? Für einen Werwolf? Gehst du hin und stellst ihn deinen Freunden vor? Deiner Familie?"

Lilys Wut loderte wieder auf. „Er kennt doch schon einen Teil der Familie. Und der Rest weiß doch von ihm. Ich schreibe ihnen regelmäßig und habe ihnen von Luka erzählt. Natürlich wissen sie, dass er ein Wolf ist. Oder zumindest nimmt das jeder an, weil er hier lebt und der Wahrer der Geschichte ist. Aber das ist allen egal!"

Annie schüttelte den Kopf. „Lily, das ist allen so lange egal, bis er dein Freund ist. Oder dein zukünftiger Ehemann."

Die Töpfe fielen mit lautem Geklapper in die Spüle. Lily fühlte sich, wie vor den Kopf gestoßen. Hatte Annie gerade 'Ehemann' gesagt? Meinte sie das, als sie sagte, die Bindungen der Wölfe gingen tiefer als bei anderen Menschen? Würde Luka mit ihr den Rest seines Lebens verbringen wollen? Sie bemerkte, wie ihr die Luft knapp wurde.

Annie sah sie merkwürdig an. „Lily?" Die ließ sich gegen die Lehne des Küchenstuhls fallen und krächzte: „Ehemann?" Annie nickte. „Aber ja doch. Deswegen hält er sich zurück. Seine Gefühle sind jetzt schon so tief, dass es kaum ein zurück für ihn gibt. Aber wenn ihr den nächsten Schritt macht, dann ist es für ihn unmöglich, sich zu schützen."

Einen Moment versuchte Lily, diesen Gedanken zu verstehen. Dann drehte sie sich zur Spüle und ließ erneut einen Reinigungszauber auf die Töpfe los.

Als sie sich wieder zu Annie drehte, sah sie wieder unbekümmert aus. „Hat Klein-Lily gestern Nacht durchgeschlafen?" Annie sah sie einen Augenblick kritisch an, dann ging sie aber auf Lilys Themenwechsel ein.

Als Lily später eingekuschelt in ihre Decken dem Atem ihrer Mitbewohnerinnen lauschte, versuchte sie noch einmal zu verstehen, was Annie ihr erzählt hatte. Sie versuchte, die Konsequenzen zu sehen.

Aber sie konnte es nicht akzeptieren, dass Luka solche Gefühle für sie hegte. Ein bisschen schwärmen oder verliebt sein, aber 'bis ans Ende eurer Tage'?

Lily dachte an ihre bisherigen Freunde. Das waren nette Jungs gewesen, mit denen sie am Wochenende etwas unternahm. Keiner hatte ihr je gesagt, dass er sie liebte. Und ihr wäre das auch nie im Traum eingefallen.

Natürlich kannte sie die Geschichte ihrer Eltern. Aber das waren andere Zeiten. Ihre Mutter hatte traumatische Erlebnisse in ihrem ersten Schuljahr zu verarbeiten und ihr Vater war der Ritter in goldener Rüstung gewesen.

Der Gedanke, das Luka sie liebte und mit ihr den Rest seines Lebens verbringen wollte versetzte Lily in Panik. Der Satz 'Seine Gefühle sind jetzt schon so tief, dass es kaum ein zurück für ihn gibt.' rang in ihren Ohren.

Sie wollte nicht, dass es Luka wegen ihr schlecht ging. Wenn er Zurückhaltung als eine Lösung sah, konnte sie ihm vielleicht helfen. Lily beschloss, sich von ihm zurückzuziehen. Dann würde er schon merken, dass er sie nicht wirklich liebte, sondern dass alles nur eine Art Faszination war. Ja, genau, das musste es sein: Sie war faszinierend, weil sie eine Hexe war und weil sie Klein-Lily gerettet hatte. Mehr nicht: Faszination und Dankbarkeit. Das war alles!

ooo

Luka aus dem Weg zu gehen stellte sich als kein leichtes Unterfangen heraus.

Das Dorf war nicht groß und man traf alle am Tag mehrmals. Spätestens bei den Mahlzeiten traf sie alle Bewohner. Dazu kam noch hinzu, dass Luka öfter an der Schule vorbei kam, schon alleine um den älteren Schülern zu helfen. Nachdem sie aber hartnäckig eine Woche lang seine Angebote nach Hilfe, einem Spaziergang oder ähnlichen Dingen abgelehnt hatte, kam er seltener. Beim Abendessen saß sie nun häufiger mit Richard und seiner Frau oder Annie zusammen.

Luka verbrachte wieder mehr Zeit mit den anderen jungen Männern. Es schien ihm dabei gut zu gehen. Zumindest lachte er viel beim Abendessen.

Abends lag Lily oft wach in ihren Decken und starrte an die Decke. Sie vermisste Lukas Gesellschaft. Sie vermisste es, dass er nicht mehr ihre Hand nahm oder den Arm um ihre Schulter legte. Aber sie wusste, dass es so am Besten war. Es schien ihm ja auch nichts auszumachen.

ooo

„Sag' mal, Lily, was ist denn mit dir und Luka los? Habt ihr euch gestritten?" Lily suchte mit Annie zusammen Pilze im Wald. Klein-Lily schlief in einem Schultertuch an Annies Rücken. „Nein, wieso?" Lily war bewusst, dass sie nur Zeit schindete, aber was hätte sie denn sagen sollen?

„Wieso? Erst seit ihr unzertrennlich und dann sieht man euch nie … oh, mein Gott! Das ist meine Schuld!" Annie blieb abrupt stehen und sah Lily erschrocken an. „Es hat damit zu tun, was ich dir gesagt habe, stimmt's?"

Lily versuchte, ihrem Blick auszuweichen. Dann straffte sie ihre Schultern. „Schau, Annie, wenn ich ihm aus dem Weg gehe, dann vergisst er das Ganze und alles ist wieder normal."

Annie sah sie einen Augenblick traurig an. „Du verstehst das nicht, Lily. Es ist egal, ob du ihm jetzt aus dem Weg gehst."

Lily lächelte sie an. „Nein, es funktioniert doch! Hast du ihn nicht gestern beim Abendessen gesehen? Er vergnügt sich mit seinen Freunden."

Annie schüttelte den Kopf. „Ich glaube, wir sollten uns hinsetzen." Sie deutete auf einen umgefallenen Baumstamm in einigen Metern Entfernung. Als sie saßen, holte Annie tief Luft.

„Wo ist denn eigentlich das Problem? Du magst Luka doch! Hattest du mich nicht deswegen gefragt, warum er dich nicht küsst?"

Lily hob die Arme. „Ja, aber doch nicht SO!" rief sie aus. Annie runzelte die Stirn. „Und wie magst du ihn?"

Lily sah auf den Boden vor ihren Füßen und zuckte mit den Achseln. „Okay, Lily, du magst, wie er aussieht, richtig?" Lily nickte, hob aber nicht den Blick.

„Du findest ihn attraktiv. Und es hat seinen Reiz, dass es all diese Geschichten über Werwölfe gibt und ihre Fähigkeiten als Liebhaber. Ist es das?"

Lilys Kopf fuhr hoch. Ihre Wangen waren rot und ihre Augen blitzten. „Nein, was denkst du denn von mir?"

Annie sah sie hart an. „Also bist du gerne in seiner Gesellschaft und er ist ein guter Freund? Du vertraust ihm und fühlst dich sicher in seiner Gegenwart?"

Lily schaute wieder auf den Boden und nickte. Annies Stimme wurde weicher. „Was ist denn dann dein Problem, Lily?"

Lily vergrub das Gesicht in ihren Händen. „Du hast gesagt ... er liebt mich. Er will eine … lange Beziehung und ..." Annie legte ihr die Hand auf die Schulter. „Schätzchen ist es nicht das, was alle Mädchen möchten? Einen Kerl, der nicht nur spielt, sondern ernste Absichten hat?"

Lily sah auf. „Aber ich bin doch erst 19! Da kann ich mich doch nicht für den Rest meines Lebens entscheiden!"

Annies Gesicht war besorgt. „Es tut mir sehr leid, dass ich dich so in Panik versetzt habe. Ich hätte dir nichts sagen sollen. Das hätte Luka tun sollen. Aber das sind Dinge, die für uns als Wölfe normal sind."

Lily lächelte verkrampft. „Ist jetzt ja auch nicht mehr wichtig. Es war wohl doch nicht so, wie du gesagt hast. Es scheint ihn nicht zu kümmern, dass ich ihm aus dem Weg gehe." Annie schüttelte den Kopf.

„Wenn du das glauben magst!"

Lily stand auf. „Lass' uns weitersuchen, sonst haben wir am Ende nur 5 Pilze und das reicht auf keinen Fall für alle!"

Seufzend erhob sich Annie.

ooo

„Lily?" Luka stand in der Tür zur Schule. Lily sah mit klopfendem Herzen von ihrem Buch auf. „Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken!"

Lily lächelte. „Was kann ich für dich tun?" Luka trat ein und setzte sich an einen der Tische der Kinder ihr gegenüber. „Annie hat mir von eurer Unterhaltung erzählt."

Lilys Herz rutschte ihr in den Magen. Wieso konnte Annie es nicht gut sein lassen? Jetzt hatte sie ein fürchterliches Gespräch vor sich. Und danach würden sie nie wieder ein vernünftiges Gespräch miteinander führen können.

Lily schloss seufzend das Buch und sah Luka auffordernd an. Sie würde das Gespräch bestimmt nicht anfangen.

„Annie macht sich Vorwürfe, dass sie sich eingemischt hat. Ich war alles andere als begeistert, als sie mir erzählte, was passiert ist. Es war nicht ihre Aufgabe, dir das alles zu erzählen. Es wäre meine gewesen. Und ich wollte es dir nicht erzähle, weil ich mir dachte, dass du so reagieren würdest."

Lily blieb fast das Herz stehen. Er bestritt es nicht. Panik stieg in ihr auf.

„Lily, bitte, reg' dich nicht auf. Ich werde dir nicht zu nahe treten. Ich hatte gedacht, wir seien ganz gute Freunde und naja ..."

Verblüfft sah sie ihn an. „Denkst du, ich habe Angst, du könntest mir zu nahe treten?"

Luka zuckte mit den Schultern. „Was sollte es sonst sein?"

Lily sah ihn einen Augenblick an und versuchte sich die Situation aus seinem Blickwinkel zu betrachten. Es gelang ihr nicht. Das ganze Gespräch kam ihr merkwürdig vor. Sie saß hier an ihrem Lehrerpult und sprach mit ihm über ihre Beziehung. Die Umgebung passte nicht dazu. Sie hatte das Gefühl hier nur spröde Erklärungen abgeben zu können. Entschlossen stand sie auf.

„Lass' uns woanders hingehen. Hier kann ich darüber nicht sprechen." Luka nickte. Sie zog sich ihre Jacke an, während er an der Tür auf sie wartete.

Als sie an ihm vorbei ins Freie trat, zuckten ihre Finger automatisch in die Richtung seiner Hand. Erschrocken stopfte sie ihre Hände in die Jackentaschen. Wie lange hatte sie seine Hand nicht mehr um ihre gespürt. Eine Woche? Länger?

Schweigend liefen sie an den Hütten vorbei. Lily lief weiter in Richtung eines der weiter entfernten Felder. Die Felder waren fast alle abgeerntet, die Ernte verkauft. Das Dorf bereitete sich auf den Winter vor. Einige der Männer hatten angefangen, sich Arbeit in der Umgebung zu suchen.

Am Waldrand blieb Lily stehen und deutete auf einige Felsen, die wahllos herumlagen. Luka nickte und setzte sich. Abwartend sah er Lily an, die nicht genau wusste, wo sie sich hinsetzen sollte.

Aber dann fiel ihr wieder ein, wie schrecklich ihr der Abstand zu ihm in der Schule vorgekommen war. Lily setzte sich neben ihn. Ihre Schultern berührten sich. Ein wohliges Gefühl durchfuhr sie.

Sie hörte Luka einen leisen Laut von sich geben, dann sagte er: „Du hast also keine Angst, ich könnte dir zu nahe treten?" Lily schüttelte den Kopf.

„Nein, ich habe keine Angst vor dir. Ich weiß, dass du nie etwas tun würdest, was ich nicht will. Außerdem kann ich mich wehren!" Letzteres sagte sie mit einem Grinsen im Gesicht. Er schnaubte nur verächtlich. Dann grinste auch er.

Lily spürte, wie die Stimmung sich änderte. Seine Augen schienen sie nicht loszulassen. Energisch riss sie sich aus dem Bann und senkte die Augen auf den Boden.

„Hör zu, Luka!" Sie versuchte ihre Stimme so fest und sachlich klingen zu lassen wie möglich. „Ich bestreite nicht, dass ich mich zu dir hingezogen fühle. Aber ich denke, wir haben unterschiedliche Auffassungen, wie das aussehen sollte. Ich bin hier in einigen Monaten wieder weg. Wir halten sicher Kontakt und ich komme Annie und Klein-Lily besuchen, aber mein Leben wird woanders stattfinden. Ich werde nach Stonehenge an die magische Uni gehen oder ins Drachenreservat meines Onkels nach Rumänien."

Lily sah auf. Sie hoffte, er würde sie verstehen. Luka sah starr vor sich ins Leere. Er versuchte seine Gesichtszüge leer wirken zu lassen, aber Lily konnte sehen, wie es in ihm arbeitete.

„Du bietest also eine kleine Affäre an." Als er sie nun ansah, war sein Blick kalt. Lily fühlte sich schrecklich. Affäre klang billig und … billig eben. Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich versuche dir zu erklären, warum ich auf Abstand gegangen bin. Wenn überhaupt biete ich dir meine Freundschaft an. Ich würde nie jemandem eine Affäre anbieten! Für was hältst du mich?"

Luka sah erleichtert aus. „Tut mir leid, aber so hat es sich einen Moment angehört." Lily nickte, dann sah sie ihn prüfend an. „Reicht dir das?" Luka wich ihrem Blick aus. Dann sah er sie traurig an. „Muss wohl!"

Lily hätte ihn gerne berührt, in den Arm genommen. Aber das hätte das ganze Gespräch unsinnig erscheinen lassen. Jetzt sah Luka sie prüfend an. „Wirst du mir weiter aus dem Weg gehen?"

Lily wusste, dass sie hier auf einem schmalen Pfad wanderte. Aber letztendlich siegte ihr Egoismus. „Ich hätte gerne alles so wie früher." Luka nickte. „Ich auch." sagte er leise. Dann griff er nach ihrer Hand.

Erleichterung durchflutete Lily. Sie würde ihn nicht verlieren! Ob sie allerdings zu ihrer unbekümmerten Art zurückfinden würden, bezweifelte sie noch.