Kapitel 2
Dean sah auf seine Armbanduhr. 23:15 Uhr. Müde goss er sich einen weiteren starken Kaffee aus der Thermoskanne ein. Sie hatten beschlossen, um kurz nach Mitternacht in die Leichenhalle einzubrechen, weil dann die Schicht des ersten Nachtwächters fast zu Ende sein würde und sie dementsprechend darauf hofften, dass der gute Mann unachtsamer sein würde, wenn er in Gedanken schon zu Hause im Bett wäre.
Dean sah hinüber zu Sam, der, an die Fensterscheibe des Impalas gelehnt, mit offenem Mund schlief und – Dean sah genauer hin – sabberte.
Dean stieß ihm mit der Faust gegen den Oberarm, worauf Sam erschrocken hochschnellte.
„Was – was ist los?" Sam blickte sich hektisch um.
„Du sabberst in mein Auto", erwiderte Dean, nicht ohne ein Schmunzeln.
Sam sah ihn irritiert an und wischte sich dann schnell den Mund an seinem Handrücken ab.
„Wie spät ist es?", fragte Sam, während er sich ebenfalls einen Kaffee einschenkte.
„In ner knappen Stunde geht's los. Wie hieß das letzte Opfer noch mal? Andrea….?"
„Andrea Miller", antwortete ihm Sam, nahm seinen Laptop und öffnete ihn. „Anfang vierzig, Sekretärin in einem Anwaltsbüro, zwei Kinder und bisher ein stinknormales Leben. Zumindest habe ich nichts Ungewöhnliches finden können. Sie verschwand am Dienstag, also vor zwei Tagen und wurde heute Morgen auf einem unbebauten Grundstück von einem Spaziergänger gefunden."
„Genau so übel zugerichtet wie die Männer?", fragte Dean und sah seinen Bruder mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Wenn das überhaupt möglich ist, sogar noch schlimmer. Der Mann, der sie gefunden hat, wird wegen eines Schocks im Krankenhaus behandelt."
Die restliche Zeit verbrachten sie schweigend, beide in ihren eigenen Gedanken versunken, nur ab und zu auf die Uhr schauend.
„Mach hinne, es ist schweinekalt", flüsterte Dean, während Sam das Schloss zum Leichenschauhaus mit einem Dietrich öffnete.
Sam drückte die Klinke der Tür vorsichtig nach unten, öffnete die Tür und betrat den langen, dunklen Flur. Dean folgte ihm und schloss leise die Tür hinter sich. Sie gingen den Flur bis zur ersten Tür und hielten dann davor inne.
Sam lauschte angestrengt nach irgendwelchen Geräuschen oder Zeichen, dass ihr Eindringen bemerkt worden war, doch alles schien ruhig zu sein. Er sah Dean kurz an, der ihm zunickte und öffnete dann die Tür. Ein großer Raum mit einem Tisch in der Mitte und vielen Schubfächern in den Wänden, in denen die Leichen gekühlt wurden, lag vor ihnen.
Sam ging zu dem Tisch, nahm das Stück Papier, das darauf lag, und las laut vor: „Andrea Miller, Fach 5."
Dean ging an der Wand entlang und besah sich die Schilder an den Fächern.
„Hier ist es", sagte er nach wenigen Schritten und zog an dem Griff des Schubfachs. Es öffnete sich und Dean zog die Bare komplett aus der Wand. Ein weißes Leichentuch bedeckte die sterblichen Überreste der Frau. Sam ging hinüber zu seinem Bruder und zog das Leichentuch nach hinten weg.
Dean sog hörbar scharf die Luft ein und auch Sam brauchte einen Moment, um diesen Anblick zu verarbeiten.
Andrea Miller war sicherlich einmal eine hübsche Frau gewesen, doch davon war so gut wie nichts mehr zu erkennen. Brandnarben bedeckten ihren Oberkörper, klein und rund, als hätte jemand Zigaretten auf ihr ausgedrückt.
Ihr Gesicht, blutverschmiert und blass, zeigte viele Platzwunden. Die Unterlippe war an mehreren Stellen tief eingerissen, die Augen waren zugeschwollen und an Stirn und Oberkiefer waren tiefe Schnittwunden zu sehen.
Auch der Rest des zierlichen Körpers wies Zeichen schwerer Misshandlungen auf. An unzähligen Stellen war die Haut dunkellila verfärbt. Am Bauch waren blutige, lange Striemen, die tief in die Haut und das darunterliegende Fleisch eingegraben waren. Auf ihrer Brust sahen die Brüder, woran die Frau letztlich gestorben war. Eine Stichwunde war über der Stelle zu sehen, an dem sich das Herz befand.
Sam sah zu Dean hoch, der sichtlich geschockt war.
„Man, wir müssen diesen Scheißkerl stoppen." Dean nickte nur. Sam ging hinüber zu dem Tisch, nahm sich ein paar der Einweghandschuhe und zog sie sich über.
Vorsichtig untersuchte er den Körper der armen Frau nach irgendwelchen Hinweisen darauf, wer ihr das angetan hatte. Behutsam steckte er seine Hände unter die Schultern der Frau und hob ihren Oberkörper leicht an, um sich den Rücken anzusehen.
„Dean, sieh mal." Dean ging halb um den Tisch herum und beugte sich näher an den Rücken heran, der ebenfalls mit Verletzungen übersät war.
Ein kleines schwarzes Symbol war unter ihrem rechten Schulterblatt zu sehen. Man hätte es fast für ein Tattoo halten können, hätte die Haut darum nicht so rot und wund ausgesehen. Es ähnelte am ehesten einem schiefen Herzen.
„Sieht aus, als wäre es dort eingebrannt worden", sagte Sam mehr zu sich selbst als zu Dean, „mach ein Foto und dann lass uns von hier verschwinden."
Im Motel angekommen, begann Sam sofort, nach der Bedeutung dieses Symbols zu suchen, während Dean zunächst etwas aß und danach unter die Dusche ging.
„Schon was gefunden?", fragte er Sam, nachdem er sich frische Klamotten angezogen hatte.
„Jap, wir sitzen ziemlich in der Scheiße. Ich hab grad mit Bobby gesprochen und er kennt dieses Symbol."
