5. Kapitel

Sam drehte sich leicht herum und sah einen Mann mit schwarzen Haaren und dunkelbraunen Augen auf sich und Dean zukommen. Auch wenn er sich darüber im Klaren war, dass hier kein Mensch den Raum durchschritt, so musste er doch zugeben, dass die Täuschung verblüffend echt war.

Der Carpetan hatte das Aussehen eines etwa 40-jährigen Mannes, der enorm muskulös und durchtrainiert war. Das einzige, was ihn nach Sams Meinung als ganz und gar nicht normalen Menschen verriet, war das Lächeln, das er jetzt aufsetzte, als er die beiden Brüder nacheinander ansah. Dieses Lächeln, das zwei Reihen dunkelbraun verfärbter Zahnreihen zeigte, jagte Sam eine Gänsehaut ein.

„So, ihr glaubt also, dass zwei dahergelaufene Menschen einfach so in mein Zuhause eindringen und mich töten können, ja?"

„Zuhause? Alter, du solltest die Bedeutung mal im Lexikon nachschlagen", sagte Dean und grinste den Carpetan giftig an. „Dreckslöcher wie dieses nennt man allgemein nicht Zuhause."

Der Carpetan ging ein paar Schritte auf Dean zu und Sam rechnete schon mit einem Angriff, als er in lockerem, heiterem Ton sagte: „Und? Wer von euch soll's zuerst sein?"

„Was redest du?", sagte Dean, doch Sam erkannte im Gesicht seines älteren Bruders, dass dieser längst begriffen hatte, worauf der Carpetan hinauswollte.

„Ihr wisst, was ich bin und auch, was ich tue, nehme ich doch mal schwer an, wenn ihr beiden mit Schrotflinten bewaffnet hier hereinspaziert. Also, wer von euch will zuerst erfahren, wie stark sein Überlebenswille ist?"

Dean und Sam sahen sich für einen kurzen Moment an, es war kaum mehr als eine Sekunde, doch für beide schien sie eine Ewigkeit zu dauern.

„Ich … fang mit mir an", sagte Dean laut zu dem Carpetan.

„Nein, Dean, vergiß es", Sams Stimme klang panisch. Immer dieser Drang von dem Älteren, ihn beschützen zu wollen, fuhr es Sam durch den Kopf.

Beide verstummten, als sie das Lächeln des Carpetans sahen.

„Da du so begierig darauf bist, dich für deinen Bruder zu opfern, wird es um so mehr Spaß machen, mit ihm anzufangen und dich dabei zu beobachten, wie du ihm hilflos beim Sterben zusiehst."

Dean sah Sam erschrocken an, während der Carpetan, offensichtlich hochvergnügt, aus dem Raum schritt.

„Sam ...", fing Dean an, doch Sam schüttelte den Kopf.

„Wir kommen hier heil wieder raus, wir beide." Sam war lange nicht so zuversichtlich zumute, wie er dem anderen gern glauben machen wollte, doch er sah seinem Bruder an, welche Furcht in ihm steckte und konnte einfach nicht anders, als zu versuchen, ihm Mut zuzusprechen.

Lautes Scheppern ertönte und der Carpetan erschien wieder in Sams Blickfeld. Er schob einen kleinen Tisch auf Rollen zwischen Dean und Sam.

Während der Carpetan sich in der linken Ecke des Raumes daran machte, ein Feuer zu entfachen, warf Sam einen genaueren Blick auf den Tisch, was er jedoch sogleich bereute.

Auf dem Tisch lag eine beachtliche Auswahl an Messern, vom feinen Skalpell bis zum großen Fleischermesser. Ein langes schwarzes Seil, das verdächtig nach einer Peitsche aussah, lag daneben und sofort war Sam klar, dass dieses Werkzeug Schuld an den langen Striemen war, die Dean und Sam auf Andrea Millers geschundetem Körper gesehen hatten.

Das schaurige Aufgebot wurde durch einige Nadeln, einen Knüppel und einer sehr dünnen Eisenstange komplettiert.

Sam schluckte schwer. Sein Mund schien schlagartig völlig ausgetrocknet zu sein, seine Zunge fühlte sich viel zu groß in seinem Mund an, fast wie ein Fremdkörper.

Das Feuer, das der Carpetan mittlerweile entfacht hatte, tauchte die Höhle in rötliches Licht.

Er wandte dem Feuer den Rücken zu und ging zu dem Tisch, auf dem die Folterinstrumente lagen.

„So, dann wollen wir mal", sagte er und ließ seine Finger über die verschiedenen Instrumente gleiten, wobei er Sam einen genüsslichen Blick zuwarf.

„Ich denke, wir fangen mit dem Groben an. Die Feinarbeit kommt später", sagte er grinsend und griff sich den Knüppel.