8. Kapitel
„Bitte hör auf, bitte…" An Deans Wangen flossen Tränen herab. „Ich tue alles, was du willst, nur bitte, hör auf!"
„Was kannst du mir schon geben, was ich mir nicht später selbst holen könnte?", antwortete der Carpetan, ging hinaus und ließ den verzweifelten Dean mit seinem Bruder allein.
„Sammy, du musst durchhalten!"
„Dean, ich kann nicht mehr …"
„Sam bitte…", Deans Stimme brach, „du darfst ihn nicht darum bitten, dich zu töten … du musst noch ein wenig länger durchhalten, bitte ..."
„Wozu denn, Dean? Wir haben keine Chance, hier herauszukommen."
„Bobby … Wenn wir uns nicht melden, wird er sich denken können, was passiert ist. Er ist clever, Sam, er wird uns finden."
Sams Gesicht verzog sich, Tränen standen in seinen Augen.
„Das kann noch viele Stunden, sogar Tage dauern, Dean. Ich schaffe das nicht, ich bin so müde."
„Sammy …" Dean wünschte sich von ganzem Herzen, er würde endlich aus diesem Albtraum erwachen.
Wie hatte er vor einigen Stunden noch denken können, dass sein Bruder eine Nervensäge war? Was war in ihn gefahren, dass er sogar versucht gewesen war, ihn zu schlagen? Weswegen? Wegen Socken im Waschbecken?
All das kam ihm jetzt unglaublich lächerlich vor, jetzt, wo alles danach aussah, als würde er Sam Bruder für immer verlieren.
Wie gern hätte er getauscht, doch er konnte nichts tun, um ihm zu helfen. Er war nutzlos; dazu verdammt, einem weiteren Menschen beim Sterben zuzusehen, den er liebte.
Alles, was Dean blieb, was ihn davon abhielt, wahnsinnig zu werden, war dieser kleine Funken Hoffnung, dass Bobby sie finden und retten würde.
„Ich werde es sagen, Dean, es tut mir leid." Sam weinte so sehr, dass die letzten Worte kaum noch zu verstehen waren.
„NEIN, Sam, NEIN, das wirst du nicht! Du darfst es nicht und weißt du warum?"
Dean war diese Idee eben gekommen. Es war furchtbar, doch es würde seinem Bruder hoffentlich dazu bringen, noch etwas länger durchzuhalten.
„Warum?"
„Weil du mich retten musst, Sammy."
„Wie? Ich kann mich nicht befreien, ich könnte nicht einmal mehr laufen." Sam sah seinen Bruder an. Keine Hoffnung war mehr in seinen Augen zu sehen.
„Das meine ich nicht, Sam. Du musst durchhalten, denn du verschaffst mir damit Zeit. Wenn du tot bist, bin ich der nächste. Je länger du durchhältst, desto mehr Zeit hat Bobby, mir das Leben zu retten."
Dean war speiübel. Es war furchtbar, diese Verantwortung, diese Last auf Sam zu legen, ihn so unter Druck zu setzen, doch ihm war im Moment jedes Mittel recht, um Sam davon abzuhalten, dem Carpetan seinen Wunsch zu erfüllen und den Bann der Hexe zu brechen.
Dean war es scheißegal, ob er selbst überlebte oder nicht. Wenn Sam in dieser Miene starb, hatte sein Leben sowieso keinen Sinn mehr.
Sam antwortete nicht. Er gab keinen Laut von sich, sondern sah Dean nur an. Dean hatte Angst, dass er es sich nur einbildete, doch er meinte, in den Augen seines Bruders so etwas wie grimmige Entschlossenheit zu sehen.
Dean hörte kein einziges Wort während der nächsten fünf Stunden.
Sam sagte kein Wort, als der Carpetan ihn auspeitschte. - - -
Er sagte kein Wort, als ihm mehrere Fingernägel ausgerissen wurden. - - -
Er sagte kein Wort, als der Carpetan ihm so hart ins Gesicht schlug, dass seine Nase und seine Wangenknochen brachen. - - -
Dean hingegen sprach viel während dieser fünf Stunden, die ihm wie ein ganzes Leben vorkamen.
Er sprach mit Sam, redete ihm zu, machte ihm Mut, litt mit ihm.
Er sprach zu dem Carpetan, diesem Wesen, das er mehr hasste als alles andere auf dieser Welt, zu diesem Wesen, das er umbringen würde und wenn es das Letzte war, was er tat.
Sam antwortete Dean nicht, er konnte es nicht, war zu sehr in seiner eigenen Welt gefangen, entschlossen, Dean wertvolle Zeit zu verschaffen.
Entschlossen, zu verhindern, dass der Carpetan ihn bekam.
Entschlossen, dass er nicht umsonst sterben würde, sondern, um den einen Menschen in seinem Leben zu retten. Den einen Menschen, ohne den er verloren war in dieser Welt.
