9. Kapitel
„Töte mich…"
Es war nur ein Flüstern, doch dieses Flüstern brachte die Welt für Dean Winchester zum Einstürzen.
„Sam, nicht…", doch in Deans Stimme lag kaum Kraft. Er wusste nicht, wie er Sam bitten konnte, länger durchzuhalten, wo doch sein Anblick Deans Herz brach.
Sein Gesicht war blutverschmiert, die Augen halb zugeschwollen, die Lippen eingerissen.
Sam hatte seine letzten Kraftreserven aufgebraucht, ebenso wie Dean, der es nicht länger ertragen konnte, dabei zuzusehen, wie der Carpetan seinen kleinen Bruder folterte.
Sie würden hier sterben, sie beide. Das stand fest. Dean würde sich nicht lange wehren, er würde den Bann für sich selbst schnell brechen, denn worauf sollte er hoffen? Sam würde nicht mehr bei ihm sein…
Der Folterer zeigte alle seiner verfaulten Zähne, als er Dean ansah.
„Jackpot", sagte er, ging zu Sam und riss ihm das zerfetzte Hemd vom Körper.
Dean seufzte auf. Der Oberkörper von Sam war von Blutergüssen und Brandnarben übersät.
Der Carpetan legte seine rechte Hand aufs Sams Rücken, nur ein kleines Stück unter der Schulter. Sam schrie, doch seine Kehle war ausgetrocknet, so dass nicht mehr als ein schwaches Krächzen herauskam.
Der Carpetan hatte sein Symbol auf Sam eingebrannt. Das Zeichen dafür, dass er Sam gebrochen hatte.
Er ging zum Tisch, zog ein großes Messer und ging langsam auf Sam zu.
„Es wird gleich vorbei sein. Ich muss schon sagen, Sam, das hat viel Spaß gemacht mit dir. Du warst ganz schön zäh. Aber was halte ich hier große Reden, ich weiß, du willst jetzt schnell schlafen … für immer."
Er holte mit dem Messer aus und Dean schloss die Augen, unfähig, mitanzusehen, wie Sam starb.
Ein Schuss ertönte und irritiert öffnete Dean die Augen. Der Carpetan blutete an der rechten Schulter, wo die Kugel sein Fleisch durchbohrt hatte.
Wie war das möglich? Wer hatte da geschossen? Dean sah zum Eingang des Raumes und seufzte vor Erleichterung – Bobby. Ein Geschenk des Himmels. Nie zuvor hatte sich Dean mehr darüber gefreut, den alten Jäger zu sehen.
Der Carpetan, dem das Messer durch den Schuss aus der Hand gefallen war, stürmte auf Bobby zu.
„Bobby, pass auf", schrie Dean, doch das war unnötig, denn Bobby zielte bereits erneut.
Der Schuss traf das Monster nicht, doch anscheinend wollte er diesen Kampf auf später verschieben, denn der Carpetan rannte mit unglaublicher Geschwindigkeit an dem älteren Jäger vorbei und stieß ihn beiseite.
„Dean…, Sam… oh Gott", Bobbys Mund öffnete sich zu einem stummen Ausdruck blanken Entsetzens, als er Sam ansah.
Mit wenigen großen Schritten hatte er den Raum durchquert und berührte vorsichtig Sams Wange.
„Was hat er nur mit dir gemacht, Junge?"
Tränen glitzerten in Bobbys Augen. Hastig griff er sich ein Messer vom Tisch und durchschnitt das Seil, an dem Sam hing.
Sam fiel ihm entgegen, zu kraftlos, um aufrecht zu stehen.
Bobby fing ihn auf und schaffte es, ihn sanft auf den Rücken zu legen.
„Sam, hörst du mich?" Bobby sah Sam eindringlich an.
Sam hatte die Augen halb offen, doch schien er nicht wirklich bei Bewusstsein zu sein, denn er antwortete ihm nicht.
„Gott Bobby, ich danke dir, das war in letzter Sekunde. Aber könntest du dich bitte beeilen?", fragte Dean und wedelte mit den Händen, wodurch die Ketten rasselten.
Bobby ging zu dem Tisch, griff sich den Schlüssel und befreite Dean von den Schellen.
Ohne seine vom langen Sitzen schmerzenden Glieder zu beachten, hastete Dean zu seinem Bruder. Er hob seinen Kopf leicht an, strich ihm das blutverklebte Haar aus dem Gesicht und flüsterte: „Du hast es gleich geschafft, Sammy. Wir schaffen dich hier raus."
„Dean… 's tut mir leid", murmelte Sam benommen.
„Was tut dir leid?"
„Dass ich aufgegeben hab', ich… ich konnte einfach nicht mehr."
„Hör auf, Sammy, da muss dir nichts leid tun. Ich bin stolz auf dich, wie lange du durchgehalten hast."
Sam schloss die Augen und verlor erneut das Bewusstsein.
„Lass uns ihn hier rausschaffen, Bobby. Je eher Sam ins Krankenhaus kommt, desto besser."
Gemeinsam trugen sie Sam aus der dunklen Miene, immer angespannt auf Geräusche lauschend, falls der Carpetan sie angreifen sollte.
Sam blieb eine Woche im Krankenhaus. Doch auch danach hatte er noch mit den Folgen dieses schrecklichen Tages zu kämpfen, mit den körperlichen, aber vor allem mit den seelischen.
Immer wieder schreckte er schreiend und schweißgebadet aus dem Schlaf und ein ums andere Mal hatte Dean danach große Mühe, ihn zu beruhigen.
Oftmals schlief er erst nach mehreren Stunden erschöpft wieder ein.
Dean lenkte sich damit ab, dass er alles Wissenswerte über Carpetane herausfand. Sein Besuch in der Miene am Tag nach ihrer Befreiung hatte ihm gezeigt, was er schon vermutet hatte: Der Carpetan war weg, auf dem Weg in eine andere Stadt, auf dem Weg zu einem neuen Opfer.
Dean war besessen von ihm, besessen von dem Gedanken, ihn zur Strecke zu bringen.
Er würde dafür büßen, dass er Sam das angetan hatte, dafür büßen, dass Dean in seinen Träumen seinen Bruder sah, der um seine Hilfe schrie.
Egal, wie lange es dauern würde, er würde ihn finden und dann würde der Carpetan es sein, der sich wünschte, nie geboren zu sein…
ENDE
