Das erste, was er wirklich wahrnahm nachdem er von diesem dämlichen Skalenzahne ins Reich der Träume geschickt worden war, war, daß jemand ihn zurück drückte mit roher Gewalt, während dieser Oberlöwen lauthals irgendetwas auf Latein brüllte. Das wiederum gefiel seinem Kopf so gar nicht.

Monroe wurde gewahr, daß eine vierte Gestalt in den Käfig gestoßen wurde. Und einen Wimpernschlag später ging ihm auf, wer:

„Oh Mann!" stöhnte er, als Nick sich ihm zuwandte. „Ist nicht dein Ernst, oder?"

Nick sah etwas verloren, und vor allem einmal mehr ziemlich verunsichert aus.

Na toll, BabyGrimm mit Null Ahnung gegen Schnappmaul wer-auch-immer. Monroe ging auf, daß er keine Namen mit seinem früheren Patienten/Mitgefangenen/Gegner/Fast-Mörder getauscht hatte. Vielleicht der Grund, warum besagter Skalenzahne ihn so ohne jede Regung zu töten gedacht hatte.

„Okay, wir müssen hier jetzt durch", beschloß Monroe und trat näher, während Nick sich seiner Jacke und des Pistolenhalfters entledigte. Letzteres war sehr zu Monroes Unmut leer.

Himmel, dieser BabyGrimm würde sie beide noch umbringen – im wahrsten Sinne des Wortes fürchtete der Blutbad. Wie blauäugig konnte Nick eigentlich sein, seine Waffe abzugeben.

Der Löwen am Gitter war immer noch damit beschäftigt, sich in Szene zu setzen als Moderator. Vermutlich, so glaubte Monroe anhand eines Wortes, das entfernt nach „Grimmus" klang, kündigte er den Kampf des Jahres an.

Toll, dieser Skalenzahne würde Nick in seine Einzelteile zerlegen, fiel ihnen beiden nicht ganz schnell etwas ein. Vielleicht hatte Nick ja in seinen Jeans irgendwo C4 oder sowas versteckt – trugen das Polizisten nicht üblicherweise mit sich herum?

Nein, das war eher Militär, korrigierte Monroe sich.

„Okay, wie läuft das jetzt?" wandte Nick sich endlich an ihn.

Hinlegen und sich brav erschlagen lassen? Wäre zumindest eine Möglichkeit, schnell hier herauszukommen.

„Ich schätze, du wirst gegen den da kämpfen müssen." Mornoe wies auf seinen vormaligen Gegner.

„Dimitri Skontos, der Mörder, hinter dem Hank und ich her waren", korrigierte Nick ihn.

„Schön", nickte Mornoe. „Nachdem wir jetzt also wissen, wer wer ist … was denkst du dir dabei eigentlich? Der filetiert dich und macht hinterher Gulasch aus dir. Das ist übrigens das, was die Typen hier mit denen machen, die in den Kämpfen verlieren: schlachten und an die anderen verfüttern. Nicht daß ich etwas angerührt hätte, aber … ehrlich! Nick, willst du wirklich als Filetstück enden?"

Nicks Miene sprach Bände. „Du hast doch nicht … ?"

„Wo denkst du hin! Ich bin ein Wider, das habe ich dir schon in der ersten Nacht erklärt!" Monroe fühlte sich jetzt wirklich gekränkt. Als würde er auch nur einen Gedanken an Fleisch verschwenden.

Okay, er würde. Aber er würde es nicht essen! Vor allem nicht, wenn besagtes theoritisches Fleisch von einem Menschen/Wesen/Grimm/Wasimmer stammte, den/die/das er möglicherweise gekannt hatte.

Nick sah ihn ein wenig eingeschüchtert an. „Du hast mir schließlich auch die Gallenblasen besorgt. Kann ja sein, daß du eine Auszeit nimmst von deiner Gemüse-Diät."

„Nicht wenn man mich in einem Käfig hält!"

Also ehrlich! Nach all den Frühstücken und Dinnern sollte Nick ihn doch etwas besser kennen.

Die Menge jenseits der Gitterstäbe tobte. Mister Oberlöwen mußte wohl allmählich zum Ende kommen.

Was ihn zu seinem kleinen Grimm-Problem zurückführte …

Was zum Kuckuck wollte Nick gegen einen trainierten Skalenzahne ausrichten? Nick, noch dazu ohne Waffe. Untrainiert, grün hinter den Ohren, unerfahren, blauäugig, naiv …

Okay, einen Weg gab es, beschloß Monroe. Einen! Und er fühlte sich nicht sonderlich wohl dabei, gerade diesen Weg einem Grimm zu zeigen. Andererseits … Was zum Kuckuck hatte Nick sich dabei gedacht?

„Ich muß uns nur ein bißchen Zeit erkaufen, das wird doch wohl machbar sein", erklärte Nick, doch die Angst stand nur allzu deutlich in seinen großen, grün-blauen Augen geschrieben. „Nur ein paar Minuten. Hank ist mit Verstärkung unterwegs."

„Bis dahin sind wir schon tiefgekühlt", entgegnete Monroe.

Also gut. Einen Weg, diesen einen Weg. Nick würde damit vermutlich der erste Grimm sein, der auf Wesen-Taktiken zurückgriff, aber besser als nichts. Immerhin verfügte auch er über die Gene aller anderen Grimm in seiner Familie. Also sollte es ihm möglich sein – hoffte er! Glaubte er! Fürchtete er!

Was zum Kuckuck hatte Nick sich nur gedacht?

Nick dachte nicht, korrigierte Monroe sich. Nick reagierte. Und irgendwann würde ihn diese Unfähigkeit zu handeln dermaßen in den Allerwertesten treten, daß er vermutlich bis nach Rhinebeck zurückfliegen würde auf Kurzstrecke.

„Okay, eine Möglichkeit, vielleicht", sagte Monroe. „Du mußt ganz tief in dein tiefstes Inneres hineingreifen. Du mußt dein Erbe hervorholen. Das Erbe aller Grimm, und ich meine hier wirklich aller! Du wirst jeden einzelnen Vorfahren brauchen, glaubs mir!"

Der Blick, den er erntete, sprach Bände.

Was mußte eigentlich noch alles passieren, bis der verehrte Mister Nicholas Burkhardt endlich mal verstehen würde, in was er hier gelandet war? Vermutlich würde das noch etwas dauern, beschloß Monroe.

„Ich schaff das schon", sagte Nick und griff nach Monroes Schild.

„Nein, nein, nein, das da", Monroe nickte zu einem Schild hinüber, der von einem der Löwen durch das Gitter geschoben worden war, „der ist deiner."

Nick holte sich den Schild und holte tief Luft. „Ein paar Minuten", sagte er dabei wieder.

Mantra – gut! Mantras waren meistens … Monroe bezweifelte ehrlich, ob „ein paar Minuten" tatsächlich die Kraft eines, sagen wir, tiefen Grollen haben konnte. Aber wenn Nick es so wollte.

„Oh, ehe ich es vergesse, seine rechte Hand ist schwach", erklärte der Blutbad und erntete einen weiteren Blick seines Grimm-Freundes.

Nick trat vor, atmete einige Male tief durch und schwang den Morgenstern, den Monroe ihm in die Hand gedrückt hatte.

Nicht gut! Gar nicht gut!