„Greif tief in dich hinein, Nick! Du schaffst das!" rief er seinem Freund zu.
Konnte doch nicht so schwer sein, Himmel!
Okay, Nick war ein Grimm, kein Wesen. Für ihn konnte es schwer werden. Andererseits … verdammt, das mußte doch zu schaffen sein!
Monroe fand sich selbst Nicks Mantra vorbetend wieder: „Nur ein paar Minuten!"
Skontos' Waffe krachte auf Nicks Schild und ließ ihn zurücktaumeln und schließlich das Gleichgewicht – und den Schild verlieren. Natürlich den Schild! Sicher den Schild! Warum nicht den Schild?
Monroe schloß die Augen.
Ende! Aus! Vorbei! Keine Zugabe auf dieser Bühne, es sei denn das anschließende Gelage der Anwesenden würde als Zugabe gelten, was Monroe stark bezweifelte. Zumindest er und Nick würden so empfinden.
Okay, im besten Fall würden sie gar nichts mehr empfinden, sondern tot und leblos darauf warten, in handliche Stücke zerteilt zu werden. Und zumindest Nicks Fleisch würde sehr großen Anklang finden. Er wohl eher … nicht.
Monroe schloß die Augen. Er wollte nicht sehen, wie der Skalenzahne seinen Freund tötete. Nein, wollte er nicht. Auf keinen Fall! Nada! Mitnichten!
Doch dann … traf etwas dumpf auf etwas anderes, was sich verdächtig nach Fleisch und Knochen anhörte. Und das schmerzvolle Ächzen danach … war nicht Nick!
Monroe riß die Augen wieder auf und starrte einen Moment mit offenem Mund zu den beiden Kämpfenden hinüber. Nick hatte einen Streithammer in den Händen und drosch damit auf den Skalenzahne ein. Und das war … definitiv der Grimm in Nick! Vielleicht noch nicht ganz, aber er blitzte durch.
„Richtig so! Das ist es! Nick, das ist es! Laß nicht nach!" rief Monroe.
Himmel, das war … wow! Eine neue Seite, ein neuer Grimm. Definitiv nicht der BabyGrimm mit den großen, bettelnden Kinderaugen, der immer wieder zu den ungünstigsten Zeiten vor seiner Haustür auftauchte. Auch nicht der sehr … fokussierte Cop-Grimm, dem es vollkommen gleich war, ob er Monroe den Appetit verdarb oder nicht. Das hier war etwas anderes, etwas neues und gleichzeitig altes.
Der Skalenzahne bekam den Hammer zu fassen und schleuderte Nick herum. Und der … flog bis zur gegenüberliegenden Seite des Käfigs, rappelte sich aber sofort wieder auf.
Nicks Schmerzempfinden war ausgeschaltet, ging Monroe auf. Das hier war wirklich nicht mehr der gleiche Grimm, der vor einigen Monaten in sein Haus eingedrungen war und ihn bezichtigt hatte, die kleine Robin entführt zu haben. Nein, das hier war …
Monroe ging auf, daß er jetzt eigentlich seinen Freund fürchten sollte. Nick hatte die Verbindung zu seinem Erbe gefunden. Nicht die „ich sehe Märchen-Monster"-Fähigkeit, mit der das ganze Dilemma eröffnet worden war, das hier war ernst. Das hier war ein Grimm!
Nick griff sich ein Kurzschwert, das auf dem Boden gelegen hatte und griff nun seinerseits seinen Gegner an. Mit einem gezielten Kick beförderte er Skontos' Schild von dessen Arm, im nächsten Moment landete auch dessen Schwert sonstwo im Käfig.
Monroe konnte nicht glauben, was er da sah. Von einer Sekunde zur anderen war sein Freund von einem unsicheren, immer noch strahlend neuem Grimm zu einer Kampfmaschine geworden, die jetzt die Waffe hob und ihren Gegner an der Schulter hielt.
Nicht gut! Gar nicht gut!
Monroe war kurz vor der Woge.
Das hier ging schief, wenn Nick jetzt nicht ganz schnell wieder seine Vorfahren in seinen Genen vergrub. Und das … tat er!
„Gib auf!" keuchte er, laut genug, daß Monroe ihn hören konnte, doch an Skontos gewandt. „Ich will dich nicht töten müssen."
Die Menge vor dem Käfig tobte aufgebracht. Offensichtlich hatte man einen anderen Ausgang des Kampfes erwartet, und Monroe wollte nicht einmal wissen, welchen.
Das Eingangsgitter wurde hochgezogen und einer der Löwen kam, einen Speer in der Hand, in den Käfig.
Das war doch der Typ mit dem Bullenstock!
Monroe war schneller auf den Beinen als sein immer noch schmerzender Kopf ihm eigentlich erlauben wollte und drosch seinen nun nutzlosen Schild seinem vormaligen Peiniger über den Schädel mit den Worten: „Wie war das mit fairem Kampf?"
Nick seinerseits knockte Skontos aus und wirbelte dann herum.
Eine Sekunde lang befürchtete Monroe wirklich, sein Freund werde ihn angreifen. Nicks Augen waren geweitet wie vor Schrecken, seine Nasenflügel gebläht, seine Lippen nur ein schmaler Strich.
Kampfmaschine? Aber sowas von!
„Dank dir fürs Lebenretten", sagte Nick dann, packte sein Schwert mit beiden Händen und drehte sich herum, Monroe den Rücken zuwendend. „Der Tip hat irgendwie funktioniert."
„Nichts zu danken … solange du uns auch hier herausbringen kannst", entgegnete Monroe.
Die Menge vor dem Käfig tobte aufgebracht, eines Opfers verlustig gegangen wollten sie jetzt vereinte Rache an dem bösen Grimm.
Nicht gut! Gar nicht gut!
„Diesmal brauchts auch kein Präsentkorb zu sein. Überleben reicht mir schon", setzte Monroe hinzu.
„Ich arbeite daran", gab Nick zurück.
Und dann … ertönten Sirenen und eine Stimme rief über Lautsprecher: „Polizei! Keiner rührt sich!" Und herrliches, mehr als willkommenes blau-rotes Blinklicht kam durch das wohl geöffnete Scheunentor.
Monroe schwor sich, nie, nie, niemals in seinem Leben war er erleichterter gewesen.
„Dürfte mein Stichwort sein", wandte er sich an Nick, während die versammelte Gemeinde, gerade noch bereit, Blutbad und Grimm in Fetzen zu reißen, jetzt selbst zu flüchten versuchte.
„Wir reden später", nickte Nick ihm zu.
Und Monroe gab Fersengeld, während er sich noch fragte, was er da angerichtet hatte ...
