Kapitel 2
Als Hermine dann schüchtern ihr Büro betrat, wirkte sie um einiges gefasster als das tränenüberströmte Häufchen Unglück von zuvor und McGonagall war, gelinde gesagt, erleichtert, dass Hermine tatsächlich erschienen war und sich nicht zu einer dramatischen Dummheit hatte hinreißen lassen.
„Setzen Sie sich, Hermine", empfing McGonagall sie und deutete auf einen der Stühle vor ihrem Schreibtisch. Sie selbst machte Anstalten, sich hinter ihren Schreibtisch zu setzen, besann sich aber eines Besseren. Sich hinter ihrem Schreibtisch und ihrer Position zu verschanzen, würde sie in diesem Fall nicht einen Millimeter weiterbringen, das spürte sie. Also zog sie einen der anderen Stühle heran, so dass sie Hermine genau gegenübersaß.
„Wir haben einiges zu bereden", begann sie.
Hermine nickte und sah sie schüchtern an.
„Es tut mir so leid, Professor. Ich habe mich aufgeführt wie der letzte Volltrottel, nicht nur eben, sondern schon die ganze Zeit. Ich wollte eigentlich gar nicht so unhöflich zu Ihnen sein"
"Schwamm drüber, Hermine. Ich verstehe, dass Ihnen dieses Verhaltensmuster als Flucht gedient hat, um nicht mit mir über Ihre Gefühle sprechen zu müssen."
"Hat ja nicht so gut funktioniert, oder?" Hermine lächelte scheu.
„Nein, hat es nicht", bestätigte McGonagall. „Es lohnt sich nicht, vor den eigenen Gefühlen davonlaufen zu wollen, sie holen einen doch immer wieder ein und man fühlt sich nur immer schlechter."
Sie betrachtete Hermine aufmerksam.
„Ich gehe davon aus, dass ich in Zukunft nicht mehr die schroffe, abweisende Hermine im Unterricht haben werde?"
„Nein, Professor."
"Und ich kann auch davon ausgehen, dass sich ihre schulischen Leistungen wieder auf ein akzeptables Niveau zurückpendeln werden?"
„Natürlich, Professor."
"Gut." McGonagall schwieg und dachte nach.
„War das alles, Professor? Kann ich jetzt gehen?"
McGonagall schreckte aus ihrem Gedanken auf.
„Nein, das können Sie nicht, Miss Granger."
Ihr Tonfall klang wieder mehr nach der gestrengen McGonagall, die Generationen von Schüler Respekt eingeflößt hatte.
„Wir müssen darüber reden, Hermine", sagte sie. „Vor allem würde mich interessieren, wie Sie darauf kommen, dass ich jetzt einen Freak in Ihnen sehe und nichts mehr mit Ihnen zu tun haben will? Was für ein absurder Gedanke!"
"Sie verabscheuen mich jetzt nicht?"
"Nein, Sie dummes Kind. Sie sind nicht die erste, die sich in Ihre Lehrerin verliebt und Sie werden auch garantiert nicht die letzte sein, der das passiert. Allerdings habe ich noch nie erlebt, dass eine meiner Schülerinnen derart heftig für mich empfand und so darunter gelitten hätte wie Sie."
McGonagall warf Hermine einen prüfenden Blick zu.
„Ich will aufrichtig mit Ihnen sein. Einerseits fühle ich mich geschmeichelt, dass Sie auf diese Weise für mich empfinden, aber andererseits ist mir das absolut nicht Recht. Ich kann – und ich darf diese Gefühle nicht erwidern, Hermine und es gefällt mir nicht, Sie derart leiden zu sehen. Und ich bin mir unsicher, was ich tun kann, um es für Sie leichter zu machen, ob es nicht besser wäre, den ganzen Vorfall einfach zu vergessen und neu anzufangen. Oder ob ich – in welcher Weise auch immer – auf Ihr Geständnis reagieren soll. Und dann: Wäre es besser für Sie, wenn ich mich in Zukunft wirklich von Ihnen fernhalte, um Ihnen die Chance zu geben, über Ihre Gefühle für mich hinwegzukommen oder sollte ich Ihnen die Gelegenheit geben, mich besser kennen zu lernen und festzustellen, dass ich nicht annähernd so perfekt bin, wie Sie es sich vielleicht vorstellen. Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht, Hermine. Aber was immer wir auch machen, ich möchte es vorher mit Ihnen absprechen, bevor Sie sich zu neuerlichen Dummheiten hinreißen lassen."
"Ein Problem kann man nicht aus der Welt schaffen, in dem man es ignoriert", sagte Hermine leise. „Sie haben selbst oft genug darauf hingewiesen."
„Vollkommen richtig. Also werden wir diesen Vorfall nicht ignorieren. Welche Reaktion sollen wir dann Ihrer Meinung nach verfolgen? Soll ich mich fernhalten?"
"Nein, Professor, bloß nicht!", rief Hermine erschrocken aus, „Alles, nur das nicht! Die letzten Wochen habe ich versucht, mich von Ihnen fernzuhalten und das hat alles nur noch schlimmer gemacht."
"Also möchten Sie die zweite Option – mehr Zeit mit mir verbringen, um dann gegebenenfalls festzustellen, dass ich gar nicht so toll bin, wie Sie es sich erhoffen?"
"So in der Richtung", gab Hermine zu. „Obwohl ich mir gar nicht vorstellen kann, dass Sie es nicht sind."
"Das bleibt abzuwarten", meinte McGonagall trocken. „Aber Ihnen ist dabei schon klar, dass Ihre Gefühle höchst einseitig sind, oder? Ich mag Sie, Hermine, ich mag Sie sogar sehr, aber mehr wird nicht daraus werden. Und selbst wenn ich mich in Sie verliebte, würde ich dem niemals nachgeben. Das wäre nicht richtig."
"Ich verstehe schon, Professor."
"Das hoffe ich doch sehr", gab McGonagall zurück und lächelte.
„Und nun versprechen Sie mir etwas, Hermine."
"Was denn?"
"Keine Dummheiten! Wenn unser Arrangement der Anpassung bedarf, dann suchen Sie das Gespräch mit mir. Wenn Ihnen etwas Kummer bereitet, kommen Sie damit zu mir und wursteln Sie nicht wieder alleine herum, bis das Problem eskaliert. Versprechen Sie mir das!"
„Ich gebe Ihnen mein Wort, Professor", sagte Hermine ruhig.
„Dann werden wir jetzt zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, Miss Granger. Sie werden mich besser kennen lernen und nebenbei Ihre Unterrichtsversäumnisse der letzten Wochen aufarbeiten. Ich werde Ihnen eine Stunde privaten Unterricht in der Woche erteilen, bis Sie den Klassenstand wieder erreicht haben. Das dürfte Ihnen nicht allzu schwer fallen, denke ich."
„Nein, das wird es nicht", antwortete Hermine und lächelte zum ersten Mal seit Wochen wieder richtig. „Vielen Dank, Professor McGonagall. Für Ihre Zeit und Ihr Verständnis."
Sie stand auf und wollte gehen. McGonagall erhob sich ebenfalls, um Hermine zur Tür zu begleiten. An der Tür drehte Hermine sich zu ihr um.
„Darf ich Sie um noch einen kleinen Gefallen bitten, Professor?"
"Natürlich", nickte McGonagall. „Worum geht es?"
„Ich würde Sie gerne noch einmal umarmen. Einfach nur, weil Sie so nett zu mir waren. Einfach nur so." Hermine errötete ein bisschen, als sie ihren Wunsch formulierte.
„Na schön", seufzte McGonagall und ließ zu, dass Hermine sie kurz umarmte.
"Und nun raus mit Ihnen! Sie haben heute schon genug Unterricht verpasst, finden Sie nicht?"
Lachend ließ Hermine ihre Lehrerin los und verschwand im Korridor.
McGonagall schüttelte den Kopf.
„Das kann ja noch heiter werden."
TBC...
