Kapitel 3
Von nun an machte Hermine sich an jedem Freitagabend auf, um bei McGonagall Nachhilfe in Verwandlung zu nehmen. Zuerst hielten sie sich penibel an die abgesprochenen Zeiten und Hermine verließ McGonagalls Büro nach exakt einer Stunde.
Je mehr sie sich allerdings dem Klassenziel näherte, desto länger wurden die privaten Unterrichtsstunden.
Als sie das Klassenziel dann erreicht hatte, lag ihre durchschnittliche Verweildauer in McGonagalls Büro bei ungefähr drei Stunden pro Abend, von denen die beiden die meisten allerdings mit ganz anderen Themen ausfüllten.
Einen Abend lang diskutierten sie beispielsweise viktorianische Literatur, an einem anderen Abend stritten sie sich über Shakespeare und die ungeheure Fülle an Adaptionen der diversen Stücke. In der Woche darauf schafften sie irgendwie den Schlenker von Verwandlung zu Beethoven, ohne dass eine der beiden wusste, wie sie diesen Themenwechsel bewerkstelligt hatten.
McGonagall stellte fest, dass Hermine über eine unglaubliche Wissensfülle in den unterschiedlichsten Bereichen verfügte und dass es ihr ungeheuren Spaß machte, sich mit ihr darüber zu unterhalten.
Es dauerte nicht lange, und McGonagall freute sich auf Freitag.
Der Tag selbst schien sich immer zu dehnen wie Kaugummi, bis es endlich acht Uhr abends wurde und Hermine an ihre Türe klopfte, immer einen Stapel Bücher unter dem Arm und ein interessantes neues Thema im Kopf, und die Abende schienen wie im Flug zu vergehen.
Wenn McGonagall allerdings gehofft hatte, dass Hermine sie weniger lieben würde, weil diese irgendeinen Makel an ihr fand, so musste sie eine Enttäuschung hinnehmen.
Nachdem sie ihre anfängliche Scheu voreinander gänzlich überwunden hatten und endlich frei und unbefangen miteinander umgingen, traute Hermine sich gelegentlich, McGonagall auf eine ihrer Makel hinzuweisen.
An einem Abend stellte sie fest, wie stur McGonagall doch sein konnte und bemerkte es offen und mit einem Lächeln.
McGonagall registrierte verdutzt, dass Hermine immer erfreut zu sein schien, wenn sie feststellte, dass McGonagall nicht perfekt war, anscheinend machte sie das in ihren Augen menschlicher und nachvollziehbarer und damit noch liebenswerter.
Sie wusste, dass diese Entwicklung sie eigentlich beunruhigen sollte, stattdessen war sie beunruhigt, weil es sie nicht beunruhigte und sie verbrachte so manche Nacht damit, über ihre eigenen Gefühle ihrer Schülerin gegenüber nachzudenken.
Mochte sie Hermine?
- Auf jeden Fall.
War sie gerne mit ihr zusammen?
- Aber gewiss.
Würde sie gerne mehr Zeit mit ihr verbringen?
- Definitiv.
Liebte sie Hermine?
Diese Frage traute sie sich nicht, zu beantworten.
Was, wenn nicht?
Was, wenn doch?
Und dann kam der Tag, an dem Umbridges neuer Erlass herauskam, der es den Lehrern untersagte, private Konversationen mit ihren Schülern zu führen.
Während Hermine schäumte vor Wut, dass Umbridge es ihr unmöglich machte, Zeit mit ihrer geliebten Minerva zu verbringen, fühlte Minerva sich gleich zweifach betrogen.
Zum einen, weil Umbridge ihr die Möglichkeit nahm, ihre beglückenden Unterhaltungen mit Hermine zu führen, zum anderen, weil sie auf diese Weise feststellen musste, wie sehr sie Hermines Gesellschaft vermisste, und zum dritten, weil es sie der Möglichkeit beraubte, das Hermine-Paradox in ihrer Gefühlswelt eigenständig aufzulösen.
Und paradox war es wirklich.
Hatte sie ursprünglich Zeit mit Hermine verbracht, um dieser über ihre unglückliche Verliebtheit hinwegzuhelfen, sah Minerva sich nun selbst in der gleichen Falle. Ohne es zu wollen, ohne es überhaupt zu merken, hatte sie sich in ihre Schülerin verliebt. Zuerst hatte sie es sich nicht eingestehen wollen, aber nun, wo ihr die Möglichkeit genommen wurde, in irgendeiner Weise eigenständig aktiv zu werden, stellte sie fest, dass sie Hermine liebte. Und sie vermisste.
Minerva fluchte im Stillen und haderte mit sich selbst.
So hatte sie sich die Situation ganz und gar nicht vorgestellt, so hatte sie das nicht beabsichtigt.
Und jedes Mal, wenn sie nach einem Traum erwachte, in dem Hermine die Hauptrolle spielte, seufzte sie:
"Minerva, du bist solch eine Närrin!"
Da Hermine dieses Besuchsverbot immens gegen den Strich ging, dauerte es nicht allzu lange, bis sie eine Möglichkeit ersonnen hatte, Umbridges neue Regelung zu unterlaufen.
Die ersten paar Male „borgte" sie sich heimlich Harrys Tarnumhang, um Minerva abends aufzusuchen, bis Minerva ihr schließlich – entgegen ihres eigenen Verlangen - ausdrücklich ein Verbot aussprach, die Regeln auf diese Weise zu umgehen.
„Es ist viel zu gefährlich, Hermine", sagte sie ernst. „Vielleicht bist du in dem Ding unsichtbar, aber dennoch könnte jemand versehentlich in dich hineinlaufen und dich entdecken. Außerdem braucht nur mal jemand sehen, wie meine Tür aufgeht, ohne dass jemand hindurchgeht, das würde mich in ziemliche Erklärungsnot bringen. Zudem, was ist, wenn Harry seinen Umhang vermisst, während du hier bist?"
„Harry würde mich nie verpetzen", antwortete Hermine, „aber ich sehe das Problem. Trotzdem, es widerstrebt mir, mich von Umbridge bevormunden zu lassen, mir von ihr vorschreiben zu lassen, mit wem ich meine Zeit verbringen darf und mit wem nicht."
"Es wäre klüger, wenn wir uns nicht mehr so oft sehen würden", sagte Minerva langsam. „Klüger – und besser für uns beide."
"Das meinen Sie nicht im Ernst, oder? Haben Sie denn keine Freude an unseren gemeinsamen Abenden?"
"Zuviel Freude, ehrlich gesagt", sagte Minerva langsam und Hermines Augen weiteten sich überrascht.
„Vergiss, dass ich das gerade gesagt habe", warf Minerva schnell ein. „Das ist mir nur so herausgerutscht."
"Sie sind eine ziemlich miese Lügnerin. Außerdem kann einem nichts herausrutschen, was nicht da ist", lächelte Hermine, warf sich den Umhang über und schlich sich wieder zurück in den Gryffindorturm.
Als sie fort war, Verfluchte Minerva ihre gedankenlose Bemerkung und ihre eigene Dummheit.
„Nun, Minerva, du hast dir dein Bett gemacht, jetzt musst du auch darin liegen", sagte sie zynisch und seufzte. „Es ist eine Sache, wenn du dämlich genug bist, dich in das Kind zu verlieben. Es ist eine ganz andere, ihr das auch noch zu verstehen zu geben – und das nach all der Mühe die du hattest, bis sie sich wieder in deiner Nähe wohlfühlen konnte. Wie konntest du nur so dumm und gedankenlos sein?", schimpfte sie halblaut mit sich selbst, während sie ihr Büro aufräumte, um ins Bett zu gehen.
„Es ist vollkommen falsch, was du für sie empfindest, du darfst sie einfach nicht auf diese Weise lieben. Nun sieh mal zu, wie du aus diesem Schlamassel wieder hinausfindest", brummte sie und schüttelte ihr Kopfkissen auf.
Als sie dann endlich in ihrem Bett lag, gingen ihr immer wieder die gleichen Gedanken durch den Kopf und hinderten sie daran, Schlaf zu finden.
Auch Hermine hatte an diesem Abend gewisse Schwierigkeiten, einzuschlafen. Ihre Gedankengänge waren dabei glücklicherer Natur. Sie war davon überzeugt, dass McGonagall endlich – Endlich! – ihre Gefühle erwiderte und dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie sich ihr erklären würde. Und mehr verlangte sie gar nicht von Minerva. Für den Moment genügte ihr die Gewissheit, dass Minerva sie liebte und es reichte ihr vollkommen, auf ausgesprochen unschuldige Weise Zeit mit ihr zu verbringen.
Sie war damit beschäftigt, neue Pläne zu schmieden, wie sie die neue Regelung von Umbridge erfolgreich unterlaufen könnte und mit einem Mal drängte sich ihr ein Gedanke auf: Dobby!
Sie würde Dobbys Hilfe in Anspruch nehmen, der kleine Hauself mochte sie und würde sich sicherlich geehrt fühlen, ihr behilflich sein zu können. Und Umbridge hatte keinen Erlass herausgebracht, der es Hermine verbot, die Küche aufzusuchen…
Am nächsten Morgen stand Hermine früh auf und schlich sich zeitig in die Küche, bevor man sie im Gryffindorturm vermissen würde.
Die anderen Hauselfen beäugten sie äußerst skeptisch als sie nach Dobby fragte, doch Dobby strahlte bis an seine Fledermausohren, als sie ihn aufsuchte. Er verbeugte sich so tief vor ihr, dass die knubbligen Hüte, die Hermine einst gestrickt hatte, beinahe den Boden berührten und eskortierte sie diensteifrig in eine stille Ecke in der sie sich unterhalten konnten.
Hermine setzte ihm ihren Plan auseinander: Da Hauselfen innerhalb von Hogwarts apparieren konnten, konnte er sie ungesehen in McGonagalls Büro und wieder hinausbringen, ohne dass Umbridge ihnen auf die Schliche kommen würde. Dobby strahlte, als sie ihn um seine Hilfe bat.
„Dobby fühlt sich geehrt, Miss Granger helfen zu können!", piepste er. „Dobby hilft gerne der Freundin des großen Harry Potter!" und etwas leiser fügte er hinzu:
"Professor Umbridge ist eine böse Frau. Dobby hat gar nichts dagegen, sie an der Nase herumzuführen."
"Du darfst mich aber nicht verraten, Dobby", beschwor Hermine ihn. „Wirklich an niemanden, auch nicht an Harry. Meine Besuche bei Professor McGonagall müssen ein Geheimnis bleiben."
"Dobby wird Miss Granger nicht verraten", versprach der Hauself feierlich. „Dobby ist gut darin, Geheimnisse zu bewahren. Sollte Dobby Miss Granger jemals verraten, wird er sich die Hände bügeln!"
"Das wird hoffentlich niemals notwendig sein, Dobby. Außerdem: Wenn dich niemand fragt, kommst du gar nicht in die Versuchung, etwas sagen zu müssen."
"Dobby wird nichts verraten", versprach der kleine Hauself ein weiteres Mal. „Wenn Miss Granger Dobbys Hilfe braucht, muss sie nur seinen Namen rufen und Dobby erscheint sofort."
"Du bist ein wirklich nettes Kerlchen", sagte Hermine dankbar und registrierte verlegen, dass Dobbys große grüne Augen bei diesem Kompliment verdächtig feucht wurden.
Hastig verabschiedete sie sich von dem Hauselfen, bevor er in Tränen ausbrechen konnte und hastete in die große Halle zum Frühstück.
