Kapitel 4

Mit Dobbys Hilfe besuchte Hermine Minerva nun wieder häufiger, doch um nicht doch noch erwischt zu werden, bediente sie sich der gleichen Methode wie bei Dumbledores Armee. Bei ihrem ersten Besuch gab sie Minerva eine ihrer falschen, mit dem Proteus-Zauber versehenen Galleonen, damit sie ihre Treffen vereinbaren konnten. Nicht auszudenken, wenn Dobby mit Hermine im Schlepptau in McGonagalls Büro apparieren würde, während sich jemand anderes – wie etwa Umbridge – sich ebenfalls dort aufhielte.

Hermine erklärte Minerva, wie die Galleone funktionierte und sonnte sich in Minervas Stolz.

„Du hast den Proteus-Zauber angewendet? Hermine, das UTZ-Niveau!", wunderte sich Minerva.

„Ja, ich weiß. Aber es erschien mir eine vernünftige Methode, um mich mit Ihnen in Verbindung zu setzen."
Hermine schien so zufrieden mit ihrem Plan zu sein, dass Minerva es einfach nicht übers Herz brachte, ihr zu sagen, dass sie nicht zu ihr kommen sollte. Außerdem, und es fiel ihr schwer, das vor sich selbst zuzugeben, freute sie sich, Hermine ohne Zeugen zu sehen.

„Und du bist dir sicher, dass Dobby uns nicht verrät?", vergewisserte sie sich und fühlte eine seltsame Komplizenschaft und reichlich Nervenkitzel bei dem Wörtchen ‚uns'.

„Er wird nichts verraten, da bin ich mir absolut sicher", antwortete Hermine und setzte sich anstandslos auf ihren üblichen Stuhl.

„Er wird mich auch wieder abholen und im Mädchenwaschraum im Gryffindorturm absetzen – oder an einer ähnlich unauffälligen Stelle. Ich habe mir gedacht, wenn ich von unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten herkomme, kommt man uns noch weniger auf die Schliche als bei einem festen Termin."

"Da magst du durchaus Recht haben", erwiderte Minerva trocken und setzte sich ebenfalls. „Trotz all dem Durcheinander ist es schön, dass wie wieder ein wenig Gelegenheit haben, uns zu unterhalten. Auch wenn mir die Geheimniskrämerei wirklich nicht in den Kram passt."

"Aber das macht es doch irgendwie – aufregend, oder nicht?", Hermine strahlte sie an. „So kleine Heimlichkeiten sind doch die Würze des Lebens, finden Sie nicht?"

"Derzeit käme ich gut mit ein wenig weniger Würze aus", konterte McGonagall und seufzte verhalten.

„Du weißt schon, dass wir uns riesigen Ärger einhandeln, wenn Umbridge uns auf die Schliche kommt? Und vor allem: Du weißt schon, wie das aussieht, wenn wir uns heimlich privat treffen? Als hätten wir etwas zu verbergen und als führten wir nichts Gutes im Schilde."

"Ich glaube nicht, dass uns jemand unlautere Absicht unterstellen würde", erwiderte Hermine überzeugt. „Es weiß doch jeder, dass Sie nichts Unrechtes tun würden."

"Dein Vertrauen in mich ist wie üblich grenzenlos und fürchterlich übertrieben", entgegnete Minerva und schmunzelte. „Entgegen aller anders lautender Ansichten bin auch ich nut ein Mensch und Menschen sind fehlbar."

Anstatt sich mit einer Antwort abzumühen, lächelte Hermine nur still und wechselte dann schnell das Thema, bevor sie ihrer Bewunderung für McGonagall zu offensichtlich Ausdruck verlieh.

Da die Lehrer sich ja nicht mehr privat mit den Schülern austauschen durften, übernahm Hermine es, McGonagall mit Informationen zu versorgen, damit sie in etwa auf dem Laufenden blieb, was ihre Schüler anbelangte und um von ihren Gefühlen für McGonagall abzulenken, erzählte sie ihr von dem Beziehungs- oder Nicht-Beziehungsdebakel zwischen Harry und Cho Chang, Rons überaus unqualifizierten Kommentaren und ihren eigenen Versuchen, den Jungs die emotionalen Hintergründe zu erläutern.

Minerva schüttelte den Kopf. „Und da wollen manche Trottel wieder jung sein", brummte sie. „Darauf kann ich gut und gerne verzichten. Nun ja, manche lernen auch mit dem Älterwerden nichts hinzu."

"Dabei könnte Liebe doch so einfach sein", meinte Hermine. „Wenn sie nicht so kompliziert und schmerzhaft zugleich wäre."

Minerva lächelte dazu nur vielsagend und verkniff sich wohlweislich jeglichen Kommentar.

Danach wandte sich das Gespräch anderen Themen zu, bis Minerva irgendwann einen Blick auf die Uhr warf und erschrocken feststellte, wie spät es schon war.

„Du solltest jetzt besser gehen", sagte sie besorgt. „Du hättest schon vor Stunden im Gryffindorturm sein müssen."

"Aach, auf mich achtete doch sowieso niemand. Im Zweifelsfall vermuten mich alle in der Bibliothek oder mit der Nase in einem Buch in irgendeiner ruhigen Ecke", beruhigte Hermine sie.

„Trotzdem. Ich möchte auf gar keinen Fall, dass du womöglich wegen mir noch Ärger bekommst, Kind. Was wir hier machen ist wirklich alles andere als klug."

"Dann werde ich mal meinen Hol- und Bringservice rufen", scherzte Hermine und stand auf.

„Auf Wiedersehen, Professor."
"Schlaf gut, Hermine."
Entgegen aller Vernunft streckte Minerva die Hand aus und berührte Hermine sacht an der Wange, bevor sie Dobby rief, der sie in den Gryffindorturm zurückbrachte.

In der nächsten Zeit überschlugen sich die Ereignisse.

Dumbledores Armee wurde geschnappt, Dumbledore flüchtete im großen Stil, Umbridge ließ sich zur Direktorin befördern, die Weasley-Zwillinge verließen die Schule mit einem noch größeren Knall-Effekt als irgend jemand erwartet hatte und die alljährliche Berufsberatung stand an. Das Schuljahr neigte sich langsam, aber sicher dem Ende zu und sowohl Hermine als auch Minerva fürchteten sich vor den langen Sommerferien, in denen sie sich wochenlang nicht sehen würden.

Doch zuvor forderten andere Sorgen die Aufmerksamkeit beider Frauen.

Umbridge schaffte es, nach Dumbledore nun auch noch Hagrid aus der Schule zu vertreiben und sich gleich mit einer hinterhältigen Attacke McGonagalls zu entledigen.

Hermine, die vom Astronomie-Turm beide Ereignisse beobachten musste, wurde ganz schlecht vor Sorge. Sie fragte sich, was nun aus Hagrid werden würde, immerhin war er ihr Freund, aber am meisten Sorgen machte sie sich um McGonagall. Es hatte gar zu grauenhaft ausgesehen, als sie von den Schockzaubern getroffen wurde und einfach umkippte.

Zum Glück wunderten Harry und Ron sich kein bisschen darüber, dass Hermine zittrig und aufgebracht war, so ging es ihnen allen, und so kam sie immerhin nicht in Erklärungsnot.

Als sie dann endlich allein war, war sie so in Sorge um Minerva, dass sie hilflos weinend auf ihrem Bett kauerte. Sie wünschte sich, an Minervas Seite sein zu können, nach ihr sehen und sich um sie kümmern zu dürfen, aber sie konnte sich nicht einmal nach ihrem Befinden erkundigen ohne ungewollte Aufmerksamkeit zu erregen.

Und im Grunde hatte sie auch gar keine Zeit, sich weiter zu grämen, da die letzten Prüfungen anstanden – die sie natürlich gut bestehen wollte, schon alleine, damit Minerva stolz auf sie wäre.

Und dann kam noch Harrys neueste Vision von Voldemort, der anscheinend Sirius in der Mysteriumsabteilung gefangen hielt.

Normalerweise hätte Hermine sich unter diesen Umständen hilfesuchend an Minerva gewandt, da diese aber außer Gefecht gesetzt noch immer im St. Mungo Hospital lag, machte sie sich trotz aller Vorbehalte zusammen mit Harry, Ron, Ginny, Neville und Luna auf, um Sirius zu retten.

Kaum dass sie in der Mysteriumsabteilung angekommen waren, stellte sich Harrys Vision als gut vorbereitete Falle Voldemorts heraus. Bei ihrem Versuch, den Todessern und dem dunklen Lord selbst zu entkommen, wurden Ron und Hermine schwer verletzt, das Zaubereiministerium gründlich verwüstet, Sirius von seiner Cousine Bellatrix getötet und die Zaubererwelt musste die Rückkehr des dunklen Lords endgültig als Tatsache akzeptieren. Dumbledore wurde als Schuldirektor rehabilitiert und Umbridge hatte im Verbotenen Wald von den Zentauren ihr Fett weg bekommen, was Hermine mit grimmiger Genugtuung erfüllte.

Von vielen der Ereignisse im Ministerium erfuhr Hermine erst, als sie auf der Krankenstation in Hogwarts wieder das Bewusstsein erlangte, mit einem Gefühl, als hätte Hagrid auf ihrem Oberkörper eine Stepptanznummer geprobt.

Eigenartigerweise machte Hermine die Verletzung nicht ganz so schwer zu schaffen, wie zu erwarten gewesen wäre – irgendwie fühlte sie sich dadurch Minerva näher, die sich vermutlich ähnlich fühlte und begrüßte den schmerz, der ihr bei jedem Atemzug durch die Brust zuckte, wie einen Verbündeten.

Dennoch konnte sie es kaum erwarten, wieder aufzustehen. Jetzt, da Umbridge keine Gefahr mehr darstellte, wollte Hermine unbedingt ins St. Mungo und selbst sehen, wie es Minerva ging und es frustrierte sie, dass sie dazu wieder nicht in der Lage war.

Immerhin schaffte sie es, Madam Pomfrey dezent Informationen über Minervas Zustand aus der Nase zu ziehen und die Auskunft, dass es Minerva schon wesentlich besser ging und sie in Kürze aus dem Hospital entlassen werden würde, trösteten sie und gaben ihr neuen Mut.

Widerspruchslos schluckte sie täglich die zehn verschiedenen Zaubertränke, damit sie möglichst bald ihr Bett verlassen und Minerva wieder sehen konnte.

Zwar hielt Hermine es nicht für unmöglich, dass Minerva nach ihr sehen würde, wenn sie zurückkam und hörte, dass sie auf der Krankenstation lag, aber ein merkwürdiger Stolz in ihr ließ es nicht zu, dass Minerva sie so verwundbar erleben sollte.

Mit Hilfe von Dobby brachte sie es immerhin fertig, Minerva einen kurzen Brief ins Hospital zu schicken, ohne dass Ron, der im Bett neben Hermines lag, es mitbekam.

Erst, als Dobby schon längst mit dem Brief unterwegs war, fiel Hermine auf, dass sie möglicherweise ein wenig zu persönlich gewesen war.

Allein schon die Anrede: „Liebste Minerva" erschien ihr plötzlich keine so gute Idee mehr zu sein und die Schlusszeile „in Liebe, Deine Hermine" brachte sie dazu, sich innerlich zu krümmen, wann immer sie daran dachte. Hermine sorgte sich, was Minerva von dieser Anmaßung halten würde und wie es ihr zukünftiges Verhältnis beeinflussen mochte.

Und dann hörte sie von Madam Pomfrey, dass Minerva wieder zurück im Schloss war.

Ihre Gedanken rasten.

Würde sie kommen? Was würde sie sagen? Würde der Brief sich als ein Problem erweisen?

Mit jeder verstreichenden Minute wurde Hermine nervöser und hibbeliger.

Schließlich hielt sie es nicht mehr aus, Ron beim Schnarchen zuzuhören und als Madam Pomfrey das Krankenzimmer kurz verließ, rief sie Dobby.

Als Dobby prompt erschien, wisperte sie: „Pst, Dobby, ganz leise!" und zeigte auf den schlafenden Ron.

Dobby nickte treuherzig und wartete schweigend darauf, dass Hermine weiter sprach.

„Dobby, du musst mir unbedingt noch einmal helfen", bat sie im Flüsterton. „Professor McGonagall ist zurück und ich muss sie einfach sehen, aber ich schaffe es kaum alleine bis zur Tür. Hilfst du mir? Bitte?"

"Natürlich hilft Dobby Miss Granger", flüsterte der Hauself piepsig zurück.

„Dobby hilft Miss Granger gerne, weil Miss Granger Dobby so schöne Sachen gestrickt hat."
Dobby hielt den Kopf schief und schien zu lauschen.

„Professor McGonagall ist in ihrem Wohnraum. Soll Dobby Miss Granger dorthin bringen?"

„Ja, Dobby, bitte. Bevor Ron aufwacht."

Der Hauself nickte, schloss seine langen schmalen Finger um Hermines Handgelenk und binnen eines Wimpernschlags standen sie beide in McGonagalls Wohnzimmer.

„Hier ist Besuch für Sie, Professor McGonagall, Ma'am"", piepste Dobby und verschwand mit einem sanften Puff.

Minerva drehte sich um. Ihre Augen weiteten sich, als sie die kreidebleiche Hermine schwankend in ihrem Wohnzimmer stehen sah und so schnell sie es mit ihrem Gehstock vermochte, humpelte sie auf ihre Schülerin zu.

„Hermine! Hermine, Kind, ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht!"

Sie ließ ihren Stock achtlos fallen und schloss Hermine vorsichtig in die Arme.

„Minerva", murmelte Hermine, „du hast mir so gefehlt!"

"Ich habe dich auch vermisst, Kind", gab Minerva zu und lächelte. Dann runzelte sie besorgt die Stirn und sorgte dafür, dass Hermine sich mit ihr zusammen auf das Sofa setzte, bevor sie einfach zusammenklappte. Liebevoll legte sie ihr den Arm um die Schultern.

„Du siehst furchtbar aus, Kleines. Du solltest doch sicher im Bett liegen und nicht in der Gegend herumspazieren. Hast du starke Schmerzen?"

Hermine lächelte schwach. „Ich bin Madam Pomfrey ausgerückt, aber ich musste Sie einfach sehen, Professor. Ich musste sehen, dass es Ihnen wieder besser geht und jetzt fühle ich mich auch gleich besser. Eigentlich fühle ich mich immer besser, wenn ich bei Ihnen bin."

Minerva lächelte etwas hilflos und strich Hermine eine schweißfeuchte Locke aus der Stirn.

„Trotzdem solltest du nicht einfach ausrücken", tadelte sie sanft.

„Ich weiß, aber ich musste Sie einfach sehen. Ich… ich war mir nicht sicher, mit Ihnen – uns, wegen dem Brief… und…", stammelte Hermine zusammenhanglos.

„Es war ein sehr schöner Brief", beruhigte Minerva sie. „Ich habe mich gefreut, dass du an mich gedacht hast."

"Du bist – Sie sind nicht sauer auf mich, deswegen? Ich hatte Angst deswegen."

"Du brauchst keine Angst zu haben, Hermine." Sie zog ihre Schülerin vorsichtig, um ihr nicht wehzutun, enger an sich.

„Du brauchst dir keine Gedanken machen, alles ist gut."

Mit einem Aufseufzen kuschelte Hermine sich enger an Minerva.

„Du solltest dir nur darüber klar werden, wie du mich ansprichst", schmunzelte Minerva. „Zumindest entscheiden solltest du dich."

Hermine hob den Kopf und sah Minerva fragend an.

"Vor ein paar Tagen war ich noch ‚liebste Minerva', und eben wieder ‚Professor McGonagall'. Letzteres solltest du für den offiziellen Gebrauch beibehalten, aber wenn wir unter uns sind, habe ich nichts dagegen, wenn du mich Minerva nennst. Diese Trennlinie werden wir brauchen."

"Wie meinst du das?"

"Ich habe in den vergangenen Tagen viel nachgedacht, über dich, über mich, über uns. Ich weiß, was du für mich empfindest und inzwischen sollte dir klar sein, dass ich deine Gefühle erwidere. Halt, warte, lass mich ausreden", sagte sie, als Hermine sie unterbrechen wollte.

„Wir müssen einige Parameter definieren, was uns beide angeht. Ich bin deine Lehrerin, das heißt, ich kann nicht deine Partnerin sein, das wäre moralisch mehr als fragwürdig und kommt für mich nicht in Frage. Wir lassen alles so laufen, wie es jetzt ist, und wenn du mit der Schule fertig bist und mich dann immer noch willst, können wir diese Beziehung noch mal gemeinsam überdenken."

"Ja", sagte Hermine, „ja, wenn du auf mich warten willst, dann halte ich die zwei Jahre auch durch."

„Gut, aber kein moralisch fragwürdiges Verhalten", bestimmte McGonagall und lächelte. „Es gibt kein heimliches Herumgeknutsche und wenn ich dich erwische, dass du die Schulregeln brichst, bist du genauso fällig dafür wie alle anderen Schüler auch. Das ist die einzige Weise, wie das für mich funktionieren kann. Und ich werde mit Professor Dumbledore über diese Sache sprechen müssen, ich mag diese Heimlichkeiten überhaupt nicht. Ist das so für dich akzeptabel?"

"Ja. Ja, das ist es, Minerva. Allerdings: Ich würde nur heute, nur einmal, nur jetzt gerne die Regeln brechen."

"Was hast du im Sinn?", fragte Minerva misstrauisch.

„Ich würde dich so gerne einmal küssen. Nur ein einziges Mal, dann werde ich dich in den nächsten zwei Jahren nie wieder darum bitten. Kannst du das moralisch vertreten?"

Statt einer Antwort zog Minerva sie an sich und küsste sie.

Ende