Part II: John

John stürmte durch die Straßen von Milton. Lediglich Minuten waren vergangen seit er sie alleine in ihrem Salon zurückgelassen hatte. Sie hatten gestritten, oder besser gesagt sie hatten sich angefeindet. Sie schienen immer und über alles eine Schlacht zu schlagen, so gar über ein einfaches Hände schütteln. Margaret verachtete die Gewohnheiten des Nordens, und sie empfand Abscheu für ihn. So viel war klar nach ihrer hasserfüllten Abweisung seines Antrages. Nun flüchtete er vor ihr. Auf seinem Weg nach Hause fühlte er nichts, er sah nichts. Er bemerkte nicht die Grüße von Bekannten wie Mr. Bell, noch war er sich seines Weges heim bewusst. Er war wie ein Geist, eine leere Hülle.

Nach den schicksalhaften Geschehnissen von gestern, Margaret Hales mutiger Handlung ihn vor den Streikenden zu retten, der Steinwurf nach ihnen, ihrer Kopfverletzung durch die Gewalttätigkeit der Arbeiter, und ihrer anschließenden Ohnmacht in seinen Armen, war er emotional ausgelaugt. In seinem ganzen Leben war John niemals so verängstigt gewesen wie in dem Moment, als er dachte sie ist tot. Sein Herz hatte einige Herzschläge ausgesetzt. Es war gewesen als wenn der Sinn seines Lebens verschwunden wäre. Er war sogar noch furchtsamer gewesen als vor all den Jahren nachdem sein Vater Selbstmord begangen hatte, als er plötzlich verantwortlich für seine Mutter und Schwester gewesen war. In diesem Augenblick erkannte er, dass er Margaret Hale mehr als sein eigenes Leben liebte. Die nächsten wenigen Minuten erschienen ihm schleierhaft. Er hatte keine besondere Erinnerung an sie, er wusste nur er hatte sich dem Mob gestellt und irgendetwas gesagt wie „tötet mich". Die nächste klare Erinnerung, die er von seinen Gefühlen hatte, war eine ungemeine Erleichterung als seine Mutter ihm mitteilte, dass Margaret lebte und nur leicht verletzt war. Er war aufgebracht, dass sie sie nach Hause gehen lassen hatten. Sein Missfallen und seine Enttäuschung standen ihm klar ins Gesicht geschrieben. Er wollte sofort zu ihr gehen, aber seine Mutter hielt ihn auf. Sie bat ihn nicht zu gehen, und so hatte er es hingenommen und ihr versprochen nicht zu gehen. Am Abend machte John Thornton einen langen Spaziergang, um seinen Kopf zu klären, um sich seiner Gefühle sicher zu sein und die nächsten Schritte zu bedenken.

Nach seiner Rückkehr führte er eine weitere Unterhaltung mit seiner Mutter. Diese war überzeugt Miss Hale hegte Zuneigung zu ihm, aber er wagte es nicht ihr voll und ganz zuzustimmen. Er konnte nicht seine Ahnung ignorieren, dass sie nichts für ihn empfand. Allen Überlegungen nach war sie zu gut für ihn. Trotz aller Befürchtungen konnte er nicht länger schweigen. Er konnte seine Gefühle nicht länger verdrängen; es zerriss ihn innerlich. Er musste sie fragen, ob sie seine Frau werden wollte. Seine Mutter wusste er würde Margaret Hale am kommenden Morgen einen Heiratsantrag machen. John machte sich keine Illusionen über die Meinung und das Verhalten seiner Mutter Margarets gegenüber, aber sie war gewillt ihm zuliebe Margaret zu akzeptieren. Sie war so gar gewillt Margaret als ihre Schwiegertochter lieben zu lernen.

Diesen Morgen war John Thornton mit der alleinigen Absicht gekommen mit Margaret über eine Heirat zu sprechen. Sein Herz war bange, halb voll vor Liebesqual, halb vor Hoffnung. Nach einer schlaflosen Nacht würde er schließlich seinen Antrag machen, und die Unsicherheit würde enden, so hatte er zumindest gedacht. Er wartete in der guten Stube auf Margaret, während seine Nervosität sich auf ein fast unerträgliches Maß steigerte, bis sie endlich erschien.

Sie war so schön gewesen, hatte so engelhaft gewirkt. Seine Stimme hatte gezittert als er gesprochen hatte. Aber alles war anders gekommen als er sich erhofft hatte. Sie hatten bereits gestritten bevor er ihr seine Gefühle gestehen konnte. Sie hatte gesagt, er wäre unvernünftig. Zu Beginn seines Heiratsantrages hatte sie ihn gestoppt, und hatte ihn beschuldigt nicht zu sprechen wie ein Gentleman es tun würde. Aber das war längst nicht das Schlimmste. Sie hatte außerdem gesagt, er wolle sie besitzen, und sie würde nichts anderes von einem Kaufmann erwarten. Sie hatte seine Gefühle, seine Liebe, als beleidigend empfunden. Ihre Aussage, dass sie ihn nicht leiden konnte und niemals hatte leiden können, war wie ein sich umdrehendes Messer in seinem Herzen gewesen. Er hatte gesagt, sie würde ihn nicht verstehen, aber er verstand sie vollkommen. Der Rest war verschwommen bis er sie ärgerlich verließ.

Der Moment in dem er alleine in Front ihres Heimes stand, war derselbe Moment in dem ihn seine Wut verließ und von einer Taubheit ersetzt wurde.

John wusste nicht wie er nach Hause gekommen war als er sein Zuhause betrat. Alles was er wusste war, er konnte seiner Mutter jetzt noch nicht entgegen treten. Seine Taubheit ging langsam und wurde zu einem unvorstellbaren Schmerz. Er fürchtete sich vor seiner Mutter zu blamieren, seine Fassung zu verlieren, in Tränen auszubrechen. Deshalb ging er leise in sein Arbeitszimmer, um alleine zu sein. Er musste zuerst mit seinem Schmerz alleine fertig werden, ohne die spitzen Bemerkungen seiner Mutter in Richtung von Miss Hale ertragen zu müssen.

In seinem Arbeitszimmer verschloss er die Tür und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. Sobald Tränen seine Sicht zu trüben begannen, wischte er sie weg, aber der Tränenfluss war unaufhörlich. Am Ende bedeckte er sein Gesicht mit den Händen und weinte leise. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal geweint hatte, zumindest nicht als Erwachsener. Es war befreiend. Nach einer Weile riss er sich zusammen, stand auf und ging sich das Gesicht waschen, um alle Spuren von Tränen zu beseitigen. Den Rest des Tages versuchte er seine Gefühle hinter einer undurchdringbaren Maske von Gleichgültigkeit zu verstecken. Es benötigte alle Anstrengung die er aufbringen konnte. Um sich abzulenken ging John in die Fabrik. Dort gab es eine Menge zu tun, um das Geschäft nach dem Streik wieder zum Laufen zu bringen und am Laufen zu halten.

Beim Abendessen erzählte er seiner Mutter, dass Margaret ihn abgewiesen hatte. Er hatte richtig gelegen, sie empfand nichts für ihn. Er ertrug die schneidenden und beschimpfenden Kommentare seiner Mutter hinsichtlich Miss Hale tapfer mit einer stoischen Miene. Als er nicht länger fähig war die Bemerkungen seiner Mutter zu tolerieren, sagte er, er würde von Miss Hale mehr halten als jemals zuvor, und bat seine Mutter niemals wieder Miss Hale zu erwähnen. Hinterher lenkte er das Gespräch in Richtung Geschäft.

In den folgenden Tagen lebte er in einen Kokon aus Geschäftstransaktionen, und versuchte zu seiner üblichen täglichen Routine zurückzukehren. Er fühlte mehr als einmal die Augen seiner Mutter auf sich gerichtet, aber sie nahm Abstand davon mit ihm über seine Situation zu sprechen, wie er es sich erbeten hatte. Fanny bemerkte nicht mal sein ungewöhnliches Verhalten. Gott sei Dank ersparte ihm das ihr Mitleid.

Aber die Nächte waren schlimm. Er konnte nicht schlafen, weil er ihr letztes Treffen wieder und wieder durchlebte. Die ganze Zeit überlegte er wie er seinen Gefühlen für sie entkommen konnte. Seine Liebe war trotz ihrer schmerzhaften Anschuldigungen nicht verschwunden. Er rang jede Nacht darum ein weiteres Mal ein wenig Frieden zu finden. Nur in den frühen Morgenstunden fiel er in einen ruhelosen Schlaf. Er träumte gnadenlos von ihr, denn nicht alle seine Träume waren gute. Manchmal träumte er von einer glücklichen Zukunft mit ihr als seine Frau an seiner Seite. Manchmal änderte sich der Traum an einem Punkt, und er verlor sie. Manchmal wachte er mit Tränen gefüllten Augen auf. Manchmal hetzte er durch einen Alptraum, während Margaret ihn hasserfüllt verfolgte. Morgens war er vollkommen erschöpft. Eines morgens sah sein Bett aus als wenn er an einem Ringkampf teilgenommen hatte, und er musste sich aus seinen Bettlaken befreien. Nach einer dieser Nächten versuchte er sich am Abend darauf in eine Benommenheit hinein zu trinken, aber das war keine gute Idee, da er am nächsten Morgen mit einem bösen Kater erwachte.

Nach einigen Tagen beobachtete seine Mutter seine Ruhelosigkeit. Sie begann sich Sorgen zu machen, aber sie konnte John nicht helfen seine unerwiderte Liebe zu überwinden. Sie würde ihr Leben dafür geben ihn wieder glücklich zu sehen. Sie würde tun was immer auch nötig war, um sein Glück zu gewährleisten, so gar wenn es bedeutete Margaret Hale in ihrem Leben zu haben. Wenn ihr Sohn am Ende das Herz dieses eigensinnigen Mädchens gewinnen könnte, würde sie ihre Abneigung überwinden, schwor sie.

Der Tag seiner wöchentlichen Stunde mit Mr. Hale kam näher und näher, und zuletzt war der Tag da. John besaß nicht die Stärke Miss Hale zu treffen. Deshalb sandte er einen Brief indem er sich aus Geschäftsgründen entschuldigte. Es war nicht notwendigerweise eine Ausrede, da der kürzliche Streik ihm einige Geschäftssorgen bescherte. Er hatte die Lieferung einer Bestellung versäumt und hatte einige Aufträge komplett verloren. Seine finanzielle Sicherheit war in Gefahr.