Part III: Der Brief
Am nächsten Morgen saß John Thornton über seinen Geschäftsbüchern, und ging die Zahlen nochmals durch. Unglücklicherweise hatte er die Nacht zuvor nicht gut geschlafen. So konnte er sich nicht auf die bevorstehende Aufgabe konzentrieren. Mehr als einmal wanderten seine Gedanken zu Miss Hale ab, die ihn überall hin verfolgte. Er machte sich Vorwürfe. Warum war er so ein Feigling gewesen? Früher oder später würde er Miss Hale höchstwahrscheinlich treffen; es gab keinen Ausweg. Auf der einen Seite sehnte er sich danach sie zu sehen, aber auf der anderen Seite fürchtete er sich vor ein unglückliches Aufeinandertreffen. Es wäre besser gewesen er hätte sie niemals getroffen. Sein Herz schmerzte genauso wie direkt nach ihrer Abweisung, keine Linderung seines Liebeskummers war in Sicht. Er fühlte ihre Abwesenheit in seinem Leben sooft er an sie dachte, und das war die ganze Zeit. Konnte man an gebrochenen Herzen sterben? Langsam begann er daran zu glauben!
Das Anklopfen an seine Bürotür war eine willkommene Ablenkung. Zu seiner Überraschung betrat Williams, sein Vorarbeiter, zusammen mit einem Jungen, den er noch nie zuvor gesehen hatte, sein Büro.
„Mr. Thornton, es tut mir leid Sie zu stören, aber dieser junge Mann hier hat ein Päckchen für Sie, und er berichtete mir sehr eindringlich, es wurde ihm aufgetragen es nur an Sie persönlich zu übergeben!", erklärte sein Angestellter entschuldigend.
„Danke, Williams, dass Sie ihn zu mir gebracht haben!", antwortete Mr. Thornton und wandte sich an den Botenjungen, um das kleine Paket in Empfang zu nehmen. Er gab dem Jungen eine Münze und bedankte sich sehr freundlich.
Als er wieder alleine war, öffnete er das Packpapier. Zu seinem Erstaunen enthielt das Päckchen seine alten Lederhandschuhe und einen Brief. Sein Name war in einer ihm unbekannten Handschrift auf den Briefumschlag geschrieben. Nicht wissend wann und wo er seine Handschuhe verloren hatte, er hatte ihren Verlust bisher noch nicht bemerkt, hatte er keinen Anhaltspunkt wer der Absender war. Ungeduldig riss er den Umschlag auf und las die enthaltene Nachricht.
Lieber Mr. Thornton,
während ich hier sitze und Ihnen diesen Brief schreibe, bin ich recht beunruhigt, dass ich noch nicht vor heute Abend die Gelegenheit hatte Ihnen Ihre Handschuhe zurück zu geben. Es tut mir leid, dass Sie diesen Abend nicht zur Ihrer Plato Stunde mit meinem Vater kommen konnten, da ich weiß wie sehr sie beide die gemeinsame Zeit zusammen schätzen, und ich möchte nicht das Sie irgendetwas vermissen. Ich hoffe Ihre dringenden Angelegenheiten können zu Ihrer vollkommenen Zufriedenheit geklärt werden. Zur gleichen Zeit hoffe ich Ihre Absicht ist nicht ein Treffen mit mir zu vermeiden, da ich nicht abgeneigt bin Sie zu treffen. Ich sehne mich nach der Möglichkeit für meine impulsiven und verletzenden Worte um Ihre Vergebung zu bitten, Wiedergutmachung zu leisten.
Seit unserer letzten Begegnung hatte ich über vieles nachzudenken. Wissend von Ihrer Vorliebe für Plato habe ich meine Zeit genutzt meine Kenntnisse von der Weisheit Platos aufzufrischen, und ich würde es sehr begrüßen einige seiner Zitate mit Ihnen, wann immer es Ihnen passt, zu erörtern.
Einige bestimmte Zitate habe ich im Sinn, die ich gerne diskutieren würde. Um Sie nicht zu benachteiligen möchte ich Ihnen mitteilen, auf welche Plato Zitate ich mich beziehe:
Wer ein Unrecht begeht, ist viel unglücklicher, als wer es erleidet.
Jedes Herz singt ein Lied, unvollständig, bis ein anderes Herz zurück flüstert.
Einem Kind, das die Dunkelheit fürchtet, verzeiht man gern;
Wir werden zweimal bewaffnet, wenn wir mit Glauben kämpfen.
Es gibt keinen Schaden, wenn man eine gute Sache wiederholt.
Nach einiger Auseinandersetzung mit den Aussagen bin ich sehr geneigt zu sagen, dass unsere Ansichten nicht so unterschiedlich sind wie bisher angenommen.
Voller Erwartung hoffe ich bald von Ihnen zu hören.
Mit freundlichen Grüßen,
Margaret Hale
Unfassbar! Margaret hatte ihm geschrieben. War es der Olivenzweig um den Bruch in ihrer Bekanntschaft zu heilen? Er las den Brief gründlich durch, um jede Passage genau zu begreifen. Irgendwann kannte er die Wörter auswendig. Durfte er wagen zu hoffen? Meinte es, was er dachte, dass es bedeuten könnte? War wirklich eine versteckte Nachricht im Brief enthalten? Oder führte sein Wunschdenken ihn in die Irre? Es gab nur einen Weg herauszufinden, was Margaret ausdrücken wollte. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals als er sich auf den Weg nach Crampton machte.
ooOOoo
Margaret Hale wanderte durchs Haus, getrieben durch eine innere Unruhe. Alles was sie nun tun konnte, war abzuwarten und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Wiederholt schaute sie auf die Uhr. Die Zeit schien diesen Morgen zu kriechen. Sie hatte bereits berechnet wie lange es dauern würde das Päckchen zu liefern, den Brief zu lesen, und zu ihr zu eilen. Wann war der früheste Zeitpunkt an dem er bei ihr sein konnte? Verstand er überhaupt was sie ihm durch die Blume mitteilen wollte? Oder war sie in ihrem Brief zu verwegen gewesen, und er würde gar nicht kommen? Hasste er sie und würde niemals wieder mit ihr reden? Irgendwann stand sie am Fenster um in Richtung von Marlborough Mills die Straße zu überblicken. Wenn John kam, würde sie ihn sehen. Es beruhigte sie ein wenig. Schließlich hieß es doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Sie war bereit den ganzen Tag am Fenster zu stehen, wenn es nur helfen würde.
Nach dem Aufstehen am Morgen hatte Margaret so früh wie möglich ihre Freundin Mary Higgins, mit dem Vorsatz den ältesten Boucher Jungen auf einen Botengang zu schicken, besucht. Sie hatte ihm das Päckchen mit Johns Handschuhen und ihrem Brief gegeben und ihn ausdrücklich angewiesen diese nur an Mr. Thornton persönlich zu übergeben. Nicht vorzustellen der Brief würde in die falschen Hände geraten! Ihr Ruf hatte bereits genug gelitten. Sie hatte ein großes Risiko auf sich genommen den Brief an Mr. Thornton zu schreiben, aber sie hatte keine andere Lösung finden können sich ihm zu nähern. Wer wagt gewinnt!
Da! Da war er, sie konnte ihn sehen! Mr. Thornton's hochgewachsene Gestalt überragte alle anderen Leute auf der Straße. Er bewegte sich mit langen Schritten direkt auf ihr Haus zu. Bei seinem Anblick setzte ihr Herz einen Schlag aus, ihre Atmung wurde flach, und sie fühlte pure Liebe für ihn. Konnten ihre Träume wahr werden? Die Anspannung und der Stress stiegen auf ein unerträgliches Maß an. Sie wagte kaum zu atmen.
Margaret hörte das Klopfen an der Vordertür, als ihr bewusst wurde Dixon hatte das Haus vor einer halben Stunde verlassen, um auf den Markt zu gehen. Sie war die einzige, die die Tür öffnen konnte. Sie rannte in den Flur, riss die Tür auf, und starrte wie gebannt mit weiten Augen John an. Der verlegene Moment endete als Mr. Thornton als erster seine Stimme wiederfand.
"Miss Hale, ich... ich habe ihren Brief erh...", bevor er die Worte die ihm auf der Zunge lagen beenden konnte, warf sie sich in seine Arme. Reflexartig umarmte er sie, und zur selben Zeit schloss er mit einem Tritt seines Fußes die Tür. Es war ein unbeschreibliches Gefühl endlich Margaret in seinen Armen zu halten, sogar wenn sie durch Weinkrämpfe geschüttelt wurde. In tröstender Weise strich er ihr über das Haar. Davon abgesehen war er verloren; er wusste nicht was er tun sollte.
Zwischen den Schluchtzern, in einem kaum hörbaren Flüsterton, sagte sie: „Es t... tut mir sooooo leid,... es tut mir so leid. I... Ich liebe dich..., vergib mir..., bitte vergibt mir...,John!"
Diese betörenden Worte ließen eine Last von seinen Schultern fallen. „Pst, Schatz, pst", versuchte er sie zu beruhigen. Er sog tief ihren lieblichen Duft ein, streichelte ermutigend ihren Rücken mit einer Hand, und mit der anderen Hand hielt er sie fest an der Taille, so als wollte er sie nie wieder gehen lassen. Er kostete den Moment so lange wie möglich aus.
Nach einer Weile ließ die Anspannung bei Margaret nach, ihre Nerven beruhigten sich, und sie stand ganz still in seiner Umarmung. Ihr Kopf ruhte an seiner Brust, sein Herzschlag tröstete sie bis sie gefasst genug war seine Arme zu verlassen. Verlegen schaute sie auf den Boden.
John Thornton kniete auf einem Bein nieder, nahm Margarets Hände in seine eigenen und sagte: „Margaret Hale, ich liebe dich. Willst du mich heiraten?"
Margaret schaute ihn an, eine vereinzelte Träne rann über ihr Gesicht, und sie antwortete aus vollem Herzen: „Gerne, John, ja das möchte ich!" Ein bezauberndes Lächeln schmückte ihr Antlitz.
Mit einer schnellen Bewegung stand er auf, nahm sie zärtlich in die Arme, und küsste sie sanft, mit all der Zärtlichkeit, die er für sie fühlte. Die Zeit stand für beide still, und glückselig wie sie waren, nahmen sie ihre Umgebung nicht wahr.
Mr. Hale kam aus seinem Arbeitszimmer und war verblüfft über den Anblick der ihn begrüßte. Lautstark fragte er: „Was geht hier vor?"
Die einzige Antwort, die er erhielt, waren die beiden frohen, errötenden Gesichter seiner Tochter Margaret und seines Freundes John Thornton, die ihn beide mit einem breiten Strahlen über das ganze Gesicht anschauten.
