Hermine saß allein am Gryffindortisch und starrte in ihr Müsli. Es war noch sehr früh, deshalb war die große Halle so gut wie leer. Sie bekam keinen Bissen herunter und rührte unschlüssig in der Schüssel. Die ganze Zeit spukte ihr der Kuss mit Draco durch die Gedanken. Sie hatte es nicht gewollt. Eigentlich. Aber zu ihrem Schrecken musste sie zugeben, dass es nicht komisch oder etwas in der Art gewesen war. Nein, sie hatte es sogar vielmehr genossen. Sie fühlte sich, als würde ihr bisheriges Leben sinnlos gewesen sein, irgendetwas hatte sich verändert. Aber es war doch nicht möglich, dass ein Kuss, ein einziger Kuss, alles verändern konnte. Und dieser Kuss war ja nicht aus Liebe oder Verlangen heraus entstanden, oder weil einer von ihnen es unbedingt gewollt hatte.
Aber wie denn dann? Sie wusste nur noch, wie er da gewesen war, als plötzlich sonst niemand da war. Und dass er in diesem Moment das einzige war, das zählte. Für diesen winzigen Moment, in dem sich ihre Lippen berührten. Seine kühlen, etwas rauen Lippen auf ihren. Nur für diesen kurzen Augenblick war alles in Ordnung gewesen.
Doch dann war Rons Gesicht in ihrem Kopf aufgetaucht. Ron, den sie schon so lange liebte. Sie seufzte und stand auf. Sie lief aus der Großen Halle, in die jetzt immer mehr Schüler zum Frühstück kamen. Sie hielt den Kopf gesenkt, wollte nicht, dass irgendwer sie bemerkte oder mit ihr sprach – bis sie in jemanden hineinlief. Verblüfft schaute sie auf und schaute in Dracos ebenso verblüfftes Gesicht. Schnell eilte sie weiter, sie wollte so schnell und so weit wie möglich weg von ihm. Hermine spürte seinen Blick in ihrem Rücken. Wo sollte sie hin? Im Gemeinschaftsraum würde sie nur Ron und Lavender begegnen, der Unterricht begann erst in einer Stunde. Doch dann kam ihr eine Idee. Sie lief die Treppen nach oben in einen ihr wohlbekannten Gang. Vor einer Wand blieb sie stehen und schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war vor ihr eine kleine Tür erschienen. Sie öffnete sie und betrat den Raum, der dahinter lag. Sie wollte gerade die Tür hinter sich schließen, als sich ein schwarzer Schuh dazwischen schob. Sofort war ihr klar, wessen Schuh das war. Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte sich gegen ihn zu wehren, deshalb öffnete sie die Tür ein bisschen weiter, sodass er eintreten konnte.
„Der Raum der Wünsche", murmelte er und schaute sich um. Der Raum der Wünsche war Hermines Wunsch entsprechend klein mit einem riesigen Bett und unglaublich vielen Kissen und Decken. Draco schaute sie mit einer hochgezogenen Augenbraue an.
„Warum bist du mir gefolgt?", fragte sie und ignorierte seinen Blick.
„Ich will mit dir reden", sagte er leise und schaute auf seine Schuhe.
Sie schloss die Tür, ging zum Bett und kuschelte sich in eine Decke. Für sie war es der perfekte Rückzugsort. Der perfekte Ort, um allein mit seinen Gefühlen zu sein. „Warum mit mir?"
Er blieb an der Tür stehen, unschlüssig, ob er näher kommen konnte. „Ich hab das Gefühl, dass ich mit dir reden kann. Über… über schwierige Themen."
Sie schaute auf ihre Knie unter der Decke und sagte schließlich: „Setz dich."
Langsam, immer noch unschlüssig, setzte er sich zu ihr aufs Bett. Er schwieg. Hermine war die Situation unangenehm. Ihr schein es, als wären zwischen ihnen irgendwelche Spannungen. Sie räusperte sich. „Ähm, wegen gestern", murmelte sie und er hob sofort den Kopf und schaute sie aus seinen grauen Augen erstaunt an.
„Ich… ich weiß nicht, warum das passiert ist", fuhr sie fort.
„Ich auch nicht", pflichtete er ihr schnell bei.
„Aber es kommt mir falsch vor, mich zu entschuldigen. Ich weiß auch nicht warum." Sie seufzte und erwiderte seinen Blick.
Draco nickte. „Weißt du, wir haben beide Probleme. Und wir suchen beide Ablenkung, oder?"
Hermine war verwirrt. „Was?"
„Du weißt, was ich meine, oder?" Sein Blick war durchdringend.
„Ja", sagte sie leise. „Ja."
„Naja. Ich denke, der Kuss hat nichts zu bedeuten. Wir haben Trost gebraucht." Er machte ein nachdenkliches Gesicht. Hermine wollte vor ihm auf keinen Fall zugeben, wie sehr der Kuss sie wirklich verwirrt hatte. Deshalb stimmte sie ihm einfach zu und sagte dann nachdem beide kurz geschwiegen hatten: „Du wolltest mit mir über etwas reden."
Sofort verschloss sich seine Miene und er senkte den Blick. „Du weißt, was mein Vater ist."
„Wie meinst du das?", fragte sie.
„Du weißt, dass er ein Anhänger des Dunklen Lords ist."
Hermine schnappte erschrocken nach Luft. Ja, natürlich hatte sie das gewusst. Aber es jetzt so ausgesprochen zu hören…
„Ich …. Ich … Hermine, ich will, dass du weißt… Ich bin kein Todesser", stammelte er.
Unwillkürlich musste Hermine ein wenig Lächeln. „Ich weiß."
Er hob den Kopf, einen erstaunten Ausdruck auf dem Gesicht. Er zögerte kurz, dann erwiderte er ihr Lächeln. Sie rutschte zu ihm und lehnte sich an seine Schulter. „Aber er hat dich mitreingezogen, stimmt's?", flüsterte sie. Sie spürte, wie er nickte und fragte weiter: „Was sollst du tun?"
Er schniefte und sie legte ihm die linke Hand an die Wange, drehte seinen Kopf zu sich. Eine Träne lief über sein Gesicht und sie wischte sie sanft weg.
„Ich muss … ich muss… ich …", begann er, brach dann aber ab.
„Shhh", machte sie und musterte sein Gesicht. In seinen Augen konnte sie deutlich Angst und Verwirrung erkennen. Sie wollte ihm helfen. Sie wollte ihm einfach nur helfen. Kurzerhand schlang sie beide Arme um ihn und drückte ihn an sich. Er bewegte sich nicht, saß einfach nur da, geborgen in ihren Armen. Schließlich ließ sie ihn los und er wandte sich zu ihr. Er stand auf und ging ein paar Schritte in Richtung Tür, drehte sich dann aber um und kehrte zurück. Er blieb vor ihr stehen, beugte sich zu ihr herunter und küsste sie auf die Stirn. „Danke", sagte er leise und ging dann. Hermine blieb verdattert zurück, die Stelle an der Dracos Lippen ihre Stirn berührt hatten, fühlte sich an, als würde sie brennen. Sie fuhr mit der Hand darüber, doch das Gefühl blieb.
Was sollte jetzt aus ihr werden? Wie konnte sie Draco nur helfen? Wie sollte sie sich über ihre Gefühle klar werden?
