„Warum starrt Malfoy dich so an?", fragte Harry und Hermine schreckte auf.
„Wie bitte?"
„Warum starrt Malfoy dich so an?" Er machte eine kurze Pause. „Und wieso starrst DU ihn an?"
Hermine spürte, wie ihr Gesicht rosa anlief und versuchte fieberhaft, sich eine Ausrede einfallen zu lassen. „Err… äh… keine Ahnung", murmelte sie und schaute verlegen auf ihren Kürbispudding. Oh verdammt!, dachte sie.
Doch Harry schüttelte nur den Kopf und aß weiter. Erleichtert darüber, dass er nicht weiter nachbohrte, huschte Hermines Blick wieder kurz zurück zu Draco, der kaum merklich lächelte. Schnell senkte sie den Kopf wieder; sie wollte auf keinen Fall, dass Harry Verdacht schöpfte. Sie aß ihren Pudding auf und stand auf. „Ich geh' dann mal", sagte sie zu Harry, der mit vollem Mund nickte. Hermine lief aus der Großen Halle und warf einen ganz kurzen letzten Blick über ihre Schulter zurück zu Draco. Doch er saß gar nicht mehr auf seinem Platz, sondern lief ihr geradewegs hinterher. Ihr huschte ein Lächeln übers Gesicht, auch wenn sie es eigentlich nicht unbedingt wollte. Sie freute sich darüber, dass Draco Malfoy ihr folgte? Was war denn bitte los mit ihr? Sie bog in einen Korridor ab, in der Hoffnung, dass dort niemand war. Und ihre Hoffnung wurde erfüllt. Sie lehnte sich an eine Wand und wartete. Wenige Sekunden später schlenderte Draco auf sie zu. Irgendwie fühlte sich dieses Mal alles anders an. Es war nicht diese traurige Stimmung, die sie verband, sondern etwas anderes. Hermine wusste genau, was es war. Aber sie wollte es auf keinen Fall zugeben. Und schon gar nicht vor ihr selbst, das konnte sie nicht, es war einfach unmöglich.
Draco blieb vor ihr stehen. „Was ist?", fragte sie leise.
„Nicht hier", erwiderte er, drehte sich um und lief davon. Er wusste, dass Hermine ihm folgen würde. Und Hermine wusste, dass sie absolut nichts anderes wollte. Sie ging ihm hinterher die Stufen hinauf. Sofort war ihr klar, wohin er wollte; irgendwohin, wo sie nicht gestört wurden: in den Raum der Wünsche. Er blieb vor der Wand stehen, sie dicht hinter ihm. Die gleiche Tür wie letztes Mal erschien, doch als sie eintraten, sah der Raum anders aus. Es war klein, und es brannten Kerzen rund um ein großes Bett, das mit weißer Bettwäsche bezogen war.
Hermine stand wie erstarrt und Draco schloss die Tür. „Das… das ist", stotterte Hermine und auch Draco sah etwas verwirrt und peinlich berührt aus.
„Daran habe ich nicht gedacht", sagte er leise.
„Ich auch nicht."
Sie blieben stehen und starrten wie gebannt auf das Bett und die Kerzen.
„Der Raum der Wünsche ist immer genau das, was man gerade am meisten braucht", flüsterte Hermine schließlich. Sie drehte sich zu Draco um, der sie fragend anschaute.
„Aber was bedeutet das?", fragte er.
Hermine wusste es. Aber sie wollte es nicht aussprechen. „Draco", begann sie. „Nach was sieht es denn aus?"
Er schaute sie kurz verwirrt an, dann weiteten sich seine Augen in plötzlicher Erkenntnis. Ihm klappte der Mund auf und sein Gesicht lief zartrosa an. Verlegen strich er sich durch die weißblonden Haare, wodurch er sie zerzauste. Hermine biss sich auf die Unterlippe, unterdrückte das Gefühl zu ihm zu gehen und ihn auf der Stelle zu küssen. Mit den zerzausten Haaren und dem verlegenen Gesichtsausdruck sah er einfach so… so verdammt heiß aus. Sie ging zum Bett und setzte sich, er blieb stehen wo er war und starrte auf seine schwarzen Schuhe. In dem Halbdunkel der Kerzen leuchtete sein Kopf förmlich. Durch die hellen Haare und den hellen Teint entstand ein starker Kontrast zu seinen schwarzen Klamotten. Hermine betrachtete ihn und bemerkte nicht, wie sich ein kleines Lächeln auf ihr Gesicht stahl.
Er sah auf und erwiderte ihr Lächeln, bewegte sich ansonsten jedoch nicht. Hermine hatte Ron aus ihren Gedanken verbannt. Was in diesem Moment zählte war nur Draco. Einfach nur Draco Malfoy und sonst nichts. Er schien sich nicht bewegen zu wollen und Hermine konnte nicht laut aussprechen was sie wollte. Nicht, dass sie es nicht aussprechen wollte, es war ihr vielmehr unmöglich die richtigen Worte zu finden.
Deshalb stand sie auf und lief die wenigen Schritte zurück zu Draco. Dicht vor ihm blieb sie stehen. Er schaute zu ihr herunter. In seinen grauen Augen konnte sie Verunsicherung erkennen, aber auch Feuer. Das Gleiche, was er in ihren braunen Augen sehen konnte. Sie seufzte und merkte dabei, dass sie den Atem angehalten hatte. Kurz schloss sie die Augen, dann stellte sie sich auf ihre Zehenspitzen, sein Gesicht kam ihr entgegen und ihre Lippen trafen aufeinander. Es war ein zarter Kuss, seine Lippen waren dieses Mal warm, aber dennoch ein bisschen rau. Nichts schmeckte nach Salz und es fühlte sich einfach richtig an. Genauso sollte es sich anfühlen… so perfekt. Sie schlang beide Arme um seinen Hals, es geschah wie ganz von allein. Sie spürte seine dünnen, aber erstaunlich kräftigen Arme um ihre Taille, wie sie sie näher an sich zog.
Es fühlte sich so gut an. So richtig. Hermine hörte auf nachzudenken. Sie ließ sich von ihren Gefühlen leiten, verlor sich völlig in seinen Berührungen.
Plötzlich spürte sie, wie Draco sich versteifte und löste sich von ihm. „Was hast du?", fragte sie atemlos und noch immer wie betäubt.
„Hermine… ich will keine Ablenkung von Ron sein", sagte er mit belegter Stimme.
Sie zögerte. Er war eine Ablenkung von Ron gewesen, das war richtig. Doch das war er nicht mehr. Aber sie wollte es auch von ihm hören. Wollte seine Gefühle ausgesprochen haben.
Deshalb fragte sie nur: „Wie bitte?"
Er schaute auf und sah aus, als hätte sie ihn mit einem Brett ins Gesicht geschlagen.
„Ich will, dass du es sagst", flüsterte Hermine und schaute ihm fest in die Augen.
„Was?" Draco schwieg. Hermine trat näher und nahm seine kalte Hand in ihre warme, kleine. Er lächelte kurz, dann sagte er: „Ich will keine Ablenkung von Ron Weasley sein. Ich will kein Ersatz für ihn sein. Oder für sonst irgendwen. Und ich will dich, Hermine. Nur dich. Aber was willst du?"
Einerseits war ich mir sicher, dass ich nur Draco wollte. Zumindest war das im Moment so. Aber wie würde es in einer Viertelstunde aussehen? Oder morgen? In zwei Monaten? Rons Gesicht schwebte durch Hermines Gedanken. Die ganzen Jahre war sie in ihn verliebt gewesen. Und jetzt plötzlich wollte nicht mehr? Es erschien ihr merkwürdig, aber seltsamerweise entsprach es der Wahrheit. Schließlich holte sie tief Luft. „Ich…", begann sie, doch ihre Stimme zitterte so sehr. Sie sah seinen Gesichtsausdruck; enttäuscht und traurig. Und sie begriff, dass er dachte, sie wollte ihn nicht. Dabei war er das Einzige, das zählte. Sie wollte es sagen, wollte ihm ins Gesicht schreien, dass sie nur ihn wollte. Doch seltsamerweise brachte sie kein Wort über die Lippen. Hermines Gedanken rasten, sie schrie innerlich so laut, dass sie dachte, er müsse es doch hören. Doch er befreite seine Hand aus ihrer und drehte sich von ihr weg.
In ihrer Kehle hatte sich ein großer, fetter Kloß gebildet, der jedes ihrer Worte abfing. Draco war dabei, den Raum zu verlassen.
„Draco. Nein, nicht", krächzte sie, doch er schloss die Tür.
Kurz stand Hermine wie versteinert da. Geschockt. Was hatte ihr Körper ihr da für einen Streich gespielt? Es war, als wollte ihr Verstand Draco, aber ihr Körper wollte Ron. Das war doch nicht möglich. Nicht jetzt. Nicht hier. Wie konnte das nur passieren? Sie wollte ihm hinterher rennen, ihn küssen, ihn anschreien. Doch stattdessen blieb sie stehen und fuhr sich mit dem Finger über die Lippen, auf denen sie noch immer Dracos spüren konnte. Weinend brach sie auf dem Bett zusammen.
