Sie hat schon wieder geweint, dachte Draco traurig.

Es waren Wochen vergangen. Wochen, die Draco endlos lang vorkamen. Er hatte Hermine seine Gefühle offenbart und sie hatte einfach dagestanden und ihn angesehen und keine Worte herausgebracht. Jedes Mal, wenn er sie ansah, konnte er ihr Leiden erkennen, wie schwer es ihr fiel überhaupt morgens aufzustehen. Es tat ihm weh, sie so zu sehen. In seiner Seele, in seinem Herzen, überall schmerzte es.

Hermine saß am Gryffindortisch zwischen Harry und diesem Weasley-Mädchen. Das Mädchen hatte einen Arm um sie gelegt und redete auf sie ein, doch Hermine schien sie gar nicht zu hören. Stattdessen starrte sie unentwegt zu ihm herüber. Er wich ihrem Blick aus.

Eigentlich wollte er nur zu ihr rüber. Doch er konnte nicht. Sie hatte ihn verletzt. Sehr verletzt. So sehr verletzt, wie es ihn verletzte, sie in diesem Zustand zu sehen. Und dann noch sein Auftrag. Langsam schien ihm alles über den Kopf zu wachsen. Der dunkle Lord. Er würde ihn töten, wenn er es nicht tat. Doch er konnte es nicht tun, es war ein Ding der Unmöglichkeit.

Er seufzte, schob seinen vollen Teller von sich und stand auf. Heute hatte er keinen Mittagsunterricht, wofür er äußerst dankbar war. Ziellos lief er durch das Schloss, bis er schließlich vor der Treppe zum Astronomieturm stehen blieb. Er zögerte kurz, lief dann aber nach oben. Er stellte sich ans Geländer und starrte über die Ländereien von Hogwarts und den Schwarzen See. Eine kalte Brise fuhr ihm unter seinen schwarzen Pullover und er fröstelte. Der Geruch von Schnee lag in der Luft. Er hörte Schritte hinter sich und fuhr herum. Es war Hermine. Wer sonst?!

Sie hatte die Arme um ihren Körper geschlungen und zitterte. „Was willst du?", fragte er, seine Stimme war barscher, als er es wollte. Hermine zuckte zusammen und schaute ihn betroffen an.

Sie räusperte sich. „Verzeih mir", sagte sie leise und er sah die Tränen, die in ihren Augen glitzerten. Natürlich verzieh er ihr. Doch er wollte es nicht sagen. Noch nicht. Er schwieg.

„Wär auch zu schön gewesen." Sie lachte kurz bitter auf. „Weißt du, ich will nur dich, Draco. Nur dich. Dich ganz allein. Ich will nicht Ron oder sonst irgendwen. Nur dich."

Innerlich machte er einen Freudentanz. Aber offen zeigen? Nein. „Warum sagst du mir das jetzt?"

Sie biss sich auf die Lippe. „Weil ich es jetzt kann."

„Und wieso konntest du es nicht früher? Wegen Ron? Er hat doch Brown!"

Sie sah auf. „Ja, wegen Ron. Es ist mir egal, was er macht. Oder mit wem er zusammen ist."

Er wandte sich von ihr ab, sagte nichts. Hermine trat neben ihm ans Geländer und legte eine Hand über seine. Federleicht lag sie dort, aber es fühlte sich an, als würde sie elektrische Schläge durch seinen Körper senden. Angenehme Schläge. Er lächelte.

„Hermine, ich habe dir schon längst verziehen", flüsterte er und schaute sie an. Die Tränen waren aus ihren braunen Augen verschwunden und sie trat ganz nah an ihn heran.

Draco spürte die aufgeladene Luft zwischen ihnen und plötzlich lagen ihre Lippen auf seinen. Sie waren kalt, aber weich. Ihre Arme lagen um seinen Hals. Er vergrub eine Hand in ihrem dichten, lockigen Haar, die andere lag um ihre Taille und drückte sie eng an sich. Es war ein sanfter, langsamer Kuss. Unwillkürlich musste er lächeln. Das war, was er die ganze Zeit gewollt hatte. Was er vermisst hatte. Sie rückte von ihm ab, nur einen Zentimeter und schaute zu ihm auf. In ihren Augen las er Glück und Freude – und Verlangen. Sie biss sich wieder auf die Unterlippe, aber nicht mit dieser verunsicherten Art wie vorher, sondern verführerisch. Er grinste und küsste sie. Und dieses Mal war der Kuss alles andere als sanft. Es war ein Kuss voller Verlangen. Er presste sie gegen einen der Pfeiler, die das Dach des Turms stützen. Sie atmete schwer, ebenso wie er selbst. Noch immer hatte Draco eine Hand in ihrem Haar, mit der anderen stützte er sich an dem kalten Stein des Pfeilers ab.

„Das ist das, was ich die ganze Zeit wollte", wisperte sie keuchend.

„Das ist das, was ich ersehnt habe", erwiderte er und sie zog ihn zu sich herunter und küsste ihn, wie er noch nie zuvor geküsst worden war. Er verlor sich völlig in dem Kuss. In ihren Lippen, ihren Armen um seinen Hals, ihrem Bauch, der gegen seinen drückte. Sein Herz klopfte laut und schnell, im gleichen Takt wie ihres. Alles um ihn herum verschwand. Nur sie war noch da. Nur sie zählte. Es war das Schönste, das er je gefühlt hatte.