„Hermine, ich kann mir nicht mehr vorstellen, von dir getrennt zu sein." Draco strich ihr sanft über den Kopf.

„Dann stell es dir nicht vor", erwiderte sie.

Er seufzte. „Hermine. Ich meine es ernst. Ich möchte nicht von dir getrennt sein. Nie wieder."

Hermine hatte mit dem Kopf auf seinem Schoß gelegen und setzte sich jetzt auf. Sie schaute ihm ernst in die Augen. „Ich will das auch nicht."

Wieder seufzte er, lächelte aber schwach. „Ich … du weißt, dass der Dunkle Lord mir einen Auftrag gegeben hat."

Sie nickte. Er hatte es ihr vor wenigen Tagen erzählt. Er hatte ihr nur erzählt, dass er einen Auftrag hatte, nicht wie dieser genau aussah. Sie wollte es eigentlich auch gar nicht wirklich wissen.

Die beiden saßen im Raum der Wünsche, indem ein großes, gemütliches Sofa, ein Bücherregal und Pflanzen standen. Es sah aus wie ein normales Wohnzimmer.

Er konnte sie nicht ansehen, sondern starrte auf seine Hände. „Du wirst mir nie verzeihen können."

Sie schwieg. Was konnte so schrecklich sein, dass sie ihm nicht verzeihen konnte?

Er starrte weiterhin auf seine Hände und Hermine konnte die Tränen sehen, die langsam seine Wangen hinunterliefen. Sie setzte sich auf seinen Schoß und nahm sein Gesicht in die Hände. Draco schaute zu ihr auf, seine Augen gläsern von den Tränen. Er sah so verletzlich aus. Hermine strich sanft mit dem Zeigefinger die nasse Spur nach, die die Tränen über Dracos ausgemergeltes Gesicht gezogen hatten. Er war dünn geworden, fast schon dürr in den letzten Monaten. Etwas bereitete ihm schreckliche Sorgen. Sie wusste was es war: Voldemort, sein Auftrag, die Sicherheit seiner Familie und auch ihre Sicherheit.

„Es gibt nichts, was ich dir nicht verzeihen könnte", wisperte sie schließlich.

Er schüttelte nur traurig den Kopf und barg diesen dann an ihrer Schultern. Sie machte sich Sorgen um ihn. Er bedeutete ihr so viel, war das Wichtigste in ihrem Leben geworden. Aber sie wusste, dass ihre Zeit begrenzt war. Jetzt, da die Zeiten immer dunkler wurden. „Draco?", fragte sie leise und er schaute zu ihr auf. Es liefen ihm keine Tränen mehr übers Gesicht.

„Mh?", machte er fragend.

Sie zögerte kurz. Keiner von ihnen hatte es bis jetzt laut gesagt. Sie wussten es beide, aber Gefühle in Worte zu fassen war für beide nicht so leicht. Sie holte tief Luft und sagte: „Ich liebe dich."

Seine Augen weiteten sich etwas und blitzten. Hermine erkannte, dass er Freude empfand. Ein breites Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus und augenblicklich waren der ganze Kummer und die Tränen vergessen.

„Ich liebe dich auch", erwiderte er und küsste sie sanft und lange. Auch wenn der Kuss nach Tränen schmeckte, war es dennoch der schönste von allen. Von ihrem Bauch aus breitete sich in Wellen ein warmes Gefühl in ihrem Körper aus. Eine tiefe Zuneigung wallte ihn ihr hoch und schnürte ihr die Kehle zu. Ihr Herz klopfte heftig und sie schnappte nach Luft. Draco schaute sie besorgt an, aber sie winkte nur ab. Wie von selbst drehten sich ihre Körper und plötzlich lag Hermine unter ihm. Sie spürte seinen Körper auf sich, aber nicht schwer oder so, dass sie keine Luft mehr bekam. Er stützte sich ab und lächelte auf sie herab. Sie zog seinen Kopf zu sich hinunter. Zwischen ihnen bestand keinerlei Verlangen oder heiße Leidenschaft. Dort war nur Vertrautheit, Zärtlichkeit. Er legte sich neben sie und legte einen Arm um sie. Sie kuschelte sich eng an ihn, spürte seine Wärme und seinen gleichmäßigen Atem. Ihr Herzschlag passte sich wie von selbst seinem an. In diesem Moment war sie glücklich. Einfach glücklich bei ihm zu sein. Sie lächelte und merkte, wie sie dösig wurde und schließlich einschlief.

Als sie erwachte war sie allein. Sie setzte sich verwirrt auf und rief nach Draco, doch er antwortete ihr nicht. Sie stand auf, zog ihre Schuhe an und erstarrte plötzlich. Von weiter unten im Schloss tönte Krach zu ihr nach oben. Sofort sprang sie auf und rannte durch die dunklen Korridore. Es war Nacht, aber es war laut und da hörte sie es – das irre Lachen von Bellatrix Lestrange. So schnell sie konnte, stürmte sie nach unten. Professor Snape eilte aus dem Schloss, dicht gefolgt von Draco und ein paar Todessern. Sie wollte ihnen hinterher rennen, aber eine Hand packte sie am Arm und hielt sie zurück. Sie versuchte sich loszureißen, doch es gelang ihr nicht. Harry rannte an ihr vorbei, den Todessern hinterher. Wütend und verzweifelt schrie sie auf und trat um sich, doch der Griff wollte und wollte sich nicht lockern. Sie wusste nicht, wer es war, der sie festhielt, aber sie wusste nicht, was sie tun sollte und sackte gegen ihn. Es war Ron, der seine Arme um sie schlang und sie festhielt, während sie hemmungslos weinte.

„Dumbledore ist tot", flüsterte irgendwer und sofort war es in aller Munde. Dumbledore ist tot. Der Schreck fuhr Hermine in die Glieder und sie richtete sich kerzengerade auf, riss sich endlich von Ron los, der zu überrascht war, um sie festzuhalten. Sie rannte nach draußen und zögerte kurz. Wohin? Sie hörte Harrys Schreie und Bellatrix' irres Lachen über das Gelände bis zu ihr herauf. Doch sie wusste, das war nicht ihr Weg – auch wenn er sie zu Draco führen würde. Astronomieturm. Instinktiv wusste sie, dass das der richtige Weg war. Und dort lag Dumbledores Körper. Sie hockte sich auf den Boden, unfähig zu weinen. Das war sein Auftrag gewesen? Dumbledore zu töten? Hermine kannte Draco gut genug, um zu wissen, dass er es nicht gewesen sein konnte. Sie wusste es einfach. Und plötzlich waren Harry und Ron da und Harry sagte atemlos und voller Abscheu: „Es war Snape."

Hermine entfuhr ein kurzes Lachen, dass sie in einem Husten verbarg. Einerseits war sie traurig, dass Dumbledore tot war. Aber andererseits – es war nicht Draco gewesen. Er hatte es nicht gekonnt. Er war kein schlechter Mensch. Sie verstand, dass er nicht sterben wollte. Er hatte die ganze Zeit über nur sie schützen wollen. Sie lächelte und sie schwor sich: Sie würde ihn wiedersehen. Sie würde ihn wieder in den Armen halten und seine Lippen auf ihren spüren.

Sie lächelte ein wenig und hob ihren erleuchteten Zauberstab hoch in die Luft. Der letzte Tribut an Dumbledore.