Verdammt!, dachte Draco. Nicht sie. Nur nicht sie.

Die Greifer führten sie herein, alle drei. Erst Harry, dann Ron und dann Hermine. Dracos Herz setzte einen Moment lang aus, bevor es wild zu klopfen begann. Seine Tante Bellatrix schleifte Harry zu ihm. „Ist er es? Ist das Harry Potter", fragte sie mit schriller Stimme. Das Gesicht des Jungen war deformiert, aber natürlich war das Harry. Aber es lag ganz und gar nicht in Dracos Sinn, ihn zu verraten. Er schwieg, sagte einfach gar nichts. Er hielt es für das Beste. Er spürte Hermines Blick auf ihm und schaute einen kurzen Moment zu ihr herüber. Sie sah fertig aus und zerschunden.

Er hatte so lange darauf gewartet, sie wiederzusehen. Er wollte zu ihr rennen, sie in die Arme schließen, ihren Geruch einatmen, sie mit Küssen bedecken. Sie stand dort, nur wenige Meter von ihm entfernt und er konnte seine Gefühle nicht offen zeigen. Er hatte sich in seinen Gedanken um Hermine verloren, als um ihn herum plötzlich Tumult ausbrach. Er wusste nicht genau, was los war, aber plötzlich ging Bellatrix auf einen der Greifer los, schmiss sie dann alle aus dem Haus und Harry und Ron wurden ins Verlies gebracht.

Hermine blieb stehen und guckte ihn betroffen an. Draco wusste, was jetzt passieren würde und wandte sich an seine Mutter. „Mutter", sagte er flehend. „Bitte. Bitte verhindere, dass Tante…" Er kam nicht weiter, denn er hörte ein dumpfes Geräusch und Hermine lag auf dem Rücken und starrte voller Angst in Bellatrix' Gesicht.

„Nein!", murmelte er und machte einen Schritt nach vorn. Seine Mutter hielt ihn am Arm fest, bevor er weiterkam.

Überrascht drehte er sich um. „Draco, nicht", sagte sie traurig. Er wusste, dass er gegen seine Tante nichts ausrichten konnte. Aber Hermine. Er musste ihr doch irgendwie helfen können. Er konnte sie nicht einfach so ihrem Schicksal überlassen; der Folter und dem Schmerz. Die Verzweiflung wallte in ihm auf, als ihm nichts einfiel und Hermine unter Schmerzen schrie.

Ihr Arm brannte fürchterlich. Die Tränen liefen ihr in Strömen aus den Augenwinkeln und verschwanden in ihrem Haar. Bellatrix hockte auf ihr, sie konnte sich nicht bewegen, nichts gegen den schrecklichen Schmerz in ihrem Arm tun.

Ein erneutes Brennen. Sie schrie vor Schmerz. Sie wandte den Kopf und sah immer noch Draco, der verzweifelt durch den Raum schaute. Sie wusste, dass er nichts gegen seine Tante unternehmen konnte. Und schon allein sein Anblick machte es leichter Bellatrix' Folter auszuhalten.

Erneut schrie sie auf vor Schmerz und sah wie Draco zusammenzuckte und das Gesicht verzog, so als würde er selbst den Schmerz spüren. Und dann war Bellatrix fertig. Sie hüpfte von ihr herunter und aus dem Zimmer, aber ihr irres Lachen hallte weiterhin durchs Haus. Der Schmerz pulsierte Hermines Arm hinauf. Sie lag auf dem Boden, noch immer unfähig, sich zu bewegen und starrte Draco an, dessen Mutter etwas zu ihm sagte und dann ebenfalls aus dem Zimmer ging. Sofort eilte Draco zu ihr und beugte sich über sie. Sofort bemerkte sie, dass auch er in keinem guten Zustand war: sein Haar war zerzaust, er war komplett ausgemergelt und noch blasser als sonst.

Er kniete neben ihr, eine Hand an ihrer Wange. „Es tut mir leid", flüsterte er immer wieder.

„Was?", fragte sie mit vom Schreien heiserer Stimme.

„Dass ich dir nicht helfen konnte. Dass ich nicht bei dir sein konnte. Einfach alles", murmelte er.

Sie lächelte schwach. „Das ist nicht deine Schuld. Hilfst du mir hoch?"

Er nickte, legte beide Arme um ihren Oberkörper und sie einen um seinen Hals.

Sie war federleicht in seinen Armen. Abgemagert und schwach hing sie an ihm, konnte nicht aus eigener Kraft stehen. Er schaute auf ihren Arm. Entsetzt erkannte er, was seine Tante in die zarte Haut geritzt hatte. Schlammblut.

„Ich will nicht wieder von dir getrennt werden", wisperte sie so leise, dass er sie kaum verstand.

„Ich auch nicht", antwortete er. Sie jetzt bei sich zu haben und sei es auch nur für wenige Augenblicke, war das Schönste, was ihm seit Monaten wiederfahren war und die Vorstellung, sie je wieder gehen zu lassen – es war unmöglich. Er wusste nicht, wie er das noch einmal aushalten sollte. Die ständige Sorge um das Mädchen, das er so sehr liebte.

Er hörte Schritte und plötzlich standen seine Eltern und seine Tante wieder im Raum. Überrascht und angeekelt starrte Bellatrix ihn und Hermine an, aber bevor sie handeln konnte, brach schon wieder das Chaos um sie herum aus. Alles ging sehr schnell und als Draco Dobby auf dem riesigen Kronleuchter sah, musste er unwillkürlich grinsen. Er hatte den Hauselfen vermisst. Bellatrix und seine Eltern waren abgelenkt von dem Wesen auf dem Kronleuchter und Draco trug Hermine in die Richtung von den Gefangenen, die gerade aus dem Verlies nach oben kamen.

„Geht", raunte er ihnen zu. „Na los, jetzt macht schon!"

Harry warf ihm einen überraschten Blick zu, hob Wurmschwanz' Zauberstab und rief: „Expelliarmus!" Dracos Zauberstab wurde ihm aus der Hand gerissen und er grinste Harry zu. Hermine hing mehr oder weniger bewusstlos in Rons Armen, der das Geschehen mit offenem Mund beobachtete. Plötzlich krachte der Kronleuchter herunter und Dobby stand zwischen den Gefangenen. Sie apparierten und Bellatrix, die entwaffnet worden war, warf ein Messer nach ihnen. Draco überlegte nicht lange, oder besser gesagt gar nicht, sondern sprang den Apparierenden hinterher, genau vor das Messer. Er bekam eine Hand zu fassen, die ihn festhielt, während sich in seinem linken Arm ein stechender Schmerz ausbreitete. Er grinste zufrieden, trotz des Schmerzes. Er hatte das erreicht, was er wollte: Das Messer würde niemand anderen treffen als ihn. Er würde bei Hermine bleiben.