Hermine erwachte und setzte sich verwirrt auf. Blinzelnd schaute sie sich um. Sie selbst saß in einem Bett unter einem kleinen Fenster, durch das Meeresgeräusche an ihr Ohr drangen. Gegenüber von ihrem Bett befand sich noch ein weiteres, in dem sich aber niemand befand. Allerdings waren die Laken zerwühlt, es hatte also jemand darin geschlafen. Wo war sie? Als ihr Blick auf ihren linken Arm fiel, kam die Erinnerung zurück. Die Erinnerung an Bellatrix, ihre Flucht und – an Draco. Wo er wohl war? Ob er auch hier in diesem Haus war? Ob es ihm gut ging? Sie erinnerte sich vage an viel Blut, aber sie wusste nicht, woher es stammte. Ob es seins war oder nicht. Sie schwang die Beine aus dem Bett und genau in dem Moment ging die Tür auf und Luna streckte den Kopf herein.
„Oh", sagte sie und lächelte. „Ich gehe Draco sagen, dass du wach bist."
„Danke", krächzte Hermine, denn ihre Kehle war staubtrocken. Sie sah sich nach etwas zu trinken um, konnte aber nichts finden. Sie stand auf und wackelte. Irgendwie fühlte sie sich nicht besonders sicher auf den Beinen. Genervt seufzte sie und tappte Richtung Tür. Ihre Füße waren kalt und als sie an sich herunterschaute bemerkte sie, dass sie barfüßig war und ein weißes, knielanges Nachthemd trug. Wer hatte sie umgezogen?
Plötzlich ging die Tür zum zweiten Mal auf, dieses Mal stürmte Draco herein und bremste abrupt ab, als er sie in der Mitte des Raums stehen sah. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus und etwas sanfter schloss er die Tür hinter sich. Sein Arm war bandagiert … also war es wohl sein Blut gewesen. „Wie geht es dir?", fragte er.
Hermine schluckte und räusperte sich, um ihre Kehle zu befeuchten. „Ich habe Durst", antwortete sie. „Und wo sind wir? Was ist das für ein Ort? Und was ist mit deinem Arm?" Dann versagte ihr die Stimme in der wieder trockenen Kehle.
„Geh wieder ins Bett", sagte er und beantwortete damit keine ihrer Fragen, dann eilte er aus dem Zimmer und kam kurz darauf mit einer Flasche Wasser und einem Glas zurück.
Hermine hatte sich aufs Bett gesetzt und sich in ihre Decke gewickelt. Dankbar nahm sie das Wasser entgegen und trank einen Schluck. Es fühlte sich gut an, wie es ihre Kehle hinunterrann. Sie lächelte kurz. Draco stand am Fußende des Bettes und beobachtete sie. Warum kam er nicht näher?
„Was ist?", fragte sie.
„Geht es dir gut? Was meine Tante dir angetan hat, das… es tut mir so leid", brachte er heraus.
„Das ist nicht deine Schuld", erwiderte sie sanft und fügte hinzu: „Du hast uns doch alle gerettet."
Traurig schüttelte er den Kopf und setzte sich auf ihre Bettkante. Schweigend betrachtete er ihr zerschundenes Gesicht und die verzottelten Haare. Was hatten Harry, Ron und sie in den letzten Monaten durchgemacht?
Sie hob den rechten Arm und strich im sachte über die Wange. „Was ist mit deinem Arm?", wollte sie wissen.
Er warf einen Blick auf den Verband und dachte an das zerstörte Dunkle Mal darauf. „Ein Messer", murmelte er ausweichend, aber Hermine wusste sofort, was er getan hatte.
„Du hättest das nicht tun dürfen! Draco!"
Er schaute auf in ihre braunen Augen. „Ich musste es tun. Einer von euch wäre womöglich ums Leben gekommen", sagte er mit fester Stimme. Hermine schüttelte den Kopf.
„Aber deine Eltern! Was ist mit ihnen? Der Dunkle Lord wird nicht erfreut sein", widersprach Hermine und ihre Sorge spiegelte sich auf ihrem Gesicht wieder.
„Ich hoffe, sie waren schlau genug, sofort zu fliehen. Ich würde ihnen gerne schreiben, aber das kann ich nicht riskieren." Er atmete tief ein und aus und Hermine spürte seine Verzweiflung.
„Danke", sagte sie leise und lächelte fast schon scheu. Unwillkürlich musste Draco ebenfalls Lächeln und ihres wurde breiter. Er spürte sein Herz klopfen und eine Wärme durch seinen Körper schießen, wie er sie nur mit ihr verspürte. Er beugte sich zu ihr und küsste sie ganz sanft. Sie erwiderte den Kuss ebenso leicht und schon löste er seine Lippen wieder von ihren. Es war ein kurzer Kuss, fast nur ein Hauch gewesen. Aber dennoch so intim, so vertraut.
„Erzählst du mir, was passiert ist? Weasley und Potter waren nicht so begeistert von meiner Anwesenheit." Er grinste, als er an die Gesichter von den beiden dachte, als sie aufwachten und er auf dem Sofa saß und in einem von Bills Büchern las.
Hermine seufzte, erzählte ihm dann aber von ihrer Jagd nach Horkruxen. Als sie endete starrte er sie geschockt an. „Das… das ist heftig", meinte er schließlich. Er überlegte kurz, dann sagte er: „Ich möchte euch helfen."
„Das wäre wunderbar!", rief sie aus. „Aber ich sollte lieber erst mit Harry und Ron darüber sprechen. Die beiden wissen nicht einmal von uns."
„Das wissen die wenigsten", entgegnete er und grinste.
Hermine trank noch etwas Wasser, aber sie fühlte sich schon wieder sehr müde und ausgelaugt. „Ich will schlafen", sagte sie und er stand sofort auf.
Doch sie hielt ihn zurück. „Bleibst du da?", fragte sie und er lächelte. Hermine rutschte zur Seite und legte sich auf die rechte Seite. Er legte sich zu ihr und sie kuschelte sich an ihn, spürte seine vertraute Wärme und dieses Gefühl des Glücks, das nur er in ihr hervorzurufen vermochte. Er legte seinen verletzten Arm um ihre Taille und gab ihr einen Kuss auf den Scheitel. „Schlaf gut", flüsterte Draco, aber sie war schon so weit im Land der Träume, dass sie nur noch selig lächeln konnte und dann in einen ruhigen Schlaf verfiel; sogar im Schlaf spürte sie ihn, wie sich sein Atem dem ihren anpasste.
