„Harry!", keuchte Ron atemlos. „Er ist in den Wald."
„Er ist was?", fragte Hermine entsetzt. Sie griff nach Dracos Hand, der sie fest drückte.
„Er meint, dass er es tun muss." Ron schaute unglücklich drein.
Hermine spürte, wie sich Tränen in ihren Augen sammelten. „Aber… aber er wird sterben! Wir müssen irgendetwas tun!"
„Was willst du denn machen?" Ron Stimme klang hart und Hermine sah ihn erschrocken an.
„Ich.. ähm.." Sie brach ab. Sie hatte keine Ahnung, was sie tun konnten. In ihrem Kopf herrschte plötzlich eine drückende, alles vernichtende Leere. Verzweifelt schluchzte sie auf und warf sich gegen Draco, der sie sanft in den Arm nahm. „Er hat sich geopfert. Er hat sich für uns alle geopfert", schniefte sie.
„Du weißt, dass es nötig ist, um den Dunklen Lord zu besiegen", murmelte Ron.
„Achja?!", fauchte Hermine zurück. „Woher willst du das denn wissen?"
Ron erwiderte nichts und Hermine schluchzte an Dracos Schulter. Schließlich hörte sie, wie Ron sich entfernte. "Wo geht er hin?", wollte sie wissen.
„Keine Ahnung. Zu Lavender vielleicht."
Sie löste sich von ihm. „Lass uns in die Große Halle gehen. Lass uns irgendwohin gehen, wo wir vielleicht helfen können", meinte sie und er nickte. Hand in Hand liefen sie die Treppen hinunter zur Großen Halle. Auf dem Weg mussten sie über viele Trümmerstücke der Mauern von Hogwarts klettern. Es waren viel zu viele. Die Überlebenden hatten sich in der Großen Halle versammelt, versorgten ihre Wunden, tuschelten miteinander.
Plötzlich blieb Hermine wie angewurzelt stehen. „Was ist los?", fragte Draco. Sie antwortete ihm nicht, sondern starrte auf einen Punkt im hinteren Drittel der Halle. Die Weasleys standen alle beisammen und lagen sich in den Armen. Und sie weinten.
„Nein", flüsterte Hermine, noch immer unfähig, sich zu bewegen. Sie sah George, der auf dem Boden kniete und sich über jemanden beugte. Und dann plötzlich schien die Starre sie freizulassen und sie rannte los. Ron hockte allein auf dem Boden und schluchzte. Hermine setzte sich neben ihn und nahm ihn in den Arm. Es konnte nicht sein. Es konnte einfach nicht wahr sein. Nicht Fred. Wie konnte das Schicksal nur so grausam sein und die Zwillinge auseinander reißen? In ihren Augen brannten die Tränen, die schließlich ihr Gesicht hinunterkullerten.
Ron stand auf und lief aus der Halle. Sie sah ihm nach, doch sie wusste, dass er jetzt allein sein wollte. Doch dann erkannte sie, dass sich jemand zu ihm gesellte. Es war Lavender. Ein kleines Lächeln huschte über Hermines Gesicht. Zum Glück hatte Ron sie.
Sie selbst ging zurück zu Draco, der etwas unbeholfen inmitten der anderen Zauberer und Hexen stand. Sie weinte noch immer und irgendwie waren ihre Muskeln steif geworden, so dass sie sich fühlte, als würde sie ganz merkwürdig aussehen beim Laufen. „Draco", murmelte sie, als sie ihn erreicht hatte, „wir müssen irgendetwas tun, um das zu beenden. Bitte. Das.. ich kann nicht zusehen, wie unsere Freunde sterben."
Er sagte nichts, nickte aber. Sie lehnte sich an ihn und er legte einen Arm um sie und so standen sie da, bis plötzlich Seamus durch die ganze Halle rief: „Die Todesser… Sie kommen!"
Sofort waren sämtliche Anwesenden wieder auf den Beinen und eilten (mehr oder weniger schnell, je nach dem Verletzungsgrad) nach draußen. Und tatsächlich: dort kamen die Todesser, angeführt von Voldemort, hinter dem Hagrid lief und…
„Harry?!", entfuhr es Draco.
Nicht Harry. Nicht auch noch er. Die Prozession blieb stehen. Hermine hörte einen gellenden Schrei und dann Ginny, die nach vorne rannte, aber von Mr. Weasley aufgehalten wurde. Hermine klammerte sich an Dracos Arm. „Sag mir, dass das nicht wahr ist. Sag mir, dass das nicht Harry ist", sagte Hermine mit belegter Stimme. Draco starrte auf die riesige Schar aus Todessern und antwortete ihr wieder nicht. Und so standen sie zusammen mit den anderem im Hof und schwiegen. Voldemort schrie: „Harry Potter ist tot!"
Die Todesser lachten. Auf der anderen Seite wurde die Hoffnungslosigkeit immer größer. Was konnten sie nur machen, um das alles zu beenden? Was konnten sie tun, damit Voldemort nicht an die Macht kam? Was? Was? Was?
Hermine schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter und hörte zu, was Neville gerade auf Voldemorts Aussage erwiderte. Er hielt eine kleine Rede und dann zog er plötzlich Gryffindors Schwert aus dem Sprechenden Hut. Unwillkürlich musste Hermine grinsen. Und plötzlich fiel Harry aus Hagrids Armen und – rannte los. Hermine lachte auf und Draco neben ihr grinste breit. „Er ist nicht tot", sagte er und Hermine schlang ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn. Sie spürte sein Grinsen und erwiderte es. Dann entfuhr ihr ein Kichern, bis um sie herum das Chaos ausbrach. Todesser disapparierten, Harry rannte, gefolgt von Voldemort, davon. Plötzlich waren Ron und Lavender an ihrer Seite.
„Hört auf rumzuknutschen und helft uns lieber", sagte Lavender und grinste.
Draco und Hermine mussten ziemlich verwirrt aussehen, denn sogar Ron musste bei ihrem Anblick ein wenig Lächeln.
„Es ist noch ein Horkrux übrig." Und mit etwas mehr Nachdruck in der Stimme fügte er hinzu: „Die Schlange." Und zu viert rannten sie los. Es waren nur noch wenige Todesser da, die meisten waren disappariert und deshalb gab es auch nur noch vereinzelt Kämpfe. Das Treppenhaus war vollkommen leer. „Teilen wir uns auf", sagte Ron leise. „Ihr beide geht rauf, Lavender und ich runter." Damit waren alle einverstanden und so nahm Hermine Dracos Hand und sie liefen die Stufen hinauf. Und plötzlich war sie da, direkt hinter ihnen. Sie hörten das leise, giftige Zischeln. Wie erstarrt blieben sie stehen. Dann, ganz langsam drehten sie sich um. Hermine spürte die Panik in sich aufsteigen und sie war sich sicher, dass Draco sich genauso fühlen musste. Sie hielt den Atem an und rutschte so nah an Draco heran, wie ihre Angst es zuließ und er drückte ihre Hand so fest, dass es wehtat. Doch sie hatten andere Sorgen als Schmerzen in der Hand. „Was sollen wir tun?", flüsterte Hermine so leise, dass sie sich nicht sicher war, ob Draco es überhaupt gehört hatte.
„Ich habe keine Ahnung", erwiderte er und machte langsam einen Schritt rückwärts auf die nächst höhere Stufe. Hermine wusste, dass sich in ihrer Tasche ein Basiliskenzahn befand. Doch wie kam sie an ihn heran, und wie wollte sie damit die Schlange töten. Sie ging ebenfalls eine Stufe höher, dann noch eine und noch eine, Draco an ihrer Seite. Und dann, setzte sich die Schlange in Bewegung, hielt genau auf sie zu. Hermine war sich sicher, dass das ihr Tod sein würde und klammerte sich an Draco, das Gesicht an seinem Hals, von der Schlange weg. Wenn sie schon sterben musste, dann wollte sie ihren Tod nicht so offensichtlich sehen.
Sie spürte, wie Draco sich verspannte und machte sich auf die bevorstehenden Schmerzen bereit.
