Blue Rose

Yukino sass an einem abgelegenen Tisch in der Gildenhalle von Sabertooth und betrachtete nachdenklich ihren Lieblingshaarschmuck, diese schlichte, hübsche blaue Rose. Diese hatte die Stellarmagierin während ihrer früheren Zeit in Sabertooth bekommen, vor ihrer Verbannung. Genauer gesagt, am Valentinstag vor genau einem Jahr...

Damals war sie noch oft allein gewesen. Da sie sich noch nicht stark genug gefühlt hatte, wollte Yukino damals nicht so auffallen. Sie wollte erst zeigen, wie stark sie war, sobald sie genug trainiert hatte. Sie hatte gedacht bei den Magischen Spielen wäre es soweit gewesen, aber... Pustekuchen.

Jedenfalls kannten sie zur damaligen Zeit so gut wie niemand richtig und schon gar nicht ihren Geschmack. Nur die kleine Frosch verbrachte ab und zu Zeit mit der Weisshaarigen. Darum war Yukino überrascht gewesen, am Valentinstag ein Päckchen vorzufinden, ohne irgendeiner Karte, in dem sich diese blaue Rose befand. Sie liebte Rosen, die Farbe Blau und schlichten, aber eleganten Haarschmuck. Wer konnte ihre Geschmäcker den so gut kennen?

Yukino kannte nur die Magier in Sabertooth und sowieso nicht gut genug. Sting fiel ohnehin schon aus, er war eher der Typ, der Geschenke von seinen Fangirls bekam und wenn, hätte er sicher nicht anonym gemacht. Es konnte auch nicht Orga gewesen sein, er war bei weitem nicht so delikat. Dobengal hätte es vielleicht sein können, wegen der Anonymität, dass passte doch zum Ninja. Doch Yukino konnte es kaum glauben, sie und Dobengal hatten so gut wie gar nichts miteinander zu tun. Und bei ihm wäre es eher ein orientalischer Fächer gewesen statt einer Haarblume. Rufus wäre bestimmt so delikat gewesen, doch auch er hätte es sicher nicht anonym gemacht, mindestens hätte er ein Gedicht dazu getan.

Yukino hoffte eigentlich, dass es womöglich Rogue gewesen war. Seit ihren Eintritt in Sabertooth klopfte ihr Herz bei seinem Anblick so laut in ihrer Brust, dass eigentlich die ganze Gilde es hören sollte. Und seit sie erfahren hatte, dass Rogue bei ihrer Verbannung sie als Nakama bezeichnet hatte, wurde ihre Schwäche für ihn nur noch grösser.

Doch Rogue konnte es auch nicht gewesen sein. Er war eher kalt und emotionslos, ausser wenn es um Frosch ging, da wärmte er etwas auf. Yukino bezweifelte wirklich, dass er etwas für sie fühlen konnte. Ein klein wenig Hoffnung hatte sie gehabt, als er sie unabsichtlich an der Brust gefasst hatte. Doch das war sicher wirklich nur ein Unfall gewesen.

Wie auch immer, das Geheimnis um der blauen Rose hatte sie nicht lösen können. Wer immer der mysteriöse Liebhaber auch war, leider konnte sie seine Gefühle nicht erwidern. Ihr Herz gehörte schon einem Mann, der es wohl nie bemerken würde...

Doch aufhören Rogue zu lieben konnte und vor allem wollte sie nicht. Seit Sting der Master von Sabertooth geworden war, bildete sie mit dem Schattendragonslayer ein Team, zu dem auch Frosch gehörte. Sie hatte Rogue besser lernen können und wenn er sie schon nicht liebte, dann hatte sie wenigstens seine Freundschaft und das war so viel mehr, als sie vor ihrer Verbannung je zu hoffen gewagt hatte.

„Was schaust du an, Yuki-Chan?"

Yukino sah nach unten, woher das Piepsstimmchen kam. Frosch sah sie mit grossen, fragenden Augen an. Die Stellarmagierin lächelte die grüne Katze an. Frosch war vor ihrer Verbannung die erste (und fast die Einzige) gewesen in Sabertooth, die mit ihr gesprochen hat. Yukino hatte sich damals gewundert, warum eine so auf Stärke erpichte Gilde wie Sabertooth dieses verrückte Exceedmädchen als Mitglied akzeptiert hatte. Doch Frosch gehörte schliesslich zu Rogue, einer der stärksten Mitglieder der Gilde. Das hatte wohl jedem genügt, dass man den Exceed geduldet hatte.

„Weisst du Frosch, vor einem Jahr, am Valentinstag, habe ich ein Päckchen vor meiner Wohnungstür gefunden. Meine blaue Rose war da drin. Doch ich weiss bis heute nicht, wer mein heimlicher Verehrer gewesen ist. Du erinnerst dich sicher, dass ich damals ziemlich unauffällig gewesen bin und nicht bekannt. Ausserhalb der Gilde kannte ich niemanden und keiner der Jungs von Sabertooth kam dafür in Frage, da sie mich nicht genug kannten, um zu wissen welche meine Geschmäcker sind."

Frosch schaute Yukino kurz an, dann fing sie so strahlend zu lächeln wie nur sie es konnte und sagte: „Fro weiss es aber, sie war nämlich dabei. Rogue hat die Rose Yuki-Chan geschenkt!"

Vor lauter Schock wäre Yukino beinahe von ihrem Stuhl gefallen. Rogue? Es war also tatsächlich ihr heimlicher Schwarm gewesen, der ihr ihren nun Lieblingshaarschmuck geschenkt hatte? Sie konnte dies kaum glauben. Doch Frosch konnte schlecht lügen und tat es sowieso nie. Doch... das hiess doch... wie lange eigentlich empfand Rogue den nun etwas für sie?

Frosch bemerkte gar nicht wie geschockt Yukino über die Neuigkeit war, sie plapperte einfach fröhlich weiter: „Rogue mag Yuki-Chan sehr. Seit du eigentlich zum ersten Mal durch die Tore von Sabertooth eingetreten bist. Fro erinnert sich ganz genau daran. Vorher war Rogue wie immer, wenn er unter Leuten war, selbst mit Sting und Lector. So neutral und so. Doch als Yuki-Chan in die Gildenhalle eingetreten ist, war er wie verzaubert. Man merkte es ihm nicht an, doch Rogue konnte die Augen nicht von dir lassen. Seine Augen glänzten wie noch nie und Fro hat ganz genau gesehen, wie Rogue ganz kurz rote Wangen bekommen hatte. Doch der damalige Stolz von Sabertooth stand ihm in den Weg und er wusste nicht, wie er damit umgehen konnte. Also hat er dich einfach nicht aus den Augen gelassen, sobald ihr gemeinsam in einem Raum wart. Natürlich unauffällig, doch somit konnte er erkennen, was du gerne hast und was nicht. Auch hat Rogue sich gefreut, als Fro ab und zu ein wenig Zeit mit dir verbracht hatte. Er hat Fro immer ausgefragt, wie Yuki-Chan so ist. Rogue ist total verliebt in Yuki-Chan, doch er ist leider sicher, dass er keine Chance mit dir hat. Er fühlt sich zu kalt und zu dunkel um einem Mädchen zu gefallen. Rogue war sich sicher, dass alle Mädchen auf Sting stehen. Doch am Valentinstag wollte er dir eine Freude machen. Rogue ist mit Fro in einem kleinen Laden gegangen, wo er Tage vorher eine Haarrose gesehen hatte, die Yuki-Chan sicher gefallen würde. Früh am Morgen hat Rogue die Rose eingepackt und dann vor deiner Tür gelegt. Er war überglücklich zu wissen, dass Yuki-Chan die blaue Rose von nun an jeden Tag trug."

Yukino stand immer noch unter Schock, doch gleichzeitig fühlte sie, wie erleichtert ihr Herz nun war. Rogue liebte sie und das genauso lange wie sie ihn! Am liebsten wäre die Weisshaarige hochgesprungen und hätte der ganzen Welt ihre Freude mitgeteilt. Stattdessen nahm sie Frosch in die Arme und presste sie stark gegen ihre Brust. Rogue liebte sie, erwiderte ihre Gefühle... nie hatte sich Yukino so stark, so glücklich gefühlt wie in diesem Augenblick.

„Oh... Fro hätte das eigentlich für sich behalten sollen..."

Fragend sah Yukino die kleine grüne Katze in ihren Armen an, die plötzlich schuldbewusst und ziemlich verlegen wirkte.

„Rogue hat Fro verboten irgendjemand zu sagen, dass er Yuki-Chan mag, sonst gäbe es Schokoladenentzug. Er wollte, dass es geheim blieb, darum hat er Yuki-Chan nie gesagt, dass er ihr die Rose geschenkt hat. Rogue wird sicher böse auf Fro sein."

„Wegen was sollte ich böse auf dich sein, Frosch?"

Beide Mädchen, Mensch und Katze, drehten sich erschrocken um. Es war Rogue, der wie immer unauffällig aufgetaucht war, wie ein Schatten. Der Schwarzhaarige hatte fragend eine Augenbraue hochgezogen und sah die beiden an.

Frosch quiekte erschrocken, als sie ihren Partner sah und fing abermals an zu plappern: „Fro hat Yuki-Chan gesagt, dass du ihr die blaue Rose geschenkt hast, doch bitte kein Schokoladenentzug! Yuki-Chan fragte sich, wer ihr die Rose geschenkt und Fro wollte helfen, also hat sie gesagt, wer es war. Fro hat es nicht mit Absicht getan, also bitte kein Schokoladenentzug!"

Rogue blickte seinen Exceed nur an, dann wanderte sein Blick zu Yukino. Tatsächlich waren seine Wangen leicht rot geworden und er rieb sich verlegen am Hinterkopf. Yukino hatten den Schattendragonslayer noch nie so gesehen, es war fast ein wenig unheimlich. Doch das war ihr egal, zu wissen, dass ihr heimlicher Schwarm ihre Gefühle teilte, machte sie so glücklich wie noch nie.

Liebevoll stellte sie Frosch auf dem Tisch und ging langsam auf Rogue zu, um ihre Armen hinter seinem Nacken zu verschränken. Das Gesicht des Schwarzhaarigen wurde durch ihre Geste so rot, dass er Erzas Haarfarbe in den Schatten legte. Yukino kicherte liebevoll, es war so ungewohnt Rogue verlegen zu sehen. Sie hatte wirklich eine starke Wirkung auf ihn.

„Vielen Dank für die Rose, Rogue", flüsterte die Weisshaarige, bevor sie ihre Lippen auf seine legte. Rogue blieb einen Augenblick lang wie erstarrt, bevor er zögernd seine Arme um ihre Taille legte und den Kuss erwiderte. Wie lange hatte Yukino darauf gewartet? Eigentlich hatte die Stellarmagierin sich es niemals erhofft. Doch nun war dies vorbei, sie konnte endlich ihre Liebe erleben.

„Also doch kein Schokoladenentzug?"