Alien Love

Alles war ruhig auf der Station X5N-Magnolia der Galaxieregierung Sabertooth, die auf dem Planeten Crocus stationiert war. Nur die Nachtwächter patrouillierten durch die leeren Gänge. In einem Zimmer schliefen zwei junge Agentinnen. Jedenfalls schlief nur die Blonde. Ihre Zimmergefährtin, ein hübsches junges Mädchen mit kurzen weissen Haaren, schien sehr nervös zu sein. Unruhig wälzte sie sich hin und her, beobachtete nervös das blonde Mädchen, lauschte ihrer Atmung.

Als sie sicher war, dass die Blonde wirklich tief und fest schlief, stand die Weisshaarige auf. So lautlos wie möglich schlich sie ins Zimmer umher, packte ihren mickrigen Besitz in ihrer Missionstasche. Sorgfältig zog sie ihr dünnes Nachthemd aus – das ihr sowieso nicht gehörte – und bekleidete sich stattdessen mit ihrer hellblauen Agentenuniform. Sie warf noch einen Blick in der Tasche, um sich zu vergewissern, dass sie alles beisammen hatte. Was zum Glück der Fall war.

Dann öffnete sie leise die Tür und ging in den Gang hinaus. Die Nachtwächter waren gerade vorbei gegangen. Das liess der jungen Agentin genug Zeit. Gleich neben dem Zimmer lag eine einfache Putzkammer, die seit langem von niemandem mehr benutzt wurde. Das war ihre Chance. Die Weisshaarige ging in die Kammer und verschloss die Tür hinter sich. Aus ihrem Sack holte sie einen mechanischen Briefvogel heraus. Diese Vögel waren im Stande Nachrichten von einem Ende zum Anderen der Galaxie Fiore zu überbringen, dazu noch bei Lichtgeschwindigkeit. Dieser Vogel hatte ihren Lohn von den letzten sechs Monaten gekostet, doch die junge Frau musste dadurch. Hochkonzentriert schraubte sie den Schnabel weg und hauchte ihre Nachricht in dieses Loch.

Sorano, wenn diese Nachricht dich erreichen wird, werde ich schon nicht mehr auf der Station X5N-Magnolia sein, ob Lichtgeschwindigkeit oder nicht. Ich möchte dir nur sagen, dass es mir Leid tut. Du hattest Recht, die ganze Zeit. Sabertooth ist wirklich nicht zum Wohle der Galaxie tätig, sondern will die Galaxieherrschaft nur den Menschen widmen. Während meiner Zeit als Agentin bin ich auf Tatsachen gestossen, die deinen Verdacht nur bestätigten.

Ich bin auf geheime Dokumente gestossen, die erlauben alle Wesen von Fiore, die keine Menschen sind, als Sklaven zu verkaufen und wissenschaftliche Versuche an ihnen zu tun. Was offiziell verboten ist, wie du weisst. Doch für wie lang noch? X5N-Magnolia ist doch offiziell auf Crocus stationiert, um mit den Wesen dieses Planeten, die Dragonslayer, Handel zu treiben. Falls du es noch nicht weisst, Dragonslayer sind Wesen, die zwar wie Menschen aussehen, wenn auch mit Schuppen auf den Wangen, Händen, Füsse und den Schultern, sowie ein wenig auf den Beinen und auf den Armen. Doch sie haben die Fähigkeit sich in Wesen zu verwandeln, die ähnlich aussehen wie die Drachen der Alten Galaxie. Zudem kann jeder von ihnen ein spezielles Element kontrollieren wie Gift, Wind oder Schatten. Kannst du dich vorstellen, was Gemna Orlando und Sabertooth mit der Macht der Dragonslayer erreichen will? Allein die Vorstellung daran macht mir Angst. Ich habe es geschafft diese Dokumente zu kopieren. Diese Kopien überbringe ich dich in einem Stick mit diesem Vogel mit. Dein Anführer wirst sicher wissen, was damit zu machen ist.

Noch einmal, unser Streit vor vier Jahren tat mich aufrichtig Leid. Du hattest Recht dich der Rebellion Crime Sorciere anzuschliessen, vor allem aus Liebe. Ich bin sicher, dass du und Sawyer glücklich zusammen seid, auch wenn das Leben als Rebellen nicht einfach sein muss. Auch ich werde diese Nacht die Station und somit auch Sabertooth verlassen, allerdings mit einer List. Keine Angst, sie alle werden nie dahinter kommen, dass ich desertiere. Ich werde einfach behaupten, dass ich auf Solopatrouille in den Dschungel rund um die Station gehe, die Papiere dafür habe ich. Wenn ich nach drei Tagen nicht zurückkomme, werden sie einfach davon ausgehen, dass ich verschollen bin und mich somit für tot erklären. Du ahnst ja nicht, wie dicht und gefährlich der Dschungel von Crocus ist.

Es gibt auch einen anderen Grund, warum ich die Station Sabertooth verlasse. Auf einer Mission bin ich einem Dragonslayer begegnet. Rogue, ein Schattendragonslayer. Und... wir haben uns ineinander verliebt. Ich kann nicht mehr ohne ihn leben! Ausserdem hat er mir gesagt, dass die Dragonslayer sich auch gegen Sabertooth rebellieren, allerdings im Dunkeln. Sei froh, Crime Sorciere ist nicht die einzige Rebellion. Wahrscheinlich gibt es auf andere Planeten auch welche. Zudem hat er mir gesagt, dass wir nicht das einzige Dragonslayer/Mensch-Paar sind. In den letzten drei Jahren sind hier auch einige Agentinnen verschwunden. Fünf um genau zu sein. Kinana Cubellios, Levy McGarden, Cana Alberona, die Schülerin Chelia Blendy und Minerva Orlando. Ja, Gemnas eigene Tochter! Auch sie ist nun eine Rebellin. Sie alle haben ebenfalls aus Liebe Sabertooth verlassen, Chelia aus Freundschaft.

Ich muss jetzt gehen, zu Rogue. Hoffentlich werden wir uns eines Tages wiedersehen. Vielleicht werden unsere beide Rebellionen eines Tages vereint sein. Ich möchte mich so sehr mit dir wieder aussöhnen, meine geliebte Schwester. Deine Yukino.

Lautlos steckte Yukino ein kleiner schwarzer Stick im Inneren des Vogels hinein, bevor sie den Schnabel wieder anschraubte. Danach wartete sie, bis die Nachtpatrouille wieder vorbei ging, was allerdings nicht lange dauerte. Sobald sich die Agenten wieder entfernt hatten, öffnete Yukino leise die Kammer und glitt blitzschnell zum gegenüberliegenden Fenster. Bevor sie den Vogel hinaus in die Nacht warf flüsterte sie ihm noch zu: „Sorano Aguria, genannt Angel, Rebellensitz von Crime Sorciere, Wüstenplaneten Sin. In Lichtgeschwindigkeit überbringen."

Schliesslich warf sie den Briefvogel hinaus und in einem kurzen Lichtblitz war er verschwunden. Yukino atmete tief durch. Einen Teil ihrer selbsternannten Mission war erledigt. Doch sie würde erst etwas zur Ruhe kommen, wenn sie es bis zu Rogue schaffen würde. Blitzschnell öffnete sie ihre Tasche und war erleichtert zu sehen, dass sie die Erlaubnis für Solo-Missionen bei sich hatte. Da sie es schon mal getan hatte, hatte die Weisshaarige kein Dokument zum Fälschen gebraucht, zum Glück. Sie musste es nur dem Wachen am Eingang zeigen und schon würde sie rausgehen können. Nächtliche Solopatrouillen waren nicht unbedingt selten. Zudem war ausgerechnet Orga die heutige Wache am Eingang für diese Nacht. Dass der grünhaarige Hüne nicht unbedingt viel Grips hatte war ihr Glück.

Kurz jedoch sah sie ein letztes Mal die Tür ihres Zimmers an. Eine Träne glitt über ihre blasse Wange und bevor sie ging flüsterte sie: „Es tut mir Leid, Lucy."

Xxx

Der Planet Crocus war über und über mit dichtem Wald bedeckt, nur zahlreiche Flüsse und Seen trennten die verschiedene Waldteile voneinander ab. Die einzige Lichtung war da wo X5N-Magnolia gebaut worden war. Yukino wunderte sich, wo und wie die Dragonslayer lebten, was ihre Zivilisation, ihre Kultur war. Rogue hatte ihr schon einiges erklärt, doch bald würde sie alles davon lernen können. Es gab noch so vieles, was sie lernen sollte.

Hinter ihr verschwanden die Lichter der Station. Vorsichtig kämpfte sie sich durch den dunklen Wald. Menschen konnten in diesem Dschungel kaum überleben ohne eine komplexe Ausrüstung. Nur wer auf diesem Planeten geboren wurde, konnte ohne Probleme sich hier durchkämpfen und überleben. Oder auch wer jahrelang mit den Wesen dieses Planeten zusammen gelebt hatte.

Die Galaxieregierung hatte bisher immer gedacht, dass es auf Crocus neben den klassischen Tierarten nur Dragonslayer gäbe. Doch seit Yukino Rogue kannte – und vor allem liebte – hatte sie einige dieser anderen Wesen kennengelernt. Wesen, von denen weder sie noch Sabertooth etwas gehört hatten, zum Glück im zweiten Fall.

Zum Beispiel die Exceeds. Diese sahen aus wie Katzen, die aber reden und fliegen konnten. Die Exceeds waren den Dragonslayer treu ergeben, einige von ihnen dienten sogar als Partner. Rogues Exceed war eine kleine niedliche, grüne Katze namens Frosch, die sehr verträumt und verrückt war, jedoch hatte sie Yukino sofort akzeptiert.

Plötzlich spürte Yukino, wie jemand eine Hand auf ihrer Schulter legte. Sie zuckte kaum merklich zusammen, doch war beruhigt, als sie diese Hand mit den schwarzen Schuppen erkannte. Eine warme, ruhige Stimme flüsterte in ihr Ohr: „Ich habe dich vermisst, mein kleiner Stern."

Mit diesen Worten wurde sie umgedreht und kalte Lippen pressten sich gegen ihr. Fast schien sie die spitzen Eckzähne zu spüren, die jedem Dragonslayer so eigen war. Überglücklich wieder bei ihrem Geliebten zu sein verschränkte sie die Arme hinter seinem Nacken um den Kuss zu vertiefen.

Als sie sich schliesslich voneinander lösten, konnte Yukino nicht die Augen von ihm lassen. Sein rubinroter Blick hypnotisierte sie immer wieder, durch sein rabenschwarzes Haar schien seine blasse Haut selbst in der Dunkelheit zu strahlen.

„Ist Frosch nicht bei dir?", fragte die Weisshaarige schliesslich. Der Dragonslayer schüttelte nur den Kopf und verdrehte amüsiert die Augen. Also musste Frosch wieder viel gegessen haben und nun ein zwölfstündiges Verdauungsschläfchen vollziehen. Yukino kicherte amüsiert.

„Es wird Zeit zu gehen, wir haben noch einen weiten Weg vor uns", lächelte Rogue, bevor er von ihr losliess und sich ein wenig entfernte. Yukino war deswegen nicht gekränkt. Er brauchte Platz, um sich in einem Drachen zu verwandeln. Die Weisshaarige hatte ihn nur einmal in dieser Form gesehen, doch wieder einmal blieb sie sprachlos von diesem Spektakel.

Der Schattendrache hatte einen langen, schlangenähnlichen Körper mit für Beinen, der über und über mit schwarzen Schuppen bedeckt war, drei Schwänze mit silbernen spitzen, Krallen fünf Hörner in derselben Farbe sowie ein eher dreieckiges Gesicht. Seine Flügel waren nicht unbedingt gross, doch sehr lang, was ein Pluspunkt für Gleitflügel war.

So viel Macht und Gefahr kam von diesem Wesen aus und trotzdem hatte Yukino das Gefühl, dass sie noch nie etwas Schöneres gesehen hatte. Dragonslayer waren einfach faszinierende Wesen. Mühelos kletterte sie auf seinem Rücken und schon flogen in die Nacht davon.

Xxx

Sie mussten um den halben Planeten fliegen, bis sie zum Dorf ankamen. Zum ersten Mal erblickte Yukino die Behausung eines Dragonslayers. Es waren eigentlich runde Holzhütten, die in den hohen Bäumen angebracht waren. Einige Hütten hatten sogar die Form von zwei oder aneinander geklebte Kugeln. Diese Hütten wurden durch Hängebrücken sowie Geländen verbunden. Ab und zu war auch eine grosse, flache Plattform zu sehen, wahrscheinlich um gut landen zu können. Rogue landete auf einer dieser Plattformen und nachdem Yukino von seinem Rücken hinunter gerutscht war, verwandelte er sich zurück.

„Die Hütte meines Vaters ist dort drüben", erklärte Rogue und nahm die Hand seiner Geliebten bevor sie die Landeplattform verliessen. Yukino sah sich fasziniert um. Sie waren so hoch in den Baumkronen, durch das Blätterdach drang nur wenig vom Sternenlicht durch. Das grüne Licht des Mondes von Crocus, Domus Flau, konnte allerdings besser durchkämpfen. Nur in wenigen Hütten war noch Licht etwas goldenes Licht zu sehen. Yukino war sich nur an den grossen, metallischen Städten von Hargeon gewöhnt, sowie an den symmetrischen Bauten von X5N-Magnolia. Alles durchorganisiert, steif, konservativ. Das hier spielte in einer anderen Liga. Es war einfach... gemütlich und ruhig, obwohl Dragonslayer nicht unbedingt zu den ruhigsten Wesen der Galaxie gehörten.

Rogue und Yukino überquerten eine Hängebrücke und durchquerten das Gelände, das zu Rogues Zuhause führte. Auf dem Weg stiessen sie auf einen muskulösen Mann, dessen Gesicht mit Nägeln geziert war und in dessen Armen ein zierliches, junges Mädchen mit blauen Locken schlief. Der Hüne murrte nur eine Begrüssung, dann verschwand er in einer Hütte.

Yukino traute ihren Augen kaum. Das zierliche Mädchen war Levy gewesen, die vor zwei Jahren verschwunden war. Dann musste dieser Schwarzhaarige ihren Liebhaber sein, Gajeel, wie Rogue es ihr mal erzählt hatte. Rogue sah sie lächelnd an und erklärte: „Levy hat ihren Hunger für Bücher nicht aufgegeben. Manchmal bleibt sie bis spät in der Nacht in der Bibliothek des Dorfes. Gajeel muss sie dann immer holen."

„Ihr habt eine Bibliothek?", fragte Yukino, doch der Schattendragonslayer nickte nur. Die Weisshaarige lächelte leicht. Das war doch der Beweis, dass Dragonslayer doch keine Wilde waren, wenn man ihr immer gelehrt hatte. Yukino würde sich wirklich freuen, wieder mit ihren ehemaligen Kolleginnen reden zu können. Auch sie hatten sich in Dragonslayer verliebt, wobei es zwischen Chelia und dieser Wendy Marvell nur Freundschaft war. War Cana glücklich mit Laxus Dreyar? Und Minerva mit Sting Eucliffe, Rogues bestem Freund? Sie war sich dessen sicher.

Als sie vor einer Hütte marschierten, öffnete sich dessen Tür und ein gebräunter Mann mit spitzigen Ohren, verwuschelten dunkelroten Haaren und einer Narbe über dem rechten Auge sah sie beide gähnend an, bevor er zu Rogue sagte: „Ich habe dir landen gehört, Rogue."

„Es tut mir Leid, dass ich dich aufgeweckt habe, Cobra."

Cobra? Der Dragonslayer, für den Kinana, die erste von den Deserteurinnen, Sabertooth verlassen hatte? Yukino sah neugierig in die Hütte hinein und entdeckte die Lilahaarige auf einer einfachen Matratze aus Blätter und Stoff, tief schlafend. Das Lächeln auf ihrem Gesicht zeigte, wie sehr Kinana glücklich war mit Cobra. Dieser wünschte dem Paar gute Nacht, bevor er die Tür wieder schloss. Rogue lächelte Yukino an und führte sie weiter zu seiner Behausung.

Schliesslich trat Yukino endlich in der Hütte eines Dragonslayers. Der Raum war grösser als es von aussen her zu vermuten. Auf der einen Seite loderte ein kleines Feuer, über dem ein Kessel hing. Das musste wohl die Kochnische sein. Es gab nicht viele Möbel, ein Regal mit Büchern, eine Kommode und eine Kiste. An der Wand lehnten zwei von diesen Blättermatratzen. Auf einer davon war Frosch zu sehen, die friedlich wie immer von sich hinschnarchte. Gleich gegenüber von der Kochnische lehnte ein Tisch und drei Stühle an der Wand. Und an diesem Tisch sass ein schwarzhaariger muskulöser Mann, etwa Mitte 40, der ein Buch las. Fast hatte Yukino das Gefühl einen Verschnitt von einem ältern Rogue zu sehen, ausser dass die Haare lang waren und die Haut bei weitem nicht so blass. Das musste wohl Skyadrum sein, Rogues Vater.

„Vater... ich bin wieder da", hauchte ihr Geliebter sanft, während er ihre Hand fest drückte. Skyadrum sah auf und lächelte, als er seinen Sohn erkannte. Yukino fühlte sich nervös als er aufstand und sie schliesslich genau ansah. Sie war schliesslich kein Dragonslayer und jedes Wesen der Galaxie konnte Vorurteile gegenüber anderer Wesen haben. Doch in Skyadrums Augen sah sie nur väterliche Zuneigung, als er lächelnd ihre Hand nahm. Erleichtert lächelte Yukino zurück, während Rogue glücklich einen Arm um ihre Schulter legte.

„Mein Sohn, du hast dir wirklich eine wundervolle Gefährtin ausgesucht. Herzlich willkommen zu den Dragonslayer, meine liebe Yukino."