Disclaimer siehe frühere Kapitel.
A/N: Kapitel ist noch nicht beta gelesen (sorry, wollte es noch zu Weihnachten rausbringen...). spelli, Ina, Amylin, coco: Noch einmal danke, danke, danke!!! für eure lieben reviews!
Wünsche allen Frohe Weihnachten und einen Guten Rutsch ins Neue Jahr!!! - Dime
13. Kinderspiel
Ron war sprachlos.
Harry Potter, früher sein bester Freund, heute der Mann, der die Zaubererwelt verraten und dem Untergang geweiht hatte - sprang umher wie ein kleines Kind, lachte, tanzte und umarmte Du-Weißt-Schon-Wen!!!
Du-weißt-schon-wer selbst, der dunkelste und bösartigste Zauberer ihres Zeitalters, schlimmer noch als Grindelwald und ganz bestimmt nicht nur ein direkter Nachfahre Salazar Slytherins, sondern auch Morganas, Circes und des dunklen Hexenmeisters, lachte und küsste Mme Hooch!
Das war zuviel. Rons Augen verdrehten sich und er kippte mit einem gequälten Stöhnen vornüber in den Schnee.
"Ron!" Hermine war mit einem Satz an seiner Seite. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie ihn wieder aufgepäppelt hatte. Derweil erging es den übrigen Hexen und Zauberern im Inneren des goldenen Doms nicht viel besser als Ron. Niemand wollte so recht glauben, dass Du-Weißt-Schon-Wer und Harry Potter soeben zusammen mit ihren jeweiligen Freundinnen ein Siegesgeheul anstimmten-
"Cuuuuuuuuuuuut!!!"
Der Umhang einer unförmigen Gestalt hinter dem Dunklen Lord fiel zu Boden. Darunter kam kein Geringerer als Walden Mcnair zum Vorschein. Vor ihm war eine Muggel-Kamera aufgebaut, an der trotz der Anti-Muggel-Banne um Hogwarts ein kleines rotes Lämpchen flackerte.
"Vorlost, die Szene müssen wir nochmal drehen!", schimpfte der spärlich behaarte alte Mann aufgebracht. "Ihr sollt eure Gegner verhöhnen, ihnen ein widersinniges Versprechen nach dem anderen abringen, und sie schließlich in Schimpf und Schande aus dem Bannfeld entlassen..."
"Ups." Harry und Voldemort sahen sich schuldbewusst an. "Glatt vergessen."
"Bei Circes Säuen! Das Drehbuch hatte nur drei Seiten. Drei! Wie dämlich muss man eigentlich sein, um sich nicht einmal das merken zu können!?"
Während einige der mit heruntergeklappten Kiefern lauschenden Anhänger des Lichts noch zu begreifen suchten, wie Voldemort sich solch ein unverfrorenes Verhalten von einem seiner Untergebenen gefallen lassen konnte, plagte andere die Frage, was MacNair mit dem sonderbaren Muggel-Gerät wollte. Die wenigen Muggelgeborenen unter ihnen wiederum sahen sich mit plötzlich neu erwachter Hoffnung um: Bestimmt würde gleich ein Moderator hinter einer Schneewehe hervorspringen und ihnen breit grinsend eröffnen, dass sie der Zauberer-Variante von 'Versteckte Kamera' oder 'Verstehen Sie Spaß' auf den Leim gegangen waren...
Nun, besagter Moderator ließ sich nicht blicken. Doch bei Voldemorts nächsten Worten fragten sich viele dennoch, ob sie hier nicht doch gerade gründlich verarscht wurden.
"...Nein, Walden, wir haben keine Zeit für einen neuen Take. Die Kinder frieren uns hier noch zu Eiszapfen! Ich sage, wir machen das wann anders und bringen die Kleinen erstmal ins Warme."
Kinder? Voldemort hatte Kinder dabei?!
Minerva McGonagall nahm ihre Brille ab und putzte sie. Sie rieb sich die Augen. Zwickte sich in den Arm. Blinzelte. Es half alles nichts.
Was auf ein Zeichen Rolanda Hoochs hin aus der winterlich frühen Abenddämmerung hervorgetreten war, das wurde auch mit dreimaligem Brilleputzen nicht verständlicher. Hinter den ersten zwei Reihen von Todessern, welche jetzt entspannt und mit zurückgezogenen Kapuzen näher kamen, klappten Todesser scharenweise um wie Spielzeugsoldaten. Sie schienen keine Masse zu haben, sondern stürzten flach vornüber auf den schneebedeckten Rasen und blieben reglos liegen.
Es waren Attrappen. Tausende von Attrappen.
Hinter den Pappkameraden aber kam eine kleine Gruppe von Kindern zum Vorschein. Jedes der kleinen Wesen hatte eine Reihe von fünf oder sechs 'Todessern', die auf einer Art Plattform mit Rollen angebracht waren, vor sich her geschoben. Aus den hinteren Reihen traten etwas größere Kinder hervor, welche ein komplexes Gerüst von Spiegeln gehalten hatten.
Das sichtbare Meer von Todessern hatte es nie gegeben. Lediglich eine Handvoll echter Todesser und eine größere Gruppe enthusiastisch mitspielender Kinder. Nicht wenige Auroren schwankten bei der Erkenntnis, dass sie soeben die Kontrolle über die Zaubererwelt an einen Wahnsinnigen mit einer Armee aus Spielzeugsoldaten und deren Spiegelbildern im Deckmantel des Schneegestöbers verloren hatten.
Die Mitglieder des Ordens des Phönix sahen aus, als wollten sie am liebsten wie ihr Namenspate zu Asche zerfallen, um der absoluten Demütigung zu entgehen, welche gerade über sie hereinbrach. Viele aber waren zu geschockt vom Anblick der Kinder jeden Alters, welche durch den Schnee auf sie zu gestapft kamen, mit roten Wangen, glücklichem Lächeln und allesamt dick in Muggel-Jacken, Mützen, Schals und Handschuhe in leuchtenden Farben eingemummelt.
Die Kleinen purzelten wild durcheinander, um als erster bei Voldemort zu sein. Der hatte alle Hände voll zu tun, um zusammen mit Mme Hooch jedes der Kinder kurz zu umarmen, ihm einen Kuss auf die Stirn zu drücken und es für seine tolle Hilfe zu loben.
"Die Szene ist im Kasten. Außer dem Ende, das haben Harry und ich vermasselt. Tut uns leid. Wir werden das nochmal drehen müssen. Aber da können wir tricksen, was den Hintergrund angeht, da müsst ihr nicht unbedingt nochmal raus. Ich danke euch allen, Kinder. Ihr seid spitze!"
Lachende Augen sahen zu Voldemort auf, und viele kleine Händchen streckten sich ihm und einigen der Todesser entgegen, als Kinder mit kalten Zehen auf den Arm genommen werden wollten, oder ihre Hände gewärmt bekommen wollten, welche trotz wunderbar dicker Fäustlinge mit 101 Dalmatiner-Motiv im Verlauf der 'Schlacht' ziemlich eisig geworden waren.
"Gut, jetzt aber nichts wie ab ins Warme mit euch allen!", schallte Voldemorts Stimme endlich über die verdatterten Hexen und Zauberer unter dem Bannfeld hinweg. Absolut sprachlos sahen sie zu, wie Voldemort auf Hogwarts zulief, eine Reihe von lustig schnatternden und kichernden Kindern hinter sich herziehend. Todesser liefen zu beiden Seiten nebenher und passten auf die Kinder auf. Es war ein so surreales Bild, dass viele noch Tage später überzeugt waren, sie müssten träumen.
Harry Potter war zusammen mit der DA bei der goldenen Kuppel stehen geblieben. Während noch alle der sonderbaren Prozession hinterher sahen, hatte er unbemerkt Mme Pomfrey beim Arm gepackt und aus der Kuppel gezogen.
"Mr. Potter! Was...?"
"Still, Mme Pomfrey. Ich tue Ihnen schon nichts. Sagen Sie, haben Sie jemals einen Eid geleistet, dass Sie nie ein Kind, oder einen Ihrer Patienten verletzen werden?"
"Sowohl als auch", antwortete die Heilerin brüsk.
Harry seufzte erleichtert auf. "Gut, dann kann ich Sie ja ohne Sorge gehen lassen. Mme Pomfrey, bitte seien Sie so gut und sehen Sie nach den Kindern, ja? Sie sind mehrere Stunden im Kalten herumgestanden, und egal, wieviele Wärmezauber Vorlost und seine Leute gesprochen haben, wir machen uns trotzdem Sorgen, sie könnten sich erkältet haben. Außerdem brauchen wir Essen für die Kleinen; sind sicher schon ganz ausgehungert. Können Sie sich mit den Hauselfen absprechen, um für alle etwas Geeignetes zu finden? Oh, und bitte kein Fastfood, auch wenn sie danach fragen... Vorlost glaubt an bewusste Ernährung..."
Was auch immer Mme Pomfrey von Harry Potter erwartet hatte, diese Bitte war es bestimmt nicht gewesen. Harry sah ihr etwas besorgt nach, als sie wie eine Schlafwandlerin den Kindern hinterherstolperte. "Hoffentlich fängt sie sich bald wieder...", murmelte er unsicher.
"Das wird schon", beruhigte ihn Luna. "Die Frau ist sehr kompetent. Denk nur mal an die Dutzend Besuche, die du ihr schon abgestattet hast; du sahst hin und wieder bestimmt auch schockierend schrecklich aus: ohne Knochen im Arm; blutbesudelt; mit Flüchen und Schrammen übersät;... Und immer war die Frau der Innbegriff von professioneller Beherrschtheit. Ich denke, es ist lediglich eine Frage von ein paar Minuten, bis sie sich wieder voll im Griff hat."
Harry nickte zögernd und wandte schließlich den Blick vom Schloss ab. Er seufzte, als er statt dessen wieder die goldene Kuppel vor sich hatte. Was hatte er sich nur dabei gedacht, als er Voldemort versprochen hatte, dass er heute aufräumen würde?
"Luna, weißt du eigentlich, wie bindend ein Eid wirklich ist, den jemand anderes für einen gegeben hat?"
"Du meinst, ob sie uns wirklich nichts mehr tun können?"
Harry nickte.
"Warum probieren wir es nicht einfach aus? Hol Ron..."
"Eine prima Idee!" Harry lächelte ihr kurz zu; dann sprach er einen Schockzauber und einen Accio durch den Schild und wurde mit dem großen, schweren Körper eines gewissen Weasleys belohnt, der mit hoher Geschwindigkeit auf ihn draufprallte.
"Uff!"
Unter den misstrauischen und noch immer sehr nervösen Blicken der Leute unter der Kuppel richtete sich Harry auf und löste Ron aus seiner Starre. Der Rotschopf sah sich kurz verwirrt um; dann sprang er auf und riss seinen Zauberstab in die Höhe.
"Sectum-" Weiter kam er nicht. Seine Stimme versagte, seine Hand fiel herab.
"Reduc-" Wieder brach er ab.
Mittlerweile rot im Gesicht schrie Ron mit weit ausholender Geste: "Avada-- aaaauuuu!" Erschrocken ließ er seinen Zauberstab fallen, der auf einmal rot glühte.
Harry und Luna sahen sich zufrieden grinsend an. "Funktioniert", stellte Harry fest. "M-hm", stimmte Luna zu und gab ihm zur Feier ihrer Entdeckung einen kleinen Schmatzer auf die Lippen. Harry grinste und legte Luna einen Arm um die Hüfte. Nebeneinander standen sie da und sahen fasziniert zu, wie Ron nun einen körperlichen Angriff auf sie startete.
Der rotgesichtige Rotschopf holte mit der Faust aus -- und jaulte wenig später laut und empört, als sie auf sein eigenes Kinn traf. Endlich hatte Hermine Erbarmen und hielt ihn davon ab, einen weiteren Versuch zu starten.
Auf Harrys Bitte hin gingen die Mitglieder der DA rund um die Kuppel in Position und wenig später löste sich die Kuppel in einem silbrig-golden schimmernden Funkenregen auf.
Zögernd überschritten die ersten Auroren die Linie, hinter welcher sie bis jetzt gefangen gewesen waren. Als nichts passierte, setzten sich auch alle anderen in Bewegung. Manche ließen plötzlich ihre Zauberstäbe fallen, schrieen vor Schmerz überrascht auf oder fluchten haltlos; es schien, dass Rons Beispiel nicht genügt hatte, um sämtliche Hexen und Zauberer von der Aussichtslosigkeit eines Angriffs zu überzeugen.
Harry lächelte nur traurig. Er fühlte sich jetzt sicher, doch es tat ihm leid, zu sehen, wie viele seiner früheren Freunde und Bekannten ihn liebend gerne verletzen oder gar töten würden. Nun, die Zukunft würde zeigen, ob sie ihm auf ewig dafür grollten. Immerhin hatte er ihnen den Frieden gebracht, wenn auch auf andere Art, als sie es erwartet hatten.
Harry wurde von seiner Überzeugung, dass er im Moment unververwundbar sei, durch eine schallende Ohrfeige kuriert. Dicht gefolgt von einem derben Kinnhaken.
Total überrascht blinzelte er ein, zwei mal, bis die Welt wieder scharf vor seinen Augen wurde.
Vor ihm standen Angelina und Neville. Beide - ja, sogar Neville! - wutschnaubend und mit zornig verengten Augen. Harry begriff es nicht. "Ihr... aber... wieso könnt ihr..."
Ihr Blickkontakt wurde unterbrochen und die Spannung, die in der Luft lag, zerbrach, als Luna plötzlich haltlos zu lachen anfing.
"Ähm... Luna?"
"Das ist zu herrlich...! Oh Harry...!", war alles, was seine Freundin herausbrachte.
"Ich werde hier verschlagen und du findest es lustig?!" Harry war empört.
Luna gluckste noch ein wenig; dann fing sie sich wieder und traf die Blicke der drei erwartungsvoll ihr zugewandten Gesichter.
"Harry," begann sie, "als du Neville scheintot gehext und Angelina gedroht hast, da warst du mal wieder zu selbstständig für dein eigenes Wohl. Du hast gehandelt, weil du es für richtig und notwendig hieltest; nicht, weil Voldemort es von dir wollte. Und scheinbar basiert das Versprechen auf intuitivem Wissen; die beiden hier waren sich unterbewusst sicher, scheinbar als einzige der Anwesenden, dass du keine Befehle entgegennehmen würdest, die dir zuwider sind. Der Fall, in dem du nicht auf Voldemorts Befehl hin gehandelt hast, ist aber von dem bindenden Eid ausgenommen..."
Luna brach ab und lachte wieder herzlich.
Harry rieb sich finster das schmerzende Gesicht. Er nahm es seiner Freundin ein bisschen übel, dass sie sich so über sein Leid und seine Dummheit amüsierte. Dann aber schaute er erneut zu Angelina und Neville. Die beiden hatten die Hände inzwischen sinken lassen und sahen ihn mit schiefem Grinsen an.
"Umh, sorry Harry. Aber du hast uns ganz schön geschockt..."
Endlich lösten sich die Falten auf Harrys Stirn und auch er grinste. "Nein nein, schon okay. Ich muss mich entschuldigen. Ihr habt jedes Recht, sauer zu sein. Ich habe euch nicht vorgewarnt, weil es echt wirken sollte; aber euch gegenüber war es fies... Und ich möchte euch auch danken. Es scheint, dass ihr mich viel besser kennt, als die meisten anderen auf Hogwarts. Denn ihr habt nicht einen Moment lang wirklich geglaubt, dass ich Voldemorts Befehle annehmen würde.
Selbst jetzt, wo alle wissen, dass es dieses Schlupfloch gibt, werden sie mir wohl kaum gefährlich werden. Denn wenn sie unterbewusst glauben, dass ich Voldemorts Marionette bin, dann ist es egal, wie sehr sie ihrem Oberbewusstsein einreden, sie könnten mich gefahrlos angreifen - es wird nicht klappen.
Andersherum, wenn sie verstehen, dass ich kein blinder Anhänger Voldemorts bin, dann müssen sie sich der Frage stellen, warum ich so gehandelt habe, wie ich es nun mal getan habe. Hoffentlich gibt ihnen das Zeit, sich zu überlegen, ob es denn wirklich so falsch ist.
Ich war anfangs ja total dagegen, dass Vorlost seine Kids mitbringt; aber er und seine Todesser haben sie mit Schutzzaubern belegt, dass es kracht."
Harry gähnte und streckte sich.
"Tja", fuhr er dann fort, "aber es hat doch auch ein Gutes. Nicht nur, dass wir den Orden und die Auroren viel schneller zum aufgeben bringen konnten; sie haben auch gesehen, wie Vorlost mit den Kleinen umgeht. Ich glaube, viel mehr als jede PR-Kampagne wird das die Leute dazu bringen, ihn irgendwann zu akzeptieren."
Hermine und Luna lächelten zustimmend.
"Wollen wir auch ins Schloss gehen?", schlug Hermine vor. "Ich möchte doch zu gerne mitverfolgen, wie Voldemort den Kindern weismacht, dass die Decke in der Großen Halle nur ein Special Effect und Teil vom Set ist..."
"...und ich könnte schwören, dass ich ein Gespenst gesehen habe..."
"...echt coole Requisiten, das muss man ihnen lassen."
"Schon, aber hast du die eine Treppe gehört? Ich bin mir sicher, das war ein elektrisches Summen. Also, mich können sie mit ihrer Magie jedenfalls nicht täuschen..."
Belustigt hörten Harry, Luna und Hermine zu, wie die älteren Kinder sich bemühten, Hogwarts als komplizierte Technik abzutun.
Etwas weiter unten am Slytherintisch, wohin die Todesser ihre Waisen zum Abendessen buxiert hatten, stritten sich zwei kleinere Kinder lautstark darüber, wer von den Zauberern, die sie heute gesehen hatten, den coolsten Anzug hatte.
"... aba dea hellplaue ist viel schöna als dea krüne."
"Find' ich aber gar nicht! Blau ist blöd."
"Ist es nicht!"
"Wohl!"
"Gar nicht!"
"Wooohol!"
"Außadem wahn nua bai dem plauen Zaubara Bongbongs im Hut!"
Der andere Junge schwieg, während er diesen wichtigen Punkt in seine Betrachtungen miteinbezog und versuchte, sich eine clevere Antwort einfallen zu lassen. Die drei Jugendlichen gingen weiter.
Endlich erreichten sie Voldemort, der Mme Hooch gegenüber in der Mitte des Tisches saß, sodass sie gut all ihre Kinder im Auge behalten konnten.
"Hallo, Vorlost."
"Harry!" Voldemort sprang auf und zog den Jüngeren in eine überschwängliche Umarmung. "Der Krieg ist wirklich vorbei, und niemand kann uns was. Isses nicht toll?!"
Harry lächelte nachsichtig, während der mehrere Jahrzehnte ältere Zauberer wie ein kleines Kind weiterplapperte.
"Sag mal, Vorlost", unterbrach Harry ihn schließlich, "wo hast du eigentlich heute die ganz Kleinen gelassen?"
"Im Schloss, natürlich. Dudley passt auf sie auf."
"Dudley?!"
"Ja, Dudley. Der Sportlehrer."
"Sportlehrer?!?"
Severus Snape näherte sich ihrem Tisch und griff an dieser Stelle in die Unterhaltung ein. "Ihr Cousin hat sich in den letzen Monaten sehr verändert", erklärte er Harry mit einem geringfügig bösen Grinsen. "Der neue Trank, den ich entworfen habe, schlug bei ihm erstaunlich gut an und er verlor eine Menge Gewicht. Um seine nunmehr vorteilhafte Figur beizubehalen, wird er sich jedoch anstrengen müssen, denn auf Dauer helfen auch die besten Tränke nichts. Als ich ihm zum ersten Mal sein neues Ich im Spiegel zeigte, war er vor Staunen sprachlos. Was vermutlich ein Segen ist, denn ich halte keine großen Stücke auf seine 'intelligenten' Äußerungen."
Snape zog verächtlich eine Lippe hoch und Harry lachte schallend. Das war sein alter Tränkelehrer! Und was er beschrieb war so eindeutig Dudley...
"Als Mr. Dursley erfuhr, dass er fortan Sport treiben soll, war er zunächst etwas zurückhaltend; jedoch konnte ich ihn dank meines Charmes dazu überzeugen -" Snape runzelte irritiert die Stirn, als ein verräterisches Husten auf einmal mehrere seiner Zuhörer außer Gefecht setzte.
" - dazu überzeugen, sagte ich, es zumindest einmal zu versuchen. Ich war selbst erstaunt, wie positiv er auf die Erfahrung reagierte. Es war beinahe, als habe er schon immer geahnt, dass er etwas verpasst, und nun sei es ihm endlich gegeben worden...
Nun, sei dieses wie es will, Fakt ist, dass Dudley Dursley seither jeden Tag mehrere Stunden mit Sport verbringt. Die Kinder sind darauf aufmerksam geworden und ein paar haben sich ihm angeschlossen. Anfangs schien es ihn zu irritieren, doch bald war Mr. Dursley eifrig damit beschäftigt, den Kindern bei der einen oder anderen Übung zu helfen..."
Harry konnte sich nicht so recht vorstellen, wie Dudley einem anderen Menschen in Sachen Sport half; doch hatte er noch immer ein Bild von Dudley im Kopf, wie er vor seiner Zwangsdiät gewesen war. Sollte sein Cousin sich aber tatsächlich so sehr verändert haben, wie Snape das andeutete, dann war es durchaus möglich, dass er heutzutage wirklich mehr Spaß daran fand, kleinen Kindern zu helfen, als sie zu verschlagen. Immerhin war er in der Schule nie eine große Leuchte gewesen und hatte folglich nie einem Mitschüler helfen können; die Erfahrung, über etwas wirklich bescheid zu wissen und jemandem sein Wissen vermitteln zu können, musste für ihn ganz neu und aufregend sein.
"Professor Snape, ich danke Ihnen", sagte Harry aufrichtig. "Was Sie mit meinem Cousin angestellt haben, grenzt an ein Wunder."
Snape schien zu versuchen, sich den Stolz über dieses Kompliment nicht ansehen zu lassen, doch Harry bemerkte den Schalk in seinen Augen, als er weitersprach. "Nur die Eltern des jungen Mannes scheinen ob der neueren Entwicklungen nicht vollkommen begeistert zu sein."
Harry schnaubte. So, wie er die Dursleys kannte, waren sie bei der Nachricht, dass Dudley abgenommen hatte und jetzt als Sportlehrer in einem Waisenhaus arbeitete, einem Herzinfakt nahe gekommen. Was hatte man ihrem Duddy-Spätzchen bloß angetan?
Harry und Luna begleiteten Voldemorts Großfamilie nach dem Essen mit zum Schloss Slytherin. Im Spielzimmer fragten sie einige Kleinkinder nach Dudley.
"Daddl! Daddl-daddl-daddl!!!", quiekte ein kleines Mädchen, welches bei ihrer Frage aufgesprungen und davongerannt war. Bloße Sekunden später, so schien es, kam das Mädchen mit strahlendem Lächeln zurück, wobei es einen verwirrt dreinblickenden Dudley hinter sich herzog. "Daddl, die suchn dich!"
Harry und Dudley musterten einander geschockt. Harry wusste, wie er für Dudley aussehen musste, mit seinem Arm um die Schultern einer abwesend die Gardinen musternden jungen Frau, in deren Haaren Ornamente steckten, im Aussehen erinnernd an grüne Riesenbakterien.
Dudley wiederum schockte Harry durch die schiere Abwesenheit eines Großteils dessen, was für Harry bisher seinen Cousin ausgemacht hatte: Schicht um Schicht wabbeligen, pink glänzenden Fetts. Dudley war nicht dünn, aber auch bei Weitem kein Baby-Wal mehr. Er war von durchschnittlicher Höhe und Breite. Aber er hatte Muskeln bekommen. Scharf zeichneten sie sich an seinen Armen, Beinen und sogar dem Nacken ab. Lediglich um die Hüften schien seine rapide geschrumpfte Haut noch ein wenig zu hängen.
"Du... siehst gut aus."
Dudley strahlte. "Danke, Harry!"
"Und du hast Manieren gelernt!!!" Harry war inzwischen mehr als einfach bloß geschockt. "Professor Snape, Sie sind ein wahrer Zauberer!!!"
Dudley lachte. "Er ist nicht wie -- öhm. Er ist kein Zauberer, Harry", erklärte er seinem verdutzten Cousin. "Doktor Snape hat mit seinen Medikamenten zwar wahre Wunder gewirkt, aber er wedelt nicht mit einem Zauberstab umeinander oder sowas." Ein warnender Blick seinerseits schien Harry aufzufordern, seine Geheimnisse nicht vor Muggeln auszuplaudern. Das schockte Harry noch mehr als Dudleys Äußeres. Sein Cousin, Dudley Dursley, bemühte sich, Harrys Zauberei für ihn geheim zu halten?!
"Er weiß nichts von uns", flüsterte ihm Draco Malfoy zu. "Wie die meisten der Kinder hier im Heim hat er keine Ahnung, dass wir alle Hexen und Zauberer sind..."
Harry blinzelte ein paarmal um seine Gedanken zu sortieren. Dann schaute er Dudley an und lächelte. Er mochte die Veränderungen, die Snape bei dem Jungen gewirkt hatte. Vielleicht musste er sich in Zukunft nicht mehr aller seiner Verwandten schämen.
"Oi, Dudley, wie wär's mit einer Runde Baseball?", schallte ein Ruf durch die Halle.
Alles drehte sich in Richtung des Rufers um. Es war ein etwa zwölfjähriges Mädchen, das an einer Hand einen Baseball-Handschuh trug, in dem es einen festen, weißen Ball mit roten Nähten auf und ab hüpfen ließ.
Hinter dem Mädchen stand eine Gruppe von sechs oder sieben weiteren Kindern, welche Dudley erwartungsvoll anschauten.
"Ähm, 'tschuldige Harry, ich muss los", murmelte Dudley, bevor er mit strahlenden Augen auf die Kinder zulief und sie nach draußen begleitete. Harry und Luna sahen sie drei Stunden später auf ihrem Heimweg; sie waren immer noch in ein scheinbar feuriges Spiel vertieft. Schnee und Schlamm hatten sich auf dem Pitch und ihrer Kleidung verteilt, die Haare der Spieler klebten verschwitzt an ihren Köpfen ...und mittendrin stand Dudley, Schiedsrichterkappe auf dem Kopf, und schrie Anweisungen an beide Teams, als habe er sein Leben lang nichts Anderes getan.
"Das ist also dein Cousin?", fragte Luna leise.
"Ja, das ist mein Cousin", antwortete Harry. Und zum ersten Mal fühlte er bei dem Gedanken Stolz in sich aufkeimen. Wie so oft schien Luna zu erraten, was ihm durch den Kopf ging. Sie nahm seine Hand und drückte sie.
"Es ist schön, dass nicht nur Vorlost seine Familie gefunden hat."
Harry lächelte sie an. "Dudley war schon immer meine Familie, Luna; auch wenn ich es jetzt erst zu schätzen weiß. Mit dir hingegen verbindet mich eine ganz andere Art der Verwandtschaft..."
"Wir sind Seelenverwandte", sagte Luna unbekümmert. "Auch das war schon immer so."
Harry drückte ihre Hand fester, um sie an den warmen Gefühlen teilhaben zu lassen, welche ihre Worte in ihm ausgelöst hatten.
"Luna... könntest du dir vorstellen, mit mir zusammen zu leben?"
"Aber das tue ich doch schon."
"Nein, ich meine... als... als..."
"Oh, Harry", lachte sie leise. "Du bist so hoffnungslos!"
"Ist das ein Ja?"
"Nein."
Sie grinste.
Überglücklich schlang Harry seine Arme um Luna, fest entschlossen, sie nie wieder loszulassen.
