Wiedersehensfreuden
Willst du lieber, dass alles bleibt so wie es ist?
Glaubst du das wäre dir genug?
Ich denke mir, das wär dir nie genug.
Willst du lieber beten,
bis du grau und bitter bist
Glaubst du, das wäre dir genug?
Du weißt genau, es wär dir nicht genug.
Sie warnten dich vor Sünde und Gefahr,
doch du hast immer schon geahnt,
dass ihre Sicherheit ein großer Schwindel war.
Sechs Monate zuvor:
Harry schlug die Augen auf und hätte sie am liebsten sofort wieder zugemacht. Helle Morgensonne schien ihm auf das Gesicht und die Lichtstrahlen explodierten als tausende von roten Punkten in seinem Kopf. Als er sich widerwillig in seinem Bett aufsetzte gesellte sich schließlich auch noch ein dumpfes, monotones Pochen dazu.
Erst früh am Morgen war er von Rons Hochzeitsfeier zurückgekommen. Harry trank normalerweise nicht viel. Im trunkenen Zustand wurde er launisch und melancholisch. Außerdem konnte Ginny es nicht leiden.
Doch die Heirat seines besten Freundes mit der hübschen Aurorin Eleanor Borough war doch ein feierungswerter Grund gewesen und natürlich hatten so gut wie alle Anwesenden darauf bestanden mit Harry anzustoßen.
Jetzt verfluchte er sich dafür, als er, ins Badezimmer gewankt, seine rot unterlaufenden Augen im Spiegel sah.
Der knapp 23-jährige hörte die Tür des Schlafzimmers aufschlagen. Harry spritzte sich hastig Wasser ins Gesicht und hastete dann ins Schlafzimmer zurück, wo Ginny schon auf ihn wartete. Um ihre Verärgerung zu erkennen brauchte man ihr nicht einmal in die Augen zu sehen. Das war eins der Dinge, die Harry schon immer an ihr gemocht hatte. Dass sie ihre Laune immer so offensichtlich zur Schau trug und nichts verbarg. Nun, als sie Harry erblickte, stahl sich kurz ein Lächeln auf ihre Züge.
„Harry. Da ist jemand der dich sprechen will. Du musst sofort runterkommen.", ihre hellen Augen funkelten wütend, Harry erkannte allerdings erleichtert, dass nicht er der Grund für ihren Verdruss war.
Harry gähnte zustimmend und fischte blindlings Kleidungsstücke aus seinem Schrank. Wenige Minuten später lief er die Treppe des ehemaligen Black Anwesends hinunter. Es schmerzte ihn immer noch durch dieses Haus immer wieder an Sirius erinnert zu werden. Zwar hatte sich in den letzten Jahren einiges im Grimmauldplatz Nummer Zwölf getan, es ähnelte tatsächlich kaum noch dem Haus, in dem sich sein Pate monatelang hatte verstecken müssen, trotzdem musste Harry immer wieder an ihre kurze gemeinsame Zeit hier denken.
Er war inzwischen in der großen Vorhalle des Herrenhauses angekommen und stieß die Tür zu dem kleinen Raum, den er zu seinem provisorischen Büro gemacht hatte, auf. Und erstarrte fast in der Bewegung.
Er blinzelte, doch als er die Augen wieder aufschlug saß Draco Malfoy immer noch auf der anderen Seite des Schreibtisches, auf Harrys Bürosessel. Seine kalten, blauen Augen funkelten amüsiert.
„Du sahst aber auch schon mal besser aus, Potter.", begrüsste er den völlig perplexen Harry.
„Du auch", entgegnete Harry instinktiv, wofür er seinen Kopf gerne gegen den Türpfosten geschlagen hätte, an dem er gerade lehnte. Die tausende von Gehirnzellen, die sich in der letzten Nacht verabschiedet haben mussten schienen sich jetzt bemerkbar zu machen bzw eben nicht. Ganz davon abgesehen, dass Harry nach der langen zeit ein besserer Konter hätte einfallen müssen um Malfoy nicht den Sieg in ihrem andauernden stillen Krieg zu überlassen, sah dieser momentan aber wirklich etwas abgerissen aus.
Sein Haar, etwas länger als in ihrer Schulzeit glänzte dreckig in der hellen Sonne, die durch ein kleines Fenster fiel golden auf. Draco trug einen schwarzen Anzug im Stil der Muggels, dessen Jacke nicht geschlossen war und den Blick auf ein weeißes hemd freigab, dessen erste zwei Knöpfe abgerissen schienen.
Daneben empfand sich Harry mit seinem zerknitterten T-shirt, der ausgewaschenden Jeans und den kurzen Bartsstoppeln selbst nicht mehr ganz so schäbig.
„Ich muss dich enttäuschen. Der Grunge-Look ist schon seit ein paar Jahren out", höhnte der junge Malfoy in diesem Moment, seine Augen wirkten allerdings eher müde als angriffslustig.
Harry ärgerte sich immer noch, dass er sich wie schon in der Schulzeit in die Defensive verzog.
„Was machst du hier", knurrte er „Hätte Voldemort sich nicht noch eine etwas unauffälligere Art ausdenken können um zu spionieren? Der wird wohl auch langsam senil."
Draco sah den ehemaligen Gryffindor kurz fragend an und brach dann plötzlich in schallendes Gelächter aus, wobei weißen Zähne aufblitzten.
Durch diese Reaktion nun doch etwas verwirrt runzelte Harry die Stirn. Indess hatte Draco sich wieder beruhigt und das gewohnt spöttische Lächeln lag wieder auf seinem Gesicht, doch seine Augen waren nach wie vor hart.
„Du scheinst hier ja gar nichts mitzubekommen… Oder erzählt man dir einfach nichts?"
„Jetzt sag endlich worum es geht", zischte Harry, der sich sehr unwohl fühlte. Was fiel diesem Kerl ein in sein Büro zu kommen, sich dann auf seinen Sessel zu setzen und sich dann auch noch so aufzuführen.
„Wenn ich wirklich immer noch ein Anhänger des Lords wäre, hätte man mich hier wohl nicht so einfach reingelassen. Benutz mal dein hübsches Köpfchen."
Er seufzte genervt auf, bevor er fortfuhr.
„Hör mir einfach mal kurz zu, Potter. Alles was ich im Moment will ist ein Bett, von mir aus auch ein Sofa. Inzwischen würde ich mich sogar mit einem Teppich zufrieden geben. In den letzten 48 Stunden war ich nämlich im Auftrag eures Ordenes unterwegs."
„Wie ‚Du warst für den Orden unterwegs'?"
Harry spürte heiße Wut in sich aufsteigen. Wieso sagte ihm hier eigentlich niemand mehr irgendwas? Eigentlich dachte er, dass er über alle wichtigen Entscheidungen im Orden unterrichtet war. Seit wann arbeitete Malfoy für sich und seit wann ging er, verdammt noch mal, ein und aus?
„Jaah.", sagte Draco gedehnt, als würde er mit einem außergewöhnmlich beschränkten Kleinkind reden. Er erhob sich aus dem alten Sessel, kam auf Harry zu und blieb erst kurz vor ihm stehen. Der Blonde funkelte auf Harry hinab, den er inzwischen um wenige Zentimeter überragte.
Erst jetzt fiel Harry auf, dass Dracos Jackett zwar von guter Qualität und von einer Marke, die Harry sich mit seinem derzeitigen Gehalt niemals leisten könnte, war, der Stoff allerdings zerknittert war und so aussah, als hätte Malfoy darin geschlafen. Vielleicht hatte er Harrys Kommentar über sein Aussehen deshalb so widerstandslos hingenommen.
„Gut. Lassen wir das.", meinte Draco schwer seufzend „Ich seh schon, dass das Zuhören dich total überanstrengt hat. Verstehen und Ausführen möchte ich dir nicht auch noch zumuten. Also geh einfach zur Seite und ich schau selbst was sich in diesem Rattenloch machen lässt."
Plötzlich wurde Harry grob gegen den Türrahmen gestossen. Draco lief an ihm vorbei in die Halle. Dort sah er sich kurz unschlüssig um, bis er zielstrebig auf die Treppe, die in den ersten Stock führte, zulief.
Harry sah ihm fassungslos nach. Also irgendwas lief hier gehörig falsch..
