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"Herr Chiba, können Sie uns sagen, was passiert ist?", fragt er mich. Was passiert ist? Woher soll ich das wissen? Nein, ich weiß es nicht! Ich hole tief Luft um mich selbst zu beruhigen, bevor ich antworten kann.
"Meine Eltern. Was ist mit meinen Eltern? Wo sind sie?", frage ich leicht nervös. In der Tat, warum sind sie nicht hier?
Doch statt das der Arzt mir antwortet schaut er nur traurig zu seiner Assistentin, "Wie ich es vermutet hatte."
Jetzt dreht er sich zu mir und kommt auf mich zu, immer noch dieses traurige Gesicht tragend. "Chiba Mamoru. Wie alt sind Sie?"
Was soll die Frage? Wenngleich ich panisch feststelle, dass ich sie nicht beantworten kann. "Es tut mir leid, daran erinnere ich mich nicht." Warum weiß ich das nicht? Was geht hier vor? Ich bin verwirrt, konfus. Was passiert mit mir?
"Mamoru. Sie sind 19 Jahre alt. Sie hatten einen Unfall und haben dadurch einen Teil Ihres Gedächtnisses verloren."
"Ich habe was?", falle ich ihm eiskalt ins Wort. Doch innerhalb Sekunden sinken seine Worte und geschickt frage ich, "Wie?"
Langsam beginne ich zu realisieren, was das bedeutet. Ich habe keine Vergangenheit, und damit auch keine Identität. Ich weiß nicht wo ich herkomme, oder wo ich hingehöre, zu wem ich gehöre.
"Was ist passiert?", höre ich mich selbst mit gebrochener Stimme fragen.
"Ich hoffte, dass könnten Sie uns sagen.", antwortet mir der Arzt.
"Meine Eltern. Wo sind meine Eltern?", frage ich erneut verängstigt zurück.
Ich ahne schon bei der Fragestellung, dass nichts Gutes folgen wird.
"Mamoru, Ihre Eltern sind vor 13 Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Wie durch ein Wunder überlebten Sie diesen Unfall.", gesteht er mir.
In mir bricht eine Welt zusammen. Meine Eltern! Der Autounfall. Ich fühle mich erneut wie der kleine Junge, der ich zu diesem Zeitpunkt war; ein kleiner Junge der auf dieser Welt allein gelassen wurde. Tiefe Traurigkeit und Einsamkeit durchströmt mich. Selbst die Wärme dieses Lichtes ist jetzt nur noch ein spöttischer Schimmer, der über mich zu lachen scheint.
Aber zumindest diese Erinnerung habe ich mir nicht eingebildet. Ich könnte schwören, dass ist erst gestern passiert, so frisch wie mir diese Erinnerung scheint. Ich merke, wie erneut Tränen in meine Augen kommen. Wer kann es mir übel nehmen. Meine Eltern. Tot? In mir steigen tausend Emotionen auf. Wut, Traurigkeit, Hass, Einsamkeit, Ärger, Hoffnungslosigkeit, Trostlosigkeit, Wehmut - und alles auf einmal.
Und dann trifft mich die Erkenntnis: Ich bin jetzt ganz allein auf dieser Welt! Denn soweit ich mich von diesem kleinen Brocken Vergangenheit erinnere, habe ich keine nahen Verwandten. Meine Großeltern sind bereits tot und meine Eltern hatten beide keine Geschwister. Einen Bruder habe ich auch nicht. Ich bin allein auf diesem Planeten, zurückgelassen von den einzigen Menschen die mir nahe standen. Wie konnten sie mir das antun?
Aus meinen Augenwinkeln sehe ich, wie der Arzt und die Krankenschwester aus dem Zimmer gehen und noch größere Einsamkeit überkommt mich. Als würde das Leben über mich lachen und mir nun vor Augen führen wollen, wie die Menschen mich stets verlassen!
- tbc -
