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Wie soll ich mich mit 19 Jahren ohne meine Erinnerungen allein zurecht finden? Wo soll ich hin? Ich kenne niemanden mehr. Gibt es überhaupt jemanden, der mich kennt, der mich vielleicht vermisst oder sucht, der sich für mich interessiert? Ich bin jetzt allein auf dieser Welt.
Mit geschlossenen Augen und mein Gesicht in meinen Händen vergraben beginne ich frei zu weinen. Ich lasse all die Emotionen aus mir heraus, ohne Rücksicht auf Verluste. Was habe ich denn zu verlieren? Wie kann ich etwas verlieren wenn ich nichts mehr besitze? Diese Einsamkeit ... sie nagt tief in meiner Seele. Sie beginnt mich von innen heraus zu zerreißen!
Was ich wohl für ein Leben als 19jähriger gelebt habe?
Tief in mir steigt erneut diese inzwischen bekannte Dunkelheit auf. Und wieder manifestiert sich dieser Schatten, der langsam die Gestalt einer Frau annimmt, die ich zu kennen scheine. Wie hieß sie gleich noch mal? Richtig, Beryl.
"Komm zu mir! Dann bist du nicht mehr allein!", spricht sie mit tiefer Stimme zu mir. Kennt sie mich? Ihre Erscheinung erweckt in mir Angst. Wenn ich ehrlich bin, erschreckt sie mich zu Tode. Doch ich kann nicht wegrennen, oder will ich vielleicht gar nicht wegrennen? Wohin ich auch schaue, überall ist es dunkel und es wird immer dunkler. Nicht nur das, ich fühle mich wirklich unwohl. Doch, ich will wegrennen! Jede Einsamkeit ist besser als dieses Gefühl! Ich bin allein und irgendetwas Böses steigt in mir auf. Doch gerade als sich der dunkle Schatten mir nähern will, ertönt eine weitere Stimme. Eine traurige Stimme, die den Tränen nahe zu sein scheint. "Mamoru!?"
Und augenblicklich verschwindet die Dunkelheit und weicht einem leichten Licht. Einem Licht, welches auch das Gefühl des Bösen verschwinden lässt. Es ist warm, es weckt Hoffnung in mir, es schiebt die Einsamkeit in mir bei Seite. Und langsam komme ich zu mir. Es ist nicht nur Einbildung? Es ist tatsächlich jemand anwesend? Ich merke, dass ich mein Gesicht immer noch in meinen Händen vergraben habe. Diese unheimliche Wärme, ich spüre sie noch immer, obwohl ich wieder bei Sinnen bin. Mir wird bewusst, ich bin in den Armen von jemandem. Und mein Kopf rastet an dessen Schultern. Und für einen kurzen Augenblick genieße ich das Gefühl der Geborgenheit, was in mir geweckt wird. Ich wünschte ich könnte für immer in diesem Gefühl schwimmen. Doch die Stimme holt mich erneut ein.
"Mamoru! Es tut mir so leid!", dringt eine verweinte Stimme zu mir durch.
"Mutter?", frage ich instinktiv. Kann es sein? Nein, es ist nicht meine Mutter. Meine Mutter klingt anders. Ich würde sie unter Tausenden erkennen. Und sie ist definitiv nicht meine Mutter. Dennoch fühle ich mich sehr behaglich.
Als Antwort auf meine Reaktion werde ich nur noch fester gedrückt. Realisation trifft mich. "Es ist also wahr? Meine Eltern sind... tot?", frage ich zaghaft, noch immer an einen Irrtum glauben wollend, während ich erneut in Tränen ausbreche.
"Mamoru...", redet sie erneut auf mich ein. Irgendwie beruhigt mich ihre Anwesenheit. Auch wenn ich sie nicht kenne, aber sie scheint den Schmerz in mir zu lindern. Ein kleiner Engel in meiner traurigsten Stunde? Ist das Leben doch nicht so unfair und lässt mich komplett allein zurück? Gibt es also wenigstens eine Person die mich vermisst hat, die sich um mich sorgt? Instinktiv überkommt mich ein Instinkt, diesen Engel bei mir zu behalten, ihn nicht gehen zu lassen, ihn vor allem Bösen zu beschützen. Doch dieser Instinkt hat keine Zeit sich breit zu machen.
"Sind Sie Tsukino Usagi?", höre ich eine tiefe Stimme fragen.
- tbc -
