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Usagi versucht sich etwas zu beruhigen, bevor sie erneut anfängt. "Du hast mir gesagt, ich soll dir nicht folgen. Aber ich hab mir Sorgen gemacht und bin dir trotzdem gefolgt. Wenn ich nicht gewesen wäre, wäre das alles nicht passiert."

Endlich! Endlich beginnt mir jemand die Geschichte zu erzählen! Wenn es nicht so ironisch wäre, würde ich sagen: Ich sterbe vor Neugier!

Lächelnd nehme ich ihre Hände in meine. Sie fühlen sich so warm an.

"Hast du mich angegriffen?", frage ich sie ernst.

Geschockt schaut sie mich an, "Nein." Und an ihrem Ausdruck kann ich sagen, dass sie die Wahrheit sagt.

"Wie kannst du dann sagen, es sei deine Schuld gewesen? Weißt du, wer mich angegriffen hat? Und wohin bist du mir gefolgt?"

Langsam verschwinden Usagis Tränen, "Zum Starlight Tower. Wir sind im Aufzug stecken geblieben. Irgendwie haben wir es dann doch noch geschafft da raus zu kommen. Aber da hat Zoisite schon auf uns gewartet."

Zwischen ihren Ausführungen dringt immer wieder ein Schluchzen hervor. Ein Ausdruck ihrer Angespanntheit, ihrer Traurigkeit und vor allem ihrer Selbstvorwürfe. Doch ich kann ihr diese Vorwürfe nicht nehmen. Nicht solange ich mich nicht erinnern kann. Ich kann lediglich versuchen mit logischen Denken zu argumentieren.

"Hat dieser Zoisite mich angegriffen?", frage ich. Bei diesem Namen läuft es mir eiskalt den Rücken runter.

Usagi nickt mit ihrem Kopf.

"Wo ist er jetzt?"

"Er ist... weg.", antwortet sie leise mit gesenktem Blick.

Weg? Was soll das heißen er ist weg? ... Tot?

"Was? Ich habe ihn umgebracht?", platzt es aus mir heraus. Bitte nicht! Lass mich in diesem Leben kein Mörder sein.

"Nein.", ist alles was Usagi antwortet. Ich lasse meinen Atem gehen, welchen ich unwillkürlich und unbewusst angehalten habe.

Dennoch spüre ich bei ihr Unbehaglichkeit, was das Thema betrifft. Vielleicht wäre es besser das Thema zu wechseln. Aber ich bin so verdammt neugierig! Nun, vielleicht sollte ich diese Neugier an anderer Stelle befriedigen. Es gibt so viel zu entdecken!

"Usagi. Erzähl mir wie wir uns kennen gelernt haben."

Augenblicklich dreht sie sich zu mir und beginnt frei heraus zu lachen. Ein strahlendes Lachen, welches mich automatisch mitreißt. Erneut überkommt mich ein lächeln.

"Na ja, das erste mal haben wir uns getroffen, als du gerade im Weg von einem Stückchen Papier warst."

"Von einem Stückchen Papier?", frage ich ungläubig.

"Ja, du hast einen Schultest von mir auf den Kopf bekommen."

Erneut beginnt sie zu lachen. Diesmal lache ich allerdings nicht nur mit, weil sie lacht, sondern weil ich die Vorstellung witzig finde. Ich werde von einem Schultest getroffen und lerne so Usagi kennen.

"Und danach sind wir beide ständig ineinander gerannt und haben argumentiert. Motoki wollte sich schon Ohrenstöpsel zulegen. Er meinte mal, wir würden so laut streiten, dass es ganz Tokyo hören würde."

"Und wir haben uns immer gestritten?", frage ich ungläubig, leicht traurig. Ich würde sie so gern zu den Menschen zählen, die mir lieb sind. Ich muss gestehen, sie hat mich verzaubert.

"Nicht gestritten.", verbessert sie mich, "Argumentiert."

Nun, das ist natürlich ein Unterschied.

So geht der Tag weiter. Sie erzählt mir unheimlich viel Geschichten über das, was wir gemeinsam erlebt haben. Oder besser, über was wir beide immer 'argumentiert' haben. So erfahre ich auch von meinem Freund Motoki, der leider nicht kommen konnte, da er arbeiten muss. Das gilt auch für die nächsten drei Tage.

Als am Abend die Besuchszeiten vorbei sind, wird Usagi - zu meiner Enttäuschung - von den Ärzten praktisch rausgeschmissen. Doch verspricht sie mir, dass sie am nächsten Tag wiederkommt. Ich habe ihre Gesellschaft unheimlich genossen.

Und nun liege ich im Bett und verarbeite alles, was ich heute erlebt habe. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie Usagi und ich einen solch schlechten Start das erste mal haben konnten. Ich kann es kaum erwarten, sie wieder zu sehen. Und mit den Gedanken bei ihr schlafe ich ein.

- tbc -