Chapter 1

Gespräche im Dunkeln

Harry saß im Fenster seines Zimmers und war der einsamste Mensch der Welt! Zumindest fühlte es sich so an.

Die sauberen Vorgärten des Ligusterwegs lagen im hellen Sonnenschein. Es war drückend heiß, die Luft flirrte, roch süß und schwer nach Blumen. Im Park, ein paar Straßen weiter, lachten Kinder. Im Baum vor Harrys Fenster saß ein Vogel und sang. Es schien als wäre einfach jeder glücklich, außer Harry.

Trübsinnig starrte er in den strahlend blauen Himmel. Nur ein paar blass rosa Wölkchen kündigten die Dämmerung an.

Harry saß da und dachte an Sirius. Einen ganzen, ewigen Nachmittag lang hatte er es geschafft, das zu vermeiden. Nun aber, als es ruhig war, außer dem Fernseher im Wohnzimmer unten, und nichts ihn ablenken konnte, sah er das schöne Gesicht seines Paten vor sich. Fast hatte er das Gefühl, sein raues, bellendes Lachen zu hören. Doch Sirius war Tod.

„Und ich bin schuld! Wäre ich nicht ins Ministerium gegangen, hätte er mir nicht folgen müssen." schoss es ihm durch den Kopf. Müde blinzelte er die Tränen weg, strich durch seine unordentlichen Haare. Er starrte aus dem Fenster. Er erwartete immer noch, einen großen, schwarzen Hund um die Ecke kommen zu sehen.

Es dauerte einen Moment, ehe Harry begriff, dass Sirius nicht kommen würde. Wieder versetze es ihm einen Stich.

Ein "Menschenrettungsding" hatten Hermine und Ron es genannt, als er unbedingt ins Ministerium wollte. Er hatte Sirius retten wollen und dabei nur erreicht, dass der gestorben war und Harry etliche seiner Freunde in Gefahr gebracht hatte.

Eine kleine, sehr gemeine Stimme flüsterte ihm noch etwas anderes zu. Etwas auf das Harry nur zu gern hörte, weil es seine eigene, grausame Schuld linderte.

„Das alles wäre ohne Snape nie passiert. Er hätte etwas sagen können, in Umbridges Büro. Dann hätten wir Hogwarts nie verlassen. Er wusste, dass wir Sirius helfen würden. Und er war der letzte vom Orden der noch in Hogwarts war. Er hätte uns sagen können, dass Sirius im Hauptquartier war. Es wäre so einfach für ihn gewesen. Und wenn Sirius nicht ständig von Snape getriezt wurden wäre, hätte er auf Dumbledore gewartet und wäre mir nicht zu Voldemort gefolgt. Es ist Snapes Schuld."

Heißer, Brechreiz erregender Hass stieg in Harry auf. Seine Finger klammerten sich um den kalten Zauberstab in seiner Tasche und er hätte Snape gerne einen Fluch auf den Hals gehetzt. Ohne Snape wäre Sirius noch am Leben, davon war Harry überzeugt.

Nach Sirius Flucht aus Askaban hatte Snape auch schon alles verdorben. Er war Schuld, dass Sirius seine Unschuld nicht beweißen konnte. Nur weil er sich einmischen musste, konnte Wurmschwanz entkommen.

Nur wegen Snape war Sirius bis zu seinem Tod vom Ministerium gesucht wurden und damit im Hauptquartier des Phönixordens gefangen gewesen und zur Untätigkeit verdammt. Deswegen war er auch Harry an jenem Tag ins Ministerium gefolgt und dort gestorben. An allem war nur Snape Schuld.

„Eines Tages werd ich es ihm heimzahlen!" fauchte Harry und versetzte dem Fensterbrett einen so harten Schlag, dass seine Hand schmerzhaft pulsierte.

Verächtlich schnaubend starrte Harry die Blumen im Vorgarten von Nummer 4 an. Jede von ihnen schien Snapes Gesicht zu haben und ihn mit einem kalten Lächeln zu verhöhnen.

Das sanfte Rot der untergehenden Sonne wich dem samtenen Blau der Nacht. Harry starrte in die Dunkelheit und wollte nichts mehr, als Snape Schmerzen zu zufügen.

„Schlaflos, Harry?" fragte ein sanfte Stimme.

Sie riss Harry abrupt aus seinen Gedanken. Er wirbelte erschrocken herum, um zu sehen wer, da im Zimmer war. Seine Augen brauchten einen Moment um sich an die Finsternis zu gewöhnen. Dann sah er die Schemen eines Mannes. Erstaunt sah er die ungewöhnliche Gestalt vor seinem Bett an. Er konnte es nicht glauben. Mitten in seinem kleinen Schlafzimmer stand Albus Dumbledore. Mit funkelnden Augen sah er sich um.

„Guten Abend, Professor." grüßte Harry ihn, nachdem er seine Stimme wieder gefunden hatte. Der alte Zauberer trat zu ihm ans Fenster.

Irgendetwas an Dumbledore war anders. Es dauerte einen Moment bis Harry klar wurde was es war. Dumbledore hatte sich in der kurzen Zeit verändert, in der Harry ihn nicht gesehen hatte. Er wirkte viel jünger. Die Erschöpfung, die Harry gesehen hatte, als er in der Nacht nach Sirius Tod in seinem Büro war schien verschwunden. Harry musste zugeben, dass Dumbledore noch nie so jung gewirkt hatte, seit er ihn kannte. Und wie er so neben ihm am Fenster stand, kam es Harry so vor, als wäre er ein paar Zentimeter gewachsen.

„Ah, es ist Sommer. Eine herrliche Jahreszeit, findest du nicht, Harry?" fragte Dumbledore und klang dabei völlig entspannt. Harry fühlte sich unwillkürlich an ihre erste Begegnung erinnert. An die Rede für die Erstklässler in Harrys erstem Jahr in Hogwarts. Seit dem hatte Harry Dumbledore nicht mehr so gelöst erlebt.

„Ja…" Im ersten Moment hatte Harry aus reiner Gewohnheit seine Frage beantworten. Es dauerte einen Moment, ehe er begriff, dass Dumbledore gar keine Antwort erwartete.

„Wieso sind Sie hier, Sir?" fragte Harry schließlich.

Dumbledore seufzte leise, sah ihn kurz an, bevor er wieder den Himmel nach irgendetwas absuchte. Ein Teil der Besorgnis, die Harry das ganze letzte Jahr gesehen hatte kehrte in das Gesicht des alten Zauberers zurück.

„Wie geht es dir, Harry?" fragte er nach einer Weile.

„Ich…" Harry wollte sagen, dass es ihm gut ging. Im selben Augenblick bellte ein Hund draußen und Harry sah hinunter, in der Erwartung, Sirius unten im Vorgarten stehen zu sehen. Als großen schwarzen Hund.

Er spürte einen kurzen, scharfen Stich als er merkte, dass es nur ein alter Irish Setter war. Harry hatte den Hund schon ein paar Mal im Park gesehen. Traurig wand er sich wieder Dumbledore zu.

„Ich verstehe." flüsterte Dumbledore, ohne seinen Blick vom Himmel abzuwenden.

„Ah, ich wünschte, es wäre anders. Ich wünschte, ich könnte dir Zeit verschaffen. Aber ich fürchte, es ist ausgerechnet Zeit, die wir nicht haben. Leider hast du Recht, dies ist kein Höflichkeitsbesuch. Die Dinge haben sich anders entwickelt als erwartet. Und ich muss sagen, bedauerlicherweise nicht alle zu unseren Gunsten. Ich denke aber, es wird dich freuen zu hören, das du nicht mehr lange hier bleiben musst."

„Nicht lange, Professor?" fragte Harry. Dumbledore hatte Recht. Er war froh dem Ligusterweg bald zu entkommen. Harry wusste zwar inzwischen, warum er jedes Jahr zurück musste, aber das machte es nicht angenehmer, hier zu sein.

„Montag! Wir holen dich Montag in einer Woche ab." sagte Dumbledore in die Nacht hinaus.

„So bald? Professor… Was ist passiert?" fragte Harry alarmiert.

„Ich…, meine Kräfte, sie beginnen zu verfallen. Das passiert, Harry. Ich habe gedacht, dass ich Zeit habe. Das ich dich beschützen kann, solange du zur Schule gehst. Das er nicht an dich herankäme, solange ich es nur schaffe, dich in Hogwarts zu halten. Und bis vor ein paar Tagen sah es so aus, als hätte ich Recht gehabt. Ich konnte Tom von dir fernhalten, wenn du Hogwarts nicht verlässt. Aber dann… Der Kampf im Ministerium hat Spuren hinterlassen. Mehr als ich erwartet hatte."

Dumbledore machte eine Pause. Für eine Weile schwiegen sie. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Schließlich reichte Dumbledore Harry ein kleines, schwarzes Kästchen. Er hatte es aus einer der vielen Taschen seines Umhangs gezogen.

Mit einem Schlenker seines Stabs öffnete Dumbledore die Kiste. 11 Phiolen lagen darin. Sie waren sehr kunstvoll und mit N.F. graviert. In allen schimmerte dieselbe, silbrig graue Flüssigkeit.

„Kannst du dir vorstellen, was das ist, Harry?" fragte Dumbledore leise. Harry schüttelte den Kopf. Er sah wie gebannt den schillernden Trank an.

„Das, Harry, ist das Elixier des Lebens. Genauer genommen, der Rest davon! Als ich bei meinem alten Freund Nicolas war, hat der mir einen letzten Rest des Elixiers gegeben. Und das ist auch der Grund, weshalb ich noch lebe. Aber der Trank verliert scheinbar seine Wirkung wenn man ihn zu lange ohne den Stein lagert. In letzter Zeit …"

Sein Seufzer hing so schwer in der Luft wie die dunkeln Wolken vor einem Gewitter.

„Es gab zwei Leute, die es benutzt haben, als der Stein vor fünf Jahren vernichtet wurde. Einer war Nicholas, wie du weißt. Der andere ich selbst Wie du gesehen hast, sind noch 11 Phiolen übrig. Die letzten 11, die es gibt. Und die Wirkung verliert sich immer schneller. Professor Snape gibt mir Tränke, die es hinauszögern, aber Tatsache ist, dass mir die Zeit davon läuft. Wenn alles gut geht, habe ich noch ein Jahr. Vielleicht weniger.

Ich möchte dir noch soviel wie möglich beibringen, damit du bereit bist, deine Bestimmung zu erfüllen, wenn die Zeit gekommen ist. Und ich muss dir noch einiges erklären, von dem ich glaube, dass es wichtig sein könnte… später." sagte Dumbledore. Er sprach sehr leise, doch Harry verstand jedes Wort. Er nickte kurz, um zu zeigen, dass er verstanden hatte.

„Zuerst möchte ich wissen, ob du kämpfen willst." fuhr Dumbledore fort.

„Natürlich!" Dann setzte er ironisch dazu: „Es ist ja nicht so, dass ich eine Wahl hätte."

„Eine Wahl hat man immer, Harry." antwortete Dumbledore langsam.

„Aber die Prophezeiung..." begann Harry und sah Dumbledore verwirrt an.

„Du hast nicht die Wahl, ob du mit Tom kämpfen willst oder nicht. Aber du hast die Wahl, ob du gejagtes Opfer oder ernsthafter Gegner sein willst."

Harry dachte eine Weile nach. Er war sich sicher, dass er Voldemort und all den Grausamkeiten um ihn herum ein Ende setzen wollte. Er wollte, dass es vorbei war. Aber er wollte nicht sterben. Und er wollte nicht, dass seine Freunde in Gefahr waren. Für den Rest seines Lebens hatte er genug Leid und Tod gesehen. Er wollte Frieden.

„Ich will kämpfen." versicherte Harry schließlich niemandem bestimmten. Er konnte Dumbledore nicht ansehen.

„Gut." antwortete Dumbledore ruhig. „Dann werde ich dir dabei helfen, so gut ich kann. Aber das wird harte Arbeit. Und du wirst Hilfe brauchen. Ich möchte, dass du isst und schläfst, auch wenn ich mir vorstellen kann, dass dir weder nach dem einen, noch dem anderen ist. Du brauchst deine Kraft.

Außerdem solltest du üben, deinen Geist zu leeren. Gegen die Angriffe auf deinen Geist kann weder ich, noch sonst jemand dich mit einem Zauber schützen. Professor Snape wird dich in Okklumentik unterrichten, sobald die Schule wieder begonnen hat. Er ist ein hervorragender Okklument und hat die notwendige Erfahrung."

Einen Moment kämpfte Harry mit seiner Wut auf Snape. Die Aussicht auf weitere Einzelstunden mit ihm war wenig verlockend. Besonders nach ihrem Zusammenstoß in Snapes Erinnerung letzten Sommer. Aber die Aussicht auf Voldemort in seinen Träumen und Gedanken war noch weniger verlockend. Harry schwieg. Er musste einen Weg finden, Okklumentik ohne Snape zu lernen. Aber er hatte noch Zeit. Hermine schoss ihm durch den Kopf. Ihr würde sicher etwas einfallen.

„Mit allem anderen müssen wir warten, bis du wieder in Hogwarts bist. Solange du nicht in der Schule bist, kannst du nicht trainieren jedenfalls nicht praktisch. Das Ministerium hat, wie du weißt, seine eigenen Mittel, um Minderjährigenzauberei zu erkennen. Und sie werden dir mit Sicherheit keine Sondererlaubnis geben."

„Was passiert bis dahin?" fragte Harry etwas ungeduldig. Endlich schien Dumbledore ihn wirklich in seine Pläne einzubeziehen. Irgendwie war es eine Erleichterung, endlich etwas tun zu können. Im ganzen letzten Jahr hatte er darauf gewartet.

„Du musst erst einmal gar nichts tun. Nutze die Ferien und sammle neue Kräfte. Ich müsste mich schon sehr irren, wenn du sie nicht bräuchtest. Sobald das Schuljahr beginnt, werden wir trainieren. Flüche, Abwehr, Verwandlung, Tarnung…Alles, was hilfreich sein könnte. Und ich werde dir alles erzählen, was ich über Tom weiß. Aber bis dahin solltest du dich ausruhen." erklärte Dumbledore der Dunkelheit, so wie vorher Harry.

„Wohin bringt der Orden mich?" Harry nahm kaum wahr, wie atemlos seine Stimme klang. Seine größte Angst war, den Rest des Sommers im leeren Haus seines Paten verbringen zu müssen. Alles dort würde ihn an Sirius erinnern. Und das war so ziemlich das letzte, was er wollte.

„Nun, ich vermute, du verspürst nicht den Wunsch in den Grimmauldplace zurückzukehren und die Ferien dort zu verbringen?" Dumbledore musterte Harry über die Ränder seiner halbmondförmigen Brille hin weg. Harry nickte, so schnell er konnte.

„Dann sollten wir Molly Weasley nicht um das Vergnügen bringen, sich darüber zu beschweren wie dünn du geworden bist! Sie wird sich, freuen dich für den Rest des Sommers im Haus zu haben. Ich nehme an, dass du dieser Einladung gern folgen wirst. Außerdem glaube ich, wären die Herren Fred und George Weasley begeistert, wenn du ihre neuen Produkte testest." Dumbledore lachte leise. Die Erfindungen der Weasleyzwillinge waren vermutlich genau nach seinem Geschmack.

„Ferien im Fuchsbau!" Harry fühlte sich unsagbar erleichtert. Er würde mit Ron und den Weasleys den Sommer verbringen. Die vielen Leute würden ihn wenigstens ein bisschen Ablenken von Sirius und der Prophezeiung. Nur Voldemort machte ihm Sorgen. Nach dem Kampf im Ministerium war der sicher auf der Suche nach Harry. Und einer Möglichkeit, wie er ihn erreichen konnte, bevor er wieder sicher in Hogwarts war. Der Grimmauldplace war zwar nicht schön, aber wenigstens war er sicher. Und Harry wollte die Weasleys nicht in Gefahr bringen.

„Professor, was wenn Voldemort erfährt …" Er sah zu Dumbledore, dessen Lächeln plötzlich zu gefrieren schien.

„Ah, siehst du, Harry, ich denke nicht, dass wir uns Gedanken wegen Tom machen müssen. Es sieht so aus, als wäre er zurzeit ein wenig vom Pech verfolgt. Dieses hässliche Debakel im Ministerium und die Festnahme seiner besten Death Eater haben seine Reihen schon sehr gelichtet. Er hatte nicht geplant, sich so früh zu zeigen. Dass er es nun doch musste, hat seine Pläne empfindlich gestört. Es wird eine Weile dauern, das wieder in Ordnung zu bringen. Und dann gab es einige, nun sagen wir absichtlich unabsichtlich misslungene Aktionen." Etwas Gemeines lag in Dumbledores Stimme, das Harry von ihm nicht kannte. Er kam nicht dazu, lange darüber nachzudenken. Denn Dumbledore fuhr fort.

„Da ich mir denken konnte, dass du den Grimmauldplace im Moment nicht sehen willst, sind wir dabei ein wenig umzudisponieren. Wie du sicher von Ron hören wirst, ist der Fuchsbau inzwischen ziemlich belagert. Fast der gesamte Orden ist dort, um alles vorzubereiten. Wir haben den Fuchsbau so gut gesichert, wie Hogwarts. Tom wird ihn nicht finden, selbst wenn er es wollte."

„Was tut der Orden noch gegen Voldemort?" fragte Harry neugierig.

„So viel wir können. Wir stören die Aktionen, so gut es geht. Und wir unterstützen die Auroren und in der Zwischenzeit versuchen wir, Informationen über Tom zu finden. Vor allem über die Jahre, die er nicht in England verbracht hat. Und wir sammeln Verbündete, wo wir können. Die Zentauren und die Kobolde, einige Vampire und eine kleine Hand von Werwölfen unterstützen uns. Und ich hoffe, das es bald mehr werden." antwortete Dumbledore.

Schweigend standen sie am Fenster. Harry hatte gar nicht erwartet, so viel zu erfahren. Aber er war dankbar dafür. Wieder schwiegen sie. Dann seufzte Dumbledore und löste sich vom Fensterbrett.

„Ich habe dir noch etwas mitgebracht, Harry. Ich weiß, eigentlich könnte ich eher Hermine damit zu begeistern. Aber ich denke, es wird dir nützlich sein. Du kannst zwar nicht Zaubern, aber du kannst dich auf das neue Schuljahr vorbereiten. Und etwas gründlicher als in den letzten Jahren, wenn du meinen Rat hören willst." sagte Dumbledore.

Er legte etwas auf Harrys Schreibtisch, das aussah wie ein Stapel winziger Bon Bons. Er schwang seinen Stab und Harry erkannte, dass es Bücher waren.

„Gifte und Gegengifte" stand in geschwungenen, abblätterten silbernen Lettern auf dem obersten. „Giftige Gebräue des Mittelalters" auf einem anderen, das mindestens so alt aussah wie das erste. „Heilmittel und Schmerzstiller" hieß es auf einem dritten. Harry überflog die Titel.

„Sind die alle über Zaubertränke?" fragte er dann und sah Dumbledore an.

„Allerdings." bestätigte Dumbledore beiläufig.

„Aber ich hab Zaubertränke nicht mehr, Professor! Man muss ein Ohnegleichen ZAG..."

„Ich kenne die Vorraussetzungen für UTZ - Kurse an meiner Schule." unterbrach Dumbledore ihn sanft. „Ich bin der Direktor, falls du dich erinnerst. Und ich würde dir empfehlen, diese Bücher sehr aufmerksam zu studieren, Harry. Sie könnten dir einen Wunsch erfüllen. Und wenn ich mich nicht irre, wirst du dieses Wissen noch brauchen. Also nutze sie klug. Übrigens gehören sie nicht mir. Ich muss dich also bitten, sie mir am Ende des Schuljahres zurück zu geben."

Damit warf er einen Blick auf die seltsame Uhr, die Harry schon kannte.

„Nun wird es aber wirklich Zeit, dass ich mich verabschiede." verkündete er dann. Damit reichte er Harry ein kleines, dunkles Fläschchen mit einem dunkelroten Trank.

„Trink es. Es hilft gegen die Alpträume." sagte Dumbledore freundlich.

„Woher?" wollte Harry im ersten Moment fragen. Er verzog trotzig den Mund. „Ich brauche nichts, ich schlafe ganz gut."

„Nun denn, gute Nacht, Harry!" Dumbledore schmunzelte und steckte die Phiole wieder in seinen Umhang. Dann verschwand er. Genauso leise und unbemerkt wie er gekommen war. Harry stand da und starrte noch eine Weile auf die Stelle, an der Dumbledore gestanden hatte. Es dauerte, bis ihm klar wurde, dass er sich das nicht eingebildet hatte.

Er setzte sich auf sein Bett und griff nach dem ersten Buch. Es war das dicke, in grünes Leder gebundene. Der Staub auf dem Umschlag lies vermuten, das der Besitzer es schon lange nicht mehr benutzte. Vorsichtig wischte er den Dreck weg, um den Titel auf dem Einband zu sehen. „Gifte und Gegengift" stand da, in denselben abgewetzten, silbernen Lettern wie auf dem Buchrücken.

Harry schlug es mit mäßigem Interesse auf. Vom aufgewirbelten Staub musste er niesen. Unter dem Inhaltsverzeichnis. Darunter stand in ebenmäßiger Handschrift eine Widmung.

„Nur wenn du in dir findest, was du draußen suchst, hast du die Chance, dass jemand in dir findet, was er draußen sucht. Vergiss nicht, wer du bist. Und sei es. Ich werde es nicht vergessen. Schreib mir. Ian Rookwell."

Harry blätterte zum ersten Rezept weiter. Zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass er recht gut verstand, worum es ging. Die Brauanleitung und die Erklärung waren leicht. Viel Interessanter als das Rezept war der Rand des Buches.

Es sah so aus, als hätte ihn jemand für einen Briefverkehr genutzt. Die eine Schrift war grün und unverkennbar die von Ian Rockwell. Saubere, gleichmäßige Buchstaben. Die andere, schwarze Schrift war fast so winzig wie die von Hermine, nur etwas geschwungener. Harry kam die Schrift irgendwie bekannt vor. Aber er wusste nicht woher oder zu wem sie gehörte. Harry wusste nur, dass es nicht die von Dumbledore war.

Sorgsam blätterte er weiter. Die beiden Schreiber schienen eine Menge von Giften zu verstehen. Doch je mehr Harry las, desto klarer wurde ihm, dass Rockwell Lehrer und der andere Schreiber Schüler war und offenbar eine Art Wunderkind.

Der letzte Eintrag war ein Gift. Es gab kein Rezept dazu. Und Harry begriff sehr schnell warum. In den Unterrichtsstunden von Snape hatte er einiges über Gifte erfahren. Aber er hatte noch nie von einem so gefährlichen gehört. Der Trank der Nacht klang wie eine Art tödliches Veritaserum Der Trank lies den Vergifteten in eine Verwirrung abgleiten in der er bereitwillig alles erzählen würde. Ähnlich wie beim Veritaserum. Es klang, als würde die Verwirrung Stunden dauern. Der Tod kam schleichend. Erst wenn die Verwirrung sich legte, setzten die Lähmungen ein.

„Sie glauben also, es gäbe eine Umkehrung des Tranks der Nacht? Und Sie könnten das brauen? Sie sind reichlich Anmaßend, finden Sie nicht"

„Natürlich kann ich das brauen, Sir. Auch wenn es die Verkettung mehrer Tränke bräuchte. Und natürlich wären Testreihen nötig. Ich müsste Tabellen erstellen. Aber ich weiß, dass es möglich ist."

„Erstellen Sie ein Rezept. Sie haben 90 Minuten."

Darunter folgte eine lange, komplizierte Anweißung für ein Gegengift. Die Hälfte davon konnte Harry nicht nachvollziehen.

„Heute Abend, 20 Uhr. Seien Sie pünktlich." war der knappe Kommentar darunter.

Harry brannten die Augen. Er hätte gern noch ein paar Minuten gelesen. Aber es ging einfach nicht. Also legte er das Buch weg und löschte das Licht. Nachdenklich schloss er die Augen, an Schlaf war aber nicht zu denken. Unruhig drehte er sich hin und her. Es schien, als hätte ein Film in seinem Kopf nur darauf gewartet an zu laufen.