Chapter 3

Träume und Wünsche

Er saß in einem schweren Sessel, dessen Armstützen mit Samt überzogen waren. Von seinem Platz aus sah er in eine große Halle. Hier war er sicher noch nie.

Die Wände der Halle schienen aus strahlend weißen Steinen zu sein. Harry hatte ähnliche Steine schon mal auf Fotos von alten, ägyptischen Tempeln gesehen. Obwohl die Steine herrlich strahlten, wirkte die Halle unheimlich und bedrückend. Das einzige Licht kam von flackernden Fackeln an den Wänden. Angespannt spähte Harry weiter in die Dunkelheit der Halle.

Und dann erkannte er Schemen. In der Halle waren Menschen. Sie bewegten sich fast lautlos, nur das leise Rascheln ihrer Umhänge verriet sie.

„Snape!" hörte Harry sich mit Voldemorts Stimme sagen. „Tritt vor!"

Eine der Gestalten löste sich aus dem Schatten. Harry hatte Snape noch nie in den schwarzen Roben der Death Eater gesehen. Trotzdem erkannte er ihn sofort. Die Maske mochte die große Hackennase des Lehrers verbergen. Aber Harry sah die schweren Strähnen schmierigen, schwarzen Haars, die unter der Kapuze hervorlugten. Snape kam mit der Geschmeidigkeit einer großen Raubkatze auf Voldemort zu. Ein paar Schritte vor Voldemort blieb er stehen, sah dem dunklen Lord kurz in die Augen und sank auf die Knie. Die Death Eater ringsum hielten den Atem an.

„Ich höre, du hast einen Wunsch, mein Freund." zischte Voldemort sanft. Es klang wie Spott.

„Ja, mein Lord. Ich wäre geehrt, etwas zu beenden zu dürfen, das ich schon vor Jahren begonnen habe." schnarrte Snape. Seine Stimme war so ölig, wie Harry es noch nie gehört hatte und Snapes Augen funkelten im Licht der Fackeln beinah amüsiert.

„Du darfst sprechen, Snape." Voldemort verzog seinen Mund zu etwas, dass man bei anderen wohl als Lächeln bezeichnet hätte. Harry konnte es spüren.

„Ich würde nie wagen, Anforderungen an meinen Herren zu stellen." Snapes Ton war immer noch ölig. Doch Harry kannte Snape gut genug, um den leisen Spott in der dunklen Stimme zu hören. Voldemort hörte ihn nicht oder ignorierte ihn. Einen kurzen Moment spürte Harry, wie Voldemort in Snapes Geist eindrang. Es war, als würde er einen langen Augenblick in eisiges Wasser tauchen und eine Flut von Bildern auf sich wirken lassen. Aber Harry konnte die Bilder nicht erkennen. Sie waren verschwommen, als wären sie hinter einem Wasserfall. Harry verstand nicht warum. Die Erinnerungen von Snape hätte er gern gesehen. Er war sicher, dort entweder den Beweiß dafür zu finden, dass Snape Dumbledore betrog, oder aber den Grund für Dumbledore Vertrauen. Doch es war vorbei, bevor Harry reagieren konnte. Offenbar hatte Voldemort gesehen, was er sehen wollte

„Ich verstehe!" sagte Voldemort leise, die kalten Augen auf Snape gerichtet. „Das ist ein Wunsch, den ich dir erfüllen werde. Nenn dem dunklen Lord also einen Namen."

Etwas gefährlich Amüsiertes hatte in Voldemorts Stimme gelegen. Etwas, das Harry gar nicht mochte. Einen Augenblick schien Snape scharf nachzudenken, bevor er wieder aufsah.

„Veris, mein Lord." sagte Snape dann. Für Harry war es etwa der Tonfall, in dem Ron um eine Spinne bitten würde. Voldemort aber sah Snape nur an. Schließlich lachte er ein kaltes, grausames Lachen und war scheinbar zutiefst amüsiert.

Voldemort hob seinen Zauberstab und schwang ihn elegant durch die Luft. Für einen Moment wurde es kalt, als hätte ein eisiger Wind Harry über den Nacken gestreift. Dann wurde es schwarz. So dunkel, dass Harry nichts mehr sehen konnte. Als wäre er plötzlich blind geworden. Aber er konnte das Blut in seinen Ohren rauschen hören. Harry konnte nur einen Moment in der absoluten Dunkelheit geschwebt sein, als ein schwacher Lichtschein die Finsternis durchbrach.

Das unheimliche Gefühl, wieder im schwarzen See von Hogwarts zu sein beschlich ihn. Während des trimagischen Turniers hatte er da hinein gemusst. Er konnte sich nur nicht erinnern, dass das Wasser so warm war.

Einen Moment später, Harry hätte nicht sagen können wie, war er wieder in der Halle. Irgendetwas war passiert. Etwas, dass Voldemort nicht beabsichtigt hatte. Tom war auch in diesem See gewesen. Sie beide hatten sich erinnert, an die Schwärze und das Gefühl zu schweben. Etwas, das Tom lange vergessen hatte. Harry hätte nicht sagen können, woher er dass wusste. Aber er wusste es.

Es gab etwas, das ihm schlagartig bewusst wurde. Etwas das er nicht vergessen wollte. Etwas das er unbedingt Professor Dumbledore erzählen musste. Tom Riddle und Lord Voldemort waren nicht dieselbe Person. Die Kreatur hatte noch die Erinnerungen des jungen Tom. Vor seinem Angriff auf Harry hatte das seltsame Wesen sogar dessen Körper. Aber Voldemort war nicht Tom Riddle.

Eine der weißen, klauenartigen Hände schloss sich um etwas, dass Harry nicht sehen konnte. Als Voldemort die Hand wieder öffnete und ein äußerst merkwürdiger Stein zum Vorschein kam.

Der Stein war blutrot, aber durchscheinend, wie schweres Glas oder Kristall. Im Inneren sah Harry dunkelrote Linien, die den Stein wie Adern durchzogen. Es sah aus, als ob diese Linien pulsieren würden. Das Glühen des Lichts war unheimlich. Er wandte den Blick von dem Stein ab.

Der Schauer, der ihn überkommen hatte, war nichts gegen den, der Snape beim Anblick des Steins zu erfüllen schein. Gebannt starrte er darauf, als ob er hypnotisiert wäre.

Minuten vergingen und Snape war nicht in der Lage, seine Panik in den Griff zu kriegen. Ein nervöses Flackern in seinen Augen verriet ihn. Er versuchte den Blick abzuwenden, aber er schaffte es nicht.

„Was ist denn, Snape, willst du ihn dir nicht nehmen? Du hast ihn dir ehrlich verdient." Voldemorts Stimme war gefährlich sanft. Wieder lag etwas eindeutig Gehässiges darin.

Snape erhob sich und griff nach dem Stein. Seine Hände schienen dabei ein wenig zu zittern. Fast berührten seine Fingerspitzen den Stein, als er innehielt. Einen Moment sah er forschend in die rot glühenden Augen. Den Blick wieder gesenkt, nahm er den Kristall an sich. Harry konnte spüren, wie Snape die Luft anhielt. Er wickelte den Stein in seinen Umhang so schnell er konnte.

Vorsichtig den Umhang umfassend, wich Snape einige Schritte zurück und sank auf die Knie. An genau derselben Stelle, an der er auch vorher schon gekniet hatte, stellte Harry fest. Jetzt konnte er deutlich sehen, dass Snapes Hände zitterten.

„Ich danke Euch, mein Lord." flüsterte Snape. Der ölige Ton war verschwunden, Snapes Stimme zitterte wie seine Hände. Das Sprechen schien ihn anzustrengen. Als ob seine Mund trocken wäre oder er etwas sehr Zähes im Mund hätte, gegen das er beim Sprechen ankämpfen musste.

„Danke, Severus? Du hast mir von einem Angriff auf das Ministerium abgeraten, hast Dumbledores Pläne vereitelt, unser Versteck zu Orten. Du warst hilfreich. Der dunkle Lord belohnt seine Helfer. Aber vergiss nicht, wie ich mit untreuen Death Eatern verfahre." Voldemort musterte Snapes Miene und Harry spürte sein Misstrauen. Snape jedoch sah seinen Herren nur verständnislos an.

„Mein Lord, ich würde nie…" beeilte er sich dann zu versichern.

„Natürlich nicht, Severus. Du kannst gehen." unterbrach Voldemort barsch. Eine Hand mit langen, weißen Fingern deutete auf die Tür am Ende der Halle. Snape erhob sich, verbeugte sich und wand sich zum gehen.

Keuchend erwachte Harry. Er brauchte einen Moment, um zu erkennen, wo er war.

Er lag immer noch in seinem Bett im Ligusterweg, im Haus der Dursleys. Draußen war es immer noch stockdunkel, der Wecker zeigte 3:30 in rot leuchtenden Ziffern. Verzweifelt versuchte Harry, sich zu erinnern, was er gesehen und gehört hatte.

Er wusste, dass er Snape gesehen hatte. Aber der Rest wollte ihm nicht einfallen. Zurück blieb das Gefühl, irgendetwas Wichtiges vergessen zu haben. Erschöpft sank Harry in die Kissen zurück. Er schloss die Augen. Hinter seiner Stirn hämmerte es. Mit kalten Fingern massierte er seine Stirn, bis der Schmerz nachließ. Jetzt wäre er für Dumbledores Trank dankbar gewesen, aber der war nicht mehr da. Dumbledore hatte ihn wieder eingesteckt. Seufzend drehte Harry sich von einer Seite auf die andere. Seine Gedanken schweiften ab, zu Sirius.

Immer wieder stahl sich Sirius in seine Träume. Sirius, der mit seinen Freunden über das Gelände von Hogwarts streifte. Sirius, als großer schwarzer Hund, Schwanz wedelnd in Hagrids Beet und auf Harry wartend, Sirius, der mit ihm am See stand und ihn anlächelte. Wieder und wieder sah er Sirius durch den Vorhang des Bogens in der Mysterienabteilung fallen und verschwinden.

Irgendwann musste Harry in einen tiefen, traumlosen Schlaf gefalle sein, denn der Geruch nach Braten und das Knurren seines Magens weckten ihn am nächsten Tag.

Harry wollte gerade zum Essen nach unten gehen, als ein hübscher, kleiner Kauz mit einer Rolle Papier im Schnabel durchs offene Fenster herein schwirrte. Gemächlich setzte er sich auf Harrys Bett, lies den Tagesprophet in Harrys Schoß fallen und sah ihn an. Harry brauchte einen Moment, ehe er verstand, was der Kauz wollte. Er wollte seinen Lohn fürs Zeitung ausfliegen.

„Oh! Klar, warte einen Moment." Harry kramte in den Tiefen seines Koffers nach einem Beutel, dem er sein Zauberergeld aufbewahrte, Münzen aus Bronze, Silber und Gold und gab einige davon dem Kauz in einen Beutel an dessen Bein. Der Kauz schuhute noch, als wollte er sich bedanken und flog wieder davon.

Langsam entrollte Harry den Tagespropheten. Sofort fiel sein Blick auf die Schlagzeile. Er begann zu verstehen, was Dumbledore gemeint hatte, als er gesagt hatte, Harry sollte den Tagespropheten lesen.

Neue Erfolge in der Ergreifung von Death Eatern

Wie das Ministerium heute Morgen bestätigte, hat der Orden des Phönix drei weitere Death Eater festsetzen können

Gefasst werden konnten die drei Männer wohl bei einem Angriff auf die Familie eines Auroren. Dabei wurden sie von Mitgliedern des Ordens überwältigt, die schon gestern gewarnt werden konnten.

Der Orden des Phönix unter Leitung des weithin bekannten und verehrten Schulleiters von Hogwarts, Albus Dumbledore, war in den letzten Wochen bereits verantwortlich für die Festnahme einiger, offenbar hochrangiger Death Eater. (Der Tagesprophet berichtete)

Weder das Ministerium, noch Albus Dumbledore waren heute zu einer Stellungnahme bereit, doch wir können nur hoffen, das der Orden und die Auroren es immer schaffen, rechtzeitig vor Ort zu sein.

Unter dessen ist der Aufenthaltsort des Unnennbaren weiterhin unbekannt.

Weiter auf Seite 2 und 6.

Besser gelaunt, als noch beim Aufwachen, ging er hinunter in die Küche. Die Dursleys ignorierten ihn seit seiner Ankunft in Kings Cross. Harry bedauerte es nicht besonders. Er griff einige Scheiben Brot und etwas Käse und ging wieder in sein Zimmer, wo er in aller Ruhe Frühstückte. Dabei glitt sein Blick erneut über den Stapel Bücher, den Dumbledore dagelassen hatte. Seufzend nahm er eins der Bücher.

„Methoden der Zaubertränkebrauerei" war das schäbigste, abgegriffenste, älteste von Dumbledores Büchern. Das braune Leder war voller Flecken, an den Kanten war es abgewetzt. Harry las das erste Kapitel. Eine recht interessante Einführung zur Zaubertrankbrauerei. Auf vielen magischen Bildern wurden die verschiedenen Schneidetechniken gezeigt. Es erinnerte Harry an die beiden Bücher über Verteidigung von Lupin und Sirius, die er letztes Jahr zu Weihnachten bekommen hatte.

Schon der Rand der zweiten Seite war eng mit schwarzer Tinte beschrieben. Und die meisten der Anmerkungen waren hämisch.

Auf der dritten Seite fand Harry schließlich einen Eintrag in grüner Schrift.

„Das ist kein Schmierpapier." las Harry. Erneut eindeutig Rockwells Schrift.

„Ich erkenne keinen Unterschied, Sir." lautete die Antwort, bevor die hämische Kommentierung der Einleitung weiterging.

„Unterlassen Sie das! Oder Sie arbeiten ohne Buch weiter!" verkündete die grüne Schrift ein paar Zeilen tiefer. Harry konnte die Wut des Lehrers richtig hören.

„Mein Buch!" war alles, was er als Antwort bekam. Noch zwei Seiten musste Conrad Prouwett die Häme seines Lesers über sich ergehen lassen.

In gestochen scharfer Schrift stand neben dem ersten Rezept:

„Es ist Ihr Buch, mein Junge. Aber ich werde Ihnen dieses UND jedes andere Buch wegnehmen, bis Sie gelernt haben, das Wissen und die Arbeit anderer zu respektieren. Also wenn Sie schon in Ihrem Buch schreiben müssen, behandeln Sie die Arbeit mit Respekt. Sie werden sehen, dass Sie dann viel Freude an diesem Werk haben werden. Denken Sie mal darüber nach!"

„Danke, Sir!"

Der Schüler schrieb jetzt keine hämischen Kommentare mehr. Er ergänzte nur die Rezepturen. Und er war gut. Ein paar Seiten weiter fand Harry einen interessanten Kommentar.

„Sie liefern akzeptable Arbeiten in Tränke ab, aber Ihre Einstellung, Ihre arrogante Selbstsicherheit geht mir auf die Nerven, mein Lieber. Was halten Sie von einer kleinen Wette? Nur um Ihnen zu beweißen, dass Sie keinen Grund haben, sich derart überlegen zu fühlen. Sie dürfen versuchen, ein einfaches Gegenmittel für den Trank zu brauen. Damit es sich lohnt, wette ich 5 Hauspunkte. Einverstanden?" stand da in grüner Tinte, mit der klaren, sauberen Schrift Ian Rockwells.

„Angenommen." war die schwarz geschriebene Antwort.

„Heute Abend, acht Uhr, mein Büro. Seien Sie pünktlich!"

Harry blätterte neugierig um. Er wollte wissen, wer die Wette gewonnen hatte. Nur eine Seite weiter bekam er die Antwort.

„Sie haben gute Arbeit geleistet. Erstaunlich für einen Erstklässler. Sie verfügen über Talent, nutzen Sie es. Aber weise!"

„Ich bin in der Lage, einer Brauanleitung zu folgen. Das hat nichts mit Talent zu tun, Sir. Jeder, der lesen kann, hätte das Brauen können. Aber Sie haben Recht, ich kann brauen. Kann ich jetzt in mein Buch schreiben, was ich will?"

„Natürlich nicht! Sie verfügen über einen Hauch von Talent, aber Sie bilden sich eine Menge darauf ein."

„Wenn ich über einen Hauch Talent verfüge, besitze ich schon weit mehr als Sie, Sir. Und Maleys Kessel explodiert gleich."

Rockwell hatte die Wette also verloren. Harry wollte weiterblättern, Ein seltsames Geräusch lies ihn aufsehen. Er hätte nicht genau sagen können, was es war. Er legte das Buch zur Seite und trat ans Fenster. Er sah auf den stillen, ein wenig staubigen Ligusterweg hinunter. Der lag wie ausgestorben da, in der Hitze der Nachmittagssonne. Das einzige Geräusch war das Lachen von Kindern, die im Park am Ende der Straße spielten. Und irgendwo bellte ein Hund.

Harry seufzte und starrte in den hellblauen Abendhimmel hinaus.

Er starrte lange in den Himmel, ohne zu bemerken, dass es immer dunkler wurde. Erst als ein leises Rascheln und ein schweres Gewicht auf seiner Schulter ihn aus seinen trüben Gedanken rissen, stellte er fest, dass es Nacht war. Eine riesige, weiße Schneeeule hatte sich auf seiner Schulter nieder gelassen und knabberte sanft an seinem Ohr. Sie schuhute leise und sah ihn mit ihren klugen gelben Augen an. Mit einem traurigen Lächeln kraulte Harry ihren Kopf.

„Na, war's schön draußen, Hedwig?" fragte Harry. Hedwig schuhute leise.

Nach dem sie einen Moment auf seiner Schulter gesessen hatte, schwebte sie von dort zu Harrys Bett und ließ sich majestätisch darauf nieder. Harry schloss das Fenster und setzte sich zu ihr.

„Na ja wenigstens scheinst du deinen Spaß zu haben." Harry kämpfte mit den Tränen. Er streichelte Hedwig übers Gefieder und sah sich um. Dieses Zimmer und Hogwarts waren alles, was er hatte. Er wollte nicht zu den Dursleys zurück, wenn Hogwarts vorbei war. Aber er hatte auch keine Idee, wo er hin sollte. Plötzlich vermisste er Sirius und sein Lachen. Er wollte zu Sirius. Er wollte hören, dass alles irgendwann gut sein würde. Und dann könnten sie wie eine Familie sein.

„Mein Leben ist die Hölle, weißt du? Jedes Mal wenn ich jemanden mag oder glaub, dass es endlich besser wird, passiert irgendetwas Furchtbares. Und jeder behandelt mich wie ein Kleinkind. Als ob ich nicht auf mich selbst aufpassen könnte. Ron und Hermine haben auch ständig Ärger. Oder ich verwickele sie in Dinge, die sie umbringen könnten."

Er sah die Eule an, die ihn mit ihren klugen, gelben Augen anstarrte.

„Scheiß Leben!" fluchte er und vergrub sein Gesicht im Kissen.

„Und Sie glauben, dass Ihr Selbstmitleid Ihnen hilft, Mister Potter?" fragte eine Frauenstimme aus der Dunkelheit. Harry fuhr herum, intuitiv griff er zu seinem Zauberstab. Doch die Frau war schneller. Ein Licht flammte aus der Spitze des Zauberstabs und Harry erkannte im Halbdunkel seine Hauslehrerin Professor McGonagall. Die Hexe, deren schwarzes Haar wie immer zu einem strengen Knoten im Nacken hoch gesteckt war, musterte ihn.

„Guten Abend!" grüßte sie schließlich.

„Guten Abend, Professor." Erstaunt sah er sie an. „Entschuldigen Sie, aber wie kommen Sie hier rein?"

McGonagall verzog den Mund und deutete mit dem Kopf auf die Katzenklappe, durch die die Dursleys Harry früher das Essen ins Zimmer geschoben hatten. Harry verstand.

„Und was wollen Sie hier?" knurrte er nach einem Moment.

„Nach Ihrem Befinden sehen, Potter." lautet McGonagalls knappe Antwort.

„Lässt Dumbledore mich jetzt überwachen?" fragte Harry, giftiger als beabsichtigt.

„Professor Dumbledore hat Professor Snape davon überzeugt, dass er wohl kaum geeignet wäre, sich um Ihre Sicherheit hier zu bemühen. Deshalb bin ich hier. Tonks und Alastor Moody werden im Lauf der Woche dazu stoßen." erläuterte die Hexe und fügte mit einem viel sagenden Blick auf Harry hinzu: „Sollte Ihnen Severus Gesellschaft allerdings lieber sein…."

„Bloß nicht!" wehrt Harry ab. Allein der Gedanke an Snape lies seinen Magen Saltos vollführen. Ganz sicher war die allerletzte Person, die er jetzt um sich haben wollte, Severus Snape.

„Ich wollt Ihnen das nur Mitteilen, dass wir in der Nähe sind, falls Sie uns brauchen. Damit Sie sich nicht Hintergangen fühlen." Harry senkte betreten den Blick und wurde rot.

„Entschuldigen Sie, Professor." murmelte er. McGonagall nickte verständnisvoll.

„Potter, keiner erwartet, dass es Ihnen gut geht. Niemand erwartet, dass Sie über Sirius Tod einfach so hinwegkommen. Aber hören Sie auf nach Schuldigen zu suchen! Es bringt Sie nicht weiter. Und Ihre lose Zunge ist Ihnen auch keine besondere Hilfe, fürchte ich. Ihre Sprüche werden Sie noch in die allergrößten Schwierigkeiten bringen." McGonagall war unüberhörbar verärgert. Ihre Blicke schienen Harry zu durchbohren.

„Ich denke, Sie werden es hilfreich finden, dass Ihnen der Tagesprophet zukommt. Es mag nicht alles wahr sein was da steht, doch genug, um über die neuesten Entwicklungen auf dem Laufenden zu sein. Und jetzt, Potter, sollten Sie schlafen." fügte sie hinzu. Mit einem Schlenker löschte sie das Licht und Harry schlüpfte gehorsam unter die Decke.

„Hier, trinken Sie das." Sie hielt ihm eine Phiole mit einer leuchtend roten Flüssigkeit hin.

„Ich brauch keinen Schlaftrank." brummte Harry grimmig und starrte die Phiole an wie einen Feind. Selbst nicht ganz überzeugt fügte er hinzu: „Ich schlaf ganz gut."

„Ich glaube Ihnen kein Wort, Potter. Und jetzt trinken Sie." antwortete McGonagall und hielt ihm auffordernd die Phiole hin. Er verzog den Mund, griff aber danach. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte, mit McGonagall zu diskutieren. Also trank er den Glasflakon in einem Zug leer.

„Ich lasse Ihnen für jeden Abend einen da. Und ich werde es merken, wenn Sie keinen nehmen. Sie finden uns bei Arabella Fick, Potter, falls Sie sonst irgendetwas brauchen!" sagte sie.

„Danke, Professor." nuschelte er. Der Trank begann bereits zu wirken und er spürte, wie es ihm die Augen zuzog. Die Klappe an seiner Tür ging und er wusste, dass McGonagall verschwunden war.

Harry schlief tief und erwachte erst am Mittag des nächsten Tages.