„Severus!" Der Angesprochene zog den Kopf unwillkürlich zwischen seine Schultern. Die Herrin des Hauses klang ziemlich ungehalten.
„Ja, Liebling?"
Wie eine Furie stürmte Hermine ins Wohnzimmer, brachte dabei das Kunststück fertig über keinen der überall herumliegenden Bücherstapel zu stolpern, ihnen sogar noch den ein oder anderen bitterbösen Blick zuzuwerfen, und baute sich vor ihrem Mann auf. 'Das hat sie sich bestimmt von Molly Weasley abgeschaut', dachte Severus unbehaglich, als sie ihre Hände in die Hüften stemmte.
„Du hast die Bücher immer noch nicht eingeräumt."
Dieser Streit war zu einem allwöchentlichen Ritual geworden. Jeden Samstagmorgen forderte Hermine ihn dazu auf, die Bücher, die überall (und überall meinte auch überall: sogar im Badezimmer und in der Küche fanden sich Bücher) herumlagen, wieder in die Regale zu stellen. Bereits an dieser Stelle war der Streit immer eskaliert. Er hatte jedes Mal darauf hingewiesen, dass dies nach wie vor seine Wohnung sei und er die Bücher dann einräumen würde, wenn er es für richtig hielt. Die Konsequenz war eine Auslagerung aus dem heimischen Schlafzimmer und tagelanger Sexentzug. Diese Maßnahmen wurden immer erst dann aufgehoben, wenn er die Bücher endlich eingeräumt hatte.
Heute allerdings wollte er neue Wege beschreiten. „Tatsächlich?" Er gab sich gelassener, als er war. Er hatte irgendwann einsehen müssen, dass Hermine einfach am längeren Hebel saß.
„Ich habe es wirklich satt. Woche für Woche die selbe Diskussion. Mach nur so weiter! Dann kannst du ..."
„... die nächsten Tage auf dem Sofa schlafen, ich weiß." Er setzte ein beschwichtigendes Lächeln auf. „Ich habe doch nur", er suchte einen Moment lang nach dem richtigen Wort, „produktionsoptimierend gedacht."
„Produktionsoptimierend? So, so ..." Mist. Es schien nicht so, als hätte er sie überzeugt. Aber das war eben das Problem, wenn man eine intelligente Frau heiratete. Nicht nur, dass sie die meisten Fremdwörter verstand, mit denen er immer dann um sich schmiss, wenn er seinen Gegenüber verwirren wollte, nein, sie ließ sich nicht einmal von ihnen einlullen.
„Ja, produktionsoptimierend. Sieh mal, jede Woche räume ich die Bücher zurück ins Regal. Und jede Woche räumen wir beide", er gab sich wirklich Mühe dieses 'beide' nicht über die Maße zu betonen, doch Hermines säuerlicher Miene nach gelang ihm das nicht ganz, „haargenau die selben Bücher wieder heraus und verteilen sie in der Wohnung."
Hermine schien zu stutzen, ihr Gesichtsausdruck wurde nachdenklich und die ganze Körperhaltung wesentlich weicher. „Du hast Recht", sagte sie schließlich verblüfft. Severus verkniff sich ein zufriedenes Lächeln, denn das hätte sicher dafür gesorgt, dass der bisher vermiedene Streit doch noch ausbrechen würde.
„Das ist wirklich seltsam", sagte sie, während sie sich auf das Sofa neben ihn setzte. „Das ist mir nie aufgefallen. Weder, dass auch ich es war, die Bücher in der Wohnung verteilte, noch, dass es immer die selben sind." Sie wirkte plötzlich richtig niedergeschlagen.
Severus legte den Arm um ihre Schultern und zog sie an sich heran. „Liebling, das ist doch nicht schlimm. Du hattest so viele andere Dinge im Kopf. Da kann es schon einmal passieren, dass man jemanden zu Unrecht beschuldigt." Nun, da die Gefahr eines Streits vorläufig gebannt war, konnte er es sich wieder erlauben ein paar Spitzen zu platzieren.
„Aber das ist es doch gar nicht. Wir streiten uns seit Wochen – ach was, seit Monaten - völlig unnötig. Nur weil ich nicht nachgedacht habe. Ich habe es wirklich schon bereut, dass wir zusammen gezogen sind. Ich dachte, ich hätte unsere Beziehung dadurch zerstört. Ich wollte doch nur, dass wir zwischen meinem Studium und deinen Verpflichtungen als Lehrer endlich wieder mehr Zeit miteinander verbringen konnten. Dann dieser ständige Streit und plötzlich war jegliche Romantik aus unserer Beziehung verschwunden." Sie fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. Sie wirkte erschöpft. „Vielleicht war ich zu naiv. Ich dachte, unsere Liebe würde alle Widerstände überwinden. Wie bei Romeo und Julia. Und jetzt wären wir beinahe an alltäglichem Kleinkram gescheitert."
Severus fand, dass Hermine übertrieb und die Lage unnötig dramatisierte. Er hätte jetzt darauf hinweisen können, dass Romeo und Julia zum einen nur die Erfindung eines britischen Schriftstellers waren und sie zum anderen nie die Gelegenheit bekamen sich und ihre Liebe am Alltag zu messen, doch er entschied sich für eine andere, in seinen Augen wesentlich subtilere und deshalb wirkungsvollere Methode.
„Vergiss Romeo und Julia. Wann gibt es Abendbrot?" Der Blick der ihn darauf traf, hätte einen zart besaiteten Menschen sicher in Tränen ausbrechen lassen, doch er erwiderte ihn gelassen. „Was denn? Willst du wirklich tauschen? Am Ende waren sie tot", stellte er trocken fest.
Er konnte an Hermines Gesicht sehen, wie es in ihr arbeitete. Schließlich schien die Botschaft bei ihr angekommen zu sein, denn sie begann zu schmunzeln. „Du hast Recht. Mit einem toten Romeo ließe es sich bestimmt nicht so gut streiten wie mit dir." Er hatte es immer geahnt! In Wirklichkeit genoss sie es mit ihm zu streiten. „Lass uns zu Abend essen und dann räumen wir die Bücher gemeinsam weg."
*~*~*~*
hm ... ich überlege immer noch, ob der letzte Absatz tatsächlich dazu gehört. Aber ich wollte mich nicht schon wieder damit rausreden, dass das so unfertig wirken muss. ;-)
Und erneut erwies sich Kettcar als äußerst inspirierend. im Original aus dem Song "Balu":
Vergiss Romeo und Julia,
wann gibt's Abendbrot?
Willst du wirklich tauschen?
Am Ende war'n sie tot.
