Das konnte nicht sein. Er musste hier sein! Fassungslos starrte ich auf die Blutlache. Genau hier hatten wir ihn zurückgelassen vor dem Endkampf. Wo war er? ›Wo ist seine Leiche?‹, korrigierte ich mich selbst in Gedanken und biss mir dabei auf die Unterlippe, um die Tränen zurückzuhalten.
Plötzlich wünschte ich mir, seine Erinnerungen nicht gesehen zu haben. Ich hätte Severus Snape auch weiterhin hassen können, wenn ich nicht gewusst hätte, dass er in Wirklichkeit zu uns gehört hatte. Ich könnte jetzt bei den anderen sein, unsere Toten betrauern und froh darüber sein, dass ich überlebt hatte. Stattdessen stand ich in einem dämmerigen Raum in der heulenden Hütte und starrte einen rot-bräunlichen Fleck auf dem Boden an.
Plötzlich hörte ich ein leises Röcheln. Es war aus dem Nebenraum gekommen. Ich umklammerte den Zauberstab in meiner Hand fester und schlich mich zu der angelehnten Tür. Ich lugte vorsichtig durch den Spalt und atmete erleichtert auf, als ich Snape entdeckte, der an der Wand lehnte.
Ich stieß die Tür auf und trat langsam näher. Er hatte die Augen geschlossen und war kalkweiß im Gesicht, aber sein Brustkorb hob und senkte sich. Er lebte!
»Verschwinden Sie!« Seine Stimme war so schwach, dass ich ihn kaum verstand.
Ich ging zwei Schritte auf ihn zu und betrachtete die Bisswunde mit morbider Faszination. Sie blutete nach wie vor heftig. Erstaunlich, dass überhaupt noch Blut in Snape war. »Wieso leben Sie noch? Naginis Gift hätte Sie töten müssen, wenn es schon der Blutverlust nicht getan hat.«
Es schien ihn unwahrscheinlich viel Mühe zu kosten die Augen zu öffnen. »Granger, selbst in meinem jetzigen Zustand können Sie Ihren Wissensdurst nicht zügeln? Verschwinden Sie! Ich werde Ihre Fragen nicht beantworten.« Wie um diese Aussage bestätigen, flatterten seine Lider plötzlich, bevor sie sich schlossen. Es schien ganz so, als sei Snape bewusstlos geworden.
Nachdenklich betrachtete ich ihn. Was jetzt? Ich konnte ihn unmöglich hier liegen und sterben lassen. Hogwarts schied aus, denn der Krankenflügel war nicht nur hoffnungslos überfüllt, ich war mir auch sicher, dass Snape dort nicht hin wollte. Das Ferienhaus meiner Eltern! Ja, das war gut. Dort würde ich ihn hinbringen.

»Ich hasse Sie«, murmelte Snape, als ich ihm einen widerlich schmeckenden Trank gab, der die Blutbildung beschleunigen sollte.
»Dann sind wir in den letzten zwei Tagen ja ein ganzes Stück weiter gekommen, als die sieben Jahre zuvor.« Als er mir einen fragenden Blick zuwarf, setzte ich noch einen erklärenden Satz hinzu. »Immerhin bin ich Ihnen jetzt nicht mehr gleichgültig.«
Und dann geschah etwas Unglaubliches: Snape verzog die Mundwinkel tatsächlich zu so etwas ähnlichem, wie einem Lächeln.

Das konnte nicht sein. Er musste hier sein! Fassungslos starrte ich auf das leere Bett. Genau hier hatte ich ihn gestern zurückgelassen. Wo war er?
Ich durchsuchte das Haus vom Keller bis zum Dachboden. Ich suchte im Garten, in der Gartenlaube und erst als die Nacht hereinbrach, gestand ich mir ein, dass er weg war. Ohne ein Wort des Dankes. Nicht einmal einen Zettel hatte er da gelassen.
Dann musste ich über mich selbst schmunzeln. Was hatte ich erwartet? Snape hatte es gehasst von mir abhängig zu sein und eigentlich hätte ich ahnen müssen, dass er verschwinden würde, sobald seine gesundheitliche Verfassung es zuließ.
Nichtsdestotrotz musste ich mir eingestehen, dass es mich traurig machte. In der vergangenen Woche, in der ich Snape gesund gepflegt hatte, waren wir uns zwar nicht wirklich näher gekommen, aber ich hatte das Gefühl gehabt, dass die Mauer, mit der er sich zu umgeben schien, bröckelig wurde. Vielleicht war er ja deshalb sang- und klanglos verschwunden? Aus Angst, dass die Mauer fallen würde?
Darüber hinaus fand ich es äußerst ärgerlich, dass Snape weg war. Er hatte mir keine einzige meiner Fragen beantwortet. Und dabei brannte ich darauf zu erfahren, wie er es geschafft hatte, zu überleben.

Alle meine Versuche Severus Snape zu finden scheiterten. Ich suchte ihn in Spinners End, versuchte es in Hogwarts und schließlich war ich sogar so verzweifelt, dass ich bei den Malfoys und Professor McGonagall nachfragte.
Niemand hatte ihn gesehen. Alle waren der Meinung, er sei tot. Ich erzählte ihnen nicht, dass er noch lebte, dass ich ihn gesund gepflegt hatte. Irgendwie ahnte ich, dass er nicht gefunden werden wollte und eigentlich fand ich auch, dass er das Recht dazu hatte. Er hatte so viel für den Kampf gegen Voldemort geopfert, dass es ihm jetzt zustand, sich vor der Welt zu verstecken.
Dennoch ließ mich der Gedanke an ihn nicht los. Wo war er? Die Frage, wie er es geschafft hatte den Schlangenbiss zu überleben, bohrte in mir und es frustrierte mich, dass ich vermutlich niemals eine Antwort auf sie bekommen würde.

»Lassen Sie mich in Ruhe!«, verlangte ich eher empört, als verängstigt. Der Zauberstab in meiner Tasche, dessen Griff ich jetzt mit einer Hand umschloss, gab mir genug Sicherheit, um mich nicht vor der maskierten Gestalt zu fürchten, die auf mich zu kam.
Ja, vielleicht war es unklug sich abends alleine in diesem Teil von Muggel-London herumzutreiben, doch ich hatte dieses alte Kräuterweib dringend aufsuchen müssen, um von ihr ein paar seltene Kräuter zu kaufen, die in der Zaubererwelt nur schwer zu beschaffen waren.
Das »Expelliarmus« kam so schnell und unerwartet, dass ich keine Chance mehr hatte zu reagieren.
»Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?« Meine Stimme zitterte und ich biss mir fest auf die Innenseite meiner Wange, um die Panik zurück zu halten, die sich meiner bemächtigen wollte.
»Ich werde dir das geben, was du verdient hast. Den Tod, Schlammblut.«
Die Angst schwappte wie eine große Welle über mir zusammen und machte es mir unmöglich mich zu bewegen. Ich war wie erstarrt und konnte der Gestalt nur dabei zugucken, wie sie mit erhobenem Zauberstab Schritt für Schritt auf mich zu kam.
»Ja, damit hast du nicht gerechnet, nicht wahr? Nicht alle haben den dunklen Lord vergessen, auch wenn er seit fünf Jahren tot ist.« Mittlerweile war die Gestalt so nah herangetreten, dass sie ihren Zauberstab gegen meine Brust drücken konnte. »Du wirst hier und heute durch meine Hand sterben.« Ich wünschte mir in diesem Moment nichts seliger, als mich bewegen zu können, doch ich konnte keinen Muskel rühren. »Avada ...«
Plötzlich ging alles furchtbar schnell. Erst ertönte ein leises »Plopp«, dann ein laut gebrülltes »Stupor!«, ein roter Funkenstrahl flog durch die Luft und mein Angreifer fiel geschockt auf den Boden.
»Miss Granger!« Bei Merlin, war das etwa Snape? »Miss Granger?« Ich fand es selbst viel zu dramatisch, aber ich konnte es nicht ändern: Als ich erkannte, dass mein Retter tatsächlich Snape war, sank ich mehr oder weniger elegant in Ohnmacht.

»Verdammt, mach endlich die Augen auf, Granger!« Nur widerwillig schlug ich die Augen auf.
»Wo … wo bin ich?« Als ich meine Umgebung näher betrachtete, fiel mir auf, was das für eine blöde Frage war. Die Decke gehörte ohne Zweifel zu meinem Wohnzimmer, genau so wie das Sofa, auf dem ich lag.
Snape schien die Frage genau so blöd zu finden, denn er ignorierte sie einfach. »Wie geht es Ihnen?«, fragte er stattdessen. Dass ein unterschwelliges ›Geht es Ihnen gut genug, dass ich endlich verschwinden kann?‹ mitklang, das mochte ich mir auch nur einbilden. Nichtsdestotrotz hielt ich es für besser, nicht zuzugeben, dass es mir gut ging, denn dann wäre er gewiss sofort verschwunden.
»Wo kamen Sie denn so plötzlich her? Wo waren Sie die letzten fünf Jahre? Ich habe Sie gesucht.« Ok, vielleicht stand ich doch ein wenig unter Schock. Natürlich war ich neugierig, aber für gewöhnlich plapperte ich nicht einfach so drauf los.
Snape schien sich zu amüsieren. Zumindest grinste er verhalten. »Daraus, dass Sie schon wieder Fragen stellen, schließe ich, dass es Ihnen nicht allzu schlecht geht.« Ich rechnete fest damit, dass er jetzt aufstehen und verschwinden würde, doch er überraschte mich. »Ich denke, ich sollte Ihnen ein paar Dinge erklären. Was halten Sie von einer Tasse Tee? Dabei lässt es sich besser reden.«

»Genau aus dem Grund wollte ich damals, dass Sie verschwinden. Dadurch, dass Sie mich retteten, stand ich plötzlich tief in Ihrer Schuld. Ich hatte es immer für abergläubischen Schnickschnack gehalten, diese Geschichte mit der Lebensschuld. Doch nachdem Sie mich gerettet hatten, wusste ich, dass es wahr war. Ich habe es gehasst. Und ich habe gehofft, dass der Ruf mich nicht erreichen würde, wenn ich nur weit genug weg wäre.« Er schnaubte amüsiert. »Wie naiv ich doch war. Der Ruf war so mächtig, ich hatte gar keine Chance mich zu wehren. Und dabei war ich am anderen Ende der Welt, in Australien.«
»Sie sind nach Australien geflohen, weil Sie mir nicht das Leben retten wollten?« Das war jetzt vielleicht ein bisschen stark reduziert, aber letztlich genau das, was er gesagt hatte.
»Ich wollte es nicht tun, weil ich in Ihrer Schuld stehe«, antwortete er.
Einen Moment lang überlegte ich, ob ich ihn jetzt beleidigt vor die Tür setzen sollte, doch da war noch diese eine Frage, auf die ich dringendst eine Antwort wollte. »Wie haben Sie es geschafft Naginis Biss zu überleben?«
»Nun«, Snape schlug die Beine lässig übereinander, »ich ahnte, dass der dunkle Lord mich bald töten würde. Er war schon immer paranoid. Er traute niemandem und er fürchtete, dass ich zu mächtig wurde. Er befürchtete, die Kontrolle über mich zu verlieren.« Snape lächelte freudlos. »Er konnte ja nicht ahnen, dass er schon seit Jahren keine Macht mehr über mich hatte. Wie dem auch sei, nach Dumbledores Tod«, hier stockte er einen beinahe unmerklichen Augenblick, »hielt ich es für sinnvoll mich gegen alle Eventualitäten zu rüsten und entnahm eine Probe von Naginis Gift, um ein Gegengift zu entwickeln. So wie es aussieht, war ich erfolgreich.«
Plötzlich wurde mir klar, dass ich meine Frage zu kurz gefasst hatte. Eigentlich interessierte es mich nicht primär wie Snape überlebt hatte, sondern wieso er Vorkehrungen für sein Überleben getroffen hatte. Aus welchem Grund hätte er überleben wollen?
»Welche Frage brennt Ihnen noch auf der Zunge, Granger?« Mist. Hatte sich das so deutlich auf meinem Gesicht abgezeichnet? Konnte ich ihm so eine indiskrete Frage den wirklich stellen? »Letzte Chance, Granger. Wer weiß, ob wir uns noch einmal wiedersehen.«
Gut, keine Zeit für falsche Scheu. »Wieso wollten Sie überleben?«
Snape lächelte bitter. »Ich wollte nicht überleben.«
»Wozu dann das Gegengift?«
»Das sollte dafür sorgen, dass ich nicht zu früh sterbe. Ich wollte nicht sterben, bevor klar war, dass ich nicht mehr gebraucht werde. Und der Blutverlust hätte mich letztlich getötet, wenn Sie mich nicht ungebeten gerettet hätten.«
Urplötzlich fühlte ich eine tiefe Traurigkeit in mir aufsteigen. Ich hatte gar nicht darüber nachgedacht, ob Snape sterben wollte. Ich war damals felsenfest davon überzeugt gewesen, dass er leben wollte. Das jedermann leben wollte. »Es tut mir leid«, flüsterte ich. Ich hatte einen großen, festen Kloß in meinem Hals. ›Fang jetzt bloß nicht an zu heulen‹, beschwor ich mich selber.
»Es ist schon gut, Miss Granger. Es war alles richtig so. Hätten Sie mich damals nicht gegen meinen Willen gerettet, dann hätte ich Sie heute nicht retten können.«
Das war logisch, aber dennoch verwirrte es mich, so etwas aus Snapes Mund zu hören. »Es kann Ihnen doch gleichgültig sein, ob ich lebe oder sterbe.« Das meinte ich genau so, wie ich es sagte und doch hoffte ein kleiner, verräterischer Teil von mir, dass er jetzt bekunden würde, dass es ihm sehr wohl etwas bedeutete. Dass ich ihm etwas bedeutete.
»Das könnte es, kleine Gryffindor«, murmelte er. »Und das sollte es auch. Aber das ist es nicht.« Dann stand er auf und verließ beinahe fluchtartig meine Wohnung.

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Ja, ich gebe zu, das Ende ist diesmal seeehr offen, aber eine Fortsetzung ist durchaus in Planung. Also falls Interesse besteht. ;)