Ich wischte meine schweißnassen Hände an meiner Hose ab. Was tat ich hier eigentlich? Ich stand vor der Tür des gefürchtetsten Lehrers von Hogwarts und spielte mit dem Gedanken zu klopfen. 'Es ist noch nicht zu spät zum umkehren', flüsterte die Stimme der Vernunft. Aber ich wollte nicht umkehren. Ich wusste noch nicht, dass Severus Snape bereits am folgenden Abend den Schulleiter ermorden und darauf fluchtartig das Schloss verlassen würde, aber ich ahnte, dass dies die vielleicht letzte Gelegenheit sein würde.
'Gelegenheit wozu?', verlangte die Vernunft zu wissen. Doch das wusste ich selbst nicht so genau. Es mochte sein, dass das alles nur Einbildung war. Aber da waren diese kleinen, subtilen Gesten, die mich glauben ließen, dass da mehr war. Mehr sein könnte. Ob ich das wollte, wusste ich nicht.
Ich wusste nur, dass ich meinen Gefühlen niemals Herr werden würde, wenn ich nicht an diese Tür klopfen würde. So hob ich kurzentschlossen die zur Faust geballte Hand und klopfte hastig, bevor mich der Mut wieder verlassen konnte.

Die Zeit begann sich zu dehnen, aus Sekunden schienen Minuten zu werden. 'Er ist nicht da', flüsterte die Vernunft. 'Geh!' Beinahe hätte ich es getan, doch als ich mich gerade abwenden wollte, öffnete sich die Tür.
„Miss Granger?", fragte der Tränkemeister mit milder Überraschung in der Stimme.
„Guten Abend, Sir. Ich habe … ich habe eine Bitte an Sie." Tatsächlich hatte ich mir ein Alibi für mein Hiersein zurecht gelegt.
Er musterte mich eine ganze Weile abschätzend, schließlich seufzte er entnervt und ich rechnete schon fest damit, dass er mich nun abkanzeln und zurück in den Gryffindorturm schicken würde, doch stattdessen nickte er auffordernd.
Etwas übereifrig, wie es nun einmal meine Art war, wenn ich nervös war, begann ich zu erklären. Dass ich nach meinem Abschluss Zaubertränke studieren wolle und dass ich dafür die Empfehlung eines Zaubertränkemeisters brauchen würde.
Für einen Moment lang glaubte ich tatsächlich so etwas wie Stolz in seinem Gesichtsausdruck zu entdecken, doch ehe ich mir wirklich sicher war, verzog er die Lippen zu einem zynischen Lächeln.

Ein kurzer Glanz in deinem Lächeln,
ein Augenblick,
zu kurz um alles auszusprechen
und Worte geben nichts zurück.

Unwillkürlich zog ich den Kopf zwischen die Schultern, in Erwartung eines spöttischen Kommentars. Er beugte sich drohend näher zu mir und ich schloss die Augen, um dem kalten Blick aus den harten, schwarzen Augen zu entfliehen.
Vermutlich war das ein Fehler, denn plötzlich traf mich sein Geruch mit voller Macht. Eine Mischung aus Sandelholz und verschiedenen Kräuter. Und aus Mann. Näher konnte ich es nicht bestimmen. Und das wollte ich eigentlich auch nicht, denn ich ahnte bereits, dass ich diesen Geruch ohnehin nie wieder vergessen würde, völlig gleichgültig, ob ich ihn jetzt bis auf seine letzte Geruchsnote analysierte oder nicht.
Dieser Geruch machte mich schwach. Das war in diesem Moment gar nicht gut und so beschloss ich, dass es besser war sich seinem Blick zu stellen, als sich allzu sehr auf diesen betörenden Geruch zu konzentrieren.

Dein Duft wird auf mich warten,
falls ich zurückkehren kann.

Woher hätte ich auch ahnen sollen, dass ich damit dermaßen daneben lag? Seine Augen fesselten mich. Das hatten sie schon öfter getan, aber diesmal war ich nicht vor Angst wie paralysiert, sondern diesmal bannte mich das, was ich tief in diesen Augen las. Gier, Verlangen … Zuneigung? Letzteres schien mir so abwegig, dass ich es nicht glauben konnte.
Nichtsdestotrotz durchfuhr mich ein heißer Schauer. Severus Snape wollte mich? Mich, die nervige Besserwisserin? Mich, einen Teil des Goldenen Trios? Die Erkenntnis, dass ich ihn ebenfalls wollte, traf mich wie ein Schlag.
Furcht, Angst, Respekt, ein leiser Hauch Bewunderung … das waren alles Gefühle, die ich mit meinem Zaubertränkeprofessor in Verbindung bringen konnte. Aber Verlangen?

Aber eigentlich war das egal. 'Eine Hermine Granger lässt sich nicht von Wolllust leiten', erklärte mir die Vernunft. 'Aber es ist die letzte Chance …', erwiderte ein anderer Teil von mir und plötzlich erwischte ich mich dabei, wie ich zwei kleine Schritte auf ihn zu machte, mich auf die Zehenspitzen stellte und meine Lippen auf seine drückte. Es war, als würde jede Stelle, an der sich unsere Körper berührten, urplötzlich aufglühen und eine noch nie gekannte Wärme breitete sich in mir aus.
Meine Hände wanderten seine Seiten hinauf, verweilten kurz im Nacken und schlichen sich dann in sein Haar. Ich spürte, wie seine Haltung steif wurde und bekam Angst, dass er mich, ausgerechnet jetzt, wo ich die letzte räumliche Distanz zwischen uns überwunden hatte, wieder von sich stoßen würde. Unbewusst ballte ich die Hände zu Fäusten und krallte mich in seinem Haar fest.
Halb schob ich ihn, halb zog er mich in den Raum hinein, dann stieß er die Tür zu. Als hätte das Geräusch der zufallenden Tür ihn zur Besinnung gebracht, löste er plötzlich den Kuss und sah mich atemlos an. „Warum …?"
Das war eine Frage, auf die es in diesem Augenblick keine Antwort gab und über die ich in diesem Moment nicht nachdenken wollte. In mir loderte ein Feuer, dass alles rationale Denken weg brannte und nur noch Verlangen zurück ließ. „Frag nicht", bat ich deshalb und küsste ihn wieder.
Er war nicht sanft, als er mich in Richtung seines Schlafzimmers drängte, aber das war auch nicht das, was ich von ihm verlangte. Ich wollte nur, dass er dieses alles verzehrende Feuer in mir löschte. Doch zunächst tat er sein möglichstes, um es noch mehr anzuheizen.
Seine Lippen und Hände suchten sich ihren Weg über meinen erhitzten Körper, fanden Stellen, von denen ich nicht einmal geahnt hatte, dass sie so empfindsam auf Berührungen reagieren würden und es dauerte nicht lange, bis ich jegliches Gefühl für Zeit und Raum verlor. Nichts war mehr wichtig, außer diesen unbeschreiblichen Gefühlen, die er in mir auslöste.

Kannst du die Sterne sehen?
Brennt der Himmel nur für dich?
Kannst du durch's Feuer gehen
und die Glut verbrennt dich nicht?

Noch nie hatte es ein Mann geschafft mich so in Ekstase zu versetzen. Victor hatte sich damals zwar viel Mühe gegeben, aber da es auch sein erstes Mal gewesen war, hatte er es nicht verstanden die richtigen Knöpfe zu drücken und so war das Ganze für mich eher eine Pflichtübung geworden.
Aber die Hände dieses Mannes gingen mit mir mindestens genau so geschickt um, wie mit seinen Tränkezutaten. Und während mein erstes Mal eher schmerz- als lustvoll war, fiel ich dieses Mal in eine Art Gefühlsrausch.
Erst als ich völlig ermattet in seinen Armen lag, kam die Melancholie wieder. Ich bereute das Geschehene nicht, aber tief in meinem Innersten wusste ich, dass es das erste und das letzte Mal war, dass ich Professor Severus Snape so nahe gekommen war. Es würde nie wieder passieren.

Noch spür' ich deine warmen Hände
zum letzten Mal.
Unaufhaltsam bricht am Ende,
was unser Leben war.

Ich verstand mich selbst nicht mehr. Es war Snape. Der Mann, den ich nie gemocht hatte. Der mich nie gemocht hatte. Eigentlich sollte ich mich dafür schämen, dass ich mit ihm geschlafen hatte. Aber es tat mir nicht leid. Vielmehr schmerzte dieser Gedanke, dass das, was gerade erst begonnen hatte, wieder enden würde. Enden musste.
Mühsam schluckte ich, um die Tränen zu unterdrücken, doch es gelang mir nicht. Und eigentlich war es auch egal, denn er war längst eingeschlafen.

Zum Abschied reich' ich dir die Tränen,
als Erinnerung an mich
und das Blut in meinen Venen gefriert.

Vorsichtig löste ich mich aus seinen Armen. Ich wusste, dass es Zeit war zu gehen. Nicht ohne Grund hatte ich auf den Moment gewartet, in dem er endlich einschlief. Das würde uns beiden die Peinlichkeit des Abschiedes ersparen. Doch nun, wo dieser Moment gekommen war, konnte ich mich nicht von seinem Anblick lösen. Seit beinahe sechs Jahren hatte ich diesen Mann mindestens einmal die Woche für zwei Schulstunden gesehen und ausgerechnet jetzt konnte ich mich nicht an ihm satt sehen.
Nur mühsam widerstand ich der Versuchung die Zornesfalte zwischen seinen Augenbrauen glattzustreichen. Stattdessen betrachtete ich auch die anderen Falten, die die Zeit unwiderruflich in seine Haut gegraben hatte. Die Furchen auf seiner Stirn und die um seine Mundwinkel.
Das Leben war wirklich nicht fair zu Severus Snape gewesen. Deshalb tat mir das, was ich nun tun musste, noch mehr leid. Aber ich musste gehen. Schweigend, ohne ein Wort des Abschiedes. Was hätte es auch zu sagen gegeben? „Tut mir leid, aber du bist mein Lehrer, meine besten Freunde hassen dich und das mit uns hat keine Zukunft"? Das waren Dinge, die wir beide wussten und die nicht ausgesprochen werden mussten.

Kannst du der Welt vergeben?
Wirst du jemals glücklich sein?
Lebst du ein neues Leben
oder ist es dir zu klein?

„Ich wünsche dir alles Glück dieser Welt, Severus", flüsterte ich, bevor ich seine Räume verließ. Vielleicht hätte ich ihm doch mehr gesagt, wenn ich gewusst hätte, dass das tatsächlich das Ende war. Dass ich ihn nur noch einmal — unmittelbar vor seinem Tod — wiedersehen würde.

*~*~*~*

Wie so oft: Alles nur geklaut (zumindest das Kursive und der Titel). Und zwar aus dem Song "Sterne sehen" von Zeraphine.