Familiengeheimnis II

Chase öffnete den Mund, doch kein verständliches Wort kam über seine Lippen. Erst nach einer quälenden Weile, in der House sich vorneigte, entzifferte House die flehendliche Bitte nach dem Sauerstoff.

„Erst beantworten Sie meine Frage."

„Hauen – Sie – ab!"

Ein melancholischer Ausdruck huschte über Houses Gesicht. Aus schlagartig auftretender Unsicherheit atmete er kurz heftig in die Maske und fühlte sich danach sonderbar high.

Seit seinem Entzug hatte er keine Tabletten mehr angerührt. Ebenfalls Chases Verdienst. Es tat ihm weh, ihn so leiden zu sehen. Die Tatsache, dass er ihn nun verabscheute, war ihm nur allzu verständlich.

Als er Chase die Maske wieder überstülpen wollte, warf der aufbegehrend den Kopf zur Seite. House packte sein Haar und drückte ihn energisch in die Kissen zurück. Mit der anderen Hand zwang er ihm den Sauerstoff auf. Die angespannten Muskeln wurden schlaff, der Adrenalinspiegel sank.

„Wir sind quitt. Ich habe Sie gerettet, es gibt nichts mehr, das uns aneinander bindet. Sie machen es uns beiden schwer, wenn Sie das nicht verstehen."

Chases Blick ging ihm durch Mark und Bein. Voller Hass war er. Ihm wurde klar, dass es vermessen war zu glauben, er gelte ihm.

„Ich war in Ihrer Wohnung. Sie hamstern Tabletten. Nicht nur Baldrian. Das Valium dürfte das kleinere Übel sein. Aber mit Etilefrin und Phenobarbital im Whisky haben Sie sich da einen tödlichen Cocktail gemixt. Das sind klassische Neuroleptika. Verstehen Sie meine Frage jetzt? Wann hatten Sie Ihren letzten Anfall, abgesehen von dem gestrigen?"

Erneut befreite er Chase von der Maske.

Vor Schreck über die Preisgabe seines sorgsam gehüteten Geheimnisses waren seine Pupillen geweitet, er zappelte unter der Decke. „Luft", keuchte er.

„Die Antwort, Chase!"

„Nicht – nicht mehr – seit - " Die Augen verdunkelten sich, bis kaum mehr die Iris zu sehen war, der geschmeidige Körper verkrampfte. Nach einem kurzen Blick auf den Monitor hievte sich House erstaunlich behende über den Jungen, um ihn festzunageln.

Sie waren allein, Cuddy längst gegangen. Warum reagierten die Schwestern nicht? War überhaupt jemand in der Nähe? Vermutlich dachten sie, House wäre Herr der Lage und würde das Kind schon schaukeln. Aber das war bereits in den Brunnen gefallen.

Der Anfall war heftig, House schwitzte unter der Anstrengung, Chase zu bändigen. Da Chase immer unkontrollierter krampfte, legte er sich mit dem gesamten Gewicht auf ihn.

House wusste, dass er ihn eigentlich nicht festhalten durfte, doch die Schläuche und Kanülen bargen eine nicht zu unterschätzende Gefahr bei Krampfanfällen. Er schob ihm die Finger in den Mund, um zu verhindern, dass er sich erneut die Zunge verletzte, wobei ihm der Leichtsinn seiner Handlung durchaus bewusst war: momentan wäre Chase imstande, die Gliedmaßen zu durchtrennen. Dann wäre sein bester Chirurg nicht verfügbar, um sie wieder anzunähen.

Er stöhnte, als Blut aus Chases Mund quoll. Seines. Wie ohnmächtig presste er das Gesicht gegen Chases und fühlte sich von elektrischen Impulsen gebeutelt, als wäre er derjenige, der die Attacke erlitt. Auf fast perverse Art erschauderte er in Entzücken.

Langsam ebbte der Anfall ab.

„Schscht … es ist gut." Behutsam strich er ihm die ungeordneten Haarsträhnen zurück, massierte mit der verwundeten Hand die Kopfhaut und stabilisierte die Maske, die über die Bettkante gefallen war, bevor er die Schläuche ordnete.

Chase keuchte hinein, seine Lider flackerten über weißen Augäpfeln. „Alles ist gut, Chase. Es ist vorbei." Wie eine Litanei wiederholte er seinen Spruch.

Es war nicht gut. Irgendetwas quälte Chase, nicht nur physisch. Vor Erschöpfung hätte er einschlafen sollen, stattdessen erbrach er sich noch einmal wie schon während des Grand Mals.

„Schwester!"

Endlich kamen zwei der Trantüten angeflitzt.

„Wurde der Magen gereinigt?"

Verständnislos gafften die beiden.

„Wieso?"

„Weil der Mann sich vergiftet hat! Darum!" blaffte er sie an. Die eine begann zu weinen. „Davon hat man uns nichts gesagt. Bitte erzählen Sie es nicht Dr. Cuddy …"

Brummend stieß er sie zur Seite. „Bringen Sie ihn in den OP. Und informieren Sie Dr. Foreman. Ist das denn die Möglichkeit? Alles muss man selber machen."

oOo

Schuldbewusst zupfte Foreman an seinen Handschuhen, als House wie immer völlig unsteril im OP aufkreuzte. Sei's drum, es war nur eine Magenausspülung, kein chirurgischer Eingriff. Er würde es selbst übernehmen.

„House. Sind Sie sicher? Ich dachte, Sie wollten mich das erledigen lassen." Unter seinen Augen zeichneten sich Schatten ab. Das Elend seines Kollegen ging ihm nahe.

„Ich bin kein Stümper", verwies House seinen Untergebenen scharf in die Schranken. „Ich hab Mägen ausgepumpt, als Sie noch in den Windeln lagen."

„Und seitdem nicht mehr", bemerkte Forman keck.

„Noch ein Wort, und Sie sind gefeuert."

Atemlos lauschten sie auf das Würgen, als House den Schlauch einführte. Bei Epileptikern war selbst ein harmloser Eingriff wie dieser riskant. Es traf House immer noch, dass Chase ihm dieses Handicap verschwiegen hatte.

Auf Houses Nicken hin füllte Foreman das handwarme Wasser in den Trichter.

Chase krümmte sich. Obwohl er nur halb bei Bewusstsein war, wehrte er sich instinktiv gegen die krude Behandlung. Der Monitor flimmerte bedenklich.

„Schnallen Sie ihn fest", ordnete House an, während er Chases Kopf rabiat auf die Seite drückte. „Er darf nicht um sich schlagen."

„Mir brauchen Sie das nicht zu sagen."

Tränen der Qual flossen über Chases Gesicht. Eine Magenspülung war nicht gefährlich, aber alles andere als angenehm. House zog die Bänder um ein Loch fester. In der Seitenlage war eine Fixierung fast unmöglich, und die zerstörerische Kraft eines Anfalls sollte nicht unterschätzt werden.

„Warum wusste niemand, dass er Epileptiker ist?" fragte Foreman. „Das hätte doch in seiner Bewerbungsakte stehen müssen."

House konzentrierte sich auf den Mageninhalt, der sich in flüssiger Form im Auffangbeutel ausbreitete.

„Er ist keiner", murmelte er. „Kein klassischer Fall von Epilepsie. Er kann sie kontrollieren. Bis etwas passiert, das ihn aus dem Gleichgewicht bringt. Schon mal was von posttraumatischer Belastungsstörung gehört, Foreman?"

Foreman schüttelte unverhohlen amüsiert den Kopf und stellte sich ahnungslos. „Noch nie. Tsss … ein kontrollierter Epileptiker. Das macht ihn zu einem Fall für Sie."

„Zweifelos". House sprach mehr zu sich selber. Schließlich trat er an Chase heran, um die Fixiergurte zu lösen und gab sich betont ruppig. „Chase. Nicht mehr weinen. Das könnte Neuronen in Ihrem Gehirn zu unerwünschten Aktivitäten anstiften. Sie haben es hinter sich."

oOo

Das Zeitgefühl war ihm abhanden gekommen. Er lag in einem Klinikbett, aber wenigstens nicht mehr auf der Intensivstation. Cameron und Foreman hatten ihm pflichtbewusst ihre Aufwartung gemacht. Cameron hatte ihn nur mitleidig angeschaut und seine Hand gedrückt, und Foreman sich in medizinischen Details ergangen, die er längst kannte.

House war mal wieder der große Held. Hatte ihn gefunden und vor dem sicheren Tod bewahrt. Vor dessen Abschied wäre er in die Lobhudelei mit eingefallen. Aber er empfand Scham, die größer war als Dankbarkeit.

Die Augen fielen ihm zu; das Tröpfeln der Kochsalzlösung wirkte einschläfernd. Überhaupt war er schrecklich müde.

Das unregelmäßige Geräusch von Krücken und ein kurzer Ruck am Beutel über ihm alarmierten ihn. House! Er war im Zimmer. Am besten stellte er sich weiterhin schlafend.

„Sie schlafen nicht."

Er hätte es wissen müssen. House hockte sich auf die Kante, er beobachtete Chase analytisch und dennoch anteilnehmend. Jetzt war er sein Patient.

„Wie geht es Ihnen?"

„Besser." Seine Lippen pressten sich nach dem kurzen Bescheid so fest aufeinander, dass alle Farbe aus ihnen wich. Mit dem Griff der Krücke malte House unsichtbare Kringel auf das Laken. Er sah Chase nicht an.

„Gut."

Die lauernde Stille war unerträglich. Wie ein Raubtier, das zum Sprung auf das Opfer ansetzt und sich dazu im hohen Gras tarnt, spielte House mit ihm.

„Was wollen Sie?" rang sich Chase ab.

„Ich nehme nicht an, dass das auf ein Erlebnis während Ihres Klosteraufenthaltes zurückzuführen ist? Sexueller Missbrauch?"

Chase schnappte nach Luft.

„Ein unschönes Wort, ich weiß. Obwohl ich es bei Ihnen nicht gänzlich ausschließen kann, vermute ich die Ursache Ihrer Krankheit weiter in der Vergangenheit. Sie hat mit Ihrem Vater zu tun, hab ich recht?"

„Ich weiß nicht, von was Sie reden. Es war das erste Mal, dass mir so was - "

„Oh, kommen Sie! Sie enttäuschen mich. Sie sind nicht besser als die Patienten, deren Lügen Ihnen tagtäglich gegen den Strich gehen. Sie hätten bisher in zwei Tagen genauso viele Anfälle. So was kommt nicht einfach wie der Heilige Geist über Sie."

Er hasste plötzlich seine Metaphern, die in seinem Fall immer auf den Katholizismus gemünzt waren, um ihn zu kränken.

„Lassen Sie mich allein!"

„Wie Sie wünschen. Kunde ist König." Übertrieben ächzend erhob er sich, griff nach den Krücken und machte Anstalten, Chases Aufforderung in die Tat umzusetzen.

„Dr. House!" Es war kein melodramatischer Aufschrei, kein pathetischer Geltungsdrang, nur die schamerfüllte, belegte Stimme eines verzweifelten Jungen.

Er wandte sich um. Aufrecht hockte Chase im Bett, er bewegte stumm die Lippen. Bedacht und fast faustisch neugierig kehrte der Ältere zurück.

„Chase? Sie wollen etwas sagen?"

„Ich hatte einen Anfall, als mein Vater uns verließ. Seitdem nicht mehr. Sie – Sie werden mich trotzdem feuern …"

„Ein Epileptiker in meinem Team ist ein großes Risiko. Der Schwarze ist schon grenzwertig."

Es sollte humorvoll klingen, aber Chase lächelte nicht.

„Ich – stelle mich auf die Neuroleptika ein – dann – vielleicht – werden Sie's mit mir weiter versuchen? Wer nimmt mich denn jetzt noch? Ich könnte nicht mal Gelegenheitsjobs verrichten."

House rutschte ein wenig näher zu ihm hin und drückte seine Schulter.

„Medikamente sind in Ihrem Fall sinnlos, Chase. Die Anfälle sind psychisch bedingt und stehen nicht in unmittelbarem Zusammenhang zu Ihrem Zentralnervensystem. Auslöser Ihrer Epilepsie sind Verlustängste, vielleicht auch Missbrauch, das wollen Sie ja nicht zugeben."

„Verlustängste? Ich habe meinen Vater schon verloren. Und das schon vor sechs Wochen. Ein bisschen lang her, um noch hysterisch zu werden."

„Hm." House rieb sich die Bartstoppeln. „Das stimmt. – Wann haben Sie angefangen, wahllos Barbiturate in sich reinzuschütten? Gestern erst, oder?" Er schaute ihn abwartend auf eine Weise an, die Chase sagte, dass er die Antwort schon kannte.

„Ja", gab er zögernd zu.

House schlug sich mit beiden Händen klatschend auf die Oberschenkel, bevor er die Krücken an sich nahm, um sich zu verabschieden.

„Dann wäre ja fast alles geklärt", schlussfolgerte er über die Schulter hinweg.

Perplex rief ihn Chase zurück.

„Was werden Sie tun?"

„Sie behalten, was sonst? Im medizinischen Sinn sind Sie nicht eingeschränkt, und mit Verrückten werde ich fertig. Ich muss sagen, das gefällt mir sogar. Unbewusste Manipulation. Eines meiner favorisierten Fachgebiete.

Außerdem wäre es ein Jammer um Ihr teuer bezahltes Studium. Und um meinen Lieblingsarzt. Apropos. Leider hat irgendeine Putze unser Verhältnis ausgeplaudert, so dass ich gezwungen war, bei Ihnen auszuziehen. Aber auch hier bietet sich eine logische Konsequenz an. Sie ziehen zu mir. Sobald es Ihnen besser geht. Ich hab nicht soviel Platz wie Sie, aber dafür wird es umso kuscheliger, Sie werden sehen."