Kapitel 4
Das Schild auf dem „Zum lachenden Krug" zu lesen war, hing trotzt seiner verheißungsvollen Aufschrift schief und rostig in den Angeln, als hätte es aufgehängt und dann vergessen. Obwohl der Rest des kleinen Gebäudes nicht weniger grau und trostlos wirkte betrat Hestia es ohne zu zögern. Der Gedanken an kohlehydrathaltiger Nahrung vertrieb jeden schwach aufkeimenden Zweifel.
Das Wirtshaus war muffige und nur spärlich von einigen wenigen Hexen und Zaubern besucht, über deren Köpfen sich eine dichte Dunstglocke aus Tabakrauch gebildet hatte. An der morschen Holztheke stand eine dicke Wirtin, die mehr schlafend als wachend über einem sich selbst mit Butterbier füllendem Krug hing, scheinbar die Schaumbläschen zählend. Als Hestia die Tür hinter sich schloss, zuckten alle Köpfe zu ihr herum. Wie überall dort wo sich nur ein paar Hütten ängstlich in der Einöde aneinander drängen, war es auch hier ein bemerkenswertes Ereignis, wenn eine Fremde mitten in der Nacht auftauchte. Wie es aussah würde sie den Dorfbewohnern Gesprächsstoff für die nächsten Woche liefern, in dem sie sich einfach nur an einen Tisch setzte. Sie spürte förmlich, wie sie von allen Seiten aus den Augenwinkeln beobachtet wurde. Die Wirtin kam, jetzt scheinbar wieder hellwach, zu ihr herüber und beäugte sie misstrauisch.
„Was treibt sie denn um diese Zeit hier raus?", fragte sie wenig charmant.
Hestia zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Ihr war klar, dass man sie in einer so abgeschiedenen Gegend in einem Land wie Schottland nicht gerade mit offenen Armen empfangen würde, aber so viel Neugier hatte sie nicht erwartet.
„Ich wüsste nicht, was Sie das angeht", erwiderte sie kühl.
Die Frau stützte die Hände in ihre breiten, von einer fleckigen Schürze umwickelten Hüften und beugte sich drohend vor. „Zeigen Sie mir ihren linken Unterarm!"
Als sie das sagte und Hestia bereits ihren Zauberstab unter ihrem Umhang zu greifen bekam, ging ihr auf, worauf die Frau hinauswollte.
„Glück für Sie, dass ich kein Todesser bin, denn sonst hätte ich Sie bereits getötet", sagte Hestia.
Die Frau starrte sie verwirrt an, doch sie schien beschlossen zu haben, sich von den Gesetzen der Logik nicht durcheinander bringen zu lassen. „Ich muss Ihren Arm sehen, Anweisung vom Ministerium."
Hestia seufzte kurz und entblößte ihren Unterarm. Zufrieden nickte die Frau. „Was soll's denn sein?", fragte sie, gerade so als hätte ihre kleine Auseinandersetzung nie stattgefunden.
„Was haben Sie an warmem Essen da?", fragte Hestia und dabei fiel ihr auf, wie die anderen Gäste sich wieder dem einzigen Luxus dieser kleinen Kaschemme zuwandten – der großen Telekugel, die in der Mitte des Raumes hing. Sie zeigte gerade eine Werbesendung für Kesselreiniger. ‚Leicht zu unterhalten die Leute', dachte sie.
„Haggis mit Steckrüben", erwiderte die Wirtin knapp und fast schien es Hestia, als würde beim Anblick ihres angeekelten Gesichtsausdruck, ein schadenfrohes Grinsen ihre Mundwinkel umspielen.
Sie zwang sich zu einem Lächeln und sagte: „Eine große Portion, bitte und ein Butterbier."
Es spielte im Grunde keine Rolle. Die hatte einen so gewaltigen Hunger, dass sie dem Schaf die Innereien auch mit bloßen Händen herausgerissen hätte sie. Die Wirtin stampfte gemächlich in die Küche und Hestia schwante, dass sie sich in Geduld würde üben müssen, wenn sie jemals zu ihrem Essen kommen wollte.
Gelangweilt starrte sie, sich den örtlichen Gepflogenheiten anpassend, auf die bunten Bildchen auf der Telekugel und lies ihre Gedanken schweifen. Die Neuigkeitenhexe erschien und rückte gewichtig ihre Brille zurecht, doch Hestia nahm kaum wahr, was sie zu berichten hatte. Sie war immer noch mit der Frage beschäftigt, warum die Wirtin so panisch auf sie reagiert hatte. Obwohl natürlich zu erwarten war, dass man die Todesser verfolgte und bestrafte, war es doch höchst ungewöhnlich, dass man die Bevölkerung dazu aufrief sie für die Regierung aufzuspüren. Es lag auf der Hand, dass das keine besonders kluge Vorgehensweise war.
Nach einer Weile Grübeln nahm sie den lange entbehrten Geruch von Essen wahr, der sich mit dem Rauch und dem Mief in der Schenke vermischte. Sie hob den Kopf gerade noch rechtzeitig um zu verhindern, dass sie mit den Schafsinnereien bespritzt wurde, die einen Satz taten, als der Teller von der Wirtin auf den Tisch geknallt wurde.
Wortlos verschwand diese wieder in der Küche und Hestia begann ihr Essen in sich hineinzuschlingen. Ihr Magen verwehrte dem unleugbar widerlichen Anblick dieser Mahlzeit, in Anbetracht der vergangenen Hungerperiode, sogar den Würgereflex. Also langte sie kräftig zu und bald breitete sich, trotz arg strapazierter Geschmacksnerven ein wohliges Gefühl der Sättigung in ihrem Bauch aus.
Als sie gerade fertig war und genüsslich einen kräftigen Schluck aus ihrem Krug nahm, zeigte die Telekugel, zu der sie gedankenverloren emporgeblickt hatte ein Bild, das sie so verblüffte, dass sie sich augenblicklich verschluckte. Fassungslos starrte sie auf das Bild auf der Kugel. Snapes überlebensgroßes Abbild starrte ihr finster entgegen, die Nase durch die Wölbung unnatürlich vergrößert, wie ein gewaltiger Adlerschnabel.
„… gehörte ebenfalls zu den Vampiren, die sich Voldemort angeschlossen hatten. Der neue Kurs des Ministeriums sieht eine Beendigung der Liberalitätshaltung gegenüber lebensfeindlichen Teilmenschen vor. Insbesondere werden derzeitig Anhänger Voldemorts verfolgt. Wir bitten deshalb um Hinweise aus der Bevölkerung. Der Angeklagte ist 1,85 Meter groß, hat lange schwarze Haare und trägt meist schwarze Kleidung. Bitte wenden Sie sich mit Hinweisen direkt an das Zaubereiministerium."
Und gerade so, als hätte sie soeben die Glücksfeezahlen verkündet, wandte sich die Telehexe breit lächelnd dem Wetter zu. Hestia starrte ungläubig zu der Kugel empor und bemerkte eher beiläufig, dass sie zum zweiten Mal in dieser Nacht das allgemeine Interesse geweckt hatte.
Er hatte eine ganze Weile warten müssen, ehe die Banne über der Tür aufgehoben wurden und Dumbledore mit erhobenem Zauberstab eintrat. Snape stand ihm abwartend gegenüber und hielt die Arme über den Kopf.
„Befürchten Sie, ich könnte Sie beißen?", fragte er.
„Ich hänge nun einmal an meiner Sterblichkeit", erwiderte Dumbledore.
Er ließ den Blick über das Chaos im Laboratorium schweifen. „Es ist Ihnen also gelungen. Ich hoffe nur, Sie wissen noch was Sie getan haben. Ich halte es für ausgeschlossen, dass wir es anderweitig rekonstruieren könnten."
Snape ging zu einem Schreibpult und hob eine endlos lange Pergamentrolle hoch.
„Ich habe die gesamte Formel notiert."
Sichtlich beeindruckt überflog Dumbledore den Wust von Zeichen und Symbolen auf dem von oben bis unten voll beschriebenen Pergament.
„Ich fürchte, Severus, Sie sind der Einzige, der jemals in der Lage sein wird, diesen Trank zu brauen", schloss er aus seinen Beobachtungen.
Snape zuckte nur mit den Schultern. „Er schmeckt abscheulich. Es ist nicht dasselbe, aber man kann damit, nun ja … leben trifft es nicht."
„Sie sollten Anderen die Ehre zu Teil werden lassen, von Ihrem Talent zu profitieren", sagte Dumbledore nachdenklich.
Snape sah ihn fragend an. „Sie sollten in Hogwarts Zaubertränke unterrichten. Wissen Sie Horace Slughorn hat mich schon vor einer Ewigkeit um seine Pension gebeten. Er hat förmlich sein halbes Leben hier zugebracht. Er hat sich seinen Ruhestand redlich verdient. Sie wären dann natürlich auch Hauslehrer der Slytherins, was Ihnen eigentlich zusagen sollte"
„Niemals!", zischte Snape. „Ich habe Schüler schon gehasst, als ich selbst einer war. Der Großteil von ihnen besteht aus Idioten."
Dumbledore lächelte unbekümmert. „Severus, wir haben eine Abmachung. Sie beschützen den Potter Jungen und das werden Sie von hier aus tun, von einem Pult"
Snape Kiefer hatte sich in einen Betonklotz verwandelt, in seinen Augen stand der blanke Abscheu. „Ich würde sie eher töten, als sie zu unterrichten."
„Sie werden nichts der gleichen tun und das wissen Sie so gut wie ich, Severus. Wenn Sie jemals Frieden finden wollen, sollten Sie besser jetzt anfangen Ihrer Existenz einen Sinn zu geben und sich mit etwas Nützlichem die Zeit vertreiben. Betrachten Sie es als Buße."
Resigniert starrte ihn sein Gegenüber an.
„Das können Sie nicht ernst meinen."
„Oh doch. Es ist mir lieber, Sie ein wenig im Auge zu behalten - um ganz ehrlich zu sein. Zitronenbrausebonbon?"
Auf dem Rückweg apparierte sie sofort zum Schloss, nachdem sie der Wirtin ein paar Knuts auf den Tisch geworfen hatte. So schnell sie konnte hastete sie hinunter in die Verliese und stürmte in das kleine Zimmer. Snape lag noch genauso kerzengerade da, wie sie ihn zurückgelassen hatte. Die Hände zu einer beinahe majestätischen Geste über der Brust verschränkt.
„Aufwachen!", rief sie.
Snape zuckte sofort zusammen und seine rechte Hand tastete in der Luft nach dem beschlagnahmten Zauberstab. Kurz darauf öffnete er die Augen und blinzelte sie verstört an.
„Du bist angeklagt. Das Ministerium sucht dich", fasste sie die Situation kurz, wenn auch etwas unsensibel zusammen. Für umfassende Erklärungen würden sie auch später noch Zeit haben.
Er zog mäßig erstaunt die Augenbrauen empor. „Was genau habe ich verbrochen? Außer natürlich, nicht ordnungsgemäß dahingeschieden zu sein?", fragte er.
Sie sah ihn an und stellte fest, dass er nicht im Mindesten beunruhigt schien und begann sich allmählich zu fragen, warum sie beinahe zum Schloss geflogen war, um ihm diese Mitteilung zu überbringen.
„Sie wissen, dass du ein Vampir bist. Sie machen neuerdings Jagd auf Vampire – nennt sich Entliberalisierungspolitik oder so ähnlich. Und du hast dich mit Voldemort verbündet."
Er sah sie weiterhin fragend an. „Dein Bild war in der Telekugel", erklärte sie.
Er nickte verstehend. Dann stützte er die Arme auf dem Bett ab und setzte sich auf, was Hestia mit einem erstaunten Blick registrierte.
„Der Trank war einwandfrei. Ich sagte ja, wenn wir uns regenerieren, geht es schnell", bemerkte er nur.
Sie nickte nur, während sie beobachtete, wie er langsam und vorsichtig aufstand. Als sie ihm einen Arm als Stütze reichen wollte, schüttelte er nur kurz den Kopf. „Und wo soll's hingehen?", fragte sie ihn.
„Nachschub", meinte er knapp und ging auf den Kessel zu.
Hestia beobachtete ihn und gab allmählich die Hoffnung auf, er würde sich zu diesem Thema weiter äußern. Als sich ihre Vermutung bestätigte, sagte sie: „Und was gedenkst du jetzt zu tun?"
Er hatte gerade seine zweite Dosis hinuntergeschüttet und schluckte mit angewidertem Gesichtsausdruck. „Inwiefern?", erkundigte er sich, scheinbar in unschuldiger Neugier.
Sie hatte sich inzwischen mit der Tatsache abgefunden, dass er nicht willig war, der Situation eben soviel Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, wie sie es getan hatte, indem sie sogar ihr Butterbier hatte stehen lassen. Sie war so mit dem Gedanken an das Ministerium und seine Verordnung beschäftigt, dass sie nicht einmal richtig registrierte, dass es ihr tatsächlich gelungen war den Trank zu brauen.
„Hast du vor, ihnen eine kleine Audienz zu gewähren? Willst du vielleicht deine Diät ein bisschen unterbrechen?"
Er sah sie erstaunt an. „Wie kommst du darauf, dass sie hierher kommen werden?", fragte er.
„Nun ja, ich dachte auch, dass ich die Einzige wäre, die wüsste, dass du ein Vampir bist", entgegnete sie.
„Im Orden, ja. Aber sie beschäftigen sich jetzt wohl viel mehr mit Todessern und zumindest von Malfoy weiß ich, dass er ihnen das gleich als Erstes erzählen würde."
„Ich verstehe das nicht. Du warst rehabilitiert als ich ging. Wieso stehst du jetzt wieder im Mitgliedsbuch der Todesser?"
Sie hatte erwartet, dass zumindest das ihm eine Gemütsregung entlocken würde.
Er zuckte nur mit den Schultern. „Irgendjemand wollte sich einen Deal erkaufen und lieferte einen Verbrecher ans Messer, der nicht von allen längst im Kampf erkannt worden ist und bereits verfolgt wird. Ich mit meinem gerade wiederhergestellten Namen, biete mich doch gerade dazu an denunziert zu werden."
„Warum sollten sie denen glauben?", fragte sie.
„Als Doppelagent steht man grundsätzlich auf beiden Seiten unter Verdacht. Besonders jetzt, da klar ist, dass ich nicht so heldenhaft gestorben bin, wie Potter es verkündet hat. Vampire haben keinen besonders guten Ruf."
Das schien alles einleuchtend, bis auf die Tatsache, dass es ihn nicht interessierte. „Wieso hast du Potter das Denkarium gegeben?"
Er zuckte mit den Schultern und erneut legte sich Schweigen über sie.
Er setzte sich auf einen Stuhl und rieb sich vorsichtig den Hals. Hestia konnte erkennen, dass seine Wunde bereits wesentlich kleiner geworden war.
„Du bist wirklich nicht tot zu kriegen. Trotzdem wäre es gut, wenn du Maßnahmen ergreifen würdest", murmelte sie.
Er zuckte erneut teilnahmslos mit den Schultern. „Wir könnten das Schloss verbergen. Ich könnte der Geheimniswahrer sein", schlug sie vor.
Er sah sie neugierig an. „Ist der Streit mit dem Ministerium so eine Art Hobby von dir?", fragte er.
„Das sind Idioten. Die lassen jetzt Kneipenwirtinnen Todesser jagen. Das dumme Huhn im Dorf hat sich meinen Unterarm zeigen lassen. Also meine Begeisterung für unsere neue Regierung hat sich vor einer halben Stunde in Luft aufgelöst. Spielt also keine Rolle mehr, außerdem habe ich nicht vor das Ganze im Tagespropheten zu veröffentlichen", antwortete sie.
Auf seinem Gesicht erschien der Anflug eines Lächelns. „Schade, die wären bestimmt ganz scharf auf diese Story." Er sah sie eine Weile nachdenklich an und sie konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, gründlich durchleuchtet zu werden.
„Und was Spannendes entdeckt?", fragte sie schließlich.
Er schüttelte kurz den Kopf. „Nichts, das ich nachvollziehen könnte."
„Ist der Gedanke, dass dir jemand einfach nur einen Gefallen tut wirklich so abwegig?", fragte sie.
„Ziemlich!", meinte er. „Aber ich denke eher, dass du nicht weißt, was du tun willst, jetzt wo alles vorbei ist. Du bist auf der Flucht …"
Hestia sah ihn schweigend an und wusste das er zumindest zu einem entscheidenden Teil mit seiner kühlen Einschätzung Recht hatte. Sie hatte es gründlich vermieden an die Zukunft zu denken, nie länger als ein paar Tage im Voraus. Sie wusste nicht, was sie ihm antworten sollte.
Er schien in ihrem Schweigen eine Bestätigung seiner Feststellung zu finden und nickte zufrieden.
„Ich hätte jetzt gern meinen Zauberstab zurück", stellte er sachlich fest.
Snape betrat hinter Dumbledore den großen Raum mit der hohen Gewölbedecke. In die Wände waren mehrere Kamine eingelassen, deren Feuer die morgendliche Dunkelheit erleuchtete. Überall standen gepolsterte Sessel herum, die dazu einluden sich eines der Bücher aus den meterhohen Regalen an den Wänden zu greifen und sich zum Lesen niederzulassen. In der Mitte des Raumes stand ein langer, hölzerner Tisch, um den sich das Kollegium versammelt hatte. Es hatte den Anschein, als wäre Snape in ihrer Gesellschaft nicht unbedingt eine absonderliche Figur. Im Grunde bestand der Lehrkörper zum großen Teil aus Kuriositäten, die emsig auf einander einschwatzten, während sie einer nach dem anderen neugierig die Köpfe hoben und den Neuankömmling musterten.
„Guten Abend, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen. Ich möchte Sie alle mit dem neusten Mitglied unserer kleinen Runde bekannt machen. Darf ich vorstellen, Professor Snape, Meister der Zaubertränke", begrüßte Dumbledore sie.
Augenblicklich trat Schweigen ein. Es war so still, dass man eine Feder auf dem Boden hätte aufkommen hören können, während aller Augen waren auf Snape gerichtet waren. Dumbledore räusperte sich und durchbrach die peinliche Stille, in dem er das Kollegium vorstellte.
„Severus, das ist Professor Trelawney, sie unterrichtet Wahrsagen."
Die angesprochene Frau legte nur den Kopf schief und sah Snape durch ihre riesigen Brillengläser mit stark vergrößerten Augen an. Sie trug ein weites Kleid das so bunt mit vielen Tüchern und Steinen überhängt war, dass sie wie eine Mensch gewordene Farbexplosion aussah. Neben ihr saß eine weitaus absonderlichere Gestalt, die Dumbledore als Professor Binns vorstellte. Snape stellte fest, dass er nicht der Einzige im Kollegium war, der nicht mehr einwandfrei als lebend definiert werden konnte. Der Lehrer für Geschichte schwebte auf seinem Stuhl herum, während er Snape aus seinen wässrigen Augen skeptisch musterte.
Von dem Zauberer zu seiner rechten war nicht wesentlich mehr zu sehen als ein paar lebhafter Augen und einem spitzen Hut. „Professor Flitwick, Lehrer für Zauberkunst und Hauslehrer der Rawenclaws", kommentierte Dumbledore und fuhr dann fort: „Unsere Stellvertretende Schulleiterin, Lehrerin für Verwandlung und Hauslehrerin der Gryffindors, Professor McGonagall."
Snape wurde von den Augen hinter den quadratischen Brillengläsern beinahe aufgespießt, so scharf war der Blick der hochgewachsenen Professorin mit dem streng zu einem Dutt aufgesteckten Haaren.
Und so ging es weiter über einen konfus wirkenden Professor Quirrell für Muggelkunde und, die alte und müde Professorin Marchbanks für Astronomie. Professor Kesselbrand wirkte, als hätte die Pflege magischer Geschöpfe einige Tücken gehabt. Wie ihre Kollegen vor ihr sah auch Professor Sprout die Hauslehrerin der Hufflepuff aus, als würde sie ihn lieber mit einem ihrer Kräuter vergiften, anstatt „Willkommen im Kollegium" zu rufen.
Ganz zuletzt blieb Snapes Blick an einem Paar tiefer brauner Augen hängen, die ihn weniger ablehnend, denn eher forschend ansahen. Professor Cogitas war bedeutend jünger, als die meisten ihrer Kollegen und lehrte Verteidigung gegen die dunklen Künste.
Nach dem alle vorgestellt waren, setzte sich Snape auf einen Stuhl am Ende des Tisches und Dumbledore begann mit der Dienstversammlung, ohne auch nur im Mindesten auf die ablehnende Haltung seiner Kollegen einzugehen.
Sie gingen durch die dunklen Flure, um ihre Füße wirbelten feine Staubwolken im Lichtkegel seines Zauberstabes.
„Was hast du eigentlich gegen Hauselfen?", fragte Hestia.
Snape drehte sich langsam zu ihr um. Er bewegte sich noch immer sehr vorsichtig. „Wozu?"
Sie sah sich bedeutungsschwer um, ihr Blick blieb dabei besonders lange auf einer großen schwarzen Spinne haften, die sich ein ganzes Netzimperium aufgebaut zu haben schien. Nicht das sie an Arachnophobie litt, nur hatte sie eben ein natürlich ausgeprägtes Gespür für Ästhetik.
Er zuckte nur mit den Schultern. Mit einem kurzen Schnippen seines Zauberstabes erhob sich die Staubdecke wie ein gewaltiger Teppich in die Luft und flog durch den Flur davon, zum nächsten Fenster, wie Hestia hoffnungsvoll vermutete.
„Besser? Hauselfen sind etwas für Leute, die mit ihrem Zauberstab nicht umgehen können", meinte er und ging weiter.
Als sie aus dem Schlossportal traten umfing sie die kalte, sternklare Nacht. Der Mond warf sein schwaches Licht auf den verwilderten Park und das dort wuchernde Gestrüpp, das lange Schatten auf die Rasenflächen warf.
Snape stand eine Weile unbeweglich da und starrte in die Dunkelheit. Sein Mantel schwang leicht um seine Knöchel und das blasse Profil hob sich weiß vom Sternenhimmel ab.
Dann drehte er sich ruckartig um und sagte: „Auch wenn ich es für überflüssig halte… fangen wir an."
„Das kauf ich dir nicht ab", murmelte sie nur, ohne sich zu ihm umzudrehen.
„Was?", fragte er gereizt.
„Dass es dir egal ist, ob man dich findet. Du hast auch gesagt, dass es dir egal ist, wenn du da unten liegen bleibst und ich kann mir nicht helfen, aber du machst den Eindruck dich hier oben ganz wohl zu fühlen."
„Ich räume ein, dir dafür Dankbarkeit zu schulden", meinte er kühl.
Eine unangenehme Stille trat ein, die Hestia beendete indem sie ihren Zauberstab zog. Er tat es ihr gleich und gemeinsam begannen sie die Beschwörungsformeln zu murmeln. Das Sirren der magischen Energie erfüllte bald nahezu greifbar die Luft. Sie beobachtete aus den Augenwinkeln, wie seine Züge sich anspannten, als er mit einer komplizierten Bewegung den Bannkreis beschrieb. Ein riesiger roter Bogen umspannte das Schloss, während Snape ununterbrochen Formeln murmelte. Als sich der Kreis zu einer leuchtenden Halbkugel ausgedehnt hatte, schritt er über die magische Linie. Hestia hob erneut ihren Zauberstab um ihren Teil zu erfüllen und beschwor einen kleinen Kreis um sich herum und sprach: „Protecto"
Augenblicklich verschwand das Leuchten und hinterließ eine beinahe vibrierende Stille. Sie betrachtete eine Augenblick lang seine regungslose Mine und fragte sich, warum sie sich für ihn verantwortlich fühlte.
Dann sah sie hinauf zu dem sternübersäten Himmel und sog tief die kalte Nachtluft ein. Ein verrückter Gedanke schoss ihr durch den Kopf.
„Severus, können Vampire fliegen?"
Er sah sie einen Augenblick erstaunt an. „Manche", sagte er.
„Du?", bohrte sie.
„Prinzipiell, ja"
„Was heißt das?"
„Dass ich dafür im Moment nicht ausgeruht genug bin. Warum?" In seiner Stimme schwang Skepsis.
„Ich will fliegen. Ich werde so lange hier bleiben, bis du wieder fliegst."
„Nein."
„Hey, du hast es selbst gesagt. Du schuldest mir etwas", beharrte sie.
Er baute sich bedrohlich vor ihr auf und durchbohrte sie förmlich mit seinen stechenden schwarzen Augen. „Bist du sicher, dass du das willst?", fragte er sehr leise.
Sie erwiderte seinen Blick. „Das wird allmählich langweilig. Du bist ein Feigling, Severus. Immer wenn dir etwas nicht passt, spielst du die Angstkarte aus."
Sie konnte sehen, wie sich sein gesamtes Gesicht zur Faust ballte. Die Augen verengten sich zu Schlitzen und seine Kiefer wurden hart aufeinander gepresst. Es schien ihn zu frustrieren, dass sein Ich–werde-dich-töten-Blick sich allmählich abnutzte.
Sie war sehr zufrieden mit diesem Ergebnis und wartete gespannt ab, was er als nächstes tun würde. „Angst erhöht im allgemeinen die Lebenserwartung, vergiss das nicht", zischte er.
„Das scheint ja dein Motto zu sein", entgegnete sie.
Zwei Sekunden später sah sie sich gezwungen zu erwägen, dass sie mit dieser Bemerkung etwas zu weit gegangen war. Seine linke Hand hatte sich um ihre Kehle geschlossen und seine Rechte presste ihr den Zauberstab an die Gurgel. Für den Bruchteil einiger Sekunden bekam sie keine Luft mehr und stellte bei dieser Gelegenheit fest, dass er besser bei Kräften war, als er zu sein vorgab.
Plötzlich flackerte in seinen Augen Erschrecken auf und er ließ sie los, als hätte er sich seine eiskalte Hand verbrannt. Hestia brauchte einen Moment bis sie begriff, dass er tatsächlich auf die Berührung selbst so schockiert reagiert hatte. Und mit der Erleichterung über ihre plötzliche Befreiung kehrte auch ihr Kampfgeist zurück. Sie hob ihren Zauberstab.
„Erstens: Wag das nie wieder. Und zweitens: ja du bist ein Feigling, weil du selbst die Berührung eines anderen Menschen fürchtest, sogar wenn du versuchst ihn zu erdrosseln."
Hestia sah wie seine Lippen ganz leicht zu beben begannen, wie das erste Klappern von Steinen in der Wüste, kurz bevor zwei Kontinentalplatten bei einem Erdbeben kollidieren. Mit einer ruckartigen Bewegung drehte er sich um und eilte zurück ins Schloss, ohne ein weiteres Wort zu sagen.
Hestia blieb stehen und sah ihm nach.
Ganze Horden von Schülern strömten in die große Halle und setzten sich an ihre Haustische. Die Gesichter vom Schein hunderter Kerzen erleuchtet, beobachteten gespannt die Häuserauswahl.
Dann erhob sich Dumbledore und sprach: „Liebe Schüler, wieder beginnt ein neues Schuljahr und es ist mir eine große Freude euch alle in Hogwarts zu begrüßen. Ich muss euch mitteilen, dass Professor Slughorn nun nach all den Jahren seiner Lehrtätigkeit an unserer Schule in Pension gegangen ist. Euer neuer Lehrer in Zaubertränke wird Professor Snape sein, bitte heißt ihn willkommen."
Snape stand auf und sah in hunderte starr blickende Gesichter. Auch die wenigen Jubelrufe und Pfiffe der Slytherins konnten über das eisige Schweigen in der Halle nicht hinwegtäuschen. Zu viele kannten Snapes Vergangenheit, als dass sie sich über seine Ernennung hätten freuen können, geschweige denn zu verstehen was Dumbledore dazu bewogen hatte ihm ein Lehramt zu übertragen.
Snape setzte sich wieder auf seinen Platz neben Professor Cogitas. Seine Lippen waren fest aufeinander gepresst und das blieb auch während des gesamten Festmahls so. Er ignorierte die Köstlichkeiten, die vor ihm auf den Tellern und Platten erschienen und warf stattdessen gelegentlich einen flüchtigen Blick auf seine Tischnachbarin. Ihre langen glatten Haare waren dunkelblond, doch durchzogen von honigblonden Strähnen. Fasziniert studierte er ihre schmale spitze Nase, die immer leicht bebte, wenn sie lachte. Immer wieder blieb sein Blick an ihrem langen, schlanken Hals hängen, wo er ihre leicht pulsierende Halsschlagader ausmachen konnte. Plötzlich drehte sie ihm ruckartig den Kopf zu und ihre Augen bohrten sich in seine. Sie hielt den Blickkontakt, bis Snape ihn unterbrach und wieder auf seinen Teller starrte.
Sie fand ihn über den Kessel gebeugt, wie er einige Kräuter hinein gab.
„Und ich dachte, wir hätten für die nächsten Jahrhunderte ausgesorgt", bemerkte sie. Er antwortete nicht.
Hestia hasste es ignoriert zu werden. Doch sie wusste, dass inzwischen wie sie ihn aus der Fassung bringen konnte.
„Eigentlich sollte ich mir etwas darauf einbilden, den großen, berühmt berüchtigten Tränkemeister in die Flucht geschlagen zu haben. Auf der anderen Seite - vielleicht tut er immer nur so gefährlich und in Wirklichkeit hat er eine Heidenangst vor der Welt."
Die Theorie, dass eine Anspielung auf Feigheit ausreichen würde um ihn zu einer Reaktion zu zwingen, wurde augenblicklich mehr als nur bestätigt. Er drehte sich in einer einzigen fließenden Bewegung zu ihr um, zog seinen Zauberstab und schoss ihr einen Fluch entgegen.
Sie schalt sich einen Idioten nicht damit gerechnet zu haben, als ihr Zauberstab klappernd auf dem Boden aufschlug und sie gefesselt und geknebelt an der Wand hing, unfähig auch nur einen Knochen zu bewegen.
„Ist das wirklich die einzige Methode, mit der man dich zum Schweigen bringen kann?", fragte er und kam ein paar Schritte näher.
„Ich glaube, ich muss dir etwas erklären", flüsterte er in ihr Ohr. Er stand jetzt beunruhigend dicht vor ihr. Seine Nasenspitze war nur wenige Zentimeter von ihrer eigenen entfernt. Der Ausdruck in seinen schwarzen Augen jagte ihr kalte Schauer über den Rücken.
„Wenn ich Vorsicht walten lasse, dann nicht um meinetwillen."
Hestai fühlte sich, wie ein Fliege im Netz und hatte ernsthafte Zweifel, dass ihr aktuelle Lage zu ihrem Wohlergehen beitrug. Sie konnte diese allerdings nicht äußern, weil ein dicker Knebel sie am sprechen hinderte.
„Ich denke eine kleine Demonstration kann nicht schaden." Er richtete seinen Zauberstab auf sie und sagte: „Sitis afflicatio"
Hestia spürte, wie der Fluch sie hart traf. Kurz darauf breitete sich ein eignwilliges Gefühl in ihrem gesamten Körper aus, das sie zunächst nicht deuten konnte. Als es ihren Hals hinauf bis zu ihrem Mund hinaufstieg, begriff sie. Sie trocknete aus. Ein grässlicher Durst ließ sie hart schlucken, doch da war nichts außer ihrer trägen Zunge, die stumpf an ihrem Gaumen klebte. Snape zog ihr mit einem schmalen Lächeln den Knebel aus dem Mund. Dann beschwor er ein kristallklares Wasserglas direkt vor ihren Augen herauf. Sie konnte bereits jetzt das kalte Wasser schmecken und versuchte sich instinktiv dem Glas entgegen zu recken, was selbstverständlich nicht gelang. Er drehte langsam das Glas kurz vor ihrem Gesicht. „Also stell dir vor, du bist das Glas und ich bin du."
Sie sah ihn für einen Augenblick verständnislos an, dann dämmerte es in ihrem wasserbesessenen Gehirn.
„Du verstehst das Prinzip. Gucken, aber nicht anfassen. Nur das ich keine Fesseln habe."
Sie hätte genickt wäre ihr das möglich gewesen, doch so begnügte sie sich damit, weiter auf das Wasserglas zu starren. Snape schien zufrieden mit seiner Demonstration zu sein, denn er schnippte mit dem Zauberstab und ihre Fesseln lösten sich, sie krachte dumpf auf den Boden.
Hestia schnappte nach Luft und fragte sich allmählich ob ihre Selbstachtung sie nicht langsam aus diesem Spukschloss treiben sollte. Auf der anderen Seite stand ihr nicht der Sinn nach einer Kapitulation. Genauso wenig, wie sie einsam in die Nacht und eine völlig konturenlose Zukunft stolpern wollte. Deshalb packte sie ihren Zauberstab, beschwor ein Glas Wasser und stürzte es gierig hinunter. Snape hatte sich indessen wieder dem Kessel zugewandt.
„War das wirklich nötig?", fragte sie und bemühte sich nicht allzu außer Atem zu klingen.
„Du stehst noch hier unten, das sollte die Frage beantworten."
Der Punkt ging an ihn. Warum war sie nicht längst gegeangen? Die Erkenntnis, zu der sie gelangte, trug keineswegs zu ihrer Beruhigung bei. Er faszinierte sie, seine unnahbare Aura und sogar seine Unberechenbarkeit waren auf eine unerklärliche Weise interessant. Sie beobachtete, wie er mit seinen schmalen, geschickten Händen den Kesselinhalt umrührte. Dann griff er, als wäre sie nicht anwesend, nach dem Flakon mit dem fertigen Trank und leerte ihn. Nachdem er abgesetzt hatte drehte er sich zu ihr um.
„Du bist immer noch da?", fragte er und irgendwas an dem Ton, in dem er es sagte irritierte sie. Er klang nicht wirklich genervt.
„Ich weiß selbst nicht warum. Vielleicht, weil ich dich auf eine sehr seltsame Art und Weise mag. Klingt das für dich genauso absurd, wie für mich?"
Er zog überrascht eine Augenbraue empor. „Ja", meinte er.
Sie standen einander schweigend gegenüber.
„Gut", sagte sie schließlich. „Ich bin hundemüde, ich hau mich jetzt hin und morgen verschwinde ich." Er nickte nur.
Hektisches, aber sehr leises Geraschel breitete sich im ganzen Klassenraum aus, als die Stunde zu Ende war. Außer einem Tuscheln hier und da, bemühten sich die Schüler möglichst ihn durch nichts auf ihre Existenz aufmerksam zu machen. Viele waren blass vor Angst, als sie durch die Kerkertür huschten. Auf ihren verschreckten Gesichtern flackerte das diffuse Licht der grünen Fackeln, die an den kalten Steinwänden des Kerkers hingen. Die Regale waren überfüllt mit Gläsern voller Zutaten und in eine phosphorisierende Flüssigkeit eingelegten Tierkadavern. Snape, der Herrscher dieses schauerlichen kleinen Imperiums, stand hinter seinem Schreibpult und überwachte die Schüler, die nacheinander aus dem Raum flohen. Als der Letzte von ihnen die Tür hinter sich geschlossen hatte, ging er zwischen den Kesseln herum und notierte sich auf einem Stück Pergament die Namen der Schüler, mit deren Kesselreinigung er nicht zufrieden war.
Es klopfte an der Tür und er hob ärgerlich den Kopf.
„Herein!"
Die Tür öffnete sich und Odora Cogitas betrat den Raum. Sie sah sich einen Moment um und verzog etwas angewidert das Gesicht beim Anblick der vielen verendeten Kreaturen an den Wänden, dann wandte sie sich Snape zu.
„Ich muss mit Ihnen reden, Professor Snape."
Er bewegte keinen Gesichtsmuskel und wartete ab. Sie fuhr sich fahrig mit einer Hand durch die Haare. Dann fixierte sie ihn wieder mit diesem ihr ureigenen forschenden Blick.
„Sie sind nie beim Essen in der großen Halle."
Snapes Gesicht verharrte als eine unbewegliche Maske während er sie schweigend ansah.
„Sie verlassen am Tag nie das Schloss. Snape, Herr Gott … Sind Sie mit dem Begriff Legilimentik vertraut?"
Snape nickte, allmählich unsicher. Sie bewegte sich vorsichtig ein paar Schritte auf ihn zu. Seine Haltung versteifte sich und er verschränkte die Arme vor der Brust.
„Was soll das heißen?"
„Ich weiß es Snape. Wissen Sie, einem halbwegs gut ausgebildeten Leglimentor entgeht es nicht, wenn man dessen Halsschlagader anstarrt, besonders dann nicht, wenn man Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichtet."
„Ich hoffe Sie wissen, was Sie da sagen", entgegnete Snape nur mühsam beherrscht.
Sie nickte ernst.
„Und ich dachte, Sie fürchten mich aus denselben Gründen wie meine Schüler. Warum sagen Sie mir das alles und nicht Professor Dumbledore?"
„Ich bin mir sicher, dass Dumbledore Bescheid weiß."
„Selbstverständlich!", zischte Snape. „Wie vielen haben Sie es schon gesagt?"
Sie wirkte mit einem Mal müde und erschöpft. Langsam lies sie sich auf einem der herumstehenden Schemel nieder. „Niemandem … Sehen Sie mich nicht so an. Ich habe keinen Grund zu lügen. Niemand hat etwas von mir erfahren"
Snapes Hände verkrampften sich und er ballte sie zu Fäusten. „Was wollen Sie von mir?", presste er zwischen den Zähnen hervor.
„Im Grunde ist es Neugier, die mich hierher getrieben hat, eine gruselige Art der Neugier. Ich gehe davon aus, dass Dumbledore, sollte er auch über die Tatsache hinwegsehen, dass Sie ein Todesser waren, niemals einen Serienmörder in diesem Schloss dulden würde. Also wovon ernähren Sie sich?"
Snape sah sie eine Weile schweigend an, dann drehte er sich um und verließ den Raum durch eine kleine Nebentür, die zu den Vorratskammern und seinen Privaträumen führte. Sie sah ihm etwas verdutzt nach. Als er wieder zurückkehrte, hielt er einen Glasflakon in Händen, den er ihr vor die Nase hielt.
Zögerlich griff sie danach.
„Nicht trinken! Es schmeckt genau es riecht.", sagte er knapp.
Vorsichtig entkorkte sie das Fläschchen und hielt es prüfend unter ihre Nase. Sofort begann sie heftig zu husten und verschloss es schnell wieder.
„Es dauert Stunden es herzustellen! Ich bin sozusagen ein vgetarischer Vampir", bemerkte er trocken.
Sie sah ihn etwas verdutzt an.
„Eine Form der Ernährung, die einige Muggel praktizieren. Das Grundprinzip lautet: „Iss nichts das Augen hat.", ergänzte er.
Ein schwaches Lächeln zuckte um ihren Mundwinkel. „Und was ist dann so faszinierend an meiner Halsschlagader?"
Er runzelte die Stirn. „Sie stellen mehr Fragen, als für Sie gesund ist."
Sie sah ihn warnend an. „War das eine Drohung?"
Er schnaubte und schüttelte den Kopf.
„Der Unterschied zwischen Hunger und Appetit ist Ihnen doch geläufig, oder?"
Sie nickte.
„Stellen Sie sich vor, Sie würden sich die nächsten drei Monate von nichts anderem als Kohlsuppe ernähren, übrigens auch eine abnorme Muggelerfindung. Sie wären nicht hungrig, was Sie aber nicht daran hindern würde sich nach anderer Nahrung zu sehnen. Solange bis Sie bereit wären, für einen Apfel zu töten."
Er sah sie abwartend an. Sie schwieg, offensichtlich ahnungslos, was sie darauf antworten sollte. Als sie ihren Wortschatz wieder gefunden hatte, fragte sie: „Ich bin ein Apfel?"
Nun war es Snape um dessen Mund ein Lächeln spielte. „Sie sehen nicht aus als hätten Sie Angst", meinte er mäßig beeindruckt.
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich wüsste, wenn ich ernsthaft in Gefahr wäre."
Snapes Lächeln erlosch mit einem Mal. „Legilimentik?", fragte er.
Odora nickte. „Sie sollten sich in Okklumenthik üben, sonst werden Sie nicht lange unentdeckt bleiben." Er nickte nachdenklich, dann sagte er ernst: „Sie sollten hier nicht mehr hinunter kommen. Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie dieses Gespräch für sich behalten könnten. Wenn Sie es nicht können, tun Sie, was Sie tun müssen. Gewissermaßen würden Sie mich damit befreien."
„Wahrscheinlich", stimmte sie zu und verließ den Raum.
Die Dunkelheit umschloss sie kalt und drückend. Sie stand ganz allein in der großen Kirche. Alle waren gegangen, nur sie und die vielen schwarzen Tücher, die sanft im Wind wehten, waren zurück geblieben. Fröstelnd ging sie auf die Bahre zu, wohl wissend, was sie sehen würde. Trotzdem hatte sie Angst erneut in das blasse, kleine Gesicht zu sehen. Ein unheimliches Klong vom anderen Ende des Kirchenschiffes zerriss die Stille.
Erschrocken drehte sie sich um. Das Portal öffnete sich und helles Tageslicht flutete hindurch. Eine dunkle Silhouette hob sich von der Helligkeit ab und schritt immer größer werdend auf sie zu.
„Severus, was tust du hier?", fragte sie.
Er war vor ihr stehen geblieben und ragte beeindruckend, aber nicht so bedrohlich wie sonst in seinem schwarzen Umhang vor ihr auf.
„Ich denke ich löse eine Schuld ein", sagte er und so etwas wie ein Lächeln schlich sich um seine Mundwinkel. Er war nicht ganz so blass wie sonst, er wirkte irgendwie lebendiger.
„Folg mir", sagte er und ging wieder in Richtung Ausgang. Als sie durch das Portal traten ging vor ihren Augen die Sonne unter. Mit der Abenddämmerung kroch die Dunkelheit über die Landschaft und die ersten Sterne leuchteten am Firmament auf..
Severus streckte ihr eine Hand entgegen. „Vertraust du mir?" Und auch wenn sie nicht sagen konnte warum, nickte sie und nahm seine warme Hand dankbar entgegen.
Er trat hinter sie und hielt sie an den Schultern. „Nicht erschrecken", flüsterte er. Und mit einem kräftigen Ruck stieß er sich vom Boden ab und stieg mit ihr in die Luft. Der Boden entfernte sich immer schneller von ihnen bis die Bäume aussahen, wie Lego-Spielzeug und der Horizont zum greifen nah war. Ein unvorstellbares Hochgefühl durchströmte sie, als sie die frische kalte Luft gierig einsog und sich von dem unglaublichen Ausblick berauschen ließ. Vor ihr breitete sich die gesamte Welt in einer unglaublichen Grenzenlosigkeit aus. Tiefblaues Wasser schimmerten im silbernen Mondlicht und hohe schneebedeckte Bergketten schmiegten sich sanft dem Horizont entgegen. Der Wind rauschte in ihren Ohren und zerrte an ihrem langen Haar.
„Und hast du dir das so vorgestellt?", fragte er und sie spürte seinen Atem an ihrem Nacken.
„So etwas hätte ich mir niemals vorstellen können", flüsterte sie.
Sie wusste nicht wie lange sie geflogen waren, als sie sich wieder der Erde näherten und sanft auf einem Hügel landeten. In der Ferne konnte sie das Meer rauschen hören und ganz am Rande ihres Bewusstseins, fragte sie sich, wo sie überhaupt waren. Doch das schien im Moment völlig nebensächlich, denn sie fühlte sich so glücklich, wie sie es schon lange nicht mehr gewesen war. Sie setzten sich nebeneinander in das trockene Gras.
„So ich denke damit habe ich meine Schuld eingelöst.", bemerkte er lächelnd.
„Noch nicht ganz", murmelte sie und sah ihn abwartend an.
Erstaunlicherweise lächelte er noch immer und sah so gelöst absolut ungewohnt, wenn auch sehr angenehm aus. Mit einem Mal erschien ihr die ganze Szene auf eine merkwürdige Art irreal. Sie tastete nach seiner Hand, nur um herauszufinden, ob er tatsächlich dort saß. Sie war warm und fest und das beruhigte sie irgendwie. Er beugte sich leicht zu ihr vor und murmelte ihr leise ins Ohr: „Du bist unersättlich. Weißt du das?" Er streifte ganz sanft über ihre Wange. Sie drehte ihm langsam den Kopf zu, um in seine Augen sehen zu können.
Plötzlich zerriss ein Donnergrollen die harmonische Stille und sie zuckte unwillkürlich zusammen.
Als sie die Augen aufschlug, starrte sie die kalte Steindecke an. Ihr war kalt und sie fühlte sich mit einem Mal leer, wie ausgehöhlt. Gerade als sie beschloss sich bei der nächsten Gelegenheit in die Hände eines erfahrenen Therapeuten zu begeben, nahm sie aus den Augenwinkeln eine schwache Bewegung war. Kerzengerade, als hätte er einen Besenstiel verschluckt, saß Snape auf dem alten Holzstuhl. Nur sein Kopf war ihm auf die Brust gesackt und wiegte sich leicht hin und her. Diese Haltung wirkte besonders deshalb unnatürlich, weil er sich nicht die Mühe machte zu atmen. Trotzdem hatte sein Anblick etwas Tröstliches und sie konnte sich nicht des Eindrucks erwehren, dass seine Nachtwache mit ihrem Traum zusammenhing. Langsam und vorsichtig stemmte sie sich hoch und betrachtete ihn eingehend. Die Diskrepanz zwischen diesem Snape und dem fliegenden lächelnden Typen war auf schmerzliche Weise augenscheinlich. Er war blass, dünn und verfallen, fast ein wenig Mitleid erregend. Bedrückt dachte sie daran, dass er sie für diesen Gedanken allein schon hassen würde. Sie stand leise auf und ging langsam auf den Stuhl zu. Er rührte sich nicht, nicht einmal als sie ihm ein paar Strähnen aus dem Gesicht strich um einen seltenen friedlichen Ausdruck darauf zu entdecken. Dann sie schlich aus dem Zimmer.
Die Bibliothek von Hogwarts war eine der größten in der gesamten Zaubererwelt. Ihre Regale reckten sich über drei Meter der hohen Decke entgegen. Andächtig schritt Snape von Reihe zu Reihe und lies den Blick über die schweren Folianten gleiten. Nach einer Weile fand er, was er gesucht hatte. Er nahm das Buch heraus und klemmte es sich unter den Arm. So verließ er die Bibliothek wieder.
In seinen Räumen angekommen, setzte er sich in den Sessel vor dem Kamin und schlug das Buch auf.
„Okklumentik – Die Einsamkeit des Geistes", verriet der Titel.
Er blätterte in das erste Kapitel und begann zu lesen. Unbeweglich verharrte er mehrere Stunden, dabei ununterbrochen studierend.
Als er es wieder zugeklappt hatte, schüttelte er leicht den Kopf.
Dann stand er kurz entschlossen auf und ging zur Tür, das Buch immer noch in der rechten Hand. Es war spät geworden und so lag das Schloss völlig verlassen vor ihm. Seine federnden Schritte führten ihn ins erste Stockwerk zu Professor Cogitas Büro. Es dauerte eine Weile, ehe sich die Tür auf sein Klopfen hin öffnete. Sie sah müde aus.
„Was tun Sie bei Merlins Bart um halb ein Uhr nachts vor meiner Tür?", fragte sie, ohne einen Hehl aus ihrer mangelnden Begeisterung zu machen.
Er hob das Buch vor ihre Augen. „Was nützt es sich damit zu beschäftigen, man kann es sich in der Theorie nicht aneignen."
„Ich würde mich nicht als Meisterin der Legilimentik nennen, aber nach dem was ich so empfange meinen Sie das ernst. Sie stehen hier mitten in der Nacht, weil Sie genau dieses Problem beschäftigt."
Ihr Blick sprach Bände von den langen Schimpftiraden, die sie jetzt gern auf ihn losgelassen hätte.
„Sie haben mich doch erst darauf aufmerksam gemacht …"
„Eigentor, würde ich sagen …"
Er fixierte ihre Augen mit den seinen und sprach sehr langsam und eindringlich. „Sie müssen mir helfen."
Odora Cogitas atmete ruckartig und tief ein und schloss krampfhaft ihre Augen.
„Wagen Sie es nie wieder das zu versuchen", presste sie hervor. „Sie können morgen wieder herkommen, wenn ich wach bin. Dann sehen wir weiter."
