Kapitel 5.

Der Morgen war angebrochen, als Hestia hinaus in den Park trat. An den Grashalmen und Sträuchern hingen in der Sonne glitzernde Tautropfen und über den Hügeln lag ein blasser Dunst. Nachdenklich betrachtete sie die Landschaft, während langsam hindurch ging.

Sie wusste nicht, was sie jetzt tun wollte. Der Orden war ihre Familie gewesen. Er hatte notdürftig die Lücke geschlossen, die ihre wirkliche Familie hinterlassen hatte. Inzwischen wurde aus dem Orden eine Art Verteranenclub. Sie hatten mit ihrem gemeinsamen Feind auch ihren Platz im selben Boot verloren und jeder ging wieder seinen eigenen Weg. Es gab Tage an denen Hestia jene beneidete die heldenhaft im letzten Kampf gefallen waren, denen die Trauer um die Toten erspart geblieben war und die nun nicht gezwungen waren zu entscheiden, was sie mit ihrem Leben tun wollten.
Hestia war nicht dazu gekommen einen Beruf gelernt und auch jetzt hatte sie keine Vorstellung, wie sie sich nun nützlich machen könnte. Sie versuchte sich zu erinnern, was sie hatte tun wollen bevor Voldemort an die Macht kam, bevor sie Aurorin hatte werden wollen.
Je weiter sie ging desto unangenehmer fühlte sie die Weite ihrer des Horizonts auf sich lasten und sie wäre am liebsten umgedreht.
Sie war selbst unsicher, wie sie diesen Drang deuten sollte.
Die unbestimmte Ahnung, dass sie nicht mehr allein war unterbrach ihren Gedankenfluss, kurz bevor fünf Gestalten aus dem Gebüsch hervortraten. Die drei Männer und zwei Frauen mussten vor wenigen Sekunden dort appariert sein. Jeder von ihnen trug eine dieser lächerlichen giftgrünen Uniformen. Alle machten ungeheuer professionelle Gesichter und ernste Minen.
‚Wenn sie Muggel wären, hätten sie Sonnenbrillen', dachte Hestia. Die Zauberer schritten annähernd synchron, mit gehobenen Zauberstäben auf sie zu. Es erschien ihr sinnlos nach dem eigenen Stab zu tasten, bis sie ihn hätte, wäre sie längst fünffach geschockt worden. Hestia hob stattdessen beschwichtigend die Hände ein Stück nach oben und sagte: „Guten Morgen, was kann ich für Sie tun?"

Die Zauberer behielten ihr Pokerface und ein hochgewachsener Zauberer trat ein Stück vor.

„Auf Veranlassung des Ausschusses für die Verfolgung flüchtiger schwarzer Magier, nehmen wir Sie in Untersuchungshaft. Es wird Ihnen hiermit nahegelegt keinen Widerstand zu leisten, da wir Ihnen anderenfalls keine Sicherheit gewährleistet werden kann."

Hestia wusste nicht ob sie lachen oder fluchen sollte. Doch da weder das eine, noch das andere die Situation verbessert hätte, erwiderte sie schlicht: „Ich bin eingeschriebenes Mitglied im Orden des Phönix. Bitte erklären Sie mir, was man mir anlastet"

Hestia beobachtete mit einem Hauch von Bewunderung, wie sparsam er mit seinen Gesichtsmuskeln umging, als der Große ihr antwortete: „Es ist nicht meine Aufgabe Sie über die Ihnen gegenüber erhobenen Vorwürfe aufzuklären, sondern Sie in Untersuchungshaft zu bringen. Bitte drehen Sie sich jetzt um und legen Sie die Hände auf den Rücken."

Allmählich kam Hestia zu dem Schluss, dass die fünf auch dann noch darauf beharren würden sie abzuführen, wenn direkt neben ihnen der Mond auf die Erde krachen würde. Obwohl sie der Ansicht war, dass er damit im Moment hervorragendes Timing beweisen würde.
Um Zeit zu gewinnen, sagte sie: „Das ist lächerlich, ich habe vor zwei Monaten noch mein Leben riskiert um ein paar Todesser zu töten. Halten Sie es wirklich für ausgeschlossen, dass es sich hier um ein Missverständnis handelt?"

Der Große schüttelte langsam den Kopf und die anderen zogen ihren Kreis enger. Kurz entschlossen griff Hestia in ihren Umhang, doch sie hatte das glatte Holz noch nicht einmal gänzlich mit ihren Fingern umschlossen, als ihre Gegner bereits unisono: „Sopireo", gerufen hatten. Warme Dunkelheit umfing sie und zog sie tief hinab in die unendlichen Sphären ihres Unterbewusstseins.

Sie saßen sich in einigem Abstand im Klassenraum für Verteidigung gegen die dunklen Künste gegenüber. Beide musterten sich abschätzend.

Bei Okklumentik geht es in erster Linie um mentale Disziplin. Sie müssen eine innere Mauer errichten, bei jedem Gedanken, den Sie verbergen wollen. Als würden Sie die Arme vor der Brust verschränken. Es ist dieselbe Geste, nur eben innerlich. Also denken Sie jetzt an etwas. Versuchen Sie es mit etwas Starkem und versuchen Sie es mit einer gedanklichen Barriere zu schützen. Ich werde versuchen in Ihren Geist einzudringen."

Snape nickte nur. Legilimens!", rief sie und richtete ihren Zauberstab auf Snape.

Er zuckte kaum merklich als der Zauber ihn traf, aber er hielt den Blickkontakt aufrecht. Auf seinem Gesicht zeichnete sich Anstrengung ab. Seine Lippen waren fest aufeinander gepresst und auf seiner Stirn traten Falten hervor. Plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck und seine Züge erschlafften, als wäre sein Widerstand gebrochen.

Cogitas lies von ihm ab und sagte: „Das war nicht schlecht. Um ehrlich zu sein sogar ziemlich gut. Und interessant. Wer war das Mädchen auf der Schaukel?"

Snape verschränkte die Arme. „Das geht Sie nichts an."

Sie hob die Hände empor. „Schon gut, schon gut. Sie scheinen jedenfalls mit mentaler Disziplin bereits Erfahrung zu haben. Noch mal?"

Snape nickte entschlossen. Beim zweiten Mal konzentrierte er sich noch stärker. Er zog seine Augenbrauen so fest zusammen, dass sie beinahe eine schwarze Linie bildeten. Unter ihrem festen Blick begannen spannte er jede Faser seines Körpers an.

Nach einer Weile gab sie auf. Auf ihrer Stirn standen Schweißperlen. „Sie sind offensichtlich ein Naturtalent, wenn es darum geht sich zu verschließen. Warum überrascht mich das nicht? Vergessen Sie nur nicht, dass ich kein besonders guter Leglimenthiker bin – besonders nicht dann, wenn ich gegen jemandes Willen in dessen Geist einzudringen versuche."

Unvermittelt richtete er seinen Zauberstab auf sie und sagte: „Legilimens"

Es war fast, als würde aus der Verbindung ihrer Blicke ein Band entstehen, auf dem Bilder liefen, die Snape vor seinem inneren Auge erscheinen sah.

Auf Odoras Gesicht trat ein verkrampfter Ausdruck. Sie atmete schwer und straffte scheinbar nur mit Mühe den Rücken und unterbrach die Verbindung mit einem Ruck.

Was soll das?", rief sie vorwurfsvoll.

Ich dachte es wäre nützlich, mich auch noch in Legilimentik zu üben. Ich wollte es nur mal ausprobieren", meinte er Schulter zuckend.

Nicht ohne meine Erlaubnis", fauchte sie wütend. Es entstand eine angespannte Stille. Sie zitterte ein wenig. „Hören Sie mir jetzt genau zu. Ich bin nicht wahnsinnig genug, Ihnen Legilimentik beibringen zu wollen. Ein Versuchskaninchen im Sankt Mungoshätte es da gemütlicher"

Er schwieg nur unbeeindruckt.

Was haben Sie gesehen?", fragte sie nach einer Weile leise.

Zusammenhangslose Bilder, ich konnte nichts davon wirklich deuten"

Es ist nicht so einfach. Es geht zunächst nur darum, Eindrücke und Erinnerungen einzufangen, die den anderen in einem bestimmten Moment beschäftigen."

Snape wirkte enttäuscht. „Ich nehme gelegentlich auch ohne Leglimenthik Empfindungen anderer wahr. Wie erklären Sie sich das?"

Das ist typisch für Vampire. Die meisten sind in höchsten Maße empathisch", meinte sie.

Er grinste. „Sie lehren ja doch, Berufskrankheit?"

Es gibt nichts, dass ich Ihnen noch beibringen kann. Die Stunde ist beendet. Bitte gehen Sie", sagte sie gereizt und wies auf die Tür.

Als Hestia wieder die Augen aufschlug, erglomm über ihr das sanfte Licht einer magischen Leuchtkugel. Nach einigen Sekunden völliger Orientierungslosigkeit erinnerte sie sich wieder daran, was geschehen war, bevor sie ohnmächtig geworden war. Ein prüfender Blick auf ihre Umgebung sagte ihr, dass es schlimmer, als auch besser hätte kommen können.

Sie lag auf einer relativ weichen, wenn auch schmalen Liege. Ansonsten befanden sich ein Stuhl und ein kleiner Tisch mit einer Wasserkaraffe im Raum. In die sterilen weißen Wände waren zwei Türen eingelassen. Eine davon, spekulierte sie, führte wahrscheinlich zur Toilette, die andere in die Freiheit.

Aus reiner Gewohnheit tastete sie nach ihrem Zauberstab, wohl wissend, dass er nicht mehr da sein würde. Dann stand sie auf und prüfte beide Türen und fand hinter der einen die Toilette und die andere verschlossen vor. Also setzte sie sich wieder um zu warten. – Sie hasste warten.

Eine Stimme in ihr, die sich selbstgefällig Vernunft nannte, sagte ihr im Brustton der Überzeugung: „Es wird sich alles aufklären. Sie werden dich tausendmal um Verzeihung bitten, weil sie einen Fehler gemacht haben."

Doch viel eindringlicher, wenn auch nicht ganz so laut, meldete sich ihr Instinkt zu Wort, der nicht minder überzeugt kundtat: „Hier ist etwas faul. Etwas stimmt nicht, ganz und gar nicht." Sie fühlte sich mit einer beunruhigenden Beklommenheit an den seltsamen Vorfall in der Kneipe erinnert und daran, dass sie Snape suchten.

Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als sich die Tür endlich öffnete und ein Kobold seinen überdimensionalen Kopf hindurch steckte.

Sie saßen nebeneinander im Lehrerzimmer. Odora fuhr unruhig mit den Händen über die vor ihr liegenden Akten. Snape hatte sich entspannt zurückgelehnt und beobachtete sie aufmerksam. Dumbledore hielt eine kleine Ansprache über die neuen Verordnungen des Zaubereiministeriums, die nicht wirklich die Aufmerksamkeit seiner Kollegen an ihn zu fesseln schien. Niemand außer McGonagall hörte ihm zu. Snape beugte sich ein Stück zu Odora vor und flüsterte:

Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen Sie sind nervös. Gibt es dafür einen besonderen Grund?"

Erstens ist „wenn ich es nicht besser wüsste" eine Untertreibung und zweitens: Ja, es macht mich nervös, keine Ahnung zu haben, was in Ihrem Kopf gerade vorgeht. Ich vermisse mein Frühwarnsystem schmerzlich", antwortete sie leicht gereizt, aber sehr leise.

Dann funktioniert es also. Vielen Dank", murmelte er.

Sie können mir danken, indem Sie sich von mir und meinen Gedanken fern halten!", beendete sie das Gespräch, da Dumbledore sich bereits laut und missbilligend geräuspert hatte.

„Hestia Jones, bitte folgen Sie mir. Sie werden nun in den Verhörraum gebracht."

Als sie aus der Tür getreten war, zog der Kobold eine magische Schlinge aus einer Jackentasche und legte sie um ihre Handgelenke, wo diese sich selbst zu Recht zog. Hestia folgte dem vor ihr her wackelnden Winzling durch ein Labyrinth aus völlig identisch wirkenden Korridoren, die den Eindruck erweckten einzig und allein zum Zweck der Verwirrung gebaut worden zu sein. Sie spielte einmal kurz mit dem Gedanken sich loszureißen, verwarf ihn dann jedoch wieder in der Gewissheit den Ausgang ohnehin nicht schnell genug zu finden. Am Ende ihrer kleinen Odyssee blieb der Kobold vor einer Tür stehen und klopfte. Nachdem die Tür geöffnet wurde befreite er ihre Hände und sie trat ein.

Was auch immer sie erwartet hatte, das war es nicht. Vielleicht so einen großen Anhörungssaal, wie damals bei den Prozessen gegen die Todesser oder einen leeren Raum mit einem riesigen Spiegel, wie in der Lieblingsfernsehserie ihrer Mutter. Stattdessen jedoch betrat sie ein behagliches Zimmer, das von einem gewaltigen Kamin dominiert wurde, der sein warmes orangerotes Licht in den Raum warf. In der Mitte stand ein Schreibtisch, hinter dem ein untersetzter Beamter, dessen gemütliches rundes Gesicht ein ausladender Schnauzer zierte auf einem bequemen Lehnsessel saß. Als er sie bemerkte, stand der Mann auf und kam um den Schreibtisch herum. Er streckte ihr freundlich die Hand entgegen.

„Smith, sehr erfreut Miss Jones."

Sie nickte etwas irritiert.

„Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten, gehört leider alles zur Vorschrift. Bitte, setzen Sie sich", fuhr er lächelnd fort, schob die hochgekrempelten Ärmel zurecht und setzte sich.

‚Entweder ist das keine besonders ausgefallene Art mich zu manipulieren oder ich habe hier irgendetwas missverstanden', dachte Hestia und setzte sich auf den gepolsterten Stuhl ihm gegenüber.

„Können Sie sich denken warum Sie hier sind?", fragte er ganz in dem Ton eines guten Onkels, der seinen Neffen dazu bewegen will, seine Taten zu überdenken. Sie beschränkte sich vorerst darauf den Kopf zu schütteln.

„Nun ich bin nicht darüber informiert, wo Sie sich die letzten Wochen und Monate aufgehalten haben, aber über alle Telekugeln dieses Landes wurde die Suche nach namhaften Todessern gesendet. Das Ministerium legt großen Wert darauf einen weiteren Aufstand um jeden Preis zu unterbinden."

Er sah sie abwartend an, als warte er auf eine bestimmte Reaktion ihrerseits. Hestias Verdacht, dass Snape der Grund ihrer Inhaftierung war verdichtete sich allmählich zur Gewissheit.

„Ich wüsste nicht, was das mit mir zu tun hat", erwiderte sie.

„Hatten Sie in letzter Zeit Kontakt mit einem Todesser?", fragte er.

„Ja, mit Crabbe. Er ist tot, so weit ich weiß. Und noch einigen anderen", antwortete sie.

„Ich sprach von dem Zeitraum nach der Schlacht in Hogwarts", entgegnete er gelassen ohne auch nur mit einem Zucken ein Anzeichen von Verstimmung zu zeigen.

„Nicht, dass ich wüsste, Mr. Smith. Ich weiß nicht, ob Ihnen klar ist, dass meine Familie von Voldemort getötet worden ist." Ihre Stimme hatte allmählich einen bedrohlichen Unterton angenommen.

Mr Smith zog mit einer schwungvollen Geste eine dicke Akte zu sich heran und schlug sie auf.

„Doch das ist mir bekannt, das steht alles in Ihrer Akte und es tut mir sehr leid. Deshalb hat man Sie ja so zuvorkommend untergebracht."

„Ich bin gerührt."

„Man wirft Ihnen nicht vor Todesserin zu sein."

„Sondern?"

„Die Verfolgung eines Todessers zu behindern."

Sie war nicht mehr überrascht, eigentlich hätte sie es bei ihrer Verhaftung schon wissen müssen. Unwillkürlich erinnerte sie sich an Snapes Frage: ‚Ist der Streit mit dem Ministerium so eine Art Hobby von dir?'
Offensichtlich hatte er Recht behalten, wenn sie dieses Hobby auch nicht direkt absichtlich pflegte. Sie beschränkte ihren Kommentar auf ein wenig tiefsinniges: „Ah".

„Waren Sie vor kurzem in dem Wirtshaus „Zum lachenden Krug"?", fragte er.

Sie würde sich entscheiden müssen, alles zu leugnen oder auf der ihr-sei-nichts-vorzuwerfen-Schiene zu fahren.

„Und wenn es so wäre?", fragte sie.

„Dann würde mich brennend interessieren, warum Sie das Gasthaus so überstürzt verließen, nachdem Sie den Bericht über den verfolgten Todesser gehört hatten", antwortete er und sein Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel an seiner Unnachgiebigkeit.

Hestia zog es vor zu schweigen.

„Man hat Sie hoch zu der alten Ruine rennen sehen. Als einige Ministeriumszauberer einige Stunden später dort auftauchten, war die ganze Ruine nicht mehr auffindbar. Eigenartig, nicht wahr?"

Hestia hätte sich selbst kräftig in den Hintern treten können, wenn sie die Gelegenheit und die physikalischen Voraussetzungen gehabt hätte. Sie hatte sie direkt zu ihm oder in diesem Fall mehr zu ihr geführt.

Mr. Smith schien offensichtlich nicht zu den Menschen zu gehören, die leicht die Geduld verlieren, denn er fuhr unermüdlich fort. „Wir gehen davon aus, dass Sie den flüchtigen Severus Snape schützen. Haben Sie dazu etwas zu sagen?"

„Nein", antwortete sie schlicht.

Jetzt war es Mr. Smith, der sich zurücklehnte und abwartete.

„Ich ging davon aus Severus Snape sei tot", ergänzte sie.

Smith seufzte schwerfällig. „Eins will mir nicht in den Kopf. Sie sind eine hübsche junge Frau. Sie sind klug und soweit ich informiert bin auch talentiert. Warum geben Sie sich mit jemandem wie Severus Snape ab? Und darüber hinaus, warum schützen Sie ihn, Miss Jones?"

Ein für sie unerklärlicher Wutklumpen hatte sich in ihren Eingeweiden gebildet .

„Er ist ein Mörder, das wissen Sie, oder?"

Sie starrte ihn nur an. Sie wusste, dass Snape ein Todesser gewesen war und was er in dieser Zeit getan hatte, war ihr nicht bekannt, doch Dumbledore hatte ihm vertraut. Mit jedem Wort, das Smith sagte, wurde ihr mehr und mehr bewusst, wie wage ihr Wissen war.

„Ich spreche nicht von Dumbledore. Das ist allgemein bekannt und nach allem, was wir wissen, auch ohne Potters Ausführungen, ist seine Darstellung dieser Ereignisse mit großer Wahrscheinlichkeit korrekt. Ich spreche eigentlich von seiner Zeit als Todesser."

Er sah sie an, wie ein Alchimist, der ein Reagenzglas beäugt nachdem er eine weitere Ingredienz hinzugefügt hat und nun wartete was passiert.

Hestia regte sich nicht, doch ihre Gedanken rasten. Wie viel hatte Dumbledore genau gewusst? Warum hatte er ihm vertraut, warum war er sicher gewesen, dass Snape eine zweite Chance verdiente?

Hestia Mund fühlte sich trocken an. Snapes Gesichtsausdruck, als er sie gefesselt hatte stand ihr noch deutlich vor Augen.

Smith fuhr fort: „Die Akte Snape liegt jetzt schon seit einer ganzen Weile auf meinem Schreibtisch. Wir wissen aus zuverlässiger Quelle, dass er in einem alten Schloss in Schottland unterzukriechen pflegte. Wahrscheinlich war unser Deal nicht gut genug, sonst hätten wir wahrscheinlich schon vor Wochen gewusst, wo genau er sich aufhält. Bitte, beleidigen Sie mich nicht indem Sie bezweifeln, ich könne eins und eins zusammenzählen."

Hestia hatte sich noch immer nicht entschieden, was sie tun sollte und beschloss weiter zu schweigen.

„Ich weiß, das alles überrascht Sie womöglich. Man hatte ihn ja kurzzeitig beinahe zum Nationalhelden erhoben. Aber wissen Sie, je tiefer man bohrt, desto unschöner wird das Ganze."

„Albus Dumbledore hat ihm bis zuletzt vertraut.", sagte Hestia.

„Ja, das hat er. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, auch ich hielt und halte große Stücke auf Dumbledore. Genialer Mann, wahrscheinlich der Genialste für dieses und die nächsten paar Jahrhunderte, aber… Wissen Sie, Snape ist nicht gerade ein offenes Buch."

‚Wem sagt er das?'

„Was wissen Sie über die Umstände von Dumbledores Tod?"

„Dass er todkrank war als Snape ihn auf seinen Wunsch hin tötete, dass er es tat um seine Position als Doppelagent aufrecht zu halten", antwortete Hestia.

„Ja, das ist soweit korrekt. Was die meisten nicht wissen ist, dass Dumbledore sich einen alten Fluch an einem Erbstück der Familie Riddle geholt hatte. Wissen Sie, wer Dumbledore damals explizit mit Informationen über Voldemorts oder vielmehr Tom Riddles Vergangenheit informiert hat? Das war Snape. Er hat ihn zum Ring der Gaunts geführt. Wir wissen das, weil uns Teile aus Dumbledores Denkarium für unsere Ermittlungen zur Verfügung gestellt wurden. Eigenartig nicht wahr, dass in Folge dieser so tatkräftigen Unterstützung Dumbledore verflucht wird?"

Hestia sah ihn skeptisch an. Sie wusste, dass Potter verkündet hatte, Snape hätte versucht Dumbledore zu retten und gezögert ihn zu töten.

Smith versuchte gewinnend zu lächeln. Es gelang ihm nicht besonders gut. „Nun zugegebener Maßen sind das noch Spekulationen. Der Zusammenhang wird noch untersucht. Bleiben wir lieber bei den Fakten. Nach Zeugenaussagen ist er für mindestens den Tod von 20 Menschen verantwortlich."

Hestia spürte, wie sie in Sekunden zu Eis erstarrte. Sie hatten Dimensionen von Schuld erreicht, in denen sie nie zu denken gelernt hatte. Auch sie hatte getötet und noch heute verfolgten sie einige Gesichter bis in ihre Träume, doch sie hatte nie die Seite gewechselt. Hatte nie ihre Standpunkte überdenken müssen.

Smith beobachtete zufrieden die Wirkung seiner Worte und holte zum nächsten Schlag aus.

„Ich spreche nicht von Kämpfen, die sind darin nicht mit aufgezählt. Ich spreche von Mord an Muggeln, an Unbeteiligten. Was glauben Sie, warum sich die Vampire Voldemort angeschlossen haben?", Smiths Stimme war zu einem Flüstern herabgesunken.

Mit schmerzhafter Klarheit wusste sie worauf Smith hinaus wollte und sie spürte, wie ihr Magen Anstalten machte sich seines Inhaltes zu entledigen.

„Lord Voldemort war ein hervorragender Frischfleischlieferant. Und davon einmal abgesehen, sofern man das denn kann, sind wir uns inzwischen keineswegs sicher, dass er je die Seiten gewechselt hat. Ja er hat Potter immer geschützt. Wie sich jedoch herausstellte, war das eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Rückkehr des dunklen Lords, was einen Schatten auf diese Tatsache wirft. Hinzukommt diese äußerst kryptische Prophezeiung. Wie viel genau wusste er davon wirklich? Verstehen Sie? Da ist einiges im Argen. Wie genau hätte er Voldemort wirklich ausspionieren sollen ohne, dass dieser das bemerkt? Welche so unglaublich wertvollen Informationen hat der Orden des Phönix tatsächlich von ihm erhalten? Wir stellen uns hier ziemlich viele Fragen. Sie verstehen also, warum ich Ihre Hilfe brauche."

Er lehnte sich mit ernster Miene zurück in seinen Sessel und wartete ab.

Hestia unterdrückte ein Zittern. Es gab nur drei Dinge, die sie zurückhielten.
Erstens: Sie wusste nicht, wie viel von dem, was Smith ihr gesagt hatte wahr war.
Zweitens: Sie hatte Snape überlebt und drittens: Sie hatte ein Versprechen gegeben. Auch wenn es im Moment so aussah, als würde sie diese Dinge nicht voneinander trennen können.

„Woher weiß ich, dass Sie die Wahrheit sagen?" Ihre Stimme klang bei weitem nicht so fest, wie sie es beabsichtigt hatte.

Zu ihrer Überraschung schien Smith nicht im Geringsten erstaunt über ihre Frage. Er stand mit einem Ruck auf, bewegte sich etwas schwerfällig zur Tür und hielt sie auf.

„Wenn Sie mir folgen möchten."

Die Sonne war untergegangen, als sie über die Schlossgründe hinunter zum See gegangen war. Ihr Umhang schleifte über das feuchte Gras und zog eine dunkle Spur in die glänzende Fläche.

Snape folgte ihr in einigem Abstand. Odora hatte sich ans Ufer gesetzt, die Beine an den Körper gezogen und die Arme darum geschlungen, als er sich ein Stück weiter dazusetzte.

Sie drehte ihm den Kopf zu, den sie auf die Knie gelegt hatte. „Was wollen Sie?"

Ich hatte den Eindruck, Sie wären einsam", antwortete er schlicht.

Und da dachten Sie, Sie kommen aus lauter Liebenswürdigkeit hier herunter und leisten mir Gesellschaft?", erwiderte sie.

Der Ausdruck um seinen Mund verhärtete sich. Er schwieg.

Sie hatte den Blick wieder auf den See gerichtet. „Ich weiß nicht, was ich von Ihnen halten soll", murmelte sie nach einiger Zeit.

Damit sind Sie schon mal sympathischer als der Rest Ihrer Kollegen. Die haben da ziemlich genaue Vorstellungen!", bemerkte er trocken.

Sie tragen das dunkle Mal, wie kommt es, dass Sie an dieser Schule geduldet werden?"

Warum fangen Sie jetzt an sich darüber Gedanken zu machen?", fragte er.

Weil ich den Eindruck gewonnen habe, dass man Sie nicht einschätzen kann", entgegnete sie.

Er nickte. „Wahrscheinlich ist das besser so."

Die Wellen des Sees schlugen sanft ans Ufer, ansonsten war es still. Der Mond war inzwischen aufgegangen und warf sein fahles Licht auf den See.

Es war unklug her zu kommen", sagte er nach ein paar Minuten Schweigen und machte Anstalten sich zu erheben.

Warten Sie." Sein Kopf schnellte zu ihr herum, auf dem Gesicht einen undeutbaren Ausdruck zwischen Erwartung und kühler Distanz.

Sie zögerte: „Ihre Gesellschaft ist nicht unangenehm, im Gegenteil."

Er verharrte regungslos, immer noch halb aufgerichtet.

In gewisser Hinsicht ist es angenehm neben jemanden zu sitzen, dem man nichts vormachen muss", sagte sie leise

Dito", murmelte er und lies sich wieder ins Gras zurücksinken.

Sie griff nach seiner Hand und zuckte sofort wieder zurück. Ein verkrampftes Lächeln zuckte um seinen Mund.

Was haben Sie erwartet? Gesunde 36,5 °C?", fragte er bitter.

Sie schüttelte den Kopf. „Entschuldigen Sie, ich habe gar nichts erwartet", murmelte sie. Sie blieben nebeneinander sitzen und sahen hinaus auf den See, auf dessen glitzernder Oberfläche, sich der Mond spiegelte.

Hestia folgte Smith durch ein geschäftiges Korridorlabyrinth, das aus sich selbst heraus zu summen schien. Überall liefen Beamte, Kobolde, Gnome, Wichtel und noch einige andere, schwer definierbare, aber scheinbar dienstbare Geister umher. Sie gelangten zu einem großen Fahrstuhl, mit dem sie in magenwürgender Geschwindigkeit in die Tiefe gebracht wurden. Hestia nahm an, dass sie sich im Zaubereiministerium befanden, obwohl sie sich fragte, was sie in dessen Keller interessantes finden würden. Es stellte sich heraus, dass es sich um ein Gefängnis handelte, ein Umstand, der sie zwang die Theorie vom Ministerium zu überdenken, denn bisher hatte es ihres Wissens nach kein Gefängnis im Ministerium gegeben.

Ihre Schritte verloren sich in einem endlosen Echo an den kahlen Wänden, während sie langsam durch die dunklen Flure gingen. Smith blieb vor einer Tür stehen, schob einen Schlüssel ins Schloss und öffnete sie. Sie betraten gemeinsam den kleinen Raum, der vom kalten, weißen Licht einer Leuchtkugel erhellt und durch eine transparente Schutzschicht in zwei Teile unterteilt war. Dahinter saß ein schlanker, um nicht zu sagen dürrer, blonder Mann in einem weißen Overall zusammengesunken auf einem Stuhl. Er hatte langsam den Kopf gehoben, als sie eingetreten waren. Als das Licht sein Gesicht traf, erkannte Hestia die völlig entstellt Züge eines ihr bekannten Gesichts. Auf seinem einst so glatt rasierten Kinn wuchsen wilde Stoppeln, das makellose Lächeln war zu einer grinsenden Fratze mutiert und seine Augen waren rot unterlaufen. Ein beinahe erbarmungswürdiger Anblick – beinahe.

„Malfoy, ich möchte, dass Sie Miss Jones hier etwas über Severus Snape erzählen", sagte Smith und bedeutete Hestia auf einem der Stühle Platz zu nehmen, die vor der Schutzschicht standen.

„Sie einer an, die kleine Miss Jones. So sieht man sich wieder. Bist du wegen deiner Eltern hier Kleines?" Malfoys Stimme war mehr ein dünnes Fisteln, als echte Sprache.

„Wovon reden Sie, Mann? Ich möchte, dass Sie ihr sagen, was Sie mir gesagt haben."

Malfoy lächelte verschlagen. „Wie Sie wünschen. Sie wissen ja Smith, für Sie tue ich alles. Ich dachte nur es würde Sie interessieren… Unerheblich… Nun gut, was wollen Sie wissen? Dass er von den Horkruxen wusste? Dass sie sein Rückfahrticket in unseren kleinen Club waren? Dass er Dumbledore nie davon erzählt hat? Das ist ja eigentlich meine Lieblingsgeschichte, aber die meisten interessiert ja doch nur der langweilige Kram, das mit den Muggeln…"

Der Gefangene sah Hestia neugierig an, als würde er auf etwas Bestimmtes warten.

Hestia fühlte sich, wie ein lebensmüder Draufgänger, der einen Wasserfall hinunter gesprungen ist und nun über die vielen Strudel staunt, die ihn auf den Grund zu ziehen drohen. Nur, dass sie geschubst worden war, oder? Snape hatte ihr präzise vorhergesagt, wie das Ministerium darauf gekommen war ihn zu verdächtigen. Die Frage war nur, lag das daran, dass er Malfoy so genau kannte oder an all den Dingen von denen er wusste, dass sie irgendwann herauskommen mussten? Je länger sie Malfoys Gefasel lauschte, desto sicherer wurde sie, dass er die Wahrheit sagte. Er sah nicht so aus, als würde er ernsthaft damit rechnen eine Vereinbarung mit dem Ministerium treffen zu können, geschweige denn diese Zelle jemals wieder zu verlassen. Auf der anderen Seite war Lucius bekanntermaßen notorisch durchtrieben.

Als Hestia nichts sagte, fuhr er monoton fort: „Snape ist für den Tod von einem Haufen Muggel verantwortlich. Was für eine Überraschung, nicht wahr? Ich meine, da wäre ja auch niemand drauf gekommen. Bei Lord Voldemort wird Gerüchten zu Folge doch eigentlich hauptsächlich Gnomjagen gespielt." Er kicherte irre und starrte sie aus seinen verengten Augen böse an.

„Warum haben Sie vorhin meine Eltern erwähnt?", fiel ihr plötzlich ein.

„Ich dachte deswegen bist du hier Kleine? … Ach, du weißt es gar nicht. Nun ich denke es wird dich interessieren…" Malfoy machte eine Pause und spielte gedankenverloren mit einer langen Locke seines stumpfen blonden Haares.

Hestia fühlte sich wie eine Mücke, die gegen besseres Wissen herausfinden wollte, was es mit diesem eigenwillig hellen Licht auf sich hat, als sie scharf „Was?", fragte.

Malfoy schien während seiner Inhaftierung allmählich den Verstand verloren zu haben, denn er lachte nur wild und freudlos auf.

„Du hast keine Ahnung … Snape hat deine Eltern getötet. Ich kann mich noch an die Jones erinnern. Sie waren so entrüstet, so herrlich echauffiert, als wir in ihr Haus eingedrungen sind. Sie haben irgendwie bis zum Schluss nicht richtig kapiert, dass es ihnen an den Kragen geht. Der dunkle Lord hatte sie persönlich auf die Abschussliste oder auf den Speiseplan, ganz wie du willst, gesetzt. Ich meine im Grunde ist das ein Kompliment, du musst ihn beschäftigt haben. Nun guck mal nicht so schockiert, Kleines…"

Er stand in der halboffenen Tür seines Büros und sah Odora an.

Können wir nicht miteinander reden? Sie wissen schon das Wunder der Kommunikation?", fragte sie, ihre Stimme zitterte leicht.

Ohne ein Wort zu sagen öffnete er die Tür ein Stück weiter und bedeutete ihr mit einer knappen Geste einzutreten.

Drinnen brannte ein kleines Feuer im Kamin und warf warmes Licht auf den spartanisch eingerichteten Raum, dessen einziger Luxus ein schwerer Sessel zu sein schien. Unsicher sah sie sich um. Er nahm einen Stuhl und setzte sich, woraufhin sie sich in den Sessel setzte. Nur das Knistern des Kamins unterbrach die Stille.

Sie wollten reden, Miss Cogitas?"

Wir sitzen in jeder Dienstversammlung nebeneinander und ich unterhalte mich gern mit Ihnen, wirklich. Aber Sie weigern sich, mich mit dem Vornamen anzusprechen und sehen aus, als hätten Sie auf eine Zitrone gebissen, wenn mir Ihr Name herausrutscht. Sie sind der Einzige aus dem Kollegium, den ich noch sieze. Sollte ich Ihnen auf den Geist fallen, dann sagen Sie es. Ich hatte bisher nicht den Eindruck, dass dem so ist. Nur dass ich in letzter Zeit im Grunde gar keinen Eindruck mehr habe. Severus verstehen Sie, was ich ... Ach vergessen Sie es."

Er hatte ihr die ganze Zeit aufmerksam zugehört und in die Augen gesehen, was sie scheinbar nur noch nervöser gemacht hatte. Sie stand auf und wollte zur Tür gehen. Diesmal war er es, der sie aufhielt.

Er stand auf und trat einen Schritt auf sie zu, sorgsam darauf achtend, dass gut ein Meter Luft zwischen ihnen blieb.

Diese Distanz halte ich zu Ihrem Schutz, nicht aus Antipathie. Ich verstehe sehr gut …"

Ach ja?", flüsterte sie.

Wahrscheinlich viel besser, als Ihnen lieb ist", erwiderte er leise."

Tatsächlich? Dann sollten sie wissen Sie, dass ich auch mit weniger als 36 °C auskomme", sagte sie, die Augen fest auf seine gerichtet und hob ihre Hände an sein Gesicht. Er umschloss sie mit einem festen Griff bevor sie seine Wangen erreichen konnten. Sein Gesicht hatte einen harten Ausdruck angenommen.

Das geht nicht!", presste er hervor. Zögerlich beugte er sich an ihr Ohr und murmelte: „Apfel"

In ihre Augen traten Tränen, doch sie nickte. Als Snape sie wieder losließ, ging sie erneut zur Tür, ohne das er sie aufhielt.