Kapitel 8

Als Hestia die Augen, aufschlug hatte sich ihre Verfassung grundlegend verändert. Sie fühlte sich gestärkt, geradezu von Kraft durchströmt. Mühelos stand sie auf und trat an das Fenster, durch dessen Vorhänge helles Sonnenlicht drang, das auf die staubigen Dielen fiel. Hestia zog die Vorhänge zur Seite und schloss die Augen, als das Sonnenlicht auf ihre Haut fiel und sie wärmte sie. Langsam wurde die Wärme intensiver, bis sie sich zu immer unerträglicher werdender Hitze steigert. Ihre Haut begann zu spannen und zu schmerzen, sodass sie sich auf die trockenen Lippen biss und zog in den Schatten zurück. In einer Ecke neben dem Fenster hing ein großer, in Gold gerahmter Spiegel, dessen glatte Oberfläche von einer dichten Staubschicht überzogen war. Langsam, wie in Trance fuhr sie mit den Händen darüber und legte ihr Spiegelbild frei, sodass zunächst ihr Hals und nach und nach ihr ganzer Oberkörper zum Vorschein kam. Sie starrte in ihr eigenes blasses Gesicht, auf die tiefliegenden grauen Augen, um die sich dunkle Ringe gezogen hatten. Ihre Haut spannte sich straff über den hohen Wangenknochen, ihre Lippen waren beinahe farblos. Sie war zu ihrem eigenen Schatten geworden, einem Wesen mit entfernter Ähnlichkeit zu der Frau, die sie einmal gewesen war. Schwarze Tränen traten ihr in die Augen und sie beobachtete, wie sie sich ihren Weg über ihr Gesicht bahnten und dunkle Spuren hinter sich herzogen.

Snape hatte ihr den Rücken zugewandt und saß in einem alten Ohrensessel, als Hestia das geräumige Wohnzimmer im ersten Stock betrat.

„Es geht dir besser", stellte er fest ohne sich umzudrehen. Sie konnte den seinen Ton nicht deuten, er war so neutral, geradezu pervers sachlich.

Ihre Wut kehrte zurück, kalt und brennend fraß sie duch ihre Eingeweide und weckte in ihr das Bedürfnis ihm mit primitivsten Mitteln möglichst großen Schmerz zuzufügen.

Für das, was er ihren Eltern angetan hatte; für seine bloße Existenz.

Leise, aber bestimmt sagte sie: „Gib mir meinen Zauberstab zurück!"

Er stand auf, wandte sich jedoch nicht zu ihr herum. „Warum habe ich das Gefühl, dass du damit eine große Dummheit begehen würdest?", fragte er mit leisem Spott in der Stimme. Sie antwortete nicht darauf, sondern wartete ab. Er schien nicht vor zu haben, die Situation zu kommentieren und so lastete eine drückende Still auf ihnen, bis Hestia sagte: „Gib ihn mir!"
Jetzt drehte er sich um und kam langsam auf sie zu, wobei er keinen Augenblick die Augen von ihrem Gesicht abwandte.

„Und wenn ich es nicht tue?", fragte er als er direkt vor ihr stehen geblieben war.

„Dann wirst du den Tag verfluchen, an dem du mich hierher gebracht hast!", flüsterte sie scharf und sah ihm fest in die Augen. Hestia war trotzt ihrer Wut klar, dass sie nichts gegen ihn ausrichten konnte, schon gar nicht unbewaffnet. Sie standen sich eine Weile gegenüber, den Blick fest auf den anderen gerichtet, als wollten sie herausfinden wer zuerst blinzelt.

„Mach keinen Blödsinn, ja?", sagte er schließlich und ging zu einem nahen Wandschrank. Er holte ihren Zauberstab hervor und legte ihn in ihre ausgestreckten Hände. Sie unterdrückte den Impuls ihm den erstbesten Fluch aufzuhalsen, der ihr in den Sinn kam, sondern ließ den Stab in ihrem Umhang gleiten.

„Braves Mädchen!", kommentierte er sarkastisch und beschwor so eine erneute Wutwelle herauf.

„Ich hasse dich!", sagte sie unvermittelt.

Er verzog keine Miene, nicht ein Muskel seines Gesichts bewegte sich.
„Ich weiß nicht, was du willst, Hestia. Ich habe dir gesagt wer und was ich bin. Ich habe dich gewarnt, immer und immer wieder. Es ist nicht mein Fehler dass du mir nicht geglaubt hast.", erwiderte er nach kurzem Schweigen.

Sie wusste nicht, was sie antworten sollte und verließ stattdessen schnell den Raum. Draußen betrachtete sie ihre zitternden Hände. Es waren nicht seine Worte, die sie so aus der Fassung gebracht hatten, sondern ihre eigenen. Denn ihr war, in dem Moment, als sie es aussprach, klar geworden, dass sie log.

Miss Amanda Woodwurth galt als Frau mit Haaren auf den Zähnen und das obwohl sie aus Frankreich kam, dem Land in dem das Leben angeblich so leicht und die Frauen so schön waren. Smith war nicht der Meinung, dass sie Haare auf den Zähnen hatte, seiner Ansicht nach waren es eher Zöpfe. Mit verschränkten, knöchrigen Armen saß die Leiterin der Abteilung für magische Strafverfolgung vor ihm, die hellgrünen Falkenaugen in ihn gebohrt, als wollte sie ihn allein durch ihren Blick in ein Häufchen Asche verwandeln. Doch für dieses Einschüchhterungsgetue war Smith entschieden zu alt, zu erfahren und zu gleichgültig. Er hatte ihr die Situation vernünftig dargelegt und er wusste sie würde früher oder später darauf eingehen müssen, aber eben erst nachdem sie ihre „ich-bin-der-Boss-und-du-hast-den-letzten-Einsatz-verbockt-Nummer abgezogen hatte.

Woodworth schüttelte ruckartig ihren kurzen, silbernen Pferdeschwanz, dann sagte sie: „Eine vollständige Observierung des gesamten Schulgelände von Hogwarts, auf ihren Verdacht hin, dass er innerhalb der nächsten Tage dort auftaucht."

Ihre Stimme war eisig und spöttisch zugleich. Smith seufzte innerlich. „Was denn sonst?", dachte er, sagte aber stattdessen: „Wenn Sie immer noch darauf bestehen die Verfolgung von Snape fortzuführen, dann wäre dies ein geeigneter Zeitpunkt sie zum Abschluss zu bringen."

„Was soll das heißen, falls Sie darauf bestehen … seit wann steht das zur Debatte?", schnappte sie.

Smith antwortete ruhig: „Nach allem, was wir wissen, stellt er zur Zeit keine Gefahr dar. Wir haben keinerlei Meldung von Vampirangriffen aus der Gegend um Schottland erhalten."

Ihr Gesichtsausdruck verhärtete sich, wenn das überhaupt möglich war. Es sah beinahe so aus als wären die Falten um ihre Augen und den Mund zu Granit erstarrt.

„Wollen Sie damit sagen, dass sie der Meinung sind, dass dieses Wesen eine Absolution verdient hat nur, weil es nicht dumm genug ist uns eine Leichenspur zu legen?"

Man hätte jetzt weiter argumentieren können, dass es sich im Grunde, seiner Ansicht nach um einen Menschen im weiteren Sinne handelte, dass diese Leichenspur schon seit Jahren ausgeblieben ist, dass das Ministerium andere Sorgen hatte, wie die anstehenden Wahlen des Zaubereiministers, die Besetzung leer gebliebener Posten, die Bearbeitung von Anträgen auf Personalaufstockungen, wie sein eigener der, wie er argwöhnte noch immer irgendwo in den feinsäuberlich gestapelten Papierbergen schlummerte, die sich vor ihr auftürmten. Doch Smith wusste, dass es vergebens wäre und er sich dadurch nur zusätzlich und unnötig ihren Zorn zuziehen würde. Also schwieg er.

„Ich bin der Meinung, dass ihr Team dieser Aufgabe gewachsen sein sollte.", sagte sie nach einer Weile.

Smith schüttelte energisch den Kopf. „Die Observierung kriegen wir hin, dass ist kein Problem. Aber ihn zu fangen, wenn er in die Falle tappt nein, das nicht. Der einzige Auror unseres Teams wird nächstes Jahr 89, ich bin bis jetzt nur noch am Leben, weil man mich nie in Kampfeinheiten hat sehen wollen und das aus gutem Grund und achja wir wollen das Sahnehäubchen unserer schlagkräftigen Truppe nicht vergessen, drei Grünschnäbel, die vor zwei Jahren gelernt haben wie rum man einen Zauberstab hält."

Ein bisschen stolz stellte er fest, dass es ihm gelungen war sie ein winzig kleines Bisschen zu amüsieren, nicht dass sie eine Miene verzogen hätte, aber es blitzte für einen Augenblick in ihren Augen.

„Sie observieren, ich stelle eine Woche lang einen Spezialtrupp von fünf Leuten, fünf guten Leuten auf Abrufbereitschaft. Sobald er kommt ist das Team vor Ort und wir bringen die Sache endlich hinter uns. Ich hoffe sehr für sie, dass sie Recht behalten, Smith."

Er lag gerade ausgestreckt vor ihr, die Auge geschlossen, die Hände auf der Brust verschränkt, in einer beinahe majestätischen Haltung und schien zu schlafen. Es war fast zu einfach gewesen in sein Zimmer zu gelangen. Er hatte nicht einmal abgeschlossen.

Hestia stand mit erhobenem Zauberstab vor seinem Bett, während er ohne einen Muskel zu bewegen still dalag. Sie dachte darüber nach, welchen Fluch sie ihm zuerst aufhalsen sollte. Die Ganzkörperklammer war zwar nicht besonders originell, ließ aber viel Spielraum für weitere Maßnahmen. Sie hatte noch nicht einmal den Mund geöffnet, da regte er sich plötzlich, gelangweilt und mit noch immer geschlossenen Augen murmelte er:

„Richtig das ist wirklich nicht sehr originell."

Instinktiv und gegen besseres Wissen, schoss sie den Fluch ab, woraufhin sie prompt heftig zurückprallte und auf den Rücken geworfen wurde, völlig bewegungsunfähig. Zum ersten Mal erwies sich ihr neuer Zustand, insofern nützlich, als dass sie nicht gezwungen war nach Luft zu schnappen. Severus musste sich selbst mit einem sehr effektiven Schutzzauber umgeben haben, an dem der Fluch abgeprallt war.

Ihre Ganzkörperklammer war auch nicht schlecht gewesen, sodass es ihr nicht einmal gelang einige passende Bemerkungen zwischen den Zähnen hervorzupressen, obwohl sie nichts unversucht ließ. So konnte sie nur alarmiert mit den Augen verfolgen, wie Severus sich gemächlich und elegant erhob und langsam auf sie zukam, den Zauberstab lässig in der rechten Hand haltend. Es war ihr unklar, wie es ihm gelungen war, ihn so schnell zu greifen.

„Ich wusste, dass du damit nur Unfug anstellen würdest", sagte er gelassen von oben herab, während er sie ihres Zauberstabs entledigte. Sein Ton machte sie noch wütender.

Ihr war klar gewesen, dass sie ihm nicht gewachsen war, dass sie ihm nicht ernsthaft hätte schaden können, aber sie hatte auf ein wenig Rache, ein wenig Genugtuung gehofft. Er hockte heruntergebeugt neben ihr, sein Gesicht eine Hand breit von ihrem entfernt, doch sein Gesichtsausdruck war weniger triumphierend, als vielmehr resigniert. Es war eigenartig ihn so über sich zu haben ohne seine Körperwärme zu spüren.

„Ich will dir nicht wehtun, also lass den Unsinn!", flüsterte er, diesmal weniger arrogant, als vielmehr bittend.

Sie starrte ihn nur zornig an, für mehr fehlte es ihr an Bewegungsspielraum. Mit einem Schnippen seines Stabes hob er den Klammerfluch auf.

„Du widerst mich an!", stieß sie augenblicklich hervor. Für einen Moment schien es ihr fast, als hätten ihre Worte ihn getroffen, doch schon im nächsten Augenblick war sie sicher, sich geirrt zu haben, denn er hatte bereits wieder seine wächserne Maske aufgesetzt. Sie stand auf, bemüht ihre Würde wieder herzustellen und wusste, dass es ihr nicht wirklich gelang.

Snape sagte leise: „Daran kann ich nichts ändern. Ich kann nur versuchen dir zu helfen. Deshalb habe ich dich nach Malfoy Manor gebracht. Wir sind hier sicher. Lucius ist in Haft und Narcissa mit Draco auf der Flucht."

Hestia antwortete nicht, sondern befingerte nur nervös ihren Zauberstab, obwohl sie wusste, wie lächerlich ein zweiter Angriff wäre und wie demütigend er enden würde. Die kleine Kammer, sein durchdringender Blick und ihre entsetzliche Hilflosigkeit schienen sie geradezu zu erdrücken.

Malfoy Manor thronte majestätisch am Rand einer Steilküste, die beinahe senkrecht ins Meer stürzte. Der Wind war zu einem Sturm angewachsen, der an ihr zu zerren schien, als wollte er sie in die Tiefe reißen, um sie mit den Wellen unerbittlich gegen die Felswände zu schleudern. Der Mond schimmerte vereinzelt zwischen den tief hängenden Wolken hervor und warf sein blasses Licht, wie weiße Pfützen auf die schlammige Erde. Hestia stand, in den Abgrund starrend, an der Klippe und hörte nichts, als das Rauschen und Donnern der Brandung. Ihre schwarzen langen Haare flogen ihr wild um den Kopf und ihr schwarzer Umhang umflatterte sie, wie eine aufgescheuchte Fledermaus. Alles in ihr schrie danach einfach hinunter zu springen, loszulassen, zu fliehen, ohne darüber nachzudenken. Doch genau das tat sie seit Stunden, trotz Wind und Kälte genau an dieser Stelle. Die Ungewissheit dessen, was sie in der Tiefe erwarten würde quälte sie, denn der Tod würde es nicht sein und alles andere fürchtete sie viel zu sehr, als das sie es wagen würde sich fallen zu lassen.

„Ich wusste, dass du kommen würdest.", sagte er, ohne sich umzudrehen.

„Ich habe keine Wahl.", erwiderte sie resigniert und wusste instinktiv, dass er nichts anderes erwartet hatte. Sie hatte keine Kraft, keine Entschlossenheit mehr die Tatsachen zu bekämpfen.

Sie wartete darauf, dass er etwas sagte, irgendetwas. Doch im Grunde gab es nichts zu sagen, das die Situation besser oder auch nur erträglicher gemacht hätte.

„Es tut mir leid", sagte er plötzlich unvermittelt. „Ich wusste nicht, wer sie waren und das hat auch nie eine Rolle gespielt. Nicht für mich. Ich wusste nur, dass sie ohnehin gestorben wären."

Sie brauchte einen Augenblick um zu begreifen, dass er von ihren Eltern sprach. Doch seine Worte hatten nichts tröstliches, sie waren höchstens ehrlich. Doch was nützte das?

„Ich hätte dich nicht zu dem machen dürfen, was ich bin", gab er zu und drehte sich zu ihr um. Hestia sah ihn aus tiefliegenden Augen, wässrig und leer, vorwurfsvoll an, der Mund zu einer unnahbaren Miene verkrampft.

Snape schien zum ersten Mal ernst ein wenig verunsichert, so als wählte er seine nächsten Worte mit besonderem Bedacht.

„Wenn du hier bleibst, musst du mich als das akzeptieren, was ich bin und das gleiche gilt für dich selbst."

Sie sah ihn mit einem beinahe ironischen Blick an, lächelte jedoch nicht. Dann fragte sie tonlos: „Und was bist du, Severus Snape?"

Er sah ihr direkt in die Augen und sprach leise, aber deutlich:

„Ich bin ein Mörder. Ich habe Menschen getötet, um selbst zu überleben. Ich habe immer nur mir selbst gehorcht und das werde ich auch in Zukunft tun."

Sie sah ihn müde an und zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht ob ich das akzeptieren kann, aber ich werde es müssen, zumindest muss ich es versuchen."

Wenn sie nicht bei ihm blieb würde sie seinen Trank nicht bekommen und früher oder später zu dem werden, wofür sie ihn verabscheute.