[b]Kapitel 2[/b]

„Kagome Nee-Sama! Was hast du?"

Der jungen Priesterin war nicht aufgefallen, dass sie kurz nach Sesshomarus Verschwinden, auf dem Brunnen sitzend eingeschlafen war. Das letzte, woran sie sich noch erinnern konnte, war der Rücken ihres momentanen Helden. Anscheinend hatte er doch länger gebraucht, als er es versprochen hatte, dachte sich Kagome, schüttelte aber den Gedanken ab.

Rin wartete, mit einem besorgten Lächeln und fragenden Blicken, vor Kagomes Knien nach einer Antwort.

„Mir geht's gut, Liebes.", bekam das Kind als Antwort.

Rin war in den letzten Zwei Jahren ein ganzes Stück grösser geworden. Mittlerweile hatte sie einen neuen Kimono bekommen, der ihr bis zu den Fussknöcheln reichte. Die sanften rot-blau Töne ihrer Kleidung betonte die helle Haut des jungen Mädchens. Das Haar war ein bisschen länger geworden und bekam einen kleinen welligen Schwung darin. Den seitlichen, kleinen Pferdeschwanz hatte sie sich noch immer nicht abgewöhnt. Aber Kagome fand ohnehin, dass das schon fast ihr Markenzeichen war.

„Wie hast du so geschlafen?", fragte sie plötzlich.

„Du meinst im Sitzen?"

„Ja, das auch! Du bist nicht nach hinten gefallen, welch ein Glück!", sagte das Mädchen und legte ihre beiden Hände aufeinander auf die Brust als danke schön an die Götter, „Kami-Sama hat dich beschützt!"

„Möglicherweise.", antwortete Kagome verlegen und sah sich kurz um. Ihr Blick fiel auf Jaken, dann auf Sesshomaru.

Lange, silberne Strähnen des Hundedämonen verdeckten seinen ganzen Rücken, ein langes, weisses Wuschelfell zog sich von seiner rechten Schulter hinab auf den Boden. Man konnte sagen, was man wollte. Er war ein sehr schöner Dämon, auch wenn dies, was sie sahen, nur eine Illusion war. Sie erinnerte sich an die Zeit, wo sie zum ersten Mal Sesshomaru gegenüber standen, wie gemein und grausam er war. Dann an den Moment, wo er sich zum Ersten Mal verwandelte, am Grabe seines Vaters. Der eiskalte, rote Blick, riesige, messerscharfe Zähne, Klauen oder Pfoten, Kagome konnte sich in diesem Punkt einfach nicht entscheiden, die so gross waren, dass er Kagome hätte wie einen Insekten zerquetschen können. Ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken und sie versuchte, es in diesem Moment ab zu schütteln.

Kagomes Blick fiel wieder auf die kleine Rin, die sie erneut besorgt ansah. Sie war sich bewusst, dass sie wie in Trance war, als sie an Sesshomarus unheimliche Gestalt dachte. Beruhigend legte die junge Priesterin ihre Hand auf Rins Kopf und gab ihr ein mütterliches Gefühl von Geborgenheit.

„Rin! Weib!", schrie Jaken in die Richtung der beiden Menschen, „Wir gehen! Hört auf, zu trödeln!"

„Ich habe einen Namen, du Kröterich!", schrie Kagome zurück, „KA-GO-ME!"

Sesshomaru ignorierte den Streit der beiden feindseligen Begleiter und ging seines Weges. „Komm schon, Nee-Sama! Sesshomaru-Sama mag es nicht, auf jemanden zu warten.", sagte das Mädchen und nahm die Miko an der Hand.

„Gibt es überhaupt etwas, was er mag?", kam es einfach über Kagomes Lippen.

„Natürlich!", sagte Rin sichtlich geschockt, sprach aber munter weiter, „Er mag es, wenn er Jaken-Sama schlägt! Oder er mag auch, mir und Jaken-Sama zuzuschauen, wenn wir fischen gehen!"

Den Rest des Tages verbrachte Rin damit zu erzählen, was Sesshomaru alles mochte. Eher kleine, belanglose Dinge, musste die Priesterin feststellen. Er schien ein sehr einfacher König zu sein, ohne all zu grosse Bedürfnisse an Reichtum, dachte sich Kagome und sah willkürlich zu ihm herüber. Auch konnte er ein richtig charmanter Mann sein. Er gab ihr die Anweisung, auf Ah-Un zu steigen, als sie wieder ihre Schmerzen hatte. Nein. Sie musste sich korrigieren. Er war nicht charmant. Er war ein Rüpel. Der einzige Grund, warum er ihr diese Anweisung gab, war, dass sie die Reise störte mit ihren Schmerzen. Letzten Endes, mochte er es nicht, zu warten.

„Hmmhh.", kam es von Kagome plötzlich, sie schloss zufrieden die Augen und holte hörbar tief Luft. Sie hatte das Gefühl, als ob ihre Lungen sich gerade mit den verschiedensten Düften der Frühlingsblumen füllen würden. Der Tag war so anstrengend. Ein Kind, das ständig geredet hatte. Einen kleinen, hässlichen Kröterich, der die ganze Zeit giftig redete und einen stillen Youkai, von dem sie gerade mal einpaar Worte gehört hatte. Sie war dankbar, dass der momentane Führer sich dazu entschlossen hatte, für die Nacht ein Lagerplatz zu suchen, um den beiden Mädchen die Möglichkeit zu bieten, sich aus zu ruhen. Nun, nicht ganz für beide Mädchen. Viel eher nur für ein Mädchen. Rin. Das liess sie jedoch kalt. Rin bekam diese Vorzüge, wovon auch sie selber ganz gut profitieren konnte. Sie kuschelte sich mit dem kleinen Mädchen in ihrem Schlafsack ein.

„Dieser Sack ist schon sehr praktisch. Hält er auch wirklich so warm, wie du es versprichst, Miko?", fragte Jaken mit einem spitzen Grinsen im Gesicht.

„Es ist toll, Jaken-Sama! Kagome-Nee-Sama ist auch ganz warm!", sagte Rin aufgeregt und kuschelte sich noch fester an Kagomes Brust ein.

„Rin!", quetschte Kagome hervor, „Nicht so fest."

Das Kind liess locker und entschuldigte sich ganz leise. „Manchmal, vermisse ich meine Mutter. Aber das geht so in Ordnung, ich erinnere mich kaum noch an sie.", flüsterte sie traurig. Das Mädchen ging davon aus, dass niemand, ausser Kagome, sie gehört hatte. Aber die Priesterin wusste nur zu genau, dass Sesshomaru jedes einzelne Wort hören konnte. Wenn Inuyasha das konnte, konnte der Vollblutdämon das erst recht. Auch wusste sie, dass der Inuyoukai so tat, als ob er nichts hören würde. Er würde aber sehr wohl wissen wollen, ob das Kind bei ihm auch wirklich glücklich war.

„Rin, bist du glücklich?", fragte Kagome, nur um dem Inuyoukai etwas behilflich zu sein.

Selbst im Dunkeln konnte sie das breite Grinsen des Kindes erkennen, als sie ihr Gesicht zu ihr drehte. „JA!", schrie sie, „Sehr sogar!"

Kagome konnte sich gut vorstellen, dass Sesshomaru jetzt einwenig erleichtert war, auch wenn er es nicht zugeben würde.

„Weißt du, Liebes, als ich noch klein war, hat mir meine Mutter die schönsten Märchen vorgelesen. Angefangen von der kleinen Meerjungfrau bis hin zu den Geschichten von Aladdin aus Tausend und einer Nacht.", erzählte Kagome und richtete sich dabei auf, „Möchtest du, dass ich dir eines davon erzähle?"

„Oh ja! sehr gerne.", sagte das Kind und kuschelte sich jetzt auf Kagomes Oberschenkeln.

„Hm. Mal sehen, welche Geschichte habe ich am meisten geliebt?", Kagome schloss kurz die Augen und dachte nach, „Da gibt es ziemlich viele. Aber am liebsten mochte ich das Aschenbrödel."

„Aschenbrödel? Ist das etwa ein Name?", fragte das Kind amüsiert und skeptisch zugleich.

„Ach nein. Also, ich erzähle Dir die Vorgeschichte vom Aschenbrödel.", sagte Kagome und legte los, „Es war einmal, ganz weit im Westen…"

„Hier in Sesshomaru-Samas Ländern?"

„Nein. Noch viiiiiiiiiiiiiiiel weiter weg. Auf einem Land, wo die Adeligen bei Kriegen und Kämpfen vollkommen in eisernen Rüstungen gekleidet sind, vom Kopf, bis hin zu den Zehen. Du kannst dir ja vorstellen, wie das war, wenn sie mal mussten.", kicherte Kagome, „Sie konnten die Rüstungen nämlich nicht einfach so wieder abziehen, es musste aufgebrochen werden."

„Ja gut, komm zu deiner Geschichte, Weib!", sagte Jaken, der sichtlich genervt war.

„Jaken!", kam die donnernde Stimme des Führers.

„Ja, wo war ich stehengeblieben? ... Ach ja. Ganz weit im Westen. Dort gab es eine wunderschöne, kleine Burg, auf einem Hügel. Es hatte einen traumhaft schönen Garten mit den edelsten Blumen. Dort, in diesen Ländern, sind die Rosen sehr beliebte Blumen. Man bezeichnet sie als die Königin der Blumen. Sie sind so rot wie Blut, vollkommen geschmeidig, sanft und anmutig und haben einen traumhaften Duft. Das dachte auch das einzige Kind des Burgherren. Er kümmerte sich um seine wunderschöne Tochter wie ein vorbildlicher Vater es je tun könnte, und hütete sie als seinen wertvollsten Schatz. Besonders dann, als die Mutter wegen einer Krankheit starb, als das Mädchen noch klein war."

„Kleiner als ich damals?"

„Etwa gleich alt.", sie sah in die grossen, dunklen Augen des Mädchens und nachdem sie festgestellt hatte, dass keine weiteren Fragen aufkommen würden, setzte sie fort, „Aber er war nun mal ein Burgherr. Er war schon viele Jahre allein, holte keine Frau mit in sein Heim, nur um das Andenken seiner verstorbenen Frau nicht zu entehren. Er dachte sich, er nimmt sich eine Frau, die auch Kinder hatte, um seiner einsamen, kleinen Blume Geschwister zu geben. Eines Tages, liess der Burgherr nach seiner Tochter rufen. Er verkündete ihr, dass er eine Frau gefunden hatte, die zwei Töchter hatte, die ein bisschen älter als sie waren. Er fragte seine Tochter, ob sie etwas dagegen hätte, würde er wieder heiraten."

„Was? Warum fragt ein König seine Tochter um Erlaubnis, wenn er sich nach einer Frau trachtet?", schnappte Jaken zu, „Hör auf, dem Kind solche Geschichten zu erzählen!"

„Nein! Bitte erzähl weiter, Nee-Sama!", bat Rin sichtlich aufgeregt.

Noch ehe Kagome begriff, warum sich Sesshomaru überhaupt einbisschen bewegt hatte, sah sie Jaken plötzlich, mit einer Beule auf dem Kopf, vor sich auf dem Boden liegen.

‚Jetzt eilte der grosse Sesshomaru nur herbei, um seinem Bediensteten eins rein zu hauen.', amüsiert wandte sich die Priesterin an das junge Mädchen auf ihrem Schoss.

„Selber schuld, Jaken-Sama!", sagte das Kind irritiert und sah ebenfalls amüsiert zu ihrer neuen Freundin, „Was war ihre Antwort?"

„Natürlich hatte sie keine Einwände, dass ihr Vater heiraten wollte. Ausserdem fand sie es toll, zwei Schwestern zu bekommen.", erzählte Kagome und strich sanft eine Haarsträhne vom Gesicht des Kindes, „Ein Jahr verging. Das Mädchen stand am Grab ihres Vaters und weinte sich die Seele aus dem Leib. Ihre Stiefmutter und Stiefschwestern waren stets gütig zu ihr. Sie waren wirklich wie eine Familie. Bis zu dem Tag, an dem ihr Vater beerdigt wurde. Abrupt hatte sich alles geändert. Das Mädchen fand sich plötzlich eines Morgens in einer Kammer der Bediensteten. Sie war gekleidet, wie eine Bedienstete und musste von da an leben, wie eine Bedienstete. Als sie so vor ihre Stiefmutter und Schwestern trat, taten diese so, als wäre sie niemals die Prinzessin des Burges gewesen. Sie gaben ihr sogar Anweisungen dafür, was sie zum Frühstück essen wollten. Als sie so zur Küche ging, wurde sie auch von den Bediensteten wie eine Magd behandelt. Sie dachte sich nichts weiter dabei und brachte das Essen ihrer Familie. Gerade als sie sich zu ihnen an den Tisch setzen wollte, wurde sie mit schockierenden Blicken der Gräfin und ihrer Töchtern gemahnt."

„Oh? Hat sie etwa ihren Titel als Adelige verloren?", fragte Rin.

„In gewisser Weise. Der Burgherr hinterliess keinen männlichen Erben, deshalb ging das Erbe an seine Frau über. Diese wollte natürlich nichts mit der fremden Tochter teilen. Alles nur für sich allein und ihre eigenen beiden teuflischen Töchter.", sagte Kagome und verzog eine böse Mine.

Die Priesterin erzählte dem Mädchen die Geschichte bis hin zu dem Tag, an dem der Bote des königlichen Hauses kam und ihnen die Einladung für den Maskenball überbrachte, wobei der Prinz sich eine Braut aussuchen würde.

Als sie feststellte, dass das Mädchen sich zwang, wach zu bleiben, hielt sie an. „Ich erzähle dir den Rest ein anderes Mal."

„Wird der Prinz Aschenbrödel heiraten?", fragte sie mit halb geschlossenen Augen.

„Vielleicht.", sagte Kagome mit einem Grinsen, „Diese Geschichte reflektiert den Wunsch eines jeden Mädchens."

„Lass mich raten, irgendwann kommt der Prinz und rettet die ‚Prinzessin' aus den Griffen der Stiefmutter und heiratet sie.", sagte Jaken gelangweilt.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ein hässlicher Gnom wie du, Jaken, einem Märchen sein Interesse zeigen würde.", sagte Kagome mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht.

„Pah! Bilde dir bloss nichts ein, Weib. Du bist lediglich die Einzige hier, die seit einer Ewigkeit ohne Unterbruch geredet hat! Was bleibt Sesshomaru-Sama und mir denn übrig, als deinem sinnlosen Geschwafel zu zu hören?", sagte er, „AGH!"

Auch dieses Mal hatte Kagome nicht mitbekommen, dass Sesshomaru sich bewegt hatte, geschweige denn, einen Stein nach seinem Diener geworfen hatte.

„Jaken-Sama.", sagte Rin müde und schloss die Augen, „Selber schuld."

„Verzeiht mir, Sesshomaru-Sama…", sagte der Gnom auf dem Boden.

Kagome kümmerte sich nicht weiter um die Geschehnisse um sich herum und strich noch eine Haarsträhne aus Rins Gesicht. Sie war so ein liebreizendes Kind. Willkürlich dachte sie an die anderen. Ihre Gedanken schweiften von Shippou bis hin zu Miroku. Auch fragte sie sich, ob es richtig war, die Gruppe zurück zu lassen. Besonders Shippou, den sie mittlerweile schon fast wie ihren eigenen Sohn geliebt hatte. Für sie, war er sogar ihr eigener Sohn. Dennoch fühlte sie sich von ihm betrogen, durch seine neuen, warmen Gefühle Kikyou gegenüber. Auch wollte sie ihm nicht vorschreiben, wen er mögen durfte und wen nicht. Natürlich wollte sie ihren kleinen Liebling nicht bei der toten Priesterin lassen. Beunruhigt sah sie dann zum Himmel. Eine grosse leuchtende, runde Kugel erleuchtete den Platz, wo sie rasteten. Halbzeit, dachte sie sich. Bald würde Inuyasha wieder ein Mensch sein und ein leichteres Ziel für Naraku und sein Companion. Wie sie es vermisste, mit Sango zu reden und Miroku für seine ‚verfluchte Hand' zu strafen. Bei dem Gedanken füllten sich die Tränen in ihren Augen und brannten gerade zu nur, um heraus zu quellen.

„Miko", hörte sie Sesshomarus tiefe, Boden erzitternde und dennoch leise Stimme, „Hör auf."

„Entschuldigung.", kam es automatisch aus ihrem Mund und sie wischte sich die Tränen mit ihrem Ärmel weg. Sie war sich dessen bewusst, dass er es riechen konnte. Wahrscheinlich auch die Gefühle, die gerade in ihr durchgingen. Sie musste sich in seiner Gegenwart mehr in Acht nehmen, zumal sie nicht wusste, wie er auf ihre Emotionsschwankungen reagieren würde. Auch verstand sie, dass der Geruch von salzigem Wasser vieles übertonte, wie auch Narakus Gestank. Das durfte sie bei Inuyasha auch des Öfteren feststellen.

Als sie sich dann umsah, vernahm sie ein leises Schnarchen. Jaken. Der Gnom verfiel in den Schlaf nachdem er, nach Kagomes Meinung, ins Koma ‚gesteinigt' wurde. Sie musste Grinsen. Noch ein leises Stöhnen vom Kind in ihren Armen zwang sie nach ihr zu blinzeln, beschloss dann auch, sich schlafen zu legen. Sesshomaru war letzten Endes nicht besonders gnädig, wenn es ums Reisen ging. Ausserdem schien ihn Jaken ohnehin genügend zu ärgern. Und eine aufhaltende Kagome war nicht erwünscht.

Diese schwachen Kreaturen. Ging es durch Sesshomarus Kopf, als er den Geruch ihrer Emotionsschwankungen vernahm. Es interessierte ihn schon, warum sein verblödeter Halbbruder die Frau zurückliess, für die er bisher sehr oft und sogar sehr schwer verletzt wurde. Ein Hauch von Zufriedenheit durchflösste ihn. Sich aus zu denken, wie der kümmerliche Nichtsnutz von Inuyasha leiden musste, sie zurück zu lassen. Andererseits hatte er auch mitbekommen, dass die untote Priesterin den Platz dieser Frau eingenommen hatte. War es in diesem Fall Inuyasha, der sie verlassen hatte und nicht die Miko neben Rin? Das würde er noch genauer herausfinden.

Jämmerliche Geschöpfe, bestätigte er sich in Gedanken erneut und entspannte sich.

Kagome nahm sanfte Berührungen auf ihrem Gesicht wahr, als sie anfing zu stöhnen. Nein, das waren keine Berührungen. Das waren Küsse. Sie dachte sich nichts weiter dabei und lächelte, hielt aber noch die Augen geschlossen. Rin küsste ihre Stirn, ihre Nase, ihre Wangen, ihren Kinn dann noch andere Stellen, wo sie das noch nicht gemacht hatte.

„Rin.", sagte sie schliesslich, „Du hast diese Stelle noch nicht geküsst. Wenn du das noch küsst, werde ich aufwachen."

Kagome hielt die Augen noch geschlossen und zeigte mit ihrem Zeigefinger auf eine Stelle ihrer Wange. Das Kind kicherte und hielt Kagomes Gesicht in ihren Händen. Sie zielte mit ihrem kleinen Mund genau auf das Fleckchen, wo Kagome es gezeigt hatte.

Nach einem lauten Platsch unter ihrem linken Auge, öffnete Kagome ihre Augenlider und sah Rin an, die über sie gebeugt war.

„Guten Morgen.", sagte das Kind und kicherte erneut los.

„Guten Morgen, Liebes."

„Sesshomaru-Sama wartet auf uns.", sagte das Kind schliesslich, „Wenn er weitergeht, müssen wir ihn wieder einholen, er wartet sehr ungern."

„Das verstehe ich, Kleines.", sagte die junge Miko und stand auf. Irgendetwas war komisch, aber sie vermochte es nicht zu sagen, was es war. Jaken trat mit einem schelmischen Grinsen vor Kagome und begutachtete sie.

„Scheint ja bestens gewirkt zu haben.", sagte Jaken mit eindeutigem Stolz auf sich selbst.

„Häh? Was meinst du, Jaken-Sama?", fragte Rin mit grossen Augen.

„Du dummes Kind! Sie bewegt sich ohne Schmerzen! Meine Heilmittel haben Wirkung gezeigt.", sagte er aufgebracht und ergänzte dann in beruhigtem Ton, „War ja nicht anders zu erwarten von einem dummen Kind wie dir."

„Ja! Wirklich! Ich habe keine Schmerzen mehr! Bin ich jetzt geheilt, oder sind lediglich die Schmerzen betäubt?", fragte sie dann unsicher.

„Geheilt.", sagte Jaken und grinste wieder spitzbübisch.

„Besten Dank, Jaken. Du hast was gut bei mir."

„Das will ich doch hoffen…", murmelte der Gnom.

Die Sonne stand noch nicht ganz an seinem höchsten Punkt, als Kagome anfing, sich unwohl zu fühlen. Sie waren schon seit einer ganzen Weile ohne Unterbruch unterwegs. Und um ehrlich zu sein, sie musste mal für kleine Mädchen. Zwischendurch hatte sie Rin beobachtet, wie sie ohne Vorwarnung plötzlich hinter einem Gebüsch verschwand und nach einer kurzen Weile wieder zurück rannte. Beim ersten Wegrennen war sie etwas besorgt, sagte aber nichts, weil Sesshomaru in der Nähe war und ihr nichts geschehen würde. Auch durfte sie feststellen, dass der Inu Youkai anhielt und auf die Rückkehr des Kindes wartete.

Sie selbst aber konnte es nicht so machen. Es dem Dämonenlord so offensichtlich zu machen, wollte sie nicht. Er musste nicht wissen, dass sie dringend musste oder gleich im nächsten Moment platzen würde. Und selbst wenn, würde er es hören können. Das war für sie schon ein Eindringen in ihre Privatsphäre, was ihr übelst missfiel. Auf der anderen Seite, war sie daran gewöhnt. Inuyasha hörte sie ja auch des Öfteren.

Auch hatte sie, jedes Mal, wenn sie wegen Rin anhielten, einen Blick von Sesshomaru abgefangen, als ob er es wusste. Das war für sie schrecklich peinlich. Sie spürte, wie ihr Gesicht rot anlief wie eine Tomate. Aber jetzt konnte sie nicht mehr. Sie holte tief Luft und formulierte im Kopf, wie sie ihn kurz zum Anhalten bringen konnte.

„Ehm…", kam es leise aus ihrem Mund.

„Geh.", Sesshomaru hörte ihre zusammengesetzten drei Buchstaben und hielt an.

„Eh?", sagte sie nur und verstand nach einem Moment, dass er es tatsächlich verstanden hatte. Schnell eilte sie tief in den Walt. Zwischendurch lief sie in einige Spinnenweben ein oder ein Ast hängte sich in ihren Ärmel ein, aber nichts konnte sie aufhalten, so weit wie möglich zu verschwinden. Eine ganze Weile hatte sie gerannt, bis sie eine Stelle fand, wo sie sich wohl fühlte.

„Sesshomaru-Sama?", fragte Jaken zurückhaltend hinter Sesshomaru, „Wo ist das Weib hin? Warten wir etwa auf sie?"

Sesshomaru ignorierte den Wicht hinter sich und hielt die Umgebung im Auge.

Törichtes Weib. Sich einfach auf diese Weise zu entfernen, war nicht nötig, dachte er. Nicht, dass er es nicht gehört hätte, wäre aber in der Nähe gewesen, wenn etwas geschehen wäre.

„Onee-Chan ist aber ganz schön lange weg.", stellte Rin nach einer Weile fest.

Doch ehe sie sich versah, vernahm sie die tappenden Schritte einer rennenden Person. Als die junge Miko der kleinen Gruppe rennend zustiess, hielt sie keuchend an.

„Du hast zu lange gebraucht!", schrie Jaken sie an.

„Tut mir sehr leid, dass Sesshomaru verdammt gute Ohren hat! Ich brauche meine Privatsphäre!", schrie sie zurück, sichtlich verärgert über den Gnom.

„Jaken.", sagte Sesshomaru, „Wir gehen."

„W- Was? A-Aber…", stotterte Jaken, „Wir haben bisher nie so lange einen Unterbruch gemacht! Wird sie nicht bestraft?"

„Das entscheide ich."

„N-N-Natürlich, M-Milord!"

Der Hundedämon achtete nicht weiter auf die Bande hinter sich und ging weiter.

„Warte!", schrie Kagome und sah besorgt um sich herum.

„Was ist denn jetzt schon wieder?", fauchte Jaken sie erneut an.

„Ein Juwelensplitter! Es kommt in unsere Richtung!", schrie sie zurück und sah sich um.

„Aus welcher Richtung?", das war für Kagome eher eine Aufforderung als eine Frage.

„Aus dieser Richtung!", antwortete sie und zeigte mit dem Zeigefinger in die Richtung, aus der sie gerade erst gekommen war.

Sie fror bei dem Gedanken kurz ein. Warum hatte sie ihn nicht schon vorher gespürt? War es ein Youkai? Ein Mensch? Kohaku?

„Nein, Kohaku ist es nicht.", erfasste sie laut.

Langsam zog Sesshomaru sein mächtiges Schwert, Bakusaiga, aus der Scheide und sah, wie mit der sonstigen, eisernen Maske in den vorhergesagten Zielpunkt. Jetzt vernahm auch er den fremden Geruch. Er hatte es schon vorher bemerkt, ging aber nicht weiter darauf ein, da es einen unbekannten Mief mit sich zog. Wäre es eines von Narakus Abkömmlingen, hätten sie denselben Geruch wie Kagura oder einen Ähnlichen wie Naraku. Er war sich dessen bewusst, dass nur noch drei Juwelensplitter unterwegs waren. Kohakus und Kougas. Dann noch zwei bei der untoten Miko und drei bei der Frau, die seit Neustem mit ihm reiste. Hatte Naraku etwa einen neuen Abkömmling durch einen Juwelensplitter geschaffen?

Die Geschwindigkeit des sich nähernden Splitters liess Kagome erschaudern. Eiskalt tanzten Frostzapfen ihren Rücken herab, bis hin zu ihren Füssen. Rein instinktiv griff sie zu ihrem Bogen und platzierte ihren Pfeilkorb auf den Rücken. Um sich auf alles gefasst zu machen, zog sie einen Bogengeschoss aus dem Bambuskorb und richtete es in die Richtung, aus der sie den Gegner erwarteten.

„Misch dich nicht ein, Miko.", forderte Sesshomaru sie auf, „Jaken, Rin, zieht euch zurück."

„Ich muss da sein und den Juwelensplitter reinigen!", erklärte sie ihm mit überraschend ruhiger Stimme.

Das schien den Hundedämon zu überzeugen. Sie war die Shikon-Miko. Verantwortung und Selbstaufopferung waren neben den vielen anderen Verpflichtungen ein absolutes Muss für sie.

„Wo ist er?", das war eher eine Feststellung als eine Frage der jungen Priesterin.

Sie beobachtete aus den Augenwinkeln, wie die Kleinen der Gruppe sich hinter den Gebüschen versteckten. War der Dämon doch nicht so schnell, wie es Kagome zuerst annahm?

„Ich bin hier, Miko."

Kagome konnte es nicht fassen. Sie warf sich, so schnell sie konnte, auf den Boden und versuchte gleichzeitig den Pfeil auf den plötzlich neben ihr aufgetauchten Youkai zu richten. Er grinste sie nur an und verschwand plötzlich.

„W-Was… war das denn?", ungläubig sah sie in die leere Luft vor sich.

Das Klirren von Waffen holte sie aus ihrer Trance und sie starrte zu Sesshomaru herüber. Er parierte den Schwertangriff seines Gegners in letzter Sekunde. Mit einem Ruck von Sesshomaru, wurde der fremde Youkai nach hinten geschleudert. Er landete grazil und elegant ein Stückchen entfernt vom Herrn des Westens auf dem Boden.

„Wer bist du?", fragte Sesshomaru mit ruhiger Stimme.

„Das ist nicht wichtig. Ich möchte nur die Juwelensplitter der Frau, dann bin ich weg.", antwortete dieser, „Danach werdet ihr nichts mehr von mir hören."

„NEIN!", schrie Kagome ihn an.

„Das hast du nicht zu entscheiden, Miko.", sagte er mit einem verführerischen Lächeln.

So gesehen, war er doch ein ziemlich hübscher Youkai, aber das änderte sich nicht an der Tatsache, dass er ihr die Juwelensplitter abnehmen wollte. Sie richtete ihren Bogen mit dem Geschoss auf den Fremden und wartete.

„Miko, Gewalt ist nicht immer eine Lösung.", sagte er und klatschte ein Mal in die Hände.

„Ist das der Grund, warum du Sesshomaru angegriffen hast?", fragte sie.

„Nein, er wollte gerade in deine Richtung rennen und MICH angreifen. Ich habe mich lediglich schneller gewehrt. Wahrscheinlich so schnell, dass du gar nicht mitbekommen hast, dass er dir zu Hilfe eilen wollte. Gibt es noch weitere Fragen?", sein geradezu perfektes und freundliches Lächeln war zu auffällig für Kagome.

Sie sah noch mal zu Sesshomaru herüber um sich davon zu überzeugen, ob er unverletzt war, erhielt aber einen bösen Blick von ihm.

„Erstens: Ich werde keine Juwelensplitter verteilen. Und zweitens: Wozu brauchst du die Juwelensplitter?", das kam ihrer Meinung nach zu schnell aus ihrem Munde. Ihre Aufregung war eindeutig, selbst wenn nicht, Sesshomaru würde ihre Gefühle genau riechen können.

„Ich habe meine eigenen Beweggründe, die ich niemandem zu erklären habe, Gut, dann nehme ich dich eben mit.", sagte er mit einem spitzbübischen Grinsen und ging einen Schritt auf sie zu.

„Nein, ich will nicht.", entgegnete sie ihm.

„Wie schon gesagt, das hast nicht du zu entscheiden, Miko.", sagte er nur und ging noch einen Schritt auf sie zu.

Kagome wusste in diesem Moment nicht, was machen ausser da zu stehen und den Fremden ungläubig an zu starren.

„Keinen Schritt weiter, oder ich schiesse!", drohte sie, nachdem sie sich wieder einfing.

‚Verfluchter Sesshomaru, warum hilft er nicht?', dachte sie wütend.

„Du bist Kanaan. Sohn des Herrn der Nördlichen Länder.", sagte Sesshomaru plötzlich.

„Huch?", fragte der Fremde und sah Sesshomaru mit weit aufgerissenen Augen an, „Wo kommt es, dass ein Flohfänger mich kennt?"

„Hüte deine Zunge. Es ist ein Kriegsakt, wenn du dich in den Ländern eines anderen Königs aufhältst.", sagte Sesshomaru und richtete sein Katana auf Kanaan.

„Aha! Ich verstehe. Du bist also Sesshomaru. Ich hatte dich mir stärker vorgestellt.", gestand der Schönling.

Kagome begutachtete die Nervensäge jetzt etwas genauer. Er war etwa so alt wie Sesshomaru, war sogar etwa gleich gross, vielleicht sogar grösser. Sein Haar war zu einem langen, schwarzen Pferdeschwanz nach hinten gebunden. Auch hatte er einen Pony, der sein Gesicht perfekt zur Geltung brachte. Gekleidet in einer edlen Rüstung, aus dunkelgrün und schwarz, betonte auch seine Augen, die wie Sesshomarus waren, aber einfach nur in einem stechenden grün. Nur seine Kleidung war weiss. War wahrscheinlich Mode unter den höheren Tieren der Youkai-Welt, dachte sich Kagome. Ihr Blick fiel danach auf das Schwert in seiner Hand. Es hatte den Griff eines grünen Drachens und selbst die Klinge hatte zum Teil grüne Schuppen.

„WAAAAAAAAAS FÄÄÄLLLLLLLTTTT DIIIIIRRRRRRR EIIIIIINNNNNNNN!", schrie Jaken und eilte zu seinem Herrn, „Sesshomaru-Sama ist der stärkste Youkai überhaupt!"

„Jaken.", sagte Sesshomaru und sah ihn dabei nicht einmal an.

Ein Grund für Jaken, sich ernsthafte Sorgen um sein Leben zu machen. Der Wicht dachte nicht länger nach und eilte mit Schrecken zurück in sein Versteck.

„Ich habe von dieser Stärke nichts gesehen.", gestand Kanaan, „Wie dem auch sei. An Krieg bin ich nicht interessiert. Ich will die Juwelensplitter sammeln und diesen teuflischen Naraku aus dem Weg räumen. Das, wozu der Herr des Westens seit mehr als zwei Jahren nicht imstande war, zu tun."

„Jetzt mach aber mal halb lang!", mischte sich Kagome jetzt ein, noch ehe Sesshomaru den Mund aufmachen konnte und ignorierte dabei seine immer mehr finster werdende Mine, „Ich bin nicht daran interessiert, was du für ein Problem mit Sesshomaru hast. Mich interessiert nur noch eines. Woher hast du diesen Juwelensplitter, den du gerade in deinem Ärmel versteckst?"

Eine Gute Frage. Sie hatte eine schreckliche Ahnung. Sie konnte nur hoffen, dass es nicht so war.

„Du weißt, dass ich einen Splitter habe? Dann bist du auch eine Shikon-Miko?", fragte Kanaan überrascht, „Ja, jetzt sehe ich es, du siehst aus wie die eine untote Miko, von der ich einen Juwelensplitter bekam."

„Was?", fragte sie perplex, „Wie?"

„Oh. Du kennst sie? Kikyou, hiess sie, wenn ich mich recht erinnere.", sagte er und dachte nach, „Ja. Sie gab mir einen und den zweiten versprach sie mir, wenn ich die restlichen Juwelensplitter zusammenbekomme."

„Hn.", sagte Sesshomaru mit einem leichten Grinsen im Gesicht. Diese Antwort des Prinzen gefiel Sesshomaru. Noch mehr Leid für seine neue Begleiterin und eine gewisse Strafe für ihre Frechheiten ihm gegenüber.

„Will sie dir etwa die Splitter geben?"

„Ja. Hör zu, Weib. Ich habe keine Zeit, um es mit dir zu verschwenden. Gib mir deine Splitter und du wirst nichts mehr von mir hören. Ausserdem jage ich Naraku. Noch mehr Entgegenkommen meinerseits könnt ihr nicht erwarten.", sagte er langsam genervt.

Was hatte Kikyou nur vor? Warum gab sie diesem Fremden einen Juwelensplitter? Glaubte sie etwa, dass Kanaan stärker war als Inuyasha und Sesshomaru zusammen? Wenn dem so war, dann müsste sich Sesshomaru jetzt in Acht nehmen. Ihr Blick glitt erneut auf sein Schwert, das auf den Boden gerichtet war. Es war mächtig, kein Zweifel. Aber konnte es auch mit Tetsusaiga aufnehmen? Und mit Bakusaiga? Sie wusste nicht weiter. Ein Gefühl von ahnungsloser Ohnmacht machte sich in ihr breit. Kikyou wusste, dass Kagome ihre Splitter nicht freiwillig ausrücken würde. War etwa sie das Ziel von dem Ganzen hier? Wollte Kikyou sie auf diese Weise umbringen lassen?

Anscheinend kam Sesshomaru auf denselben Gedanken wie sie und stand plötzlich deckend vor ihr. „Zieh dich zurück.", forderte er sie auf.

Kagome dachte nicht weiter nach und ging einpaar Schritte nach hinten.

„Ich werde niemanden hier töten, nicht solange ich es nicht muss. Aber da das Mädchen die Splitter aufspüren kann, werde ich sie und die Splitter mitnehmen.", sagte Kanaan mit einem Lächeln. Geradezu verzaubert schön, fand Kagome. Zu schön um überhaupt wahr, geschweige denn, echt zu sein. Falsches Etwas, sagte sie sich in Gedanken.

Der junge Herr des Westens hielt sein Katana an seiner Seite und wartete einen Moment lang. Er beobachtete sein Gegenüber, der nichts dergleichen tat. Ein Jüngling in seinen Augen, der höchst wahrscheinlich keine Ahnung von nichts hat. Keine Ahnung von nichts, aber eine grosse Klappe. Er beschloss, diese jämmerliche Figur aus der Welt zu schaffen.

Dämonische Geschwindigkeit war Sesshomarus Stärke. Er verschwand und tauchte blitzschnell bei seinem Gegner auf und griff ihn frontal mit Bakusaiga an. Elegant parierte dieser mit seinem eigenen Drachenschwert Sesshomarus Angriff. Einige Schwerthiebe waren zu vernehmen durch das Klirren von aufeinander prallenden Metallklingen.

Obwohl Kagome kaum noch etwas erkennen konnte, so konnte sie es wenigstens noch hören. Auch sah sie zwischendurch das eisige Gesicht ihres neuen Führers und die verzweifelte Mine seines Gegenübers. Das war für die junge Priesterin ein Zeichen dafür, dass Kanaan doch nicht so stark war wie er es selber annahm und Sesshomaru doch nicht so schwach war, wie er es zunächst dachte. Wieder war das Klirren von den beiden Katanas zu hören und der Prinz des Nordens flog im hohen Bogen nach hinten auf einen Baum zu. Er durchbarst ihn und steckte mit dem Kopf darin fest. „Hn.", sagte Sesshomaru vergnügt und ging auf ihn zu, „Jämmerlich."

„Warte! Du hast doch nicht vor, ihn um zu bringen?", eilte Kagome herbei und zog an seinem linken Ärmel.

„In welchem Ärmel ist der Splitter?", wieder eher eine Aufforderung auf eine Antwort, als eine gewöhnliche Frage, aber sie ignorierte diesen bissigen Unterton in seiner Stimme.

„Der Linke."

Sesshomaru schnitt dem wehrlosen Herausforderer, dessen Kopf nach wie vor im Baum feststeckte und wie wild mit den Beinen um sich schlug, den linken Ärmel ab. Mitsamt dem Juwelensplitter fiel der Ärmel auf den Boden und Kagome griff zu. Irgendwo in ihrem Inneren, war sie froh darüber, dass Kikyou jetzt einen Splitter weniger hatte. Nicht, dass sie in einem ständigen Wettkampf mit der Zombie-Frau war, sondern weil sie gefährlich war. Die junge Priesterin hatte nie den Tag vergessen, als Kikyou ihre grosse Menge Juwelensplitter gestohlen hatte und diese auch noch an Naraku übergab. Inuyasha war unvergleichlich wütend auf Kagome, weil sie die Splitter ‚verloren' hatte. Aber er war kein Stück verärgert darüber, dass seine ‚heilige Kikyou' einen Riesenteil der Splitter diesem fiesen Spinnenmann übergab und so dem Rest der Welt nur Probleme bereitet hatte.

Und jetzt, hatte die Untote denselben Fehler gemacht. Einen Splitter an einen Fremden anvertraut. Gut, Sesshomaru schien diesen Mann zu kennen, aber er mochte ihn nicht, aus ihr unbekannten Gründen. Wahrscheinlich war das so eine Hundesache, dachte sie sich, ihr Territorium zu markieren und keinen heran zu lassen. So, wohl auch für Sesshomaru, mit seinen westlichen Ländern. Wenigstens, so dachte Kagome, hatte Kanaan nichts am Hut mit Naraku, oder einfach nur das Verlangen, ihn um zu bringen. Damit war sie schon sehr zufrieden.

„Ich frage mich, was die Dämonen im Norden von Naraku abbekommen haben. Ja gut, Naraku war schon fast an jedem Plätzchen in Japan, aber hauptsächlich hier, in den westlichen Ländern.", stellte Kagome fest, während ihr Blick auf Kanaans Hals glitt.

Die Miko mochte es nicht, die momentane Situation mit niemandem ausdiskutieren zu können. Sesshomaru war ein jemand, aber dann doch ein niemand. Sie beobachtete ihn, wie er seine rechte Klaue zum Glühen brachte, und eine winzige Energiepeitsche erschien. Sie musste an Inuyasha denken, wie der arme Kerl damals am Grab, beziehungsweise im Inneren, seines Vaters ausgepeitscht wurde.

Dieses Mal war es anders. Es war kurz, und er holte nicht aus, um den Wehrlosen aus zu karbatschen. Stattdessen packte er die Hände von seinem Rivalen und fesselte diese mit seiner Energie-Peitsche.

„Ich hätte jetzt gedacht, du würdest ihn umbringen?", Kagome sah verdutzt dem Tun des Daiyoukais zu.

„Sesshomaru hat Verantwortung als König.", sprach er plötzlich in dritter Person von sich selbst.

Das hatte sie zwischendurch von ihm gehört. Es war nichts Neues in dieser Zeit, dass eine höhere Person in dritter Person von sich selbst redete. Dennoch musste sie sich ein Grinsen verkneifen, um ihn nicht zu ärgern.

Sesshomaru packte Kanaan an seinem Nacken und zog ihn heraus, der mittlerweile leicht blau angelaufen war und wie wild nach Luft schnappte. Auch versuchte er sich vergeblich von Sesshomarus Fesseln zu befreien. Dann, zu guter Letzt, sah er ihn verzweifelt an.

„Werden wir ihn jetzt verhören?", fragte Kagome.

Der junge Herr des Westens verstand das Wort ‚verhören' nicht, aber verstand als Ganzes, was das Mädchen damit meinte. Er gab ihr einen bestätigenden Blick als Antwort.

„Also, Kanaan. Du hast bestimmt von den Grausamkeiten Sesshomarus gehört, nicht wahr?", legte Kagome los.

Sesshomaru hob leicht die eine Augenbraue in die Höhe. JEDER wusste, dass er grausam war. Stark. Und absolut gnadenlos. Aber es gefiel ihm, dass das freche Weibsstück das auch gemerkt hatte. Aber diese Freude verging ihm, als er ihre bisherigen Aktionen und Taten berücksichtigte. Sie führte etwas im Schilde.

„Nun ja…", sagte Kanaan nur und sah sie perplex an.

„Weißt du,", sprach sie weiter und lief eine Runde um ihn, „er kennt sehr viele, wirklich viele schmerzhafte ‚Methoden' um an seine Informationen heran zu kommen. Fragen ist nicht seine Stärke. Handlungen aber schon sehr viel eher."

Der Prinz des Nordens starrte ihr in die Augen und sagte nichts. Kleine Schweissperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Der Inuyoukai beobachtete genau, was seine neue Begleiterin tat. Sie machte Kanaan nervös.

„Ich habe schon sehr oft erlebt, zu was er in der Lage ist. Und Bruder, glaube mir, niemand kann ihn aufhalten. Erst recht dann nicht, wenn er Informationen haben will.", sagte sie und musste daran denken, dass das sogar der Wahrheit entsprach, wie er immer wieder zu ihnen eilte und Inuyasha verprügelte für ein paar Aufschlüsse, „Und ich kann dir bestimmt nicht helfen, wenn er gerade seine neueste Foltermethode an dir ausprobiert."

Sie gestand sich, dass der letzte Satz etwas übertrieben war. Sesshomaru würde lediglich beim Verprügeln bleiben. Und nicht zu vergessen, in Stückchen hacken.

„Folter? Das…", sprach Kanaan nervös los, „ist ein Kriegsakt."

„Ich dachte, dein Eindringen hier, wäre ein Kriegsakt. Du bist ein Kriegsgefangener. Beantworte einfach einpaar Fragen und du kannst danach einfach gehen, oder?", letzteres war an Sesshomaru gerichtet, der einfach nur nickte.

Sesshomaru war beeindruckt. Sie machte den Youkai mit Gerede und Drohungen nervös. Auch hatte sie ihm genau zugehört, als er Kanaan vor wenigen Momenten sagte, dass das ein Kriegsakt war, in seine Gebiete vor zu dringen.

„Erste Frage: Hat Kikyou dir gesagt, was genau sie mit den Juwelensplittern vor hat?"

„Nein.", antwortete er und erhaschte einen bösen Blick des Westlichen Königs, der ihn damit zwang, weiter zu reden, „Nun, sie sagte, wenn ich die restlichen Splitter einsammle und sie ihr bringe, bekomme ich den zweiten Splitter."

„Ehm, du scheinst nicht besonders intelligent zu sein, oder?", fragte Kagome irritiert, „Warum bringst du ihr ganze 3 Juwelensplitter um im Gegenzug ein Stück zu bekommen?"

Kanaan dachte über ihre Worte nach. Er würde ihr drei Stücke zurückbringen, damit er einen Splitter bekommt. Es hat eine kleine Weile gedauert, bis er es wirklich verstand, aber Kagome war nur froh, dass er es überhaupt geschafft hat, darüber nach zu denken.

Er fühlte sich in diesem Moment hintergangen. Die untote Miko hatte ihn reingelegt. Sobald sie sich wieder begegnen würden, würde er sie zur Rede stellen. Aber jetzt musste er irgendwie von diesen verrückten Leuten hier wegkommen.

„Zweite Frage: Was hat Naraku dir angetan, dass du ihn jagst?"

„Persönlich.", schnappte er zu und drehte seinen Kopf arrogant auf die Seite. Falsche Antwort. Sesshomaru stapfte mit seinem rechten Fuss auf seinen Hinterkopf, so dass der junge Prinz den Boden vor sich küssen durfte.

„Ich habe dir doch gesagt, ich kann dir nicht helfen, wenn er Informationen haben will.", sagte Kagome mit einem verschmitzten Lächeln.

„Awwaawadwa", war alles, was Kagome verstand. Sie sah dann zu Sesshomaru hinauf, der sie ansah. Kagome hatte den Eindruck, als ob er es tatsächlich geniessen würde, Kanaans Gesicht auf den Boden zu drücken. In seinen Augen konnte sie ein kleines Flackern von Freude erkennen. ‚Was für ein Sadist.', dachte Kagome sprach aber laut: „Sesshomaru, ich verstehe ihn nicht."

„Es ist nicht wichtig, was er gesagt hat.", sagte Sesshomaru. Dieses kleine Licht in seinen Augen war wieder erloschen und seine eisige Porzellanmaske war wieder voll und ganz dieselbe. Nicht, dass sich das geändert hätte, aber seine Augen liessen auch sein Gesicht anders erscheinen, jedenfalls hatte Kagome den Eindruck.

Sie fragte sich dann automatisch, ob Sesshomaru einfach nur deswegen Inuyasha gequält hatte. Einfach so, aus purer Freude, ihn leiden zu sehen. Sie hatte nie wirklich darüber nachgedacht, warum Sesshomaru eigentlich Inuyasha hasste. Am Anfang dachte sie, dass es wegen Tetsusaiga war, der an seinen verhassten Halbbruder vererbt wurde. Doch mittlerweile konnte er keinen Groll gegen ihn hegen. Schliesslich hatte er jetzt ein viel mächtigeres Schwert: Bakusaiga.

„Was machen wir dann mit ihm?", fragte Kagome schliesslich. Ihr wurde es zu viel, ihn so lange an zu starren, der auch noch ihren Blick erwiderte. Ihre Augen schweiften danach auf die Gestalt auf dem Boden, der nach wie vor irgendwelche Töne von sich gab, die von der Erde geschluckt wurden. Sie spürte, wie ihre Wangen ganz warm wurden, was für sie nur ein Zeichen dafür war, dass sie gerade aussehen musste, wie eine Tomate.

„Er ist ein Kriegsgefangener!", schrie Jaken aus seinem Platz aus und eilte dann mit seinem Menschenkopfstab fuchtelnd auf sie zu, „Er wird ins Schloss gebracht und dann ins Gefängnis. Danach fangen die Verhandlungen an. Aber was verstehst du schon…"

„Verhandlungen?", fragte Kagome, „Das heisst, er wird nicht sterben?"

„Kommt darauf an, ob sein Vater für ihn zahlt. Wenn nicht, dann wird er sterben.", erklärte Jaken mit der grössten Selbstverständlichkeit.

„Oh.", sagte sie nur.

Sesshomaru nahm seinen Fuss wieder an sich und sah dem Prinzen zu, wie er versuchte, sich auf zu rappeln.

Rin kam mit Ah-Un angerannt und machte einen Freudentanz um die Gruppe in der Mitte.

„Steigt alle auf Ah-Un.", befahl Sesshomaru und sah zuerst zu Kagome, dann zu Kanaan, „Du kommst mit mir. Halte dich an meinem Schweif fest."

„Schweif?", das Mädchen blinzelte zu seinem weissen Fell auf seiner Schulter, „Ist das Ding etwa ein Teil deines Körpers?"

„Wir fliegen.", sagte er und drehte sich um.

Kagome sah nur noch, wie sich das weisse Fell auf seiner Schulter verlängerte und er selber langsam in die Höhe ging. Ein auffordernder Blick genügte, um Kagome aus ihrer Starre zu reissen und sich an seinem Fell fest zu halten.

Kanaan war ohne jegliche Anmerkungen auf Ah-Un gesprungen, während Rin und Jaken sich schon ihre Plätze gesichert hatten.

„INUYASHA!", schrie Sango Inuyasha an, der ihren Fisch vom Lagerfeuer gestohlen hatte, „Gib es mir zurück!"

Inuyasha grinste sie nur schelmisch an und steckte die Meeresfrucht als Ganzes in seinen Mund. Nach wenigen Momenten spuckte er die Gräten heraus und fragte Sango: „Willst du es immer noch?"

„Du bist ein toter Mann, Inuyasha!", sagte sie nur und griff nach Hiraikotsu.

Die Hetzjagd ging nun richtig los. Inuyasha sprang in die Höhe und wurde von Hiraikotsu getroffen, dem er nicht ausweichen konnte.

„Geschieht dir ganz recht, Inuyasha!", sagte Shippou mit kullernden Augen, „Das war für mein Fisch! Jetzt ist Sangos Fisch an der Reihe!"

„Ich vermisse Kagome. Ihr „SITZ" fehlt mir in Momenten wie diesen einfach zu sehr.", sagte Miroku, der beim betonen des Wortes ‚sitz' Inuyasha beobachtete, der nur zusammenzuckte.

Für ihn war es mittlerweile einfach nur noch Gewohnheit, den Boden zu knuddeln, wenn er es hörte. Er musste es selber zugeben, er vermisste Kagome. Nicht, dass sie Kikyou ersetzen konnte, aber es war doch ganz lustig mit ihr.

Apropos Kikyou, wo war sie eigentlich, dachte der Halbdämon und versuchte sich zu erinnern, wann er sie zuletzt gesehen hatte. Inuyasha sah sich um und suchte nach ihrer Fährte. Gefunden. Er ging mit schnellen Schritten in die Richtung, wo er Kikyous Geruch wittern konnte.

Auch vernahm er den Geruch der Seelensammler, welche nach wenigen Momenten in Sichtweite waren. Sie musste sich Seelen einverleiben, wieder einmal. Es tat ihm weh, zu wissen, dass seine Liebste keine eigene Seele hatte.

Er kam in eine Lichtung, inmitten des Waldes, der hell erleuchtet war durch die Massen an Seelen von verstorbenen jungen Mädchen. Einige schwirrten umher und versuchten, den Seelensammlern zu entkommen, aber es war sinnlos. Die widerspenstigen waren die ersten, die in Kikyous Körper hineingeworfen wurden.

Die untote Priesterin sass zwischen zwei Wurzeln eines Kirschbaumes an den Stamm gelehnt, deren sanfte Blüten leicht auf sie hinabregneten. Die Lichter der Seelen boten einen unheimlichen, wie auch verzaubernden Anblick seiner Liebsten. Kikyou hielt ihre Augen geschlossen, aber sie wusste, dass Inuyasha da war und sie anstarrte. Sie musste innerlich so breit grinsen, dass sie darüber beinahe laut gelacht hätte.

„Inuyasha", sagte sie nur, „ich brauche meine Seele."

„Ich weiss.", sagte Inuyasha mit sanfter Stimme und ging auf sie zu.

„Du weißt, dass Kagome nur eine schlechte Kopie von mir ist."

„Ja.", antwortete er wie in Trance.

„Lass uns meine Seele zurückholen. Dann können wir zusammen sein.", schlug Kikyou vor.

„Das wäre schön.", sagte er und realisierte erst im Nachhinein, was sie damit meinte, „Aber was wird dann aus Kagome?"

„Sie ist nur eine Kopie von mir. Sie wird in mir sein.", versprach die Priesterin und liess es zu, dass Inuyasha sie auf seinen Schoss setzte, „willst du mich denn nicht, Inuyahsa?"

„Doch… aber…", er zögerte.

Er wollte Kikyou haben, koste es, was es wolle. Er liebte sie, nur sie. Und Kagome auch, aber nur, weil sie eine Kopie von Kikyou war. Das war der Grund, warum er sie damals mit Kikyou verwechselt hatte. Sie hatte einen ähnlichen Geruch wie Kikyou, sah aus, wie Kikyou. Aber dann gab es da noch so viele Unterschiede zwischen den beiden. Kagome war lebendiger. Sie war fröhlicher, glücklicher, lustiger, zufriedener, gütiger. Und und und. Inuyasha konnte zwei Tage lang an einer Liste mit den Differenzen der beiden Priesterinnen aufschreiben. Und doch hatte Kikyou recht. Sie war ihre Kopie. Kikyou war auch glücklicher und fröhlicher, als sie noch lebte. Auch war sie gütig und lustig. Verstand sich ausgezeichnet mit Kindern, so wie Kagome auch mit Shippou. Gut, die Sache mit Pfeil und Bogen hat sich inzwischen bei Kagome gebessert. Aber Kikyou hatte schon immer ein natürliches Talent dafür.

„Ich sage dir nicht, dass du Kagome nicht lieben darfst. Denn wenn du sie liebst, heisst das nur, dass du mich liebst. Denn sie ist nichts weiter, als meine Kopie.", sagte Kikyou und legte ihren Kopf auf seine Schulter.

„Du hast recht. Jeder, der Kagome liebt, liebt automatisch auch dich.", sagte Inuyasha verletzt, „Das werde ich nicht zulassen."

Er umarmte sie nun ganz fest und drückte sie an sich. Mit der freien Hand hielt er sie an ihrem Kinn und hob ihr Antlitz etwas in die Höhe. Noch ehe sie etwas sagen konnte, versiegelte er ihre Lippen mit einem leidenschaftlichen Kuss.

Kikyou schloss ihre Augen und liess es einfach geschehen. Sie spürte, wie Inuyasha sie besitzergreifend küsste. Die Leidenschaft aber, die davon ausging, spürte sie nicht. Sie war letzten Endes tot. Keine Emotionen, keine Gefühle und ebenso wenig hatte Schmetterlinge im Bauch. Was sie genau spürte, war, dass Inuyasha mehr wollte.

Seine Hand glitt von ihrem Kinn zu ihrem Hals, wo er mit seinen langen, spitzen Nägeln ihre Haut kitzelte. Mit der Rückseite seiner Finger strich er dann sanft über ihre Schultern und Armen, dann ihre Talje und rastete an ihrer Hüfte, wo er sie festhielt. Mit dem anderen Arm drückte er sie noch fester an sich. Plötzlich hielt er mit dem Kuss inne und sah sie an. Sein Atem war schwerer geworden, sein Herz raste, aber er sah den gewünschten Effekt nicht bei seiner Liebsten. Kein schweres Atmen. Kein Liebkosen ihrerseits. Er konnte noch nicht einmal ihr Herz hören, geschweige denn ein rasendes Herz.

„Ich brauche meine Seele, Inuyasha. So spüre ich meinen Körper nicht.", sagte sie mit Scham und sah traurig auf seine Brust.

„Du wirst deine Seele wieder bekommen, Liebste.", versprach ihr Inuyasha.

Kagome war seine Freundin. Und Freunde würden alles tun, damit es ihren Freunden gut ging. So auch Kagome, dachte sich Inuyasha. Sie würde bestimmt alles tun, damit auch er glücklich werden konnte.

Verzeihend drückte er seine Priesterin an sich und liess seinen Kopf auf dem ihren ruhen.

Der Flug dauerte, nach Kagomes Meinung, eine Ewigkeit. Sie wusste nicht, wie sie es so lange aushielt, sich am Mokomoko von Sesshomaru fest zu halten. Aber sie konnte sich freuen. Es war wenigstens weich und sanft und schön und flauschig und und und. Sie drückte ihren Kopf in den Schweif und kitzelte ihr eigenes Gesicht mit dem feinen Fell und grinste breit. Schweif? Das war Sesshomarus Schwanz! Dieser Gedanke zwang sie, ihr Gesicht von dem Pelz zu entfernen und das Grinsen in ihrem Gesicht zu erblassen. Er hatte es bestimmt gespürt, was sie damit getan hatte. Sie sah dann zu ihm nach vorne, der weiterflog und so tat, als wäre nichts geschehen.

Sie spürte ein Brennen in ihren Wangen, was nur bedeutete, dass ihr Gesicht gerade eben die Farbe wechselte. Und das war gewiss nicht mehr die rote Farbe einer Tomate, sondern Auberginen violett.

Um ihre Gedanken ab zu lenken, sah sie hinter sich, zu Rin und Jaken, die auf Ah-Un mitflogen. Sie konnte auch das mürrische Gesicht von Kanaan sehen, der eindeutig mit der Situation nicht zufrieden war.

„Geht es dir gut, Nee-Chan?", rief Rin zu Kagome mit einem fröhlichen Lächeln, „Du brauchst keine Angst davor zu haben, dass du fallen könntest! Sesshomaru-Sama würde dich auffangen."

„Mir geht es gut, aber meine Arme machen nicht mehr lange mit.", rief sie zurück, mit der Hoffnung, dass Sesshomaru das kapierte und sie einwenig ausruhen liess und flüsterte im mürrischen Ton weiter, „Der würde mich bestimmt nicht retten, eher würde er mich abschütteln…"

Ihr fiel es gerade erst wieder ein, dass der Inuyoukai sehr gute Ohren hatte. Zu spät. Sie sah zu ihm nach vorne, der seinen Kopf zur Seite drehte und sie aus den Augenwinkeln fixierte. Nachdem er ihr seinen tödlichen Blick schenkte, drehte er seinen Kopf schnell wieder nach vorne und konzentrierte sich wieder auf den Flug. Er war sehr elegant, in allem, was er tat. So war auch seine prachtvolle, silberfarbene Mähne. Es tanzte so sanft und synchron im daherrauschenden Wind, dass Kagome das einfach nur noch als majestätisch bezeichnen konnte.

Majestätisch? Kagome schüttelte den schwachsinnigen Gedanken wieder ab und sah sich um. Wolken zur Rechten und Wolken zur Linken, und Sesshomaru vorne, Rin und Jaken hinten. Und unten war der Wald, der für sie einen fliessenden Eindruck hinterliess.

Sie spürte etwas. Eine Präsens, nein mehrere, nein sogar sehr viele.

Ihr Blick wurde wieder ganz ernst und sah zu Sesshomaru hin. Sie machte gerade den Mund auf, um etwas zu sagen, doch ihre Worte erstickten noch in ihrem Hals. Ihre Augen weiteten sich und ihre Kinnlade fiel herunter bei dem Anblick, der sich ihnen bot.

Ein traditionell gebauter, riesiger Palast auf einer riesigen Wolke.