Staffel 2, nach Noyo County (2.20)
Mit jeder Stunde, die Astrid Farnsworth damit verbrachte, das Haus der Bishops wieder in einen annehmbaren Zustand zu versetzen, wuchs ihr Respekt vor Peter Bishop.
In den vergangenen 2 Jahren hatte sie Dr. Walter Bishop hauptsächlich in seinem Labor erlebt. In einer Umgebung, die ihm seit Jahrzehnten vertraut war, in der er sich zu Hause fühlte und die er nach seinen persönlichen Bedürfnissen eingerichtet hatte. Seine selbstgeschaffene Ordnung war eigenwillig (so bestand er z.B. darauf, die Käfige mit den Versuchstieren alphabetisch geordnet zu arrangieren), aber er fand sich normalerweise gut zurecht. Gemessen an der Tatsache, dass er 17 Jahre seines Lebens in einer Nervenheilanstalt gelebt und jemand zudem einen Teil seines Gehirns entfernt hatte, machte er einen wesentlich weniger zerstreuten Eindruck, als man es unter diesen Umständen erwarten konnte.
Aus diesem Grunde hatte Astrid auch nach dem Verschwinden von Peter vor einigen Tagen keinen Verdacht geschöpft, dass Walter in seinem Haus eventuell Probleme haben könnte. Seinen wiederholten Versicherungen, gut zu Recht zu kommen, hatte sie arglos Glauben geschenkt. Erst der Anblick des Chaos im Bishop-Haushalt öffnete ihr schließlich die Augen.
Es wurde ihr plötzlich klar, dass der Wissenschaftler sich in der Vergangenheit vermutlich nie selber um das Waschen von Wäsche oder den alltäglichen Hausputz hatte kümmern müssen. Seine Frau erledigte diese Dinge, während sein Lebensmittelpunkt seine Forschungen im Labor gewesen waren.
Im Männerhaushalt der Bishops hatte offensichtlich Peter für alles gesorgt. Jetzt, da er fort war, fehlte Walter in den eigenen vier Wänden jegliche Orientierung.
Wie sehr sich der junge Bishop darum bemüht hatte, dem Älteren das Leben leichter zu machen, wurde jetzt in jeder Ecke des Hauses deutlich.
"Weiß für Walter."
Zahnbürste, Zahnputzbecher, Handtücher, Bademantel… alles war nach Farben aufgeteilt oder wenigstens farblich markiert und so für Walter eindeutig zuzuordnen. Die Fächer in den Schränken waren beschriftet.
Ein Schild klebte über dem Mülleimer:
"Montags und Mittwochs den Müll rausbringen."
An den übrigen Tagen hatte sich Peter scheinbar selber darum gekümmert. Da Walter aber in seiner Verzweiflung um den Weggang seines Sohnes vollkommen den Überblick über die Wochentage verloren hatte, nutzte ihm auch diese Faustregel nicht mehr viel.
Gelegentlich hatte sich Peter Bishop über die Marotten seines Vaters beschwert. Zum Beispiel, wenn Walter Nachts um 3 Uhr auf die Idee kam, ein neues Milchshakerezept auszuprobieren oder er früh morgens, Opernarien singend und nur mit Socken bekleidet, Frühsport vor dem offenen Fenster betrieb. Doch all die Kleinigkeiten, all die alltäglichen Schwierigkeiten die jetzt zu Tage traten, blieben unerwähnt.
In den letzten Nächten hatte Walter offensichtlich auf dem Boden geschlafen, weil sein Bett über und über mit Büchern und aufgeschlagenen Fotoalben bedeckt war. Er konnte sich nicht entscheiden, ob er die Bücher alphabetisch oder der Größe nach sortiert wieder ins das Regal räumen sollte. Also blieben die Bücher liegen.
In der ganzen Wohnung waren Wäschestücke verteilt. "Ich wusste nicht, mit welcher Farbe ich anfangen sollte. Peter hat mir immer einen Wäschekorb mit der richtigen Farbe gegeben..." Walters Stimme war leise, traurig und schuldbewusst.
Peter hatte ihn daran erinnert, die gelesenen Zeitungen in die dafür bereitgestellte Kiste zu legen. Er hatte sich um die Post gekümmert, die Rechnungen bezahlt und unsinnige Zeitschriften-Abonnements abbestellt, die Walter offensichtlich immer wieder an Land zog ("Es klang so interessant: Bauen Sie sich Ihr eigenes Schiffsmodell…"). Er hatte den wöchentlichen Hausputz erledigt und dafür gesorgt, dass der Kühlschrank stets gut gefüllt war.
"Der Staubsauger ist kaputt. Ich glaube, wir müssen einen neuen kaufen."
"Nein Walter, der Staubsauger ist einfach nicht dafür gemacht, Socken aufzusaugen. Das Rohr ist verstopft, aber das kriegen wir wieder hin."
In der Vergangenheit hatte Astrid das Haus immer aufgeräumt und sauber vorgefunden. Sei es, dass sie abends als Babysitter für Walter Dienst tat oder irgend einen dringend benötigten Gegenstand holte oder brachte. Sie hatte es als selbstverständlich angesehen. Aber das war es nicht. Nicht, wenn der Hausgenosse Dr. Walter Bishop hieß.
Peter war in seine Aufgabe hineingewachsen, hatte sich mit Walter und seinen Eigenheiten arrangiert. Nur um schließlich zu erfahren, dass er gar nicht in diese Welt gehörte; dass Walter nicht sein Vater war; dass er ihn entführt und seinen richtigen Eltern weggenommen hatte. Es brach Astrid fast das Herz, wenn sie daran dachte.
„Er hat mich ‚Dad' genannt. Einen Tag bevor… er wegging."
Walter hielt ein gerahmtes Foto in der Hand. Astrid hatte es vor einigen Monaten aufgenommen, als sie für ein Experiment eine Kamera griffbereit hatte: Peter und Walter gemeinsam im Labor, Peters Hand mit einer fast beschützend wirkenden Geste auf Walters Schulter, beide lächelnd, glücklich.
„Walter, er wird zurückkommen, ganz sicher!"
In Wahrheit zweifelte Astrid mittlerweile daran. Peter hatte in den letzten Wochen bemerkt, dass mit Walter irgendetwas nicht stimmte und ihn etwas bedrückte. Er hatte auch mit ihr darüber gesprochen, aber sie hatte damals keine Idee, was der Grund hätte sein können.
Peter versuchte unermüdlich, Walter aufzumuntern. Er reparierte den geliebten Plattenspieler noch spät in der Nacht, nachdem das Gerät plötzlich seinen Geist aufgegeben hatte. Er sorgte für einen ständigen Vorrat an RedVines und war einen halben Tag lang unterwegs, um irgendwo eine ganz spezielle Sorte ausländischer Pralinen für Walter aufzutreiben. Er steckte all seine Energie in den Versuch, ein guter und fürsorglicher Sohn zu sein.
Die Erkenntnis über die Wahrheit war vermutlich ein Fall ins Bodenlose gewesen. Astrid konnte sich kaum vorstellen, wie er sich gefühlt haben musste. Verraten. Verletzt. Missbraucht. Tief enttäuscht. Konnten die paar glücklichen Monate zuvor so einen Tiefschlag irgendwie wettmachen? Vermutlich kaum.
Es kostete Astrid einen ganzen Tag, das Haus wieder in einen ordnungsgemäßen, hygienischen Zustand zu versetzen. Walter half nach besten Kräften mit, brauchte aber immer wieder kleine Hinweise und Erinnerungen, was er als nächstes tun sollte. In der Küche kam er besser zurecht, da Peter ihm hier in Sachen „Ordnung" offensichtlich völlig freie Hand gelassen hatte und Walter zwischen kochen und experimentieren keinen großen Unterschied sah. In der Vergangenheit war er sogar Sous-Chef in der Versuchsküche eines Lebensmittelkonzerns gewesen – wie er Astrid stolz erzählte.
Als Walter schließlich - inspiriert von dem Spielzeugauto aus dem anderen Universum – auf die Idee kam, die Energiesignatur zu identifizieren und Peter mit deren Hilfe zu lokalisieren, ließ sich Astrid von seinem Enthusiasmus mitreißen.
Sie würden herausfinden wo Peter war und dann weitersehen. Möglicherweise war das Band zwischen den beiden Bishops doch stark genug.
