Hidan war wirklich ein merkwürdiger Kerl. Ich wurde aus ihm nicht schlau. Im einen Moment war er höflich und im Nächsten begann er loszufluchen. Auch seine Stimmung schwankte von nett zu schlichtweg fies. Er verwirrte und faszinierte mich und ich kannte ihn erst seit einer Dreiviertelstunde! Hidan packte wieder meinen Koffer und führte mich in den dritten Stock. Im Treppenhaus kam uns auf halber Strecke etwas entgegen. Ein kleiner weißer Schmetterling der aussah als wäre er aus Papier gefaltet. Er umkreiste Hidan und flatterte dann zu mir. Zögernd streckte ich meine Hand nach dem zierlichen Wesen aus. Ohne zu zögern ließ sich der Schmetterling auf meinem Zeigefinger nieder und ich studierte ihn. Was ich entdeckte ließ mich vor Staunen stehen bleiben. Der Schmetterling sah nicht nur so aus als währe er aus Papier, ER WAR ES AUCH! Ich schaute das kleine Papierwesen fassungslos an als es sich wieder erhob und den Weg den es gekommen war wieder zurück flog. Oben am Treppenabsatz setzte es sich auf das Geländer und wartete. Hidan ignorierte ihn völlig und ging einfach weiter. Schnell rannte ich die Treppe hinauf und fragte ihn leise: „Was ist das?" „Einer von Konans Papierschmetterlingen." Ich fragte nicht wer Konan war denn Hidan schien schon wieder angepisst zu sein. Wortlos führte er mich also den Korridor entlang und stieß schließlich eine Tür auf ohne sich die Mühe zu machen anzuklopfen. „Jo Konan, ich bring dir deine neue Mitbewohnerin!" rief er als währe es das normalste der Welt einfach in ein Zimmer hinein zu walzen. Als ich den Namen Konan hörte schaute ich wieder zu dem kleinen Schmetterling der nun an Hidan vorbei ins Zimmer flatterte. „Kommt einfach rein und macht die Tür zu" sagte eine weibliche Stimme. Diese Stimme war weich und fließend wie Wasser doch ein Befehl lag darin. Ich betrat den Raum und fühlte mich sofort heimisch. Dieses Zimmer sah aus als könnte man sich an Regentagen einfach hier verkriechen und es sich gemütlich machen. Ein blauhaariges Mädchen in meinem Alter stand auf der anderen Seite des Raumes und streifte gerade ein T-Shirt über ein dunkelblaues Tanktop. Sie betrachtete sich kurz in dem Spiegel der am Schrank hing und drehte sich dann zu uns. Sie war sehr hübsch und strahlte eine Art mütterliche Autorität aus die mir irgendwie sofort ein Gefühl von Geborgenheit gab. Auch Hidan entspannte sich spürbar. Ihre weichen Gesichtszüge betonten ihre warmen bernsteinfarbenen Augen und schon durch einen Blick wusste ich das hinter der Wärme auch eine starke selbstbewusste Seele steckte, die den Mut hatte für ihre Überzeugung und die die sie liebte zu kämpfen. Sie war führsorglich und zugleich selbstlos. Sie kämpfte nicht für sich sondern für andere. Das alles erfuhr ich durch einen Blick in ihre Augen. Ein paar Momente waren wir alle drei still, nur die Uhr an der Wand tickte leise. Dann grinste Hidan und boxte mir leicht auf den Arm, Konan lächelte und ich wurde – nun von Konan - zum zweiten Mal an diesem Tag herzlich umarmt. Und mir wurde eines klar: Ich war nach Hause gekommen. Diese Leute waren wie ich. Ausgestoßene der Gesellschaft. Freaks. Mutanten. Und ich wusste dass ich nie wieder meiner Gabe wegen leiden musste. Sie würden mich akzeptieren.

Nachdem ich alle meine Sachen im Schrank, und den Koffer unter dem Bett, verstaut hatte zeigte Hidan mir die Schule. Unser Rundgang begann in der großen Eingangshalle in der wir plötzlich landeten. Ich hatte ehrlich gesagt nicht den geringsten Plan wie wir wieder hierher gekommen waren. Ja ich weiß, ich bin nicht für meinen Orientierungssinn berühmt aber: Hey, ich kannte in meinem alten Haus den Weg zum Klo. Das ist doch auch was. Jedenfalls begann Hidan – während er rückwärts vor mir herlief – mit ganz eindeutig einstudierter Referatsstimme alle nennenswerten Infos runter zu rattern: „Die CFTP wurde im Jahre 1995 von der jetzigen Rektorin Tsunade Kyu gegründet. Sie war die erste nach einer großen Anzahl von Begabten die nicht in staatliche Untersuchungslabors gesteckt wurde, also beschloss sie ein Internat zu gründen um auch zukünftige Generationen vor dem Hass und der Angst der Außenstehenden zu schützen. Jedes Jahr entdecken neue Mutanten ihre Gaben und leben entweder im Geheimen weiter oder stellen sich der Polizei. Es gibt übrigens seit knapp drei Jahren Begabte in allen Geheimdiensten der Welt. In der Regel können viele Begabte nach vollständiger Erfassung ihres Talentes einfach normal weiterleben. Das sind die Normalfälle. Es gibt Begabte die ihre Fähigkeiten nicht unter Kontrolle halten können, deren Körper dadurch äußerlich verändert wurde, deren Eltern sie loswerden wollten oder die einfach zu negativ aufgefallen sind. Diese Begabten sind wir." Während er sprach führte er mich durch den riesigen Park, der sich um die Schule ausbreitete, direkt zu einer riesigen Eiche die aussah als währe sie mindestens 200 Jahre alt. Ihre Mächtigen Äste schienen nach dem bedeckten Himmel zu greifen und ihre Millionen Blätter raschelten leise in einer leichten Brise. Mit einem Klimmzug hievte sich Hidan auf den untersten Ast und hielt mir die Hand hin. Ein kräftiger Ruck (der mir fast den Arm abriss) seinerseits und ich saß neben ihm. Verdutzt starrte ich auf den gut 1,50m entfernten Boden. Hatte er mich gerade wirklich einfach so hochgezogen? Irgendwas in meinem Gesichtsausdruck schien meine Gedanken zu verraten denn Hidan lachte laut auf und brachte beim Lachen mühsam heraus: „Was glaubst du was 100 Klimmzüge am Tag anderes bewirken?" Jetzt war ich zugegebenermaßen beeindruckt. Ich schaffte ja nicht mal EINEN! Als wir höher kletterten redete Hidan weiter, diesmal frei heraus. „Es gibt mehrere Arten von Mutationen. Unsere beiden Fähigkeiten zum Beispiel. Deine ist erstens Geistig, sie bewirkt also keine Veränderung an deinem Körper – oder Veränderung im Allgemeinen -, und zweitens bezieht sie sich nur auf andere. Meine beschissene Gabe ist dagegen ist rein körperlich und bezieht sich nur auf mich. Verstehst du was ich meine?" Ich war mir zwar nicht ganz sicher, nickte aber trotzdem. „‚Immortal's Garb' verändert meinen Körper und hat dazu noch einige verkackte Nebeneffekte. Zum Beispiel diese komplett bescheuerten Wutanfälle. Dann die Kopfschmerzen und die verdammte Schlaflosigkeit. Dann diese verfickten Fangzähne!" Er fletschte sie, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen. „Und zu guterletzt die absolut beschissene, total überflüssige Skelletform die mir dann auch noch zeitweilige Unsterblichkeit aufdrückt! Es ist ja nicht so das ich NICHT irgendwo masochistisch wäre aber es ist vollkommen Scheiße wenn dich jemand mit Kugeln siebt und du WEITERLEBST! MIT DREI KUGELN IM KÖRPER!" Sein Gesicht war einfach zum schreien. Das Lachen fing als leichtes Zucken im Brustkorb an wurde dann zu einem Beben und entkam meinem Mund dann in voller Lautstärke. Hätte ich mich nicht festgehalten wäre ich von Baum gefallen. Ehrlich. Als ich mich wieder beruhigt hatte, hatte sich Hidan auf einem Ast ausgestreckt und rauchte. „Fertig?" Ich nickte. „Bist du wirklich schon mal angeschossen worden?" „South Central ist das dreckigste, kriminellste und verkommenste Ghetto in LA. Entweder gehörst du da zu einer Gang oder du kannst gleich dein Testament schreiben. Nicht das da irgendwer was zu vererben hätte. Ich war schon immer ein Einzelgänger und in dem Ghetto in dem ich aufgewachsen bin ist ‚Allein' gleichbedeutend mit ‚tot'." Betreten wandte ich den Blick ab um nicht die Schmerzen der Erinnerung in seinen Augen zu sehen. In solchen Momenten wurde der Segen meiner Gabe zu einem Fluch. Leise murmelte ich: „Das beantwortet meine Frage nicht." Ohne Vorwarnung stand Hidan neben mir auf dem Ast. „Du hast ja keine Ahnung", zischte er. „Du hast ja keine Ahnung was ich durchmachen musste! Du kannst dir gar nicht vorstellen wie es ist jeden Tag ums Überleben zu kämpfen und dabei auf deine Geschwister aufzupassen! Du hast nicht den leisesten Schimmer!" Fast panisch wurde er immer lauter bis er mich anbrüllte. Hilflos musste ich in seinen Augen sehen wie viel Angst Hidan selbst vor dieser Erinnerung hatte. Etwas war passiert was er vergessen wollte. Etwas was er nicht vergessen konnte. Um ihn zu verstehen musste ich wissen wovor er Angst hatte. Ich musste es wissen um zu wissen was ich nicht erwähnen durfte. „Sag mir was damals passiert ist. Ich möchte dich verstehen." Eine Weile hielt er seine Augen geschlossen. Als er sie wieder öffnete lag Misstrauen und Ablehnung darin. „Nein" sagte er so endgültig als täte er einen Schwur. „Mein Leben geht dich nichts an. Halt dich also da raus." Mit diesen Worten drehte er sich um und hangelte sich durchs Geäst zum Boden. Noch Minuten nachdem er verschwunden war blieb ich regungslos stehen. Ich kannte ihn erst ein paar Stunden und schon hatte ich ihn vergrault. Toll gemacht Lilith, wirklich toll gemacht. Und meine Frage war immer noch nicht beantwortet...