Geknickt schlich ich zurück zur Schule. Ich hatte das Gefühl das ich bei Hidan jetzt richtig unten durch war. Warum muss ich auch solche Fragen stellen? Das war meine Schuld. Idiotin.
Ich war mir nicht ganz sicher wie ich es anstellte aber ich fand den Weg zurück zu meinem Zimmer. Konan war nirgendwo zu sehen also ließ ich mich einfach aufs Bett fallen und schloss die Augen. Wie erwartet kam der Schlaf nicht. Ich lag noch eine Weile still. Es half nicht also stand ich seufzend auf und begann meine CDs einzusortieren. Nach Musikrichtung, Band und Erscheinungsdatum der CD. Es dauerte eine Stunde bis ich mit der Sortierung fertig und zufrieden war. Seufzend stand ich auf und streckte mich. Ich musste mich dem Unvermeidlichen stellen.
Ich musste mich entschuldigen.
Ich brauchte zwei Anläufe um zu klopfen. Ich bekam keine Antwort. Laute Musik dröhnte durch die Tür. Wahrscheinlich wurde ich gar nicht gehört.
[i]" It's been a long time coming
And the tables turned around
Cause one of us is going,
One of us is going down"[/i]
Ich versuchte es erneut. Keine Antwort. Einen Entschluss fassend ergriff ich die Türklinke – sie vibrierte durch den Bass leicht – und trat ein. Das erste was mir auffiel war die Hängematte, die an der Wand und einem Metallpfeiler, der fest in Boden und Decke verschraubt war, hing. Das zweite was mir auffiel war Hidan der auf einer Couch saß und auf einer Konsole irgendeinen Ego-Shooter spielte. Die Musikanlage in der Ecke dröhnte mir immer noch ‚You're going down' von ‚Sick Puppies'. Ein Leguan blinzelte mich von einem Ast in seinem Terrarium aus träge an. Hidan hatte mich entweder nicht bemerkt oder ignorierte mich. Ich dachte mir dass es wohl das erste wäre und ging auf die Musikanlage zu. Gerade als ich die Hand nach dem Lautstärke-Regler ausstreckte knurrte Hidan: „Wag es nicht die Musik leiser zu machen!" Erschrocken fuhr ich herum. Hidan hatte weder den Kopf gedreht, noch hörten seine Daumen damit auf den armen Controller zu quälen. „Woher...?" entfuhr es mir. „Ich habe dich gerochen. Was willst du?" Sein Ton sagte mir das ihm antworten sollte wenn ich nicht rausgeworfen werden wollte. Ich tief ein. „Ich wollte mich entschuldigen." Hidan reagierte nicht sondern rammte im Spiel irgendeinem Gegner sein Messer in den Nacken. In großen blauen Buchstaben blinkte am unteren Bildschirmrand ‚Mission Complete' auf. Mit einem seufzen ging Hidan erst ins Menü, beendete dann das Spiel und lehnte sich dann zurück. „Setz dich." befahl er und ich ließ mich zögerlich neben ihm auf die Couch sinken. Lange Zeit schwiegen wir beide. Dann drehte Hidan sich zu mir. Seinen Ellenbogen stützte er auf die Rückenlehne. Ein leicht gequältes Lächeln huschte über sein Gesicht. Mit einem zweiten Seufzen murmelte er: „Sorry das ich vorhin so ausgerastet bin..." „Sorry dass ich gefragt habe." Erwiderte ich. „Du willst wissen was damals passiert ist, oder?" „Ja" Zögernd steckte er mir seine Hand hin. Sie zitterte. „Ich kann nicht darüber reden, also musst du es dir ansehen" Ich war geschockt. Vorhin dachte ich noch er würde nie wieder mit mir reden und nun bot er mir an seine Erinnerung zu lesen? Ich suchte in seinen Augen nach List oder Ähnlichem aber ich sah nur Angst und das Verlangen es hinter sich zu bringen. Er wollte dass ich es mir seine Vergangenheit ansah damit er es danach für immer begraben konnte. Ich zog den dünnen Handschuh an meiner rechten Hand aus und legte meine Hand in seine.
Alles begann sich zu drehen und ich wurde in einen schwarzen Abgrund gesogen. Dort hing ich, ohne Orientierung, allein in der endlosen Dunkelheit. Das war neu. Bei dem einen Mal das ich meine Gabe benutzt hatte war ich sofort in die Erinnerungen eingetaucht. War etwas schief gelaufen? Dann sah ich ein schwaches Leuchten vor mir. Ganz nah und gleichzeitig weit entfernt. Ich bewegte mich darauf zu und plötzlich stehe ich in einer schmalen Gasse und schaue auf eine belebte Straße hinaus. Es ist drückend heiß und die Häuser um mich herum sind heruntergekommen. In meiner Hosentasche halte ich ein Taschenmesser fest umklammert und neben mir steht ein blondes Mädchen. Sie ist kleiner und jünger als ich, und trotzdem hat ihr Blick nichts Unschuldiges oder kindliches an sich. Jetzt weiß ich wo ich bin. Das muss LA sein und ich sehe mit Hidan Augen. Ein Man geht die Straße entlang und lehnt sich auf der anderen Straßenseite - der Gasse gegenüber - gegen eine mit Graffiti beschmierte Hauswand. Nichts unterscheidet ihn von den anderen Menschen die hin und her wuseln. Nur eine Minute verweilt er dort drüben dann geht er weiter und verschwindet in einem Hauseingang. Hidan und das Mädchen setzen sich in Bewegung. Sie schlängeln sich zwischen den Menschen hindurch und das Mädchen lässt nebenbei eine Brieftasche mitgehen ohne dass ihr Besitzer etwas merkt. Aber das ist nicht wichtig, wichtig ist nur der Mann. Kurz vor dem Hauseingang in dem er verschwunden war wurden beide langsamer, sahen sich unauffällig um und betraten dann selbigen. Der Mann steht hinter der Treppe und Hidan geht zu ihm während das Mädchen schmiere steht. „Da bist du ja. Hier", flüsterte der Fremde und händigt ihm ein, in braunes Papier eingeschlagenes, Päckchen aus „Du weißt was zu tun ist." Hidan nickt und verschwindet durch den Hinterausgang. Das Mädchen folgt ihm. Sie verlassen das Viertel, kommen in etwas bessere Gegenden und betreten schließlich den Rosevelt-Park. Unter einem Baum bleiben sie stehen. Ein Mann – genauso unauffällig wie der letzte kommt dicht an ihnen vorbei und steckt Hidan Schwester im vorbeigehen ein Bündel Geldscheine zu worauf ihm Hidan das Päckchen in die Tasche seiner Pilotenjacke steckt. Beide gehen in unterschiedliche Richtungen davon. Keiner der andren Passanten bemerkte das gerade Drogen und Geld den Besitzer gewechselt hatten.
Die Szene wechselte abrupt.
Ein großer Muskelbepackter Mann – Hidans Vater - hielt Hidans Schwester gepackt und ohrfeigte sie heftig. In Hidan kochte heiße Wut und drohte ihn zu verschlingen. Er atmete schwer als er dem Impuls seinen Vater zu zerfetzen unterdrückte. Seine Muskeln zitterten vor aufgestauter Kraft. Dann plötzlich passierte es: Ein Funke, ein Klicken irgendwo tief in seinem Geist und ein prickeln läuft über seine Haut. Sie wechselt die Farbe, wird schwarz mit knochenartigen Streifen, doch er sieht es nicht. Alles was er sieht ist rot. Am Rande seines Bewusstseins merkt er das seine Eckzähne sich verlängern. Mordgier erfüllt ihn. Er macht einen Satz, stürzt sich auf seinen Vater. Seine Mutter schreit als Hidan ihm das Genick bricht. Der große Mann fällt zu Boden – sofort tot, doch Hidan hat noch nicht genug. Als nächstes ist seine Mutter dran, sie versucht sich mit einem Küchenmesser zu wehren. Es bohrt sich tief in seinen Unterarm den er vors Gesicht hebt um den Hieb abzufangen. Er stößt ein verärgertes Knurren aus und schlägt mit zu Klauen gekrümmten Fingern nach ihr. Er hinterlässt drei blutende Kratzer. Der Geruch des Blutes macht ihn komplett wahnsinnig. Wie besessen packt er sie und beißt in ihre Schulter. Blut füllt seinen Mund und läuft ihm das Kinn hinunter. Alles andere verschwimmt als er in einen Blutrausch fällt. Wieder wechselt die Szene.
Hidan liegt auf einem Labortisch. Er ist festgeschnallt. Er hat höllische Kopfschmerzen und das Licht das in seine Augen scheint macht es nicht besser. Sein Sichtfeld ist leicht verschwommen und er weiß nicht wie er hierher gekommen ist. „Hallo Hidan, endlich bist du wach." Ein Gesicht taucht über ihm auf. Eine blonde Frau mit braunen Augen. Ihr Gesichtsausdruck ist freundlich. „Wo bin ich?" Es tut weh zu sprechen und entsprechend hört er sich auch an. „Du bist im CFTP dem ‚College For Talented People' in der Schweiz." College? Schweiz? „Wie...?" „Du kannst dich nicht erinnern, nicht wahr?" Er schüttelte den Kopf. „Nun, Die Polizei hat dich eingefangen nachdem du fast einen ganzen Häuserblock ausgerottet hast. Du warst komplett rasend. Wahnsinnigen Dämon haben dich die Polizisten getauft. Es brauchte drei Schüsse und einen Betäubungspfeil um dich unschädlich zu machen. Ich war so frei die Kugeln wieder zu entfernen, diese Widerlinge haben sie einfach drinnen gelassen. Du warst vier Tage bewusstlos. In dieser Zeit sind deine Wunden schon alle geheilt und du hast keine Narben zurückbehalten." Das Alles machte für Hidan keinen Sinn, doch er wusste das ihn diese Frau so richtig aus der Scheiße gezogen hatte und das er in dieser abgefahrenen Schule war von der die Medien andauern redeten. Hieß das also dass er ein Begabter war? Hatte er eine Gabe? Das spielte keine Rolle. Er hatte Menschen auf dem Gewissen. Er hatte getötet
Der Strom der Erinnerungen brach ab. Ich hing wieder in der Dunkelheit. „Genug" dröhnte Hidans Stimme und ich wurde zurück in meinen Körper verfrachtet. Ich öffnete meine Augen. Hidan hatte sich komplett verkrampft und atmete schwer. Sobald ich seine Hand losließ fuhr sie zu seinem Kopf und rieb sich die Schläfe. Doch jetzt sah ich Hidan anders. Er hatte mein Mitleid. Keine Kontrolle mehr zu haben war ein grässliches Gefühl, das wusste ich, aber die Qual die es bedeutete mit dem Wissen zu leben das man für den Tod anderer Verantwortlich war, ja sogar selbst getötet hatte lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Vor Erschöpfung zitternd lehnte ich mich vor und schlang meine Arme um Hidan. Er erstarrte. Ich umfasste ihn enger und legte meine Stirn gegen seine Schulter. „Es tut mir so leid", flüsterte ich. „Du hast keine Angst?" Ich schüttelte den Kopf. Hidans ganzer Körper entspannte sich und zögerlich legte er auch seine Arme um mich. Er war es nicht gewohnt auf diese Weise umarmt zu werden.
